Swiss Bea(s)t

Kurz Bio à la Blaise Cendrars (Fréderic Louis Sauser)

Mit drei Jahren haute ich ab. Mit dem Dreirad, und landete im Basler Rheinhafen zwischen den Schwellen der Hafenbahn, wo mich der Lokführer aus den Gleisen lupfte.

Mit sieben fing ich an zu rauchen. Zigaretten, die man für 20 Rappen aus den Automaten beim Bahnhof ziehen konnte. Drei „Virginias“ mit Filter. Was das alles anstellte in Kopf und Herz! Rausch.

Ich war ein braver Junge. Die Eltern von anderen Jungs sahen es gern, wenn sie mit mir zusammen waren.  Wir gaben uns der Onanie hin.

Meine erste gekaufte Single war „Crosstown Traffic“ von Jimi Hendrix. Die erste LP  «Johnny Cash at Folsom Prison“. 

Wir rauchten in den Schulpausen und versuchten ständig von irgendwas „high“ zu werden. Muskatnuss rauchen. Und getrocknete Fliegenpilze, die wir im Wald suchten.

Mit 13 hörte ich Leonard Cohens Album „Song from a Room“, was mich auf eine Weise aufwühlte, die ich nicht verstand, aber alles auf einen Schlag veränderte. Ich schrieb ein Gedicht. Jemand verriet mich an die Deutschlehrerin, und das Gedicht wurde Gegenstand einer Deutschstunde. Ich schämte mich so, wie ich mich heute noch immer für meine Texte schäme. Aber ich war auch ein wenig stolz. Scham und Stolz. 

Eine junge Hippiefrau nahm mich mit zur „Schifflände“ wo ich meinen ersten Joint rauchte. Sie sagte: „Ich habe etwas im Shitrauchen gefunden. Ich glaube, du wirst es auch.“ Ich war 15, und sie hatte recht. Ich hörte auf Sport zu treiben, hörte auf als Handball-und Fußball Torwart, wollte nicht mehr das Lauberhornrennen fahren, verachtete jedes Vereinsleben und jede Art von Sport. Ich wollte irgendwie ein Künstler werden, und war doch nur ein Laborantenlehrling der massig LSD einwarf und Meskalin, der kiffte und Chloroform schnüffelte, und alles an Substanzen probierte, die irgendeine Veränderung von was auch immer versprachen.

Später landete ich in einem einsamen Haus in Südfrankreich, das einem jüdischen Arzt gehörte, das ich bewohnbar machen sollte. Ich fand eine Schachtel voll  Beta-Amphetamin-Pillen, die mich in den einsamen Nächten wachhielten. Ich schrieb an einem Roman, verlor ihn später irgendwo unterwegs, auf meinen Touren ohne Geld, aber mit ewig knurrendem Magen.

Ich las Henry Miller, der mein Lehrer wurde, und mich von der Angst vor meiner rast -und haltlosen Existenz befreite.

Ich hatte viele Liebschaften. Oft gleichzeitig. So wie ich viele Jobs hatte. Auch gleichzeitig.

Aus Verzweiflung landete ich als Hirte auf einer Alm. Ich lernte ein anderes Ich  kennen. Eines, das sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzen konnte, das nie aufgab. Das hätte ich nicht von mir gedacht. Ganz bestimmt nicht.

Danach schrieb ich eine Story, die von einer Zeitschrift angenommen wurde. Mit Honorar (ja, das waren noch Zeiten).

Bald darauf  schrieb ich einen Roman, der mich ein bisschen berühmt machte. Eine Weile. Dann schrieb ich noch einen, und dann lange Jahre keinen mehr. Und dann schon wieder, während ich mein Geld als Theatertechniker verdiente.

Dazwischen brachte mich das Alkohol-Depro-Beast an den Rand des Grabes, und ich machte wieder Sport, um von dort wegzukommen.

Dann war ich mit einem Mal verheiratet und Vater zweier Töchter. Und schrieb noch mehr Romane. Hatte noch mehr Jobs. 

