Madonnas Schmuckkästchen

Was wäre die Welt ohne Madonna? (Nein, nicht die Jesus-Mama. Die andere.)
Was sie wäre?
Ein hüfttiefer Pfuhl aus nichts als Heuchelei, Verklemmtheit und Unterdrückung der Frau. Aber zum Glück gibt es Madonna und sie öffnete uns gerade eben wieder mal die Augen für das Heucheltum der Gesellschaft, die gerade die göttlichen Nippel Madonnas mit einem schwarzen Balken zensiert hat.
Also – so Frau Madonnas Argumentation – wenn Frau Kardashian ihren wahrhaft beeindruckenden Hintern herzeigen darf, dann darf sie uns wohl auch ihre Nippel aufs Auge drücken, oder was?
Fucking hypokrits!!

Ich fragte mich, was wir eigentlich von Frau Madonna noch nicht gesehen haben? ….. Ja, genau … das haben wir noch nicht gesehen.
Also raus damit. Voll aufs Cover, voll aufs Auge. Wir müssen es sehen, das Madonnsche «Schmuckkästchen» (© Dr. Elliot Reed). Erst wenn alles entblößt, enttabuisiert und millionenfach reproduziert worden ist, ja, erst dann dürfen wir uns wieder unseren mickrigen Problemchen widmen, jenen Problemchen, die wir verklemmten Heuchler-Zensoren eben so zu haben pflegen …

Hört auf zu flennen

Ich saß auf meinem Lieblingsfahrradergometer im Geisteszentrum und las in einer Wochenzeitung einen Artikel, den ein Vater über sein Vatersein verfasst hatte. Wenn man ihn in einem Wort zusammenfassen möchte: Ungenügen.
Mit etwas mehr Worten: Versagensängste und Ungenügen.

Das ist nichts Neues. Alle Papas und Mamas wollen die besten Eltern der Welt sein. (Also, ehrlich gesagt: Ich nicht.) Eine Verlängerung des Karriere-ratrace bis ins Kinderzimmer. Sie merken natürlich nichts davon. Sie wollen ja nur die besten Eltern sein. Und sie erinnern sich mit Wehmut daran wie es war, als sie mit 11 krank im Bett lagen und Mutti immer wieder mal reinschaute und ihnen was brachte. Einen Apfel. Milch mit Honig. Den neuen Sigurd-Comic. So möchten sie es auch halten. Wenn sie nur nicht so karrierig wären.

Und weil damals die Papas der Papas kaum Zeit für sie hatten, möchten sie es anders machen und ganz viel, viel, viel Zeit haben für ihre Jungs. Sie erinnern sich wehmütig daran wie es war, als sie Kinder waren und immer draußen herumhüpfen-laufen-strolchen-spielen konnten. Und niemand danach fragte.

Und trotzdem fehlen ihnen heute die Stunden mit ihren Vätern?
Das ist irgendwie seltsam.
Das war doch Beste an allem! Das die Erwachsenen nicht zugegen waren. Vor allem die Väter. Nur keine Väter. Die nervten doch. Überhaupt, Erwachsene! Piss off!, hätten wir gesagt, wenn wir dieses Wort schon gekannt hätten.

Papis, das sind nur Phantomschmerzen. Lest halt euren Jesper Juul (Falls der Magen diesen Puderzucker verträgt).
Hätte hier einen etwas anderen Vorschlag.
Er stammt vom US-Neurobiologen Steven Petersen: „»Ziehen Sie Ihr Kind nicht in einem Schrank auf, lassen Sie es nicht verhungern, und schlagen Sie ihm nicht mit einer Bratpfanne auf den Kopf.“»

Und hört auf zu flennen, ihr Susis!

