Der Lügenbischof

Der Augsburger Bischof Mixa, dessen Name einen stimmigen Reim abgibt, soll den Papst um seinen Rücktritt gebeten haben. Was sich dieser Hirten Stab-Mixer zuvor geleistet hat, erinnert in der Art und Weise an die diversen Strauchdiebe österreichischer Provenienz, an frühere Finanzminister und andere Ganoven: Immer alles abstreiten und nur so viel zugeben, wie auch nachgewiesen werden kann.

Dass Mixa mit dem Leugnen der von ihm ausgeteilten Prügel die Geprügelten diffamierte und sie der Lüge zieh, ist, finde ich, nicht wirklich verzeihlich. Nicht die Prügel selber, die gehörten damals zur Folklore (die alten Nazisschen wussten es nicht anders), aber das Leugnen wiegt schwer.

Meiner Meinung nach gehört das alte, welke, weich-faltige Fleisch dieser Leib gewordenen Erbärmlichkeiten, mit der Nilpferdpeitsche gestreichelt. Die mächtigen Kirchenmänner wissen nicht mehr, was Schmerz bedeutet. Und die brennenden Striemen auf dem gräulichen Fleisch ihrer Rücken möge sie an den Tort ihres Herrn erinnern und daran, dass dieser niemals zugelassen hätte, dass in seinem Namen gelogen würde und Unrecht geschähe.

Das Beste

Wieso empfinde ich nicht ein bisschen Schadenfreude? Der kleine Vulkan räumt den Himmel leer und ich merke, dass mir das nicht gefällt. Mir fehlen die Jets die im Minutentakt, von links unten nach rechts oben, über mein Hinterhoffenster streichen. Als hätte der Himmel sich ein paar Feiertage genehmigt. Nun haben die Tauben die absolute Lufthoheit. Sie versuchen immer wieder auf dem winzigen Balkon ein Gelege anzubringen. Mir sind die Jets lieber. Sollen die doch auf meinem Balkon brüten.

Ich bin froh, dass ich gerade nicht reisen muss. Mit was auch immer. Voll wär’s auf jeden Fall. Die Züge sind nun voller Bahnreise-Amateure. Man muss wissen wie Zugfahren geht, sonst geht man seinen Mitmenschen auf den Geist. In Deutschland z.B., sind die Reisenden außerordentlich langmütig. Auch in komplett überfüllten Zügen. Eine hervorragende Eigenschaft. Vor allem für die Zukunft. Auch in der Schweiz macht sich in diesem Fall die berühmte Schweizer Zurückhaltung bezahlt. In überfüllten Transportmitteln lässt sich der Zivilisationsgrad einer Nation messen.

Über die Reisezustände in Österreich schweige ich.

Ich habe die Vulkanaschenwolkegeschichte am Fernsehen verfolgt. Bilder aus Flughäfen. Überall langmütige Menschen. Sie sitzen, liegen, stehen, gehen. Sie warten. Manchmal tagelang. Einige werden ihre Schiffe für ihre Lebens-Kreuzfahrt verpassen. Anderen wird ein gutes Geschäft durch die Lappen gehen. Wahnsinnig Verliebte schmoren im Fegefeuer des Verlangens und Sehnens. Kinder erwarten ungeduldig ihren Papa. Mütter müssen sich mit Fotos ihrer Kinder vertrösten. Und all das ertragen diese Menschen klaglos. Ruhig. Gefasst. Gelassen. Ich kann es einfach nicht glauben. Ich denke, dass ich mich wie das größte Arschloch benehmen würde. Voller Wut auf diesen Scheißvulkan. Irgendwo in einer Lounge müsste ich vermutlich einen Mülleimer zusammentreten. Ich glaube, ich wäre nicht so entspannt. Na ja. Vielleicht wäre ich in Wirklichkeit auch nicht so übel, und würde mir an den anderen ein Beispiel nehmen. Das könnte sein. Ich hoffe es.

Sieht so aus, als bringe der Vulkan das Beste in den Menschen hervor.

Und der alte Misanthrop kann nur staunen…

Sunday moaning comin‘ down – Poetry

Benedikt Maria Kramer (*1979) lebt und arbeitet in Augsburg als Steinmetz auf dem Friedhof, und als Autor am Schreibtisch. Einige seiner Gedichte wurden von der Band Rabenbad, deren Sänger er war, vertont.

