Das Sprüchemuseum (27)

» Ein Fünfzigjähriger «Neuankömmling» würde in Österreich nie gedruckt werden. In Ö. gilt nämlich für Autoren ein normierter «cursus honorum», der für alle Gremien der Literaturszene als quasi biblisches Gebot gilt. Die Stufen sind folgende: Ein angehender Autor muss Germanistik studieren. Promotion nicht Pflicht, aber von Vorteil. Mit Mitte 20 dann das sogenannte Roman-«Debüt», das mit öffentlichen START-Stipendien und Länderstipendien finanziert wird. Ein «Literaturverlag», der von staatl. Verlagsförderung lebt und nicht vom Buchverkauf, übernimmt das Projekt. Da die Verlagsleute in den BMUKK-Förderjurys, den Ländergremien und den Preis-Jurys sitzen, regnet es nun Projektstipendien, Literaturpreise usw. Mit 35 kommt das Musil-Stipendium (50.400 E.), mit 40 kauft die ÖNB den «Vorlass», mit 50 «Verdienstkreuz usw. …»

Posting von «ZentralsekretärDADA» im «Standard-Online» zu einem Artikel über den US-Autor Donald Pollock, der mit 50 Jahren als Romanautor debütierte.

Wir sagen: Können wir nicht beurteilen, aber es klingt so gut, dass es einfach wahr sein muss.

Das wunderbare Land der Unfehlbaren

Drei Polizeibeamte und ein Sanitäter – tot. Erschossen. Von einem «Wilderer», «Jäger», «mutmasslichen Täter», «Einbrecher», «Waffennarren», «Amokschützen».

In so einem Fall gibt es oft Kritik. Am Einsatz der «Cobra», dieses Mal sogar intern. Zu wenig Beamte, fehlende Ausrüstung usw. Aber im wunderbaren Land der Unfehlbaren wird Kritik allemal  entrüstet von sich gewiesen. Sie ist per se unberechtigt. Immer. Toujours. Siempre. Vedno. Daima.

Wer hat schuld? No na. Der Täter.

«Zudem sei die Frage der Ausrüstung im vorliegenden Fall nicht relevant, da der Täter außergewöhnlich brutal vorgegangen sei.»

Das erinnert an jenen Karate-Schwarzgurt, der, nachdem er vom Straßenschläger die Fresse poliert bekommen hat, meinte: «Der Typ hat einfach die falschen Fehler gemacht.»

Wie man’s besser macht (für die Beamten), zeigten die Kollegen aus Wien. Wobei vor allem der letzte Abschnitt einen das Fürchten lehrt:

http://kurier.at/chronik/wien/wega-einsatz-in-wien-liesing-elite-polizisten-im-visier-der-justiz/16.941.859

Das wunderbare Land der Gedächtnislücke

Eine sehr ernste Bunch of Schmähtandlers machte einst den Vorschlag, den österreichischen Charme ins Unesco-Weltkulturerbe zu pushen. Ging nicht durch. Ganz dämlich ist das Ausland dann doch nicht.

Ich hätte einen anderen Vorschlag, für die Aufnahme ins Welterbe: Was ist österreichischer als schlotziger Charme, fette Korruption und politische Verantwortungslosigkeit? Genau. DIE GEDÄCHTNISLÜCKE.

Sie ist, sozusagen, die letzte Konsequenz allen iridischen Tuns. Die gemeine Gedächtnislücke austrosiensis. Sei es U-Ausschuss, sei es Gerichtsverhandlung, sei es Journalisteninterview, sei es staatsanwaltliche Befragung, wurscht, was auch immer es ist: Zuverlässig wie nichts anderes, steht sie ihren Mann und ihre Frau.

Die Gedächtnislücke for Weltkulturerbe! Aber subito!