Und jetzt sitze ich über diesem Text, und frage mich, wie so oft, ob das alles geschah, weil ich es so wollte, oder weil es mir einfach passierte, weil ich mich treiben ließ, und mich das Abenteuer reizte?
Wie wird es weitergehen? Ich weiß es nicht.
Oder ist es, wie der Chirurg nach der Prostataresektion trocken meinte: „Viel ist da nimma.“
Das Beast schüttelt den Kopf und lacht …

Work-Life-Balance

Gerade durfte ich erfahren, dass wir, die Boomers neidisch sind auf die Gen Z, die «nicht mehr soviel hackeln will“.
Nun ja, ich weiß nicht so recht. Neidisch?
Ich weiß auch nicht so genau, was der Begriff „Work-Life-Balance“ bedeutet.

Ich, zum Beispiel, wollte eigentlich nie arbeiten. Ich brauchte keinen Job, ich brauchte Geld. Das Problem, dass mit dieser Einstellung aufpoppte, war, dass die Optionen dafür im tiefen einstelligen Bereich lagen: Arbeiten oder Kriminell.

Oder ein bisschen von beidem. Ist das dann die Work-Life-Balance?

Ich habe mitunter sehr hart gearbeitet, zum einen weil ich es gut kann und konnte, zum andern, weil mir einfach nichts anderes einfiel um die Miete aufzubringen. Zwischendurch war ich auch ein bisschen kriminell. Nur so ein bisschen, nicht viel, nicht wie Benko oder ein Schlepper, eher wie so’n luscher Ladendieb oder ein kleiner Verticker von Pflanzenharz.

Das war aber selten der Fall, und nur zur Überbrückung von Notlagen angewendet. Ich bin kein guter Krimineller. Wegen der Work-Life-Balance, vielleicht. Zuviel Stress und Paranoia, und Geld, was über die Befriedigung meiner eher frugalen Bedürfnisse ging, interessierte mich nicht sonderlich. Leider, könnte ich heute klagen, wenn ich meine Mikro-Renten erhalte. Aber ich klage nicht. Wie heißt es im Song von Hannes Wader: „Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort … hab es selbst so gewählt …“
Nun ja, vielleicht auch nicht. Darüber denke ich des öfteren nach: Was ist es, was einen dies oder jenes wählen lässt? Wie frei ist man in seinen Entscheidungen? Was einem zur Frage bringt: Warum bin ich so, wie ich bin.

Wer so eine „Work-life-Balance“ hinter sich hat, landet schnell mal bei der Philosophie oder der Literatur. Was eigentlich dasselbe ist. Und von Nietzsche wissen wir, dass Philosophie aus dem Körper entsteht, nicht, wie irrtümlich viele annehmen, aus dem Geist. Der Geist folgt dem Körper. Und der Körper folgt was?

Tja, nun haben wir den Salat. Den Genen, der Erziehung, oder unserem unverstandenen eigenen Wesen. Bin ich nun ein Mystiker? Und wenn ja, ist das meiner katholischen Erziehung geschuldet?

Ich vertrete ja die Ansicht, dass unsere Physiognomie es ist, die uns die Partei wählen lässt, die wir wählen, und der wir uns zugehörig fühlen.

Und das mit der angestrebten „Work-Life-Balance“ der Gen Z?
Soll’n se.
Aber das hat und wird Konsequenzen zeitigen.
Nicht jammern, bitte, wenn die Rechnung auf den Tisch kommt.

Neid?
Wie sagte einst ein Musiker-Freund von Bob Dylan: „Denk dran, Bob: Kein Neid, keine Niedertracht.“
Genau!

„2’000″

Dies ist der zweitausendenste Beitrag in diesem Blog seit 2009. Das macht 125 pro Jahr, ca. zweieinhalb pro Woche. NIcht überwältigend, aber es ergibt doch ein ordentliches Archiv, das ich oft benutze um Dinge nachzuschlagen, die nicht in der Erinnerung gespeichert sind. Und so kann der Blog auch von allen Lesern genutzt werden.

Einiges hat sich verändert in diesen 16 Jahren. No na, wie man in Wien sagt, wie auch nicht.
Ich stehe nicht an, hier nun Bilanz zu ziehen, dafür ist zu früh und auch zu spät, und auch völlig überflüßig.

