Wer die Nachrichten des ORF (österreichischer TV-Sender) andreht, kann mit großer Wahrscheinlichkeit als erstes das Wort „Israel“ vernehmen, ziemlich egal, was sonst noch an Welt-Nachrichten zu vermelden wären. „Israel“ ist das Lieblingswort in den ORF-Nachrichten.
Und während alle Medien, die Tötung des Hamas-Führers Haniyyeh, jenes Drecksacks der das grausame Massaker der Hamas an israelischen Kindern, Frauen, Alten und Teenagern bejubelte, als „Tötung“ bezeichneten, titelte der ORF „die Ermordung des Hamas-Führers“.
Und der österreichische Sportreporter, der den Einzug der Olympioniken in Paris kommentierte, meinte, als die palästinensische Truppe vorbeischipperte, dass jetzt bestimmt großer Applaus aufbranden werde, für die Teilnehmer eines Landes, das vor seiner Auslöschung sich befinde.
Ebenso selbstverständlich werden Anschlläge, Raktenangriffe der Hamas auf Israel unterschlagen.
Einen brutalen Killer zu töten, ist keine Ermordung, sondern Notwehr.
Alles Engel
Vor zwei Tagen las ich die Nachrufe von Journalisten auf einen ihrer eben verstorbenen Kollegen. Es waren viele, die ihre Erinnerungen an den Verstorbenen in rührende Texte fließen ließen. Was allen gemein war, war, dass der Mann ein makellos guter Mensch war, ein Weiser und Humanist, einer der nie in einen Streit verwickelt war, ein herkulischer Zuhörer, ein freundlicher und aufopfernder Mentor für Anfängerinnen, ein vorbildlicher Vater, kurz: ein engelgleiches Wesen, jeder Begierde abhold, jeder Schmähung eines anderen unfähig, es gab keinen Menschen auf der Welt, der ihn nicht zum Vorbild ernennen sollte.
Ich verstehe. Man trauert um einen jäh aus dem Leben gerissenen.
Aber so ergeht es auch anderen, die nicht so plötzlich dahinscheiden. Sie werden in den Nachrufen zu Engeln. Kein Falsch ist an ihnen, sie sind gerecht und so gut, dass man sich ob seiner selbst zu schämen beginnt.
Vor einigen Tagen hielt ich die Grabrede für meine Mutter, die mit fast 93 Jahren aus ihrem Schlaf nicht mehr erwacht ist. Ich erinnerte mich an sie, versuchte ihrer Biografie nachzuspüren, zu ergründen was sie ausmachte, was ihre Träume waren, ihre Verletzungen, ihr Glück, ihr Wollen. Und das alles in ein paar wenige Minuten zusammenzufassen.
Es schien mir, wie die Reaktionen darauf waren, nicht allzu schlecht gelungen zu sein.
Ich erwähnte aber auch ihre dunkleren Seiten. Es schien mir einfach nicht redlich, diese zu unterschlagen. Denn – das ist meine Erfahrung mit meiner Spezies – wir alle haben dunkle Seiten. Das ist ein Fact. Wir sind keine Engel.
Wenn jemand über mich sagen würde, dass ich ein Riesenarschloch sei, ist dies nicht falsch, aber es nicht annähernd eine vollständige und relevante Diagnose.
Und so wie wir keine Engel erster Ordnung sind, so sind wir auch keine reinen Mistkerle.
Ich finde, dies sollte man, um der Wahrheit willen, und um den reinen Kitsch zu verhindern, berücksichtigen.
Die meisten Menschen,
ich gebe es zu, sind mir zu dumm. Das liegt mitunter daran, dass ich nie einen sehe, der auch nur mal drei Minuten nichts tun kann, einfach sitzen oder stehen, und sonst nix. Was schließe ich daraus? Ihr Geist ist so unterentwickelt und /oder gar nicht vorhanden, dass sie in Verzweiflung stürzen, wenn sie nicht quasseln, tiktoken oder souschelmidianen können. Oder sich beim Sex filmen, beim Quälen von Schwächeren, Selfies vor dem Wasserfall in Lauterbrunnen posten dürfen, Musik hören oder dummes Zeug lesen, das sie dann als ihre Meinung ausgeben, und wenn ich sie kennenlernen würde, würden sie mir diesen Shit andrehen wollen.
Wahrer Geist zeigt sich am Bestechendsten in der Fähigkeit, absichtsvoll nichts zu tun. Goa nix.
Die meisten Menschen sind mir zu dumm, und ich sehe sie am Liebsten, wenn sie sich von mir schnell entfernen. Dann mag ich sie auch gerade ein klein wenig. Oder wenn sie wenigstens keinen Lärm machen. Kommt selten vor, aber es soll schon vorgekommen sein.