Grüßauguste und Ahnungslose

Für einen Landesfremden, in einer Demokratie Großgezogenen, ist die österreichische Politik ein unerschöpflicher Quell unendlicher Langeweile oder spastischer Erregung. Dass meine Kinder hier großwerden, ist bisweilen Anlass zu zweiterem, die unendliche Langeweile – die mit der gemeinen Verachtung Händchen hält – wird immer wieder befeuert durch die zur Schau gestellte Ahnungslosigkeit der Politiker. Man darf ruhig sagen: Sie wissen nie irgendwas. Sie erfahren alles durch die Medien. Sie weisen jede Verantwortung entrüstet von sich. Ein nichtwissender, ahnungsloser Austro-Politiker ist im Grunde, eine Tautologie.

Dann gibt’s noch sein Pendant in der Wirtschaft, den CEO-Grüßaugust. Zum Beispiel – gerade aktuell – den Rudolf Fischer, Vorstand der Telekom Austria, der mit seiner Unterschrift einen mächtigen Batzen für die ehemalige Haiderpartei los gemacht hat, damit sie der Telekom gewogen sein möge (als sie noch in der Regierung war).

Während Kollegen und Lobbyisten in dieser Causa vom Richter Knast ausfassten, kam Fischer ungeschoren davon. Er habe «den Vergabeakt gegengezeichnet – allerdings «vorsatzlos», wie es in der Urteilsbegründung heißt. Ein Grüßaugust mit Millionengehalt.

Jetzt ist bald Wahl. Das Volk wählt seine Grüßauguste und seine Ahnungslosen.
Warum es das immer noch gehorsam tut, ist mir längst kein Rätsel mehr …

J.R.C.

Heute vor 10 Jahren starb Johnny Cash. Zufällig waren sein Biograf Franz Dobler und ich zur selben Zeit in St. Gallen. Marcel Elsener schrieb im Tagblatt darüber und erhielt prompt einen Preis:

http://www.tagblatt.ch/altdaten/tagblatt-alt/tagblattheute/sg/kultur/tb-sk/art768,2043432

Genaus so war es…

Wie es euch gefällt

Während der Fußball-WM 2010, lud mich das «Tagblatt» (größte Ostschweizer Tageszeitung) ein, ein paar kleine Fußballkolumnen zu schreiben. So auf die Schnelle. Nach der dritten Ausgabe las ich, dass ein linker Kabarettisten-Darsteller und Lehrer mir vorwarf, dass ich mich «dem internationalen Fußballbusiness an den Hals geworfen» hätte. Der ist gut, dachte ich, ein echter Brüller, sauberes Kabarett.
Aber natürlich nicht, denn der Mann meinte es ernst.

Jetzt, mein kleiner Block zum Schweizer Nationalsport «Schwingen». Darf man auch nicht gut finden, Schwingen, kommt echt nicht besonders. Wer Schwingen mag, wählt vermutlich SVP und ist überhaupt ein rechter Knochen oder zumindest ein dem Trend hinterher hechelnder Opportunist. Okay. Sei’s drum. Das ist Alemannien at its best, in seiner schieren, unendlichen Enge und «Herzenströchnie» (N. Meienberg). Ich finds komisch.
Das unkomische daran ist, dass sich einige gute Leute selber einmauern und einsperren, wie die heilige Wyborada zu Saint Gall. Aber noch immer gilt Jürg Federspiels Diktum: «Man kann ja weggehen.»

Der Zufall will es, dass ich zur Zeit an einem Buch schreibe, in dem es u.a. um die Gründe meiner Flucht aus Alemannien nach Wien geht. Es ist gut zu wissen, auch nach 25 Jahren, dass es die richtige Entscheidung war, obschon ich, wie jeder ordentliche Wiener, die Stadt abgrundtief hasse.
Auch wenn Joachim Lottmann (ein ebenfalls nach Wien Geflüchteter, allerdings aus Germanien) in seinem Buch «Hundert Tage Alkohol» (Czernin Verlag) in der Stadt zu ähnlichen Schlüssen kommt:

„Seit dreißig Jahren hatte dieser Gewerkschaftsfunktionär die lebendige österreichische Literatur abgedrosselt. Er war der Herr über Stipendien, Preise, Fördergelder, Postenbesetzungen, Meinungsmache. Vor allem war er der Gralshüter der Ideologie. Der vorgeschriebenen Volksreligion, die da hieß: Ein Autor in Österreich hat über den rechten Ungeist zu schreiben. Jedes Thema, das er behandelt, muss in einem Zusammenhang dazu stehen.“

Amen.