Listen to the wind

Dass unser Redaktionsoldie nicht zur Arbeit erschienen war, gab uns zu denken. Macht er sonst so nicht. Immer pünktlich, immer korrekt: Alte Schule. Und nun taucht er an drei Tagen nicht auf. Was war nur los? Musste man sich Sorgen machen? Ist ja nicht mehr der Jüngste, der Manno …

Aber dann, heute Morgen, kam er daher, sein Gesicht verschrieben mit den Abenteuern, mit denen er erst nicht rausrücken wollte, aber die Lady, die bei uns die Meth-Schälchen befüllt, die ist ja mit allen Wassern gewaschen, und nachdem sie ihm eine schöne, satte Line zurecht gerecht und dabei ihr Dekollte wunderbar ausgestellt hatte, brach es dann doch aus ihm heraus.
«Alles muss man selber machen!», blaffte er laut, und in zwei Sekunden war er von den anderen Redaktionsmitgliedern umringt. Nur Pepita, unsere 17-jährige Türsteherpraktikantin lümmelte noch lau an der Tür herum, und tat so, als hätte sie zu arbeiten. Dauerte aber nicht lange und dann kam auch sie herangeschlappt.

«Was musstet du selber machen», sagte die Meth-Lady honigsüß, was sonst überhaupt nicht ihre Art war, so dass alle sich ein wenig verwundert ansahen. «Sprich zu uns.»

Und dann erzählte er uns, wie er in Germany in den Sturm geraten war, und wie er fast 3-Tage und Nächte in Doblercity festsaß, und als es dann mit dem Zug weiterging, es dann doch nicht weiterging, nicht so richtig, und man für eine Strecke von 2 Stunden fast 6 Stunden brauchte.
Mit Zwischenstopps auf Bahnsteigen, in Stationen, von denen noch nie jemand etwas gehört hatte, und wie dann alle im bissigen, kalten Schneeregen standen und warteten; geduldig, gelassen, kuhäugig, freundlich, witzelnd, stur, stumpf, so dass der Oldie mit seinem Ärger darüber (den er mühsam verbarg) ziemlich alleine war, und ihm dabei klar wurde, dass diese Menschen alles hinnehmen würden. Vielleicht nicht gar alles, aber doch alles, und sie nie auf die Idee kämen, den kleinen Pimperlbahnhof in Brand zu setzen oder den Zug auseinanderzunehmen, nur damit die das nächste Mal nicht vergaßen ein bisschen Information über die Lage usw. auszugeben, damit wenigstens der Schein gewahrt wurde, nicht nur ein dummes Untertanentier zu sein.

Peter Bichsel zum 80-er

Ende der sechziger Jahre kam in der Schule als Lesestoff Peter Bichsels «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» auf die Pulte (falls noch jemand weiß, was das ist, ein Pult). Damals war der Autor noch nicht mal dreißig Jahre alt, aber auf dem Weg ein Großer zu werden. Ein Poet. Nicht das, was man heute gerne einen «professionellen Schriftsteller» nennt. Bichsel ist der Anti-Fauser. Kein Geschäftstmann. Ein Mann, der sich diesen unverstellten Kinderblick auf die Dinge bewahrt hat.
Ich kaufe seine Bücher nicht. Nur manchmal lese ich in den wenigen Texten, die ich von ihm habe. Sie sind großartig in ihrer schlichten Zartheit und Frische und Traurigkeit. Nie sentimental. Nie.

Peter Bichsel ist ein Linker geblieben. Und einer der wenigen, denen das nicht die Schreibe zsammghaut hat. Das ist selten. Er ist noch immer so gut wie damals, als er in der Schule auf meinem Pult lag, kurz bevor der erste Mensch auf dem Mond spazieren ging.

Heute wird er 80 Jahre alt. Das freut mich sehr. Ich mag ihn, ohne ihn persönlich zu kennen. Ich wünsche ihm noch viele Jahre. Oder wie die Spanier sagen:

CIEN ANOS!

Das Sprüchemuseum (54)

«Ich bin eigentlich ein Großstadtmensch, hab es aber zu spät gemerkt, weil ich Zürich für eine Großstadt hielt.»

Der Schweizer Poet und Schriftsteller Peter Bichsel (über das Wesen der Kleinstädte)

Wir sagen: Danke, Peter Bichsel, Danke für diesen wahren Worte!

Und wir gratulieren zum 80-sten Geburtstag am 24. März. Cien Anos!

Köstlich

Wahrlich, man hat ja heute nicht mehr oft Grund zu lachen, und seit das Kabarett auch in die glitschigen Hände der Bezichtigungsdjihadisten gefallen ist, noch weniger.
Aber trotzdem kein Grund zur Verzagtheit. Es gibt immer noch die Bestsellerliste, und auf Amazon kann man auch in die Bücher reinschauen, und hier findet sich immer Lustiges. Meistens schon in den ersten Sätzen.

