„Es gibt Schulen, die besonders attraktiv für nicht-intelligente Menschen sind. Nicht-intelligente Menschen haben keinen Humor. Die orthodoxe Linke ist attraktiv für Doofe.“
Harald Welzer
Wir sagen: This saying made our day! Almost …
Rede zur Verleihung eines Literatur-Preises
„Liebe Kolleginnen und Kollegen,
mir ist bewusst, dass eine solche Rede nur mit einem Witz eingeleitet werden sollte, wie bei anderen Beerdigung auch, aber der Ernst der Sache verbietet mir diese Eröffnung, wobei es unter Ihnen auch welche geben mag, die meine Auszeichnung bereits als DEN Witz deuten mögen.
(Pause für Gelächter)
Nun ist es also real: Ich bin es, dem dieser Preis zugesprochen wurde. Ja, ich. Nicht Ihr, werte Kolleginnen und Kollegen. Das ist natürlich ungerecht. Aber um J.F. Kennedy zu zitieren: «Das Leben ist ungerecht, aber bedenke, wie oft es dies zu deinem Vorteil war.“
Und nun hat es mich erwischt, mich, dessen Buch bei der Jury die meisten Stimmen erhielt. Warum meins? Warum nicht eines von euch?
Ich war selber in Jurys und weiß, wie seltsam und sprunghaft es in diesen zugehen kann. Ein anfänglich hochgehandelter Favorit, der schon als Sieger in Spe gesehen wird, verliert aber in den folgenden Diskussionen immer mehr an Boden, bis sich am Ende kaum mehr jemand an seinen Namen erinnern kann. Das ist natürlich eine Hyperbel, aber nur eine ganz kleine.
Nun, was, werden sich einige Fragen, will der Autor uns damit sagen? Will er uns die Fragwürdigkeit solcher Preisverleihungen beschreiben? Uns Verlierer trösten? Hört er sich nur gerne reden? Hat er gar Schuldgefühle, weil ihm, wie jedem von uns, der an seiner Stelle wäre, gerade bewusst geworden ist, dass er diesen Preis nicht verdient hat?
Was quatscht der blöd rum, werden andere denken, take the money and run, du Schwafler, wen kümmern deine Skrupel, deine philosophendarstellerhafte kleinen Gedanken? Komm einfach zum Schluss, damit wir endlich an die Tränke können.
Berechtigter Einwand. Ich lebe in New York und der Batzen von 25’000 reicht gerade aus um ein halbes Jahr im voraus meine winzige Klause bezahlen zu können.
Ein anderer Effekt dieser Preisverleihung wird sein, dass nun im ganzen deutschsprachigen Raum kein Radiosender aufgedreht werden kann, ohne dass zu jeder Zeit mein Name fällt (sorry fo that), und Kulturjournalisten für Anlässe dieser Art den üblichen Kulturjournalistenspeech absondern werden, und so bekommt die Literatur, für einen ganzen Tag, ihren Platz in den Medien, damit sie am nächsten Tag umso konsequenter vergessen werden kann (vielleicht nicht mal zu Unrecht).
Ich werde ganz bestimmt einige Interviews geben, ich werde ein wunderbares Hochgefühl erleben, werde aber immer sagen, dass es mir nur um das Wort geht, und wie alle anderen bekannten und berühmten und bekränzten Autoren versichern, dass ich auch schreiben würde wenn ich keinen Erfolg hätte. Soviel bin ich euch, Ihr lieben Verlierer, schuldig.
Es ist natürlich, dass wird Euch nicht entgangen sein, eine völlig abseitige, niemals beweisbare Behauptung. Wir werden niemals wissen können, ob die berühmte Autorin ihr Wort halten würde. Denn es verhält sich wie mit dem Gegenteil davon: Wenn ein namenloser Gelegenheitsautor behaupten würde, er würde wie Sartre den Nobelpreis ausschlagen. Würde er?
Vielleicht werd ich diesen Satz also nicht von mir geben. Am Liebsten würde ich immer antworten: Keine Ahnung. Ich weiß nicht. Sagen Sie es mir. Nächste Frage.– Haben Sie veileicht ein bisschen Koks dabei?
Ja, die Literatur. Unsere Literatur. Und die der anderen. Was soll ich sagen? Ich weiß es nicht. Außer: Macht’s gut Ihr schönen Verlierer.
Ich freue mich bereits auf den Gym, wo ich ziemlich bekannt bin und niemand weiß, was ich außerhalb des Muskeltempels tue.
Dass man mich immer wieder mal mit einem Buch auf dem Fahradergometer sieht, wird mir großzügig verziehen, wenn ich ihnen auf der Bank zeige, was ein alter Sack sonst noch so zu bieten hat.
Liebe Kolleginnen und Kollegen seid ein bisschen traurig, dass ihr den Preis nicht bekommen habt. Seid auch wütend und beleidigt und angepisst. Steht euch zu.
Draußen stehen zwei Flaschen Bourbon und ein paar Flaschen Champagner. Bedient euch und versucht euch mal nicht zu benehmen wie Autoren, sondern wir Leute denen Unrecht getan wurde, und denen es schwer fällt diesen Brocken zu schlucken.
Ich verlasse nun die Bühne mit einem gerade heute und jetzt absolut fälligen Trinkspruch:
„Le chaim!»
Reine Prosa
Ich glaube es war 1996 oder 97, als ich in einem Radiointerview auf die Frage, was denn mein Ziel als Autor sei, antwortete: Ein Mal eine Seite reine Prosa hinbekommen.