Mein Bruder ist immer noch Sozialist

Vor zwei Wochen rief mein Bruder bei meinen Eltern an
ob sie ihm vielleicht bei seinem Umzug helfen könnten.
Sie halfen ihm.
Meine Mutter putzte die Fenster
und er fuhr auf die nächste Demo.

Gestern kochte ich für meine Mutter
Geschnetzeltes mit Kartoffelbrei.
Mein Bruder erschien pünktlich zum Essen
rümpfte die Nase
über das Tischgebet.

Er erzählte uns, dass er Ostern
in einem Tenniscamp an der Adria verbringe
und das könnte auch ganz witzig werden
selbst wenn die Gespräche dort
nicht unbedingt geistreich seien.

Heute kam mein Bruder unangemeldet bei mir vorbei
gab mir Post Office zurück
und lieh sich Das Kapital aus.
Ich fand
das war ein fairer Tausch.

Der Schluss aller Schlüsse!

Das fing ja gut an. Außergewöhnlich. Tempo, halbwegs intelligente Dialoge, und nicht jede Szene endete mit einer «Wuchtel». Nur jede zweite. So was ist man von österreichischen Fernsehserien nicht gewohnt. Man verspürt den Drang, endlich mal zu loben. «Aufschneider» hieß der TV-Zweiteiler, der gerade eben ausgestrahlt wurde. Schauplatz Wien, genauer: die Pathologie (soviel «Wien-Flair» muss einfach sein) eines Krankenhauses. Die Story? Eine Familiengeschichte, was sonst? Jede österreichische TV-Serie ist immer ein gesampeltes Remake des «Kaisermühlenblues» und des «Mundels». Geht nicht anders. Der Autor Ernst Hinterberger ist ein Titan. Man kann sagen, er hat für Generationen das Lieblingsselbstbild des Wieners und seiner Artverwandten so nachhaltig geprägt, dass es einen Krieg brauchen wird, um dieses Bild wieder zu tilgen. Aber nicht mal darauf würde ich 50 Cent setzen.

Der zweite Teil brachte es dann weniger. Die Handlung kam nicht vom Fleck, die Wuchteldichte erreichte vulkanaschewolken Ausmaße und verhinderte jeden Ideenflug. Die Charaktere wurden läpprig, die Männer infantilisierten, die Frauen zickten schwanger herum; ein gemütliches Geösterreichere hob an, jeder hat schon mal jeden gefickt, hintergangen, betrogen, belogen, geschlagen, ausgebootet, verraten, mies gemacht, in den Arsch getreten, gelinkt, bedroht, bedrängt, geküsst, schwanzgelutscht, angeschwärzt, verlassen, versöhnt und angeschrieen.

Eigentlich nicht der Rede wert. Warum der «Aufschneider» aber doch der Rede wert ist, verdankt er seiner Schlusssequenz. In der sieht man Meret Becker, die als deutsche Bestattungsunternehmerin mit den beiden Gehilfen der Pathologie einen Handel mit Augäpfeln der Toten (zwecks Gewinnung von Hornhäuten) aufgezogen hatte, das Krankenhausareal verlassen. Der Deal ist geplatzt. Die Geschichte aufgeflogen, der Pathologieneuling Wieser hat den Betrug und die Schändung der Leichen auch brav seiner neuen Chefin gemeldet. Interessiert die aber eigentlich nicht. Die Deutsche (Das Böse) verlässt das Krankenhaus wie eine Single Eva, die aus dem Paradies gejagt wird: Schön, gefährlich, scharf, verführerisch. Während sich unten, im Pathologieaufenthaltsraum, die gesamte österreichische Sippe am Lieblingsmöbel der Nation, dem «Runden Tisch» in der gemütlichen Hölle versammelt hat. Alle. Die Linker und die Gelinkten, die Ficker und die Gefickten, die Betrüger und die Betrogenen, auch diejenigen, die vor Sekunden noch abgrundtiefer Hass trennte, alle sind jetzt vereint am «Runden Tisch», und der Zuschauer weiß: Jetzt ist alles gut, jetzt ist Österreich!