Zum Beispiel heute im Zug von München nach Salzburg. Vier Menschen im Abteil. Eine Frau liest in einem Buch (aus richtigem Papier) ein Girl sieht sich still einen Film an, ein Mann (ich) tut gar nix, und ein anderer macht wenigstens keinen Lärm.
Das nenne ich eine perfekte Zugfahrt. Möge es immer so sein.
Sonst ist es für mich eher so, wie für den Schriftsteller Ludwig Hohl:
«Die anderen trinken, damit sie Fest haben, und ich, um ihr Fest zu überstehen.»
Das Sprüchemuseum (165)
»Ich verstehe die Leute nicht, die zu einem Radrennen gehen, um mit Kartoffelchips zu werfen.«
Jonas Vingegaard (Anwärter auf den „Tour“-Sieg 2024) Nachdem ein „Fan“ den Fahrern Chips ins die Gesichter geworfen hat.
Wir sagen: Wir verstehen nicht, was Vingegaard nicht versteht. Hat er sich schon mal die Leute, die sogenannten Fans, angesehen, die am Straßenrand stehen und die Fahrer anbrüllen?
Wir glauben nicht. Sonst würde er verstehen.
Ich, Lumpenproletarier
Das ist Marx Definition des Lumpenproletariats, zu dem ich mich rückhaltlos bekenne:
Zu diesem „Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen“ zählte Marx die „zerrütteten Lebeherren mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, verkommene und abenteuerliche Ableger der Bourgeoisie, Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Tagediebe, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Zuhälter, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen ‚la bohème‘ nennen“
Die «Electra Glide“-Story
Heute sah ich eine Harley Davidson „Electra Glide“, und dieser Anblick brachte mich zurück in die ersten 80-er Jahre in Basel, genauer, ins Kleinbasel und noch genauer in die Klybeckstraße, wo sich das Kino „Union» befand.
Das „Union“ war das beste Kino ever, für ein paar Münzen wurden zwei Filme gezeigt, und man durfte rauchen und Bier trinken, und die Rücklehnen der Sessel waren dazu da, die runtergerauchten Zigis auszudrücken. Sie sahen aus, wie die Leoparden-Version von Lehnen.
Das „Union“ war Kult. Ein gesellschaftliches Ereignis, eine Party des von den Linken genannten „Lumpenproletariats“, und das ließen sich die linken Agitatoren nicht entgehen, und tauchten auf, um uns zu belehren und zu agitieren. Sie waren die Woken, als es noch keine Woken gab.
Einer der Filme, die ich damals sah, hieß „Electra Glide in Blue“, gedreht Mitte der 70-er. Es war ein Film über einen kleinen Motorradcop auf seiner Electra Glide, der Bussgelder an kiffende Hippies und Strafzettel an Parksünder verteilt, aber davon träumt ein richtiger Cop zu werden, einer der Mordfälle löst.
Nun denn. Bestimmt kein Meisterwerk des filmischen Storytelling, aber wir hatten unseren Spass daran. Am Film und auch uns, und an den Kommentaren.
Irgendwann erhoben sich hinten unsere bekannten leninistischen-Marxist-Maoisten und verkündeten lautstark, dass diees ein absolter „Fascho-Film“ sei, und wir unverzüglich das Kino zu verlassen hätten, aus Protest gegen den amerikanischen Imperialistendreck, und diese obszöne Darstellung eines Symbols des fürchterlichen Kapitalismus, diese „Elctra Glide“.
Sie standen tatsächlich auf und warteten in den Gängen, dass wir es ihnen gleich taten, und das Kino unter Protest verließen.
Daran musste ich heute denken, als ich auf dem Heimweg vom FitInn, diese wunderschöne Electra Glide sah, und ich ließ ein Lächeln aufblitzen, als ich daran dachte, wie wir Lumpenproletatrier auf die Aufforderung, der ersten Woken reagiert haben …
Gute Idee
Aus familiärenund auch anderen Gründen verbringe ich immer wieder Zeit im Berner Oberland, wo ich zum großen Teil aufgewachsen bin. Meist in Wengen, aber auch in Interlaken, das als der meist heimgesuchte Ort von „Saubrasis“ (Saudis, Brahmanen, Asiaten) genannten Touristen ist. Abartig. Abartig und gleich noch mal: Abartig.
In Barcelona haben es die Einwohner inzwischen verstanden: Es herrscht Krieg. Und sie protestieren schon länger gegen die Schwemme, die nie abreissende Flut an Tourons (Tourist-Morons), die ihnen das Leben in der Stadt nicht nur vergällt, sondern auch unbezahlbar macht.