Warum dauert das so lang?

Heute las ich im Zeit-Feuilleton, dass Ferdinand von Schirach nicht schreiben kann. Ich saß auf dem Fahrradergometer im Geisteszentrum, die artgerecht gefaltete Zeitung auf dem Display, machte Intervalltraining, schwitzte dabei wie Matthias Steiner im Fernsehstudio und dachte: Warum, zum Hügü, hat das nur so lange gedauert? Brauchte es tatsächlich vier kalte Krimis, bis man es endlich kapiert hatte?

Nun ja. Es reicht eben nicht, knappste Aussagesätze zu schreiben um wie Hemingway oder Carver rüberzukommen, man muss in die kurzen Sätze auch noch das Richtige reinlegen. Alle wissen das. Nur die Kritiker nicht.

Auf der anderen Seite, verteidigte Ursula März die staatliche Subevention für Autoren und zog zu diesem Behufe Martin Mosebach heran, der es ohne Zuschüsse aus Steuergeldern wohl nicht bis zum Büchner-Preis-Träger gebracht hätte … Wird das wieder so lange dauern?

Weitergedacht

Meine Tochter (9+) hat vor einigen Tagen, seriös, mit dem Fußballspielen angefangen. Im Club. Gestern, während des Ländermatchs Austria-Germanien, wollte sie von mir wissen, was «Abseits» ist. Nun, es gibt bestimmt Dinge, die einfacher zu erklären sind. Aber ich gab mein Bestes, und ich landete auf Anhieb einen Treffer. Ich erklärte ihr die Sache, trocken, ohne Anschauungsunterricht, und sie kapierte sie tatscählich beim ersten Versuch. Und noch während ich dachte: Sapperlot aber auch, und ich soll der Vater sein?, hatte sie schon weiter gedacht und meinte, dass man das ja ausnützen, und den Gegner absichtlich ins Abseits laufen lassen könnte? «Mein Liebling», sagte ich, » das nennt man Abseitsfalle.»

Ich gebe zu, ich war stolz auf meine Tochter, die so schnell kapierte und sofort fies schlussfolgerte. Das hatte was.
Von mir hat sie das nicht. Ich habe meine Fiesheit noch.

Hosen runter, Buben!

Ich habe, unter dem nur für Alemannen verständlichen Titel, «I d’Hosä, Gielä» (In die Hosen, Jungs!) neulich, blockend, das Schwing-und Älplerfest zu Burgdorf, gelobhudelt. Das darf ich. Obschon. Nicht unproblematisch, von einem sozio-kulturellen Standpunkt aus. Schwingen ist in. Man liebt es wieder. Das vaterländische. Es ist ein bisschen wie Uschi Glas und Carsten Maschmeyer am Boxring. Es ist aber noch ein bisschen mehr.  Kollege und Freund und Lektor Markus Schütz aus Bern, hat dann auch drauf geantwortet:

«… Deine romantisierenden Betrachtungen des Schwingfests kann ich dir wirklich nur verzeihen, weil du 1000 Kilometer weit weg bist und wohl nicht mehr genau siehst, wie es sich anfühlt hier in diesem Land. Hier, wo immer mehr alles, wo «Ausland» draufsteht, als genuin gefährlich, vergiftet, betrügerisch und sowieso irgendwie minderwertig wahrgenommen wird. So viel Schwingfest wie dieses Jahr war nie (und ich schliesse da glaub die 30er-Jahre mit ihrem Landi-Geist ein), es war wirklich übel, übel, übel. Ich bekomme das Kotzen, wie es jetzt auch bei den urbanen Intelellos Mode ist, sich dafür zu interessieren – meine alte These: Es waren erst die Linken, die Alternativen, die Hippies, die die Rückständigkeit des ganzen Schweizer Folklore-Brimboriums (mit gutem Grund) rehabilitiert haben; aber dieser Geist ist jetzt aus der Flasche, und er beginnt wieder dieses Eigenleben zu leben, das man ausretten sollte.