Das Böse, das Deutsche, das Fremde trifft draußen vor dem Krankenhaus auf das andere Fremde, ausländische, den indischen Taxifahrer. Was für ein Zufall!, möchte man rufen. Und das Fremde kennt sich. Der klugscheißernde indische Taxifahrer entpuppt sich – und nun kommt die absolute Mega-Giga-Überwuchtel – als Deutscher! Und schon singen der als Hindu maskierte Deutsche und die sündige Eva aus Berlin das Antiösterreicherlied: Tirol ist Scheiße! Österreich ist Scheiße!

Und sie hauen ab. Österreich ist frei!

Und wir wissen es nun alle: Der Österreicher an sich ist gut. Auch wenn er ein Betrüger, Schläger, Folterer, Leichenschänder ist: Er ist gut. Das Böse kommt in jedem Fall von außen. Er wird dazu verführt. Wäre die Deutsche nicht, gäbs kein Geld für Leichenaugäpfel. Hätte die Becker nicht des Gehilfen Schwanz gelutscht, hätte er nicht seine Skrupel über Bord werfen müssen. Ja, was hätte er denn tun sollen, der arme Verführte?

Und nun sitzen sie alle am runden Tisch und tun das, was man hierzulande an einem runden Tisch immer tut: Man kehrt das Gewesene unter den Teppich und «Schaut in die Zukunft».

Es ist ein Ösi-würdiger Schluss. Es ist der Schluss aller Schlüsse. Er ist der Schlüssel.

Und selbst H.C. Strache und die Nazisschen könnten es nicht besser sagen: Das Böse kommt immer von außen. Lassen wir es nicht hinein. Schmeißen wir es raus!

Schön, dass wir wir mal darüber geredet haben (ll)

Hin und wieder werde ich darauf aufmerksam gemacht, dass es mir, einem Wiener mit Migrationshintergrund, gut stehen würde, meine Klappe nicht so weit aufzureißen und mich nicht so platt, heftig, ironisch, sarkastisch, böse, verächtlich zu österreichischen Zuständen, Begebenheiten, Eigenheiten usw. zu äußern. Nun, das hat vielleicht etwas für sich. Ich sage vielleicht, weil ich mich in meinen ersten Büchern auch in dieser Art über die Schweiz geäußert habe, damals, als ich noch dort lebte. Es scheint in meiner Art zu liegen, dass ich mich ungefragt zu den Zuständen und Begebenheiten des Landes in dem ich lebe, äußere.

Wie andere Bewohner dieses Landes mit Migrationshintergrund lebe ich hier, schicke meine Kinder zur Schule, bin hier steuerpflichtig, habe kein Anrecht auf Subventionen, Transferleistungen, Penison. Und kein Recht zu wählen. Meine eigenen Bücher, und die von anderen Autoren in meinem Verlag publizierten, werden zu 90% im Ausland erworben. Da sollte ich doch zufrieden sein.

Interessant wäre es zu erfahren, zu welchem Zeitpunkt ich vom «UFURMIMIHI» (unbefugter Raunzer mit Migrationshintergrund) zum «NONESCHMU» (Normaler Nestbeschmutzer) aufsteigen könnte? Würde ein österreichischer Pass schon reichen? Oder müsste ich ihn erst eine bestimmte Zeit lang besitzen, meine Klappe halten, und dann um einen «NONESCHMU»-Ausweis mit staatlichem Gütesiegel ansuchen? Oder würde die österreichische Staatsbürgerschaft auch nicht reichen? Da ich kein Eingeborener bin? Ganz so, wie vielen Neoösterreicher aus Anatolien und dem Balkan bei den Bewohnern des Wiener Gemeindebaus auf Lebzeiten als Ausländer gelten? Einmal Ausländer, immer Ausländer?

Nun, die Staatsbürgerschaft hätte immerhin den Vorteil, dass ich eine Stimme hätte und wählen könnte. Das würde mir als Schweizer Katholen-Calvinist, viel bedeuten. Wir mögen’s einfach nicht so gern obrigkeitlich. Wir haben auch ein Problem damit, dass Scheiß-Dinge niemals geändert werden.

Manchmal beneidet der Schweizer-Katholen-Calvinist auch das verbriefte Recht der Österreicher, wann und wie ihnen beliebt, den Deutschen zu beschimpfen und zu verhöhnen. Da kann man richtig neidisch werden. Oder den Türken, den Schwarzen, das Asylantengesindel? So was hätten wir auch gern.