Das sagte ich. Nicht als Angabe oder Understatement (beides ist möglich), sondern weil es tatsächlich mein Wunsch war.
Vielleicht wird jetzt jemand fragen: Was ist denn reine Prosa? Und ich werde antworten: Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, dass ich sie erkennen würde, wenn ich sie lese.
Ich dachte dabei an die letzte Seite von Hemingways „Tod am Nachmittag“, die ich immer wieder mal lese, weil sich mich berührt und sie traurig und schön ist. Aber ist sie reine Prosa? Schon wieder: Ich weiß es nicht.
Nun, warum ich gerade über dieses Thema schreibe liegt daran, dass ich vom frisch gekürten Literatur-Nobelpreisträger Laszlo „diesen Namen kann sich niemand merken“Krasznahorkai in einem Interview gelesen habe, dass er nichts anderes will, als „einen einzigen Satz reiner Prosa“ schreiben.
Wenn man unsere beiden Aussagen nebeneinanderstellt, sieht meine „Nichtnobelpreisträgerschriftstellerexistenzaussage“ wie hochschießende Hybris aus. Eine Seite ich – einen Satz der Nobelpreisträger.
Diese Sicht kann sich aber schlagartig ändern, wenn man weiß, dass Laszlo „diesen Namen kann sich niemand merken“Krasznahorkais Bücher oft aus einem einzigen Satz bestehen. Hunderte Seiten lang.
Wer ist jetzt der Hybris fette Beute?
Ich bin schuld
Neulich, als wir zu zweit wieder mal die Auswirkungen des Massentourismus diskutierten (zur Zeit blicke ich auf einen irren Hotspot dieses Phänomens herab), diese schwer erträgliche, nervenzersetzende Invasion, die jeden Ort in einen Dauerdemozug verwandelt, erfuhr ich, dass ich schuld daran bin. Ich, und meinesgleichen. Aber vor allem ich.
Wer sich nun fragen mag, warum ich schuld bin, dem ist zu sagen, dass meine Schuld darin besteht, dass ich vor Dekaden nach Griechenland (und wohin auch sonst) aufgebrochen bin, und unglaubliches erlebt, und dann in einem Buch davon berichtet habe.
Dieses Buch mit einer Millionenauflage fiel dann auch in die Hände von Saudis, Brahmanen, Koreanern und Chinesen, die dann so getriggert wurden, dass auch sie überall hinwollten.
(Die Tantiemen für die Millionenauflage stehen allerdings noch aus.)
Und während ich und „meinesgleichen“ auf unseren Fahrten nichts mehr suchten als den Kontakt zu den Einheimischen, sehr respektvoll und neugierig und schüchtern, haben die neuen Travellers, meine Nachfolger, nichts anderes im Sinn, als sich selber zu spiegeln.
Aber ich bin trotzdem schuld. Hätte halt zuhause bleiben, und die Tinte halten sollen, dann wären all die Millionen auch nicht aufgebrochen.
Tja, so ist das eben, wenn man erst verreist und danach darüber nachdenkt, was die Folgen sein werden.
Ich bitte all jene um Verzeihung, deren Existenzen zunehmend durch meinen Fehler ruiniert werden, weil sie einfach keine bezahlbare Wohnung mehr finden. Nicht zu reden von all dem andern Unbill.
Wäre ich immer noch praktizierender Christ wüsste ich, dass ich nicht schuld bin, daja Jesus sich für alles schuldig erklärt hat. Aber leider, leider ist dieser Zug abgefahren. Er ist vollgestopft mit meinen Millionen Followern, die alle mein Buch gekauft haben.
Sorry!
DER 7. Oktober
„Videos zeigen zwei tote israelische Soldatinnen, denen offenbar direkt in die Vagina geschossen wurde. Auf einem Foto ist eine Frauenleiche zu sehen, der Nägel in die Oberschenkel und die Leistengegend gehämmert wurden. Eine Festivalbesucherin sagt aus, sie habe sich während des Massakers unter einem Baum versteckt und mit Gras bedeckt, weil ihr in den Rücken geschossen wurde. Sie habe gesehen, wie einer Frau die Hose bis zum Knie heruntergezogen worden sei. Ein Mann habe hinter ihr gestanden und sie vergewaltigt. Jedes Mal, wenn sie zurückgewichen sei, habe er ihr mit einem Messer in den Rücken gestochen. Eine andere Frau, so die Zeugin, sei von einem Terroristen vergewaltigt worden, während ein weiterer Mann mit einem Cuttermesser ihre Brüste abgeschnitten habe. In Be’eri und Kfar Aza wurden in sechs Häusern Leichen von Frauen und Mädchen gefunden. Sie waren nackt, verstümmelt und gefesselt. An diesem Tag werden 1139 Menschen ermordet. Darunter sind 695 Zivilisten, einschließlich 36 Jugendliche und Kinder. Ein Ersthelfer sagt vor der Knesset aus, er habe abgetrennte Schädel von drei Kindern gesehen.“
Ferdinand von Schirach in der WAS
Das Sprüchemuseum (177)
«Das Leben ist einfacher, wenn man nicht viel weiß und stattdessen eine Meinung hat. «
Herta Müller, Schriftstellerin (Nobelpreis)
Wir sagen: Oh ja, oh ja, oh ja! Und gerade noch einmal: Oh, Ja!
