Das Sprüchmuseum (53)

«Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil du auch ein Arbeiter bist.»

Gesungen von Blockupy-Aktivisten im Zug, kurz vor Frankfurt.

Wir sagen: Déjà vu. Smells like seventy-spirit. Und die Mainstreammedien haben schon wieder Filmaufnahmen gefakt, in denen hinter den Reihen der Arbeiterfront Polizeifahrzeuge angezündet wurden. Andere, gefakte Filmaufnahmen, sind ebenfalls zu sehen, in denen die Aufnahmen von Polizisten, die auf wehrlose Kranke und Behinderte eindreschen, einfach rausretouschiert wurden.

Das haben die nicht verdient

Österreich ist Spitze.
Beim Saufen und Rauchen. Ganz vorne. Schon bei der Jugend.
Wer ganz, ganz, ganz viele Postings haben wollte, der schrieb in Online-Zeitungen, zum Beispiel, dass Experten rausgefunden haben sollen, dass Rauchen doch nicht so gesund sein soll. Nicht mal dann, wenn man den Rauch dem Kind ins Gfries bläst.
Da gings ab. Postingmäßig. Da wurde und wird die Freiheit einem anderen zu schaden, bis aufs Blut verteidigt.

Das läuft heute immer noch, aber nur noch auf Rang 2.
Platz 1 belegt in diesem herzigen Land, in dem so viele einen Führer herbeisehnen, nun der Artikel eines Kommentators der es wagt Putin zu kritisieren.
Da schnellt der Aggressionspegel nach oben, wie im heiligen Russland, wenn wer etwas gegen den Gröfaz sagt.
Falls er es denn überlebt.

Wer eine ruhige Kugel schieben will, journalistisch gesehen, der schreibt, dass die USA in Afghanistan und im Irak interveniert haben, weil sie dort ungeniert ihrem Hobby, Hochzeiten zu bombardieren, frönen können.

Dann hat der Mainstream endlich mal was geschrieben, was stimmen tut.

Glückliches Bergen

Hat der, die, das geneigte Lesende, schon mal etwas von Bergen gehört? Nein, nicht diese halbhohen Hügel auf denen man sich Kunststoffdinger an die Füße schnallt um sich draußen im Schnee, beschallt von Anton aus Tirol, mit billigem Schnaps zuzudröhnen, und die man hierzulande seltsamerweise als Berge bezeichnet? Sondern Bergen, Norwegen oder wie Wikipedia formuliert: Bergen [ˈbærgən] ist mit 272.612 Einwohnern (Stand 30. Juni 2014) die zweitgrößte Stadt Norwegens.

Und? Schon mal gehört? Eine Städtelein wie Graz oder Zürich, oder ziemlich genauso groß wie Dobler-City alias Augsburg. Mas o menos Städte, die wie Cailloux mal schrieb: «Auch als Enttäuschung eine Enttäuschung sind», nichts besonderes, guter Durchschnitt, nicht wirklich groß und nicht wirklich klein. Aber in Bergen, meine Lieben, da gastiert heute Abend der große Ryan Adams. Ja, richtig gelesen: Ryan kommt nach Europa und spielt in «Bergen, Norway». Und am nächsten Tag in Oslo und dann in California, USA.

Diese Nachricht hat das Zeug mich fertig zu machen. In Bergen, Norwegen, Ryan Adams.
Ich verehre einige Musiker, aber Ryan Adams liebe ich. Ich gehe niemals an Konzerte, ich glaube mein letztes war 1994 Johnny Cash, aber um zu Ryan Adams zu kommen, würde ich Luft in meine Fahrradreifen lassen, den Staub vom Sattel pusten, und von mir aus, nach München reiten.

Wien ist eine gute Stadt. Die beste Stadt für Leute, die Typen wie Ryan Adams aus dem Weg gehen wollen.

Indignation à l’autrichien

Die Empörung ist groß. Auch in Austria. Schon wieder ist es passiert. In den USA, dem Land der kulturlosen Kriegstreiber und der Allein-Schuldigen am Elend dieser Welt, ist wieder ein unbewaffneter 19-jähriger von einem Cop erschossen worden. Kein Wunder, in diesem rassistischen, korrumpierten, kaputten – ich sagte es schon – «An-Allem-Schuld-Land».

Nun, der junge Mann hatte den Cop angegriffen und dieser hatte geschossen. Das nennt man Rassismus.
So was ist zum Glück in Österreich nicht möglich. Gibt zu wenig Afroamerikaner hier. Nur hin und wieder knallt die Polizei ein paar unbewaffnete Rumänen ab, oder mit Plastikflaschen bewehrte, verwirrte Kurden oder schießt einem 14-jährigen, unbewaffneten Einbrecher aus Notwehr in den Rücken.

Ein kleiner Text aus «Das Flackern der Flamme bei auffrischendem Westwind» von 2006:

«… Innerhalb weniger Monate wurden in Wien 3 Männer von der Polizei zu Tode gebracht. Zwei starben durch Kugeln, einer wurde erstickt. Man fackelte nicht lange. Es bestand – so wurde später festgestellt – in keinem Fall die Notwendigkeit zu töten. Es kam zu Prozessen gegen die beteiligten Beamten. Die Urteile fielen ebenso lachhaft, wie – für die Angehörigen der Opfer – demütigend aus. Das Urteil für einen Beamten, der einen mit Plastikflaschen bewaffneten Mann durch Schüsse in den Bauch getötet hatte, macht geradezu schwindeln: Der Richter folgte der Begründung des Verteidigers, der die Schuldlosigkeit seines Klienten damit argumentierte, dass dieser im Schusswaffengebrauch nicht richtig ausgebildet sei. Die Republik ist nicht klagbar …»

Wie es euch gefällt (2)

«Österreich ist abgesandelt», ließ der Ösi-Wirtschaftskammerpräsident Leitl neulich verlautbaren. Herrjeh, das gab ein Geschrei! Aber warum eigentlich? Ist ja wahr. (Vielleicht deswegen?) Kriegen ja nichts auf die Reihe. Auch Leitl nicht. Nur endloses Gequatsche, Nivellierungen und faule Kompromisse. So auf ziemlich jeder Ebene.
Und das bringt mich zum Grimme-Preis.