Im Übrigen ist zu sagen, dass es mir vollkommen blunzen ist, wenn sich die heimische Jugend ins Koma säuft, raucht und frisst. Nur zu. Sie haben ja überall hehre, gemütliche Vorbilder, die ihnen – selber schon längst kaputtverblödet – vorleben, wie man von Transferleistungen lebt und den Ausländern dafür die Schuld gibt. So was gibt ne gute Stimmung. Hätte ich etwas Geld übrig, ich würde es in Aktien von Neubau-Knästen stecken.

Aber samma halt gemütlich. Bieg’s Teil, Freunde.

Schön, das wir mal darüber geredet haben

Die Jugend dieser Republik soll gemäß etlicher Studien absolut Spitze sein. Die meisten -und jüngsten Raucher, Säufer und Fettleibigen der EU. Das ist nicht neu. Aber langsam, langsam macht man sich ein Sörgelchen. Und was geschieht in so einem Fall? Man schickt Sauberfrau Stöckl aus, und die macht im TV einen Sendung darüber. Dort kommen dann «Betroffene», «Kritiker» und «Mahner» zu Wort. Gegen Schluss wirds gemütlich. Die «Jugend» findet, man solle sie nicht alle in einen Topf werfen, es gäbe solche und solche. Und alle sind wieder happy. So löst man hier solche Probleme.

Natürlich wurde auch die Frage nach der Ursache aufgeworfen. Warum es ausgerechnet die Ösis sind, die die Süchtigen, Faulen und Säufer anführen? Nun, ich weiß die Antwort. Sie ward mir gestern offenbar: Es ist eine Frage der Intelligenz.

Man erspart uns also die Anstrengung des Hoffens auf Besserung.

In ein paar Jahren ist Österreich das neue Griechenland. Mit Blasmusik statt Sirtaki (Denn’s überhaupt nirgendwo gibt).

Schön, das wir mal drüber geredet ham.

Neulich in der Trottelhölle ll.

Österreich ist ein Land, in dem die Polizei sofort auf der Matte steht und Hausdurchsuchungen durchführt, wenn das Nazisschen Strache, der Chef der FPÖ, bei seinen Veranstaltungen Stimmen hört. So sollen vom ORF angestiftete Skinheads als Agents provocateurs «Sieg Heil» gerufen und dafür kassiert haben. Das ist natürlich Bullshit, aber die Bullerei jettet Tags drauf in die Studios des ORF und verlangt die Herausgabe aller Bänder. Sonst? Beugehaft.

Vor mehr als einem Jahr verlustierten sich eingeborene Neonazis in Mauthausen mit netten Sieg Heil-Späßchen, pöbelten und griffen eine Gruppe Überlebender an. Die Staatsanwaltschaft hat bis heute noch nichts unternommen. «Lausbubenstreiche» heißt das dann.

Zur Zeit rückt man in Wiener Neustadt, in Pröllen-County, militanten Tierschützern in Prozessen mit dem sogenannten «Mafiaparagrafen» zu Leibe. Das kommt auch gut.

Im «Standard» war zu lesen: Im Prozess in Wiener Neustadt trat nun als Zeugin Chefinspektorin Bettina Bogner vom Landeskriminalamt Wien auf und erklärte, die Aktivität der Angeklagten sei dadurch gekennzeichnet, dass es kaum verwertbare Spuren – Sachbeweise wie DNA, vergessene Gegenstände, Erkenntnisse aus der Telefonüberwachung – gebe.

Das ist schon mal höchst verdächtig. Und weiter:

Dies, so führte die Chefinspektorin laut Presseberichten aus, sei aber trotzdem als Hinweis auf organisiertes kriminelles Vorgehen zu werten, solange in Internetforen über Tipps zur Vermeidung von Spuren diskutiert werde. Also, wer im Internet Spurenvermeidung diskutiert oder auch nur liest, ist tatverdächtig bis zur Anklagereife, auch wenn es gegen ihn keine Sachbeweise gibt.