Was man auch den Texten anmerkt, ist, dass sich der Autor nach und nach vom Linkssein verabschiedet hat, da dieses heutige Linkssein nichts mehr mit jenem zu tun hat, aus dem er hervorgegangen ist, in dem der Antisemitismus schon immer eine Heimat hatte, aber nicht in der Art wie heute, wo mit Hamas-Fans Friedensfeste gefeiert werden, und wo von dieser Seite alles als Rechts, Faschismus und Nazitum gilt, was nicht auf der linken Schiene läuft.
Fuck it, und fuck your self, sag ich dazu, und ebenfalls zum ganzen woken-rich-kids-shit.

Das heute wieder verdrängt, schön geredet, abgestritten, mit moralischen Bann belegt wird, ist, dass es im Islam eine gefährliche Strömung gibt, um dem Westen den Rest zu geben, falls wir es nicht selber tun (die Chancen stehen dafür gut), erinnert mich an dieselben Vorkommnise als es um Putin ging, vor dem ich schon seit 2013 gewarnt habe, aber oft das dumme Zeug von der russischen Seele und der russischen Literatur, sprich „Dostolstoi“, in die Ohren gefickt bekam.

Nun denn, ich bin ziemlich sicher, dass die Verharmloser, Beschwichtiger und Migrationsfans sich wieder irren werden, und genauso niemals zugeben werden, dass sie unrecht hatten. Das liegt in der Natur von Schwachmaten.

Und sonst? Gemmas an, die nächsten Tausend. Mit mehr Pessimismus, mehr Aufmerksamkeit, mehr daran interessiert, das zu tun, weswegen wir hier auf diesem wunderbaren Planeten sind: Das Leben genießen, oder wie es so schön in dem Lied heißt:

„Freut euch des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht …»

„Flaco“ Jimenez (1939-2025)

Vor etwa drei Tagen habe ich an ihn gedacht, und Google angeworfen, nur um zu sehen, ob er, der Alte noch lebt, und heute erhielt ich die Nachricht, das er vorgestern diese Welt verlassen hat.

Er ist der Musiker, mit dem ich die meisten meiner Konzerte gesehen habe, denn er war einer der wenigen, die in den Neunzigern noch nach Wien kamen, obschon sich hier nur eine ziemlich orthodoxe Western-Fan-Gemeinde etabliert hat. Also Boys and Girls in Boots, Stetson, und umgeschnallten Revolvergurten. Und die hatten kein Interesse an Tex-Mex, was zur Folge hatte, dass die Konzerte nur von Kennern besucht wurden, was wiederum hieß, es waren wenige. Sehr, sehr wenige.
Ich weiß das so genau, weil ich auch solche Konzerte – auch mit seinem Bruder Santiago Jimenez – mitorganisert hatte.

Als er, zusammen mit Augie Meyers, Freddy Fender und Doug Sahm, genannt „Texas Tornados“, in der riesigen Kurhalle Oberlaa, die ca. 16’000 Leute fassen kann, auftrat fanden vielleicht 60 Aficionados den Weg dorthin. Und es wurde, in diesem leeren Saal, das beste Konzert das ich je erlebt habe. Es war einer dieser raren Gigs, bei dem der Funke sprang, und letztlich die Leute vor Begeisterung auf den Tischen tanzten, und der fast 60-jährige Akkordeonist Jimenenz stage diving vollführte. Was waren wir all aus dem Häuschen! Es war reine Magie.

Dann war ich zufällig im Berner Oberland, als er mit einer neuen jungen Combo in der „Mühle Rubigen“ sich die Ehre gab, und dort war der Laden brechend voll.

Als ich in einer Pause der Hitze entkommen wollte und mich draußen auf eine Bank setzte, kam er und setzte sich neben mich. Da saßen wir, und blickten schweigend in die Nacht, und es war irgendwie, wie damals als ich, Hirte auf einer Alm, manchmal neben dem alten Nachbar-Hirten im Gras saß und wir unseren Herden beim Grasen zusahen. Schweigend, lange, voll guter Gefühle, weil ich wusste, dass jedes Wort diesen Zauber brechen würde. Denn es war ja schon alles gesagt …


Du warst ein ganz Großer, „dünner» Mann, mi corazón llora.