Inzwischen wehren sie sich auch mit Wasserpistolen.
Gute Idee, finde ich. Und denke mir aber gelichzeitig: Warum nur Wasserpistolen?
Der nächste Idiotenkrimi (Nachtrag)
Unter dem Titel „Der nächste Idiotenkrimi“ siehe:
https://niedermann.at/2024/06/der-naechste-idiotenkrimi/
habe ich gewettet, dass ich den Ausgang erraten kann.
Konnte ich nicht. Wie ich jetzt in einem Spoiler gelesen habe. Sorry.
Es waren nicht die Nazis, die das Mädchen vergewaltigt und getötet haben, um es den Migranten in die Schuhe zu schieben, es waren tatsächlich Migranten. Was aber nicht heißt, dass sie Schuld haben, oh nein, beileibe nicht!
Schuld sind wir alle, weil wir uns einfach nicht in die Gesellschaft und Lebenswelt dieser Migranten integriert haben.
So schaut’s aus, in der guten schönen Welt, der woken Islamo-linken.
Seht also zu, dass ihr euch integriert, und dann müssen die Migranten auch keine Mädchen mehr vergewaltigen und töten.
Ist doch nicht zuviel verlangt, oder?
Das Sprüchemuseum (164)
«Der beste Engländer des Spiels Schweiz-England war der Schweizer Akanji.“
Spitze Zunge Lachsfilet
Wir sagen: Nicht falsch. Sein Penalty sollte in die Fußball-Lehrbücher als Negativ-Beispiel aufgenommen werden: Unkonzentriert, schlapp ausgeführt, unpräzise und uninspiriert. Selbst ich hätte das Ding noch gekriegt, auch wenn beim Aufschlag meines Körpers, die Erde sachte und liebevoll gebebt hätte.
Martha Niedermann-Signer (1931 -2024)
Gestern Nacht schlief meine Mutter ein, und wachte nicht mehr auf. „Es sei Zeit“, hat sie gestern noch gesagt. Sie hatte recht, es war Zeit.
Hier ein Auszug aus meinem bald erscheinenden Roman „Buch Maloch“, der ihr gewidmet ist:
«Der erste Mensch, den ich arbeiten sah, war meine Mutter. Ohne einen Begriff davon zu haben, was «Arbeit» war. Es schien das zu sein, was die Frauen machen. Oder der Flückiger, der Lumpensammler, der zusammen mit einem haarigen Berner Sennenhund seinen Lumpensammlerkarren durch die Straßen zog, während die Frauen aus den Häusern traten und ihm ihr «Glump» übergaben. Um es später als in Behindertenheimen fabrizierte Teppiche wieder zurückzukaufen. Nicht dass ich damals schon davon gewusst hätte, so wie niemand genau wusste, was Väter so taten. Sie gingen am Morgen aus dem Haus, kamen am Mittag zum Essen und gingen wieder, um am Abend endgültig zurückzukehren. Sie gingen «zur Arbeit», wurde gesagt. Aber hatte sie jemand je arbeiten sehen? Wusste jemand genau, was sie taten, wenn sie nicht zu Hause waren? War ihre behauptete Arbeit nichts anderes als ein Gerücht? Von ihnen selber in Umlauf gebracht, damit sie erklären konnten, woher das Geld für Miete, Essen und all das Zeug, das wir brauchten, herkam? Vielleicht saßen sie in Kneipen und spielten Karten? Oder sie waren Kriminelle, die Zigaretten und Schnaps schmuggelten. Wer wollte das schon wissen?
Mütter kochten Essen. Gingen einkaufen. Trugen den vollen Wäschekorb in den Keller, hängten die feuchte Wäsche auf Wäscheleinen. Bügelten die Bettwäsche und die Kleider. Machten den Abwasch. Wechselten die Windeln der Kleinen. Fütterten sie. Holten den krachend lauten Staubsauger heraus und fuhrwerkten damit durch die Zimmer. Wedelten mit dem Feudel Staub von den Schränken. Jeden Tag aufs Neue.
Manchmal setzte sich meine Mutter kurz aufs Sofa. Immer mit einer Entschuldigung: «Ich muss mich kurz hinsetzen. Nur eine Minute.» Es war, als entschuldige sich ein Hungriger, dass er jetzt leider, leider etwas essen müsse. Tat sie etwas verbotenes? Ja. Sie arbeitete nicht. War es denn wirklich verboten, nicht zu arbeiten? Ja, war es. Arbeit war das Kreuz und die Auferstehung. In den Traueranzeigen hieß es von verstorbenen Frauen: Ihr Leben war Arbeit. Von Männern hieß es das nicht.»
