Ich war sechzehn und wollte unbedingt ein diagnostiziertes psychisches Problem haben. Ein Opfer sein, das von der Gesellschaft verrückt gemacht wurde. Ich bildete mir ein, an Migräne zu leiden, und seelisch ein „Hesse-indizierter-Steppenwolf“ zu sein. Ich hielt mich für dumm, weil ich mich fragte, ob ich intelligent war. Ich identifizierte mich sogleich mit jedem Protagonisten eines jeden Buchs, das ich las. Wenn er nur genug an der Welt litt.
Mit mir stimmte einfach nichts, und niemand interessierte es. Ich nahm eine Menge LSD und rauchte alle Tage Haschisch. Mehrmals am Tag. Ich nahm auch andere Drogen. Schmerzmittel, Chloroform, TCE, Opium, Muskatnuss, Psyloszibin, Fliegenpilz und Morning Glory und was weiß ich noch alles.
Es musste einfach etwas geben, um aus dieser Wirklichkeit zu entkommen, einer Wirklichkeit ,die bei mir aus einem Leben in einem Labor bestand.
Ein Arzt gab mir einen Plastiksack voll Valium. Zwei Tage später spülte ich alle zusammen mit einem Glas Wermut in meinen Magen, schrieb einen Abschiedsbrief, und erwachte am nächsten Morgen erfrischt und wie neu.
Mein Arzt war Jude, und er hatte geahnt was ich vielleicht mit den Pillen tun könnte, und hatte mir netterweise Placebos überreicht.
Dann ließ ich mir einen Psychiater verschreiben, ging voller Erwartung hin, saß auf dem Stuhl vor seinem erhöhten Schreibtisch und wartete darauf, dass die „Sache“begann.
Der Mann schrieb mit der Hand in eine Kladde, und richtete das Wort nur ein einziges Mal an mich, um mir mitzuteilen, dass die Stunde um war, und wann ich wiederkommen sollte.
Das nächste Mal war es genauso. Ich saß eine Stunde auf einem Stuhl und sah einem Psychologen oder Psychiater dabei zu, wie er schrieb. Dieses Schreiben war durchaus bemerkenswert: Er schrieb und schrieb und schrieb, ohne ein einziges Mal aufzusehen, sich am Kopf zu kratzen, oder überhaupt etwas anderes zu tun als den Stift übers Papier gleiten zu lassen.
Ein drittes Mal ging ich nicht mehr hin.
Irgendwie hatte ich die Botschaft vernommen.
Er hatte mir in dieser Stunde, in der ich darauf wartete, dass er sich um meinen Psychomüll kümmerte, ihn mit Fragen herauskitzelte, die Zeit und Ruhe verschafft, zu checken, dass ich ihn gar nicht brauchte.
Das zu bemerken, ließ bei mir den Gedanken keimen, dass ich vielleicht doch nicht so dumm war, wie ich glaubte, und vielleicht doch nicht so ein Opfer war, wie ich annahm.
Das war es, was mir einfiel, nachdem ich ein Interview mit einem Psycholgen gelesen hatte, der die heutige Situation, und die Bedürfnisse von jungen Leuten beschrieb, die nun in die Praxen der Psycholgen strömten. Die meisten davon verlangten nach einen diagnostizierten Opferstatus, der alle anderen zur Nachsicht zwang.
Wie sagte schon der Prediger: „Alles ist eitel. Nichts Neues unter der Sonne.»