Zum Beispiel beim neuen Adler-Olson Samenerguss, Verheissung:

«Warum zum Teufel, versprühen seine Augen so viel Schalk? Spielte da ein Hauch von Ironie mit?»

Köstlich!

Das Sprüchmuseum (53)

«Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil du auch ein Arbeiter bist.»

Gesungen von Blockupy-Aktivisten im Zug, kurz vor Frankfurt.

Wir sagen: Déjà vu. Smells like seventy-spirit. Und die Mainstreammedien haben schon wieder Filmaufnahmen gefakt, in denen hinter den Reihen der Arbeiterfront Polizeifahrzeuge angezündet wurden. Andere, gefakte Filmaufnahmen, sind ebenfalls zu sehen, in denen die Aufnahmen von Polizisten, die auf wehrlose Kranke und Behinderte eindreschen, einfach rausretouschiert wurden.

Das haben die nicht verdient

Österreich ist Spitze.
Beim Saufen und Rauchen. Ganz vorne. Schon bei der Jugend.
Wer ganz, ganz, ganz viele Postings haben wollte, der schrieb in Online-Zeitungen, zum Beispiel, dass Experten rausgefunden haben sollen, dass Rauchen doch nicht so gesund sein soll. Nicht mal dann, wenn man den Rauch dem Kind ins Gfries bläst.
Da gings ab. Postingmäßig. Da wurde und wird die Freiheit einem anderen zu schaden, bis aufs Blut verteidigt.

Das läuft heute immer noch, aber nur noch auf Rang 2.
Platz 1 belegt in diesem herzigen Land, in dem so viele einen Führer herbeisehnen, nun der Artikel eines Kommentators der es wagt Putin zu kritisieren.
Da schnellt der Aggressionspegel nach oben, wie im heiligen Russland, wenn wer etwas gegen den Gröfaz sagt.
Falls er es denn überlebt.

Wer eine ruhige Kugel schieben will, journalistisch gesehen, der schreibt, dass die USA in Afghanistan und im Irak interveniert haben, weil sie dort ungeniert ihrem Hobby, Hochzeiten zu bombardieren, frönen können.

Dann hat der Mainstream endlich mal was geschrieben, was stimmen tut.

Glückliches Bergen

Hat der, die, das geneigte Lesende, schon mal etwas von Bergen gehört? Nein, nicht diese halbhohen Hügel auf denen man sich Kunststoffdinger an die Füße schnallt um sich draußen im Schnee, beschallt von Anton aus Tirol, mit billigem Schnaps zuzudröhnen, und die man hierzulande seltsamerweise als Berge bezeichnet? Sondern Bergen, Norwegen oder wie Wikipedia formuliert: Bergen [ˈbærgən] ist mit 272.612 Einwohnern (Stand 30. Juni 2014) die zweitgrößte Stadt Norwegens.

Und? Schon mal gehört? Eine Städtelein wie Graz oder Zürich, oder ziemlich genauso groß wie Dobler-City alias Augsburg. Mas o menos Städte, die wie Cailloux mal schrieb: «Auch als Enttäuschung eine Enttäuschung sind», nichts besonderes, guter Durchschnitt, nicht wirklich groß und nicht wirklich klein. Aber in Bergen, meine Lieben, da gastiert heute Abend der große Ryan Adams. Ja, richtig gelesen: Ryan kommt nach Europa und spielt in «Bergen, Norway». Und am nächsten Tag in Oslo und dann in California, USA.

Diese Nachricht hat das Zeug mich fertig zu machen. In Bergen, Norwegen, Ryan Adams.
Ich verehre einige Musiker, aber Ryan Adams liebe ich. Ich gehe niemals an Konzerte, ich glaube mein letztes war 1994 Johnny Cash, aber um zu Ryan Adams zu kommen, würde ich Luft in meine Fahrradreifen lassen, den Staub vom Sattel pusten, und von mir aus, nach München reiten.

Wien ist eine gute Stadt. Die beste Stadt für Leute, die Typen wie Ryan Adams aus dem Weg gehen wollen.