Im «Echo der Zeit» gabs einen Beitrag zum Schwingfest, O-Töne von Besuchern. Einer meinte, dass es schön sei, an einem Fest auch mal unter sich, ohne diese Ausländer, zu sein. Ein anderer, dass dass man wenigstens an einem Wochenende die üblen Themen wie etwa Immigration und Wirtschaftskrise vergessen könne.
Nein, Schwingen geht nur ab 1000 Kilometer Entfernung. »
Nun ja. Da ist vieles wahr und richtig, und trotzdem ist «Schwingen» klasse. Auch 10000 grölende Fans können einem guten Fußballspiel nichts anhaben. Und wenn wir schon dabei sind, mein Freund, warum ist die strunzdepperte, lallende und gläubige Fußballfangemeinde in dieser Hinsicht nie ein Thema?

Und das Ding mit den Ausländern: ich lebe in Österreich, da hat das Wort «Ausländer» die gleiche Scheiß-Konnotation wie in Alemannien: 100 % negativ.

Das fiel sogar dem alten Ringerviecherl John Irving auf, damals, als er noch in Wien gelebt hat. «Ausländer», das kam einfach nicht gut, das war schiach.
Trotzdem ist Schwingen guter, harter Kampfsport
Ich erinnere mich an die Zeit, als wir Hippies diese kragenlosen Sennerhemden trugen. Eine Weile. Dann verschwanden sie wieder.
Wie alles andere auch.

I d’Hosä, Gielä …

Mas o menos 2 Tage habe ich vor dem TV verbracht, d.h. ich habe den Lappi auf den bluesroten Gitarrespielhocker gestellt, Lästiges erledigt, aber vor allem, habe ich das Eidgenössische gekuckt. Schwingen. Alle 8 Gänge & Schlussgang, the entire fucking Schwingfest zu Burgdorf 2013.
Nur die Rede vom Bundespräsidenten habe ich verpasst, aber die kannte ich auswendig, schon bevor sie gehalten wurde.

Ich mag Schwingen. Ich mag Sport. Ich mag vor allem Kampfsport. Und Schwingen ist ein äußerst interessanter und etwas komplizierter Kampfsport. Und wie die meisten Sportler, mag ich auch die Schwinger. Nun ja. Schwingen ist der Schweizer Nationalsport, wie Hurling der der Iren. Das hat immer etwas vaterländisches, so ein Nationalsport. Das Gute am Nationalsport ist, dass man nicht zum Patrioten werden muss, da keine ausländischen Kämpen mittun. Höchstens Lokalpatriot. Aber da besteht bei mir keine Gefahr. Kampfsport ist Sache von Individuuen. Fuck the fucking flags!

Und es war mehr als seltsam, aber vergnüglich, dass in dem ganzen, temporär aufgewuchteten Stadion, in dem mehr als fünfzigtausend Zuschauer saßen, keine einzige Werbung zu sehen war. Weder zu Lande, noch in der Luft, noch zu Wasser (Schwingerbrunnen). Keine Flaggen, Fahnen, Wimpel. Nur Baseballkappen von Lidl und die Fahnen der Fahnenschwinger. Und falls einige im Publikum sich bemüssigt fühlten, die Sportler auszupfeifen, wurden sie vom Stadionsprecher zusammengestaucht. Das ist richtig so. Obschon es schon fast irre strange anmutet, dass der normale, demokratisch verwöhnte Wappler mal gesagt bekommt, was sich schickt und was nicht.

Ich weiß. All das gefällt einigen sehr, mit denen ich mich nicht gemein machen will. Aber es ist einfach entspannend mal eine Zigtausend Menschenmenge zu sehen, in der nicht alle die Fresse bis zum Arsch hinunter aufgerissen haben und dabei brüllen wie Stiere auf Chrystal Meth und Flussziegen auf Nitroverdünner.

Gewonnen hat der Sempach Mathias. Klasse Sportler. Ein verdammt würdiger Schwingerkönig.

Die Redaktion gratuliert.

P.S: In Berlin ist Literaturfestival. 3 Schweizer Autoren sind auch dabei. Raten Sie mal, wer zuerst genannt wird? … ganz genau …