Reine Prosa


Ich glaube es war 1996 oder 97, als ich in einem Radiointerview auf die Frage, was denn mein Ziel als Autor sei, antwortete: Ein Mal eine Seite reine Prosa hinbekommen.
Das sagte ich. Nicht als Angabe oder Understatement (beides ist möglich), sondern weil es tatsächlich mein Wunsch war.

Vielleicht wird jetzt jemand fragen: Was ist denn reine Prosa? Und ich werde antworten: Ich weiß es nicht. Aber ich glaube, dass ich sie erkennen würde, wenn ich sie lese.
Ich dachte dabei an die letzte Seite von Hemingways „Tod am Nachmittag“, die ich immer wieder mal lese, weil sich mich berührt und sie traurig und schön ist. Aber ist sie reine Prosa? Schon wieder: Ich weiß es nicht.

Nun, warum ich gerade über dieses Thema schreibe liegt daran, dass ich vom frisch gekürten Literatur-Nobelpreisträger Laszlo „diesen Namen kann sich niemand merken“Krasznahorkai in einem Interview gelesen habe, dass er nichts anderes will, als „einen einzigen Satz reiner Prosa“ schreiben.

Wenn man unsere beiden Aussagen nebeneinanderstellt, sieht meine „Nichtnobelpreisträgerschriftstellerexistenzaussage“ wie hochschießende Hybris aus. Eine Seite ich – einen Satz der Nobelpreisträger.

Diese Sicht kann sich aber schlagartig ändern, wenn man weiß, dass Laszlo „diesen Namen kann sich niemand merken“Krasznahorkais Bücher oft aus einem einzigen Satz bestehen. Hunderte Seiten lang.

Wer ist jetzt der Hybris fette Beute?