Nun, wer die Geschichte ein wenig weiterdenkt, weiß, aus welcher Richtung das Justitia-Schwert heransausen wird. Wie immer in Ösi-County, wo die Vorliebe für alles Totalitär-Halbgare Legende ist, und man sich am Liebsten beim Heurigen zuschüttet oder vor prominenten Affen auf den Knien rumrutscht, damit man besser ans zu leckende Arschloch herankommt, will man es sich nicht zumuten, wirklich zu arbeiten, sondern man steigt gleich in die Vollen. Also:

Der Verdächtigste aller Verdächtigen ist jener, der überhaupt keine Spuren hinterlässt. Dies unterstreicht nur seine Verschlagenheit und zeigt die Gefahr, die von ihm ausgeht. Es kann also nicht sein, dass jemand, dem keine Verbrechen nachgewiesen werden können, einfach freikommt. Im Gegenteil. In diesem Fall ist die Höchststrafe auszusprechen.

Die Memme vom Bodensee

Manchmal sehe ich mir am TV Literatursendungen an. Eher zufällig. Literatursendungen sind etwas für Leute, die’s gern redundant haben. Im Grunde etwas für kleine Kinder. Also, für Zeitgenossen denen es nicht reicht, dass über den Zeitraum eines Monats bis in jedes Käseblatt hinein, das neueste Zwiebelschälen eines deutschen Großschriftstellers abgefeiert wird. Manchmal schau ich rein, weil ich ein bisschen dumm bin und an den Storch glaube. Es könnte ja mal was Überraschendes geschehen! Aber es ist wie immer. In den Sendungen sitzen Autoren und sprechen in druckreifen Sätzen. Schnelle Sätze. Wer heute als Autor nicht sehr schnell druckreif sprechen kann, wird nicht eingeladen. Das verstehe ich voll und ganz. Wer will schon einem Stammelpeter beim Rumkinozzeln zusehen?

Gestern war’s aber anders. Gestern tat’s richtig weh. Der alte Großschriftsteller vom Bodensee war zu Gast bei Thea Dorn. Jener Mann, der früher als Augenbrauen-Double von Theo Waigel arbeitete, hat ja jetzt zu Gott gefunden. Das ist schön. Ich werde vermutlich auch zu Gott finden, wenn mein Ende sich rapide nähert.

Ein Schmerzensmann, der Gute. Er las aus seinen Tagebüchern von 1974-78. Das Thema war die Kränkung der bundesdeutschen Literatur durch den «stalinistischen» Kritiker Marcel Reich-Ranitzky. Vom Augenbrauen-Double nur RR genannt. RR hatte in den 70-ern den Überlinger in der FAZ in die Pfanne gehauen. Die Äuglein des nach Satisfaktion Dürstenden wurden feucht, als er von dieser Ungeheuerlichkeit berichtete. Thea Dorn, etwas gedunsen wirkend, linste listig von unten herauf zu dem großen Mann, der sie und die Zuschauer, mit «Kind» und «Kinder» anredete. Tja, so geht’s. Die Zuschauer in Literatursendungen sind das, was man in Wien als «Hofratswitwen» bezeichnet. Hofratswitwen, beiderlei Geschlechts, wohlgemerkt. Die fanden’s jedenfalls zum Gackern.

Mich erinnerte das Geplärre (auch im Tonfall) an Aschermittwochsreden in Bierzelten. Es schwang etwas mit. Mir wär’s lieber gewesen, es hätte nicht mitgeschwingt. «Man wird doch wohl noch sagen dürfen», sagte er.

Eigentlich, so gestand er uns Hofratswitwen, hatte er RR «ohrfeigen» wollen. Mit der «flachen Hand», weil er wegen dem Kritiker «keine Faust mache». Er hat’s natürlich nicht getan. Es blieb bei der Faust im Sack und dem Plärren im Fernsehen. Nun, gestern durfte sie richtig zulangen, die Memme vom Bodensee; jetzt, wo Marcel Reich-Ranitzky bereits in seinen 90-ern – vermutlich – den öffentlichen Furor eingebüßt hat.

Ein alter Schrifsteller, der über die zugefügte Kränkung eines Kritikers – nicht mal mit Gottes Hilfe- hinweg kommt? Auch nicht nach fast 40 Jahren? Eine Kränkung, die den Autor nicht vernichtet, ihm auch nicht geschadet hatte. Im Gegenteil. Er wurde und wird von den ewig Gekränkten gelesen, den Zukurzgekommenen, von Leuten die gerne schwatzhafte Bücher mögen, Hofratswitwen, die Trotz und Wehleidigkeit mit Rebellion verwechseln und für Kardinaltugenden halten.

