Der Hass der Götter

Ich bin äußerst lärmempfindlich. Und noch vor Ben Webster, Chet Baker, einigen Country-Größen, ziehe ich die Stille vor. Ich bin ein Stille-Aficionado. NIchts behagt mir mehr und steigert mein Wohlbefinden, als wenn es still ist.

Anfang August waren wir en famille auf einer Alm in Kärnten. Auf 1500 Metern Seehöhe in einem Gasthof neben einem Schilift. Der Gasthof war sozusagen als Ferienhaus zweckentfremdet. Es gab eine sogenannte Sonnenterrasse mit Blick auf die steile Alm auf der 4 prächtige Rinder grasten. Zwei davon hatten Glocken um den Hals. Dann gab es noch einen Brunnen. Die Rinder waren nicht immer zu hören und zu sehen. Der Brunnen schon. Was für einen verdammten Krach der machte! Scherz …

Ich saß meist draußen unter einem Sonnenschirm rauchte hin und wieder eine Zigarre und tat nichts, außer die absolte Stille in mich einsaugen. Nirgends ein Mensch, kein Auto, keine Elektrohämmer, kein Bauschlochgebrüll, und die Familienmitglieder auf täglicher Wanderschaft. Man könnte sagen, ich war gerade dem Paradies nahe: Keine Hitze, kein Lärm, keine Menschen. Und hin und wieder die prächtigen Rinder, die her kamen um sich am massiven Holzzaun den Hals und die Flanken zu scheuern.
Ganze 6 Tage.

Seit neun Jahren lebe ich auf einer Baustelle. Im Grätzel werden nach und nach alle Altbauwohnungen „saniert“. Und saniert wird von diesen unsagbaren Stümpern von Bauschlöchern ausschließlich mit Elektrohammer, Flex und Fäustel. Jede Handlung der Stümper drückt ihre Verachtung für ihr Tun aus, für Werkzeug, Baustoffe und das Wohlbefinden anderer, ihr Ziel ist es, mit allem was zur Hand ist, den größtmöglichen Lärm zu erzeugen. Darin sind sie Weltklasse.

Manchmal wenn’s wieder mal ganz schlimm und sinnlos kommt, wünsche ich mir, es wäre erlaubt, Bauschlöchern etwas anzutun, sich für die erlittenen Schmerzen zu rächen..

Aber da es nicht erlaubt ist, bleibt mir nur die ohnmächtige Wut, und der ausgedehnte Aufenthalt im Gym.
Denn, wenn ich tatsächlich mal so weit kommen sollte, dass mir die Konsequenzen der Tat egal wären, so würde mich ein Gedanke von der Aktion abhalten. Ich bin mir sicher, dass, wenn man mich in die Zelle des Gefängnis bringen würde, dieses gerade renoviert und umgebaut würde. Cento per cento.

Denn auf mir scheint ein Fluch zu lasten. Als ich vor einigen Wochen im Krankenhaus eincheckte um mich einer OP zu unterziehen, war das erste was ich am Morgen nach dem Erwachen hörte, das Ballern eines Elektrohammers direkt über mir.

Unter den Göttern sind welche, die mich abgrundtief hassen.