Auch «abgesandelt», der Preis, auf jeden Fall. Denn man hat «Die Anstalt» ausgezeichnet, diese völlig ironiefreie, humorbefreite Klapse des gepflegten deutschen Antiamerikanismus, Spießerhamur aus der Rechthaber-Döner-Schmiede, Wohlfühlgeschnukkse für die, die auf der richtigen Seite sind, vorgetragen von Bezichtigungswapplern, die bar jeder Selbstironie, und auch ohne nur ein versifftes Sackhaar von ihnen selber zur Disposition zu stellen, so Pegida-mäßig rührig, die «Schastrommel» geben.
Abgesandelte Schastrommeln! Ab zum Sacklpicken.

Unverständlich

Es wird langsam unverständlich, warum neben der supersüßen, hypergscheiten Putinorgel Sahra Wagenknecht, nicht auch Leute von der NPD in Talksshows geladen werden. Und um das Bild der Totalitären abzurunden: Warum nicht auch noch Veteranen, und Krieger in spe des IS?

Geht doch bei allen in dieselbe Richtung. Und wenn wir die eine aushalten müssen, dürfen wir doch die anderen nicht ausgrenzen …

Unser niedliches Museum der intellektuellen Aphasie (2)

«Der Knoten ist geplatzt.»

«Der Ball war nicht mit ganzem Umfang über der Linie.»

Unsere ewigen, redlichen Sturmreporter des glorreichen Fußballs.

Als Alex Megalo des gordischen Knoten ansichtig wurde, zog er sein Schwert und ließ den Knoten platzen. Nicht auszudenken, wenn er den Termin gelöst hätte. Denn wir wissen: Wer zu spät kommt, den bestraft der frühe Vogel. Aber auch der blinde Bauer fällt in die Grube, wenn die Kartoffeln groß sind.

2. Der volle Umfang des Fußballs beträgt etwa 70 cm.
Aber macht ja nichts. Hauptsache, wir schlucken die Krot, denn nicht jeder Frosch ist rund und ein Prinz.

Unser niedliches Museum der intellektuellen Aphasie (1)

Es ist eine Seuche. Falsch zusammengesetzte Redewendungen. Es scheint niemand mehr zu kümmern. Unsere Redaktion hat es dicke. Wir wehren uns. Wir krallen uns die Dinger und verfrachten sie in unser niedliches Museum der intellektuellen Aphasie.
Wir meinen es nur gut.  Denn wir wissen: Das Leben ist kein Ponylecken.

«…  Dort schlägt der Rheintaler Künstler faustdick zu.»

aus «Saiten»

Briefe von Hunter S. Thompson

«Keine Spiele mehr. Keine Bomben mehr. Kein Laufen mehr. Kein Spass mehr. Kein Schwimmen mehr. 67. Das ist 17 Jahre nach 50. 17 mehr als ich brauchte oder wollte. Langweilig. Ich bin nur noch gehässig. Kein Spass – für niemanden. 67. Du wirst gierig. Benimm dich deinem hohen Alter entsprechend. Entspann‘ dich – es wird nicht wehtun.“

Dies waren die letzten Worte des «Gonzo» Miterfinders Hunter S. Thompson, bevor er seinem Leben gelassen und wahrhaftig, wie ein römischer Philosoph, ein Ende setzte.
Auf den Tag genau vor 10 Jahren.
Wer Hunter S. Thompson nich kennt, nicht gelesen hat und auch nicht liest, dem ist nicht zu helfen. Oder eben doch: Mit dieser eben erschienen Ausgabe von Thompsons Briefen.

Dass nun der oberste Degenbewahrer und Thompson-Pfleger, der Autor und Edition Tiamat Verleger Klaus Bittermann, es sich nicht nehmen ließ, zum 10. Todestag von Hunter einen wahren Backstein herauszuwuchten, ist ein freudiges Ereignis, zu dem alle Glocken geläutet werden dürften.
Für einmal ist die Wumme eines 608 Seiten Ziegels, nicht nur breitgetretenes Creative Writing Bramarbasiern (damit diesem schönen Wort auch wieder mal die Ehre gegeben wird), sondern pure Notwendigkeit.
Denn die Briefe, die Thompson in den Jahren 1958-1976 an divesere Kollegen, Politiker und Freunde schrieb, sind echter Thompson, vielleicht sogar «Hyper-Thompson», denn hier sehen wir dem Autor zu, wie er seine «Dinger» vorbereitet, umkreist, anreißt, verwirft und/oder neu konzipiert.
Und nicht zuletzt ist es für einen wie mich, der 2 Jahre vor dem ersten Thompson Brief geboren wurde und in den 70-ern ebenfalls eine verdammt gute und anstrengende Zeit hatte, ein – ja – historisches Dokument.
Schlag den Ziegel irgendwo auf, lies und juble!

Hunter S. Thompson
Die Odyssee eines Outlaw-Journalisten
Gonzo-Briefe 1958-1976
Hardcover 608 Seiten
€ 28.-
Edition Tiamat