Aber ich leistete mir dann doch den kühlen Luxus, mir an Walsers Stelle einen Dürrenmatt, einen Philipp Roth, Dennis Johnson, Henry Miller, Franz Schuh, Norman Mailer oder Franz Dobler vorzustellen…

Schämt der sich eigentlich nicht?

Sunday moaning comin‘ down – Poetry

Joseph Anton Signer (1861-1915) lebte und starb im Städtchen Appenzell (CH). Signer, ein vielseitig talentierter Mann, war von Beruf eigentlich Schuster. Aber er schrieb auch eine Menge Gedichte, denen er das Motto voranstellte: Närrisch ist, was lebt auf Erden. Wer’s nicht ist, kann es noch werden. Er bestückte eine kleine Bibliothek, war Holzschnitzer und auch ein gern gebuchter Strafverteidiger, der Prozesse vor dem Höchstgericht der Schweiz ausfocht. Er war das, was man einen Autodidakten nennt. Und er war mein Urgroßvater.

Herr Baumeister King

Von Branntwein,
Ein heller Stern der Minne,
Der machte in die Hosen einst
Als er nach Hause ginge.

Als Heimatschein der Meisterschaft
Trägt er im Hemd das Siegel;
Er galt in seiner Nachbarschaft
Als erster Schweine-Igel.

Über Arbeitsplätze

Man soll sich keinen Illusionen hingeben: Das Ding mit der Arbeit ist gelaufen. Nicht, dass sie uns ausgehen würde, nein, sondern weil man in unseren Breiten verlernt, wie so ein Arbeiten geht.

Gestern hörte ich wieder die Muezzine der Gerwerkschaften zum Gebet rufen: Lehrstellen für Jugendliche!

Hört man sich aber den Song der Gegenseite an, erklingt dort ein astreiner Blues. Refrain: Wir finden keine Lehrlinge!

Das mag uns nun erscheinen wie ein hübsches Paradoxon. Jedenfalls weiß ich von Betroffenen, dass bei vielen Lehrstellenbewerbern bereits als künftiges Genie gilt, wer seinen Namen fehlerfrei schreiben kann. Noch nicht gesprochen von Umgangsformen, Pünktlichkeit und einer gewissen Stamina, dem sogenannten Stehvermögen, dass es den Youngsters ermöglicht, länger als bis zur 9 Uhr-Pause durchzuhalten. So, das Klagelied der Ausbildungswilligen.

Ich hab’s schon einmal gesagt: Arbeit lernt man in der Jugend. Und fast jeder gute Arbeiter ist ein faules Schwein und arbeitsscheu. Auch manuelle Arbeit ist nicht zuletzt eine Sache der Birne. «Wer keinen Kopf hat, hat Beine», heißt’s doch wunderhübsch, und gerade ein Job wie zum Beispiel kellnern, ist zu 90% Kopfarbeit und nur zu 7% eine Angelegenheit der Beine. Das zu kapieren, wird die meisten bereits überfordern.

In Österreich gibt es einen Bevölkerungsanteil der gut und gerne von Transferleistungen lebt, und gut und gerne unsere allseits beliebten Nazisschen wählt, mit dem allseits beliebten Argument, «dass die Ausländer uns die Arbeitsplätze wegnehmen». Na klar. Aber eigentlichen meinen die guten, anständigen Leutchen gar nicht Arbeit, wenn sie «Arbeitsplatz» sagen, sondern eben: Arbeitsplätze. Und die sehen für den eingeborenen Herrenmenschen so aus, dass er einen Platz zugeschanzt bekommt, auf dem der Ausländer des Herrenmenschen Arbeit erledigen darf.

Das mit dem «Arbeitsplatz» wegnehmen, ist ein Missverständnis. Unser FPÖ-Wähler hat nichts dagegen, dass der Rumäne den Spargel sticht, aber es sollte doch noch irgendwo ein «Arbeitsplätzchen» für ihn übrig bleiben. Am Besten etwas erhöht, von wo aus er die gebeugten Rücken der Ausländer gut überblicken kann, und seine Kommandos besonders gut vernommen werden.