Dieser Text ist wie eine Amateur-Jamsession mit Bongos

Es gab eine Zeit, da jammten wir. Drei Gitarren, ein Bongo. Oder drei Bongos, eine halbe Gitarre, Maultrommel und Kazoo. Oder zwei Gitarren und eine Bluesharp. Das war klasse. Für uns. Die Spieler. Wir pfiffen oder rauchten was ein und spielten. Manchmal stundenlang. Improvisationen in 4-einhalb Akkorden. Wie Ravi Shankar und John Mclaughlin. Wir fanden ziemlich gut, was wir da abließen. Es fühlte, und hörte sich klasse an. Wir wussten nicht, dass sich so was immer klasse anfühlt. Für diejenigen die’s tun.

Irgendwann einmal kam ich drauf, dass sich das Jammen für die Zuhörer so anließ, wie das bloße Zusehen, wenn ein anderer sein Gewicht in Gold aufgewogen bekam oder in einer dieser pervesen Kabinen stand, wo man nach Scheinen in einem Luftstrom haschen darf. Es machte schläfrig. Und man fragte sich, ist das schon alles? Besser geht’s nicht?

Dies Gefühl wird langsam vorherrschend.

Es ist wie dieser Text hier: Der macht auch nur mir Spaß. Und vor allem werde ich wegen ihm märchenhaft reich. Das finde ich zur Zeit besser als die Jamssessions mit diesen dämlichen Bongos, die inzwischen – glücklicherweise – ausgestorben sind.

Kim Il Sung auf österreichisch

Ende der achtziger Jahre kursierte in der Schweiz ein Österreicher-Witz: «Frage: Warum werden in Österreich keine Plakate gegen Aids ausgehängt? Antwort: Weil es sonst gewählt wird.»

Gute zwanzig Jahre später stellt sich das Problem für die Volkspartei aber ganz ähnlich: Sie polemisiert gegen eine unkommentierte Ausstellung nordkoreanischer Kunst im Museum für angewandte Kunst (MAK).

Sie muss zu Recht fürchten, dass ihre Klientel da ein Problem haben wird.

Bei der Ähnlichkeit, und der despotischen Rückständigkeit der Parteien? Wir verstehen.

Die Sportschau ist eine Mordshow (meines Gemüts)

Gut, also das mit Inter und Bayern war gleich mal klar. Keine Mannschaft der Welt gewinnt gegen Maestro Catenaccio, der vorne liegt. Das Spiel nach dem Führungstreffer weiter zu verfolgen, hat den Reiz eines Torwandschießens, bei dem die Löcher nur handballgroß sind. Vielleicht, vielleicht könnt ja doch einer durchflutschen, wenn man ihm vorher die Luft rauslässt und Ronald Koeman draufhalten darf. Mit zwei Kisten im Rückstand, haben die Löcher dann nur noch den Durchmesser von Tennisbällen. Zappen, heißt es da.

Es gab ja noch den Schwergewichtskampf im «Zweiten». Ruslan «der weiße Tyson» Chagaev, gegen einen australischen Nobody, bereits im 40. Lebensjahr, aber gut in Schuss; und Ruslan, der vor Monaten gegen Klitschko das Schnitzel gab, setzte sich, man mag es kaum fassen, nach Punkten durch. Eigentlich nicht der Rede wert.

Aber da war noch dieser Kommentator namens Ploog (nicht Jürgen Ploog, notabene), ein offenbar sehbehinderter Realsatiriker mit den anatomischen Kenntnissen einer Ringseilspannschraube; einer, der in der Schirenn-Kommentatorenkabine der Österreicher besser aufgehoben wäre (denn dort muss auch nur das Bejubeln der eigenen Mannen beherrscht werden), aber nichts da, der Ploog bestand darauf, mir dies und das zu erzählen: «punktgenaue Haken an den Kinnwinkel» die oben am Schläfenbein einschlugen, «Leberhaken» die über das Schulterblatt wischten, und «klare, harte und saubere Treffer», wo zumindest noch ein ganzer Handschuh, wenn nicht ein paar Kubikmeter faulige Atemluft  der am Ring lagernden Fernsehprominenz, dazwischen war.

Alles ganz deutlich zu sehen. Aber auch die Zeitlupe schien den Mann nicht bekehren zu können. Seine Ignoranz war äußerst bemerkenswert oder vielleicht las er seinen Stiefel von einem Blatt mit Brailleschrift runter? Wer weiß das denn so genau?

Sport ist Mord. An meinem Gemüt. Aber wir lassen uns da ja gefallen. Fernsehboxen. Fernsehweltmeister. Boxen ist, wenn Uschi Glas an einem Proseccokelchchen nippt, während ein Teilgehirnamputiertes Dschungelcamp-Sternchen mit überschießendem Östrogenspiegel sich von Udo Waltz erklären lässt, dass dies kein Theaterblut sei, was da aus der Augenbraue des Fighters fließt.

Nun ja, Mike Tyson hat das «Klitschkoschnitzel» Chagaev offenbar noch nicht wegen Rufmordes verklagt und so werde ich wieder einschalten, wenn der Ruslan gegen den David Haye antritt. Ich werde Zeuge eines Karriereendes werden, leider (vermutlich) nicht der des sehbehinderten Fan-Kommentators, aber man ist ja schon zufrieden, wenn man diese Zumutungen überleben tut.

Tuli Kupferberg lebt!

Gestern Nacht vernahm ich äußerst angenehme Worte:

Carl Weissner, Fritz Ostermayer, Bob Dylan, Charles Bukowski, John Thomas, Linda Lee, Sean Penn, Lou Reed, William Bourroughs, Frank Zappa, Jimi Hendrix, Manhattan, Brooklyn Bridge, The Fugs, Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Hubert Huncke, Anne Waldmann, Florian Flicker, Valentin HItz, Wolf Wondratschek, Franz Dobler, Leroy Jones, Heroin, Amphetamin, Alkohol, Drogen, Ed Sanders, Leibwächter, Woody der Pferdepfleger, John Martin, massiver Sarg, noch ein Bier, Poetry, Cut-up, Tanger, Whiskey, Einsamkeit, Liebe, Shit, Zunge, Arschloch und Tuli Kupferberg.

Am Besten gefiel mir: Tuli Kupferberg. Er ist der Mann, der von der Brooklynbridge sprang und es überlebte. Danach streifte er durch Chinatown, auf der Suche nach einem der ihm ein Bier ausgab.

Heute scroogelte ich Tuli Kupferberg, den Mann von «The Fugs» und las, dass er, Jahrgang 1923, noch lebte. Ein Schlaganfall 2009 hatte ihn erblinden lassen. Ich schätze, einer der von der Brooklyn-Bridge springt, wird niemals sterben. Wie Jack 13, der es von der Fürstenlandbrücke tat.

Sunday moaning comin‘ down – Poetry

Florian Günther (*1963) in Berlin-Friedrichshain.

Wikipedia schreibt unter anderem: Nach abgeschlossener Druckerlehre arbeitete er u. a. als Totengräber, Anstreicher, Chauffeur, Paketsortierer, Bauarbeiter, Lager- und Fließbandarbeiter, Buchverkäufer, Pizzafahrer und Grafiker. 1983 war er Sänger der Ostberliner Punkband Klick & aus.

Er veröffentlichte bislang 6 Gedichtbände die alle bei der Edition Lükk Nösens (www.edition-luekk-noesens.de) oder im Buchhandel zu beziehen sind. Wer Florian Günther hören und sehen möchte:
http://www.youtube.com/watch?v=yM-iDtQlrMg

Wer mehr lesen möchte, nehme sich nochmal den Blog vom 31. März «Mir kann keiner» vor.

Das folgende Gedicht stammt ebenfalls aus dem Band «Mir kann keiner».

Merde pour la poésie

Er starb als Waffenschieber,
Sklavenhändler und einbeiniger Krüppel
gelähmt in Marseille, wo
die Sonne runterbrennt, als
ginge es um
alles oder nichts.

Ein blondgelockter Engel,
mit 18 Jahren schon
so perfekt, dass es sich nicht mehr
steigern ließ.

Arthur, du warst ein
schwieriger Mensch, und
dass ich dir nie begegnet bin, macht
mir nichts aus.

Doch dass ich nicht die
Kraft aufbringe zu verstummen,
beschämt mich jeden Tag
aufs Neue.

Wer in diesen Tagen an Kirchen vorbeigeht

Wer in den letzten Tagen an einer der gefühlten 1000 katholischen Kirchen Wiens vorbeiging, ein Umstand, der sich kaum verhindern lässt, erlebte Seltsames. Wer dann noch seine Ohren spitzte und eine Weile vor den Holztoren inne hielt, glaubte Stimmen zu vernehmen. Es klang wie gemurmelte Gebete. Wer danach nicht gleich weiterging und angestrengt horchte, mochte seinen Ohren nicht trauen. Er glaubte dieses Gebet zu hören. Ganz deutlich:

«Wir danken dir o Herr, dass du uns nicht im Stich gelassen und dieser infamen, sexualisierten Welt die Griechenland Krise geschickt hast.»

Und es geschah, wie es geschehen musste: Die prügelnden und lügenden und missbrauchenden Kirchenmänner wurden aus den Berichten der Medien getilgt.

Der «kleine Mann» und ich

Als mein Bart noch kein Bart war, hatte ich eine Schwäche für den «kleinen Mann». Diese Schwäche hatte allerdings eine starke Schwachstelle: Sie war irgendwie ideologisch. Der «kleine Mann», sagte diese Ideologie, ist ein guter Mann. Soviel zur Ideologie. Der «kleine Mann» war aber nicht gut. Wenigstens nicht zu meinesgleichen. Der «kleine Mann» sagte zu uns: «Integriert euch endlich!» Damit meinte er, wir sollten uns seinen Wertevorstellungen unterwerfen. Dann sagte er noch: «Lass dir die Haare schneiden, du verlauster Hippie-Gammler-Nichtstuer-Parasit!»

Später, als ich dann den Wehrdienst verweigert hatte, rief der «kleine Mann»:»Typen wie dich sollte man mit einem rostigen Büchsendeckel kastrieren!»

Aber wir liebten ihn weiter, den «kleinen Mann». Wir waren unverbesserlich in unserer «kleinen Mann»-Liebe. Wir suchten ihn dann auch im Süden. In Griechenland zum Beispiel. Da war er auch. Da fuhr er Taxi und legte uns rein. Kein Problem. Unsere Liebe war beinahe glühend. Nun, wir liebten vielleicht eher die Vorstellung vom «kleinen Mann». Das Idealbild. Das Ideal des Volkes. Der Rechtschaffenheit. Des Antiintellektuallismus. Denn Intellektuelle waren suspekt. Aber der kleine Mann hatte damals, als mein Bart noch kein Bart war, nicht so viel zu reden.

Heute ist das anders. Heute betet hierzulande so ungefähr jeder Politiker dieselben Dummheiten nach, die der kleine Mann beim Saufen am Stammtisch hinaus proletet. Nur meistens noch ein bisschen dümmer.

Was hat denn zum Beispiel der englische Premier Gordon Brown schon verbrochen?

Man hat ihn vor eine «kleine Frau» gestellt, die sich über Ausländer beklagt und ihn damit richtig festgenagelt hat. Danach sagte Brown zu seinen Mitarbeitern: «It was a desaster.» Und dass die «kleine Frau» eine ziemlich bornierte Person sei. Lag er damit etwa falsch? Wohl eher nicht. Aber so was kann einen heute die Wahlen kosten. Da wird der «kleine Mann» und die «kleine Frau» schön grantig, wenn ihnen solche Sachen zu Ohren kommen. Sie werden auch grantig wenn man ihnen sagt, dass man verblödet, wenn man nur noch die Scheiße reinzieht, die aus dem Fernseher rauskommt, und, dass einem nicht die Eier abfallen, wenn man sich für etwas anderes interessiert als für’s Häuselbauen und den Urlaub.

Ist der «kleine Mann» nichts anderes als ein Synonym für den unbedingten Willen zur Verantwortungslosigkeit und Alimentierung durch Staat, Clan oder einen Führer?

Whatever. Der «kleine Mann» ist wichtiger denn je.

Der «kleine Mann» wird möglicherweise in Griechenland die Regierung hinwegfegen. Er ist grantig. Er hat sich ein neues Auto gekauft und ein Haus, und jetzt weiß er nicht wie er seine Schulden bezahlen soll. Er findet, jemand anderes sollte das für ihn tun. Schliesslich hat ihm die Kredite ja aufgedrängt. Denn der «kleine Mann», und das bestätigt ihm täglich jeder Politiker, hat keine Schuld an den Zuständen. Es sind die anderen. Wer? Die anderen eben. Er will ja nur das Beste aller Leben. Das hat er sich verdient. Die anderen sind korrupt. Er tut ja nie niemandem nichts. Er liest ja nicht mal ein Buch.

Der «kleine Mann» und ich. Ich habe ihn in vielen Jahren studiert: In Fabriken, auf Baustellen, in Lagerhallen, Büros, in Almhütten, als Taxifahrer «Linkmichel» und so weiter. Es ist zwecklos. Wir werden keine Freunde mehr werden.

«Der heutige Fußball ist Handball, bei dem es verboten ist, den Ball mit den Händen zu spielen.»

Der heutige Fußball ist Handball, bei dem es verboten ist, den Ball mit den Händen zu spielen.

Kann mir ja wurscht sein. Fußball ist ohne TV nicht existent. Für mich.

Welt-und Europameister werden nicht selten reine Handballmannschaften, wie Italien oder Griechenland.

Handball ist, wenn’s kein Mittelfeld gibt. Vielleicht sollte man die Fußballfelder um die Hälfte verkürzen? Und Zwei-Minuten-Strafen einführen. Oder, sagen wir, 10-Minuten-Strafen. Das wäre zeitgemäß. Und vielleicht sollte man dem Publikum die Möglichkeit geben, Nachspielzeit zu kaufen? Lassen wir im Stadion den Hut rumgehen und kaufen den Bayern noch ein paar Minütchen dazu? Außerdem sollte man aufhören, Ellbogen-Checks zu ahnden, sondern den Spielern gepolsterte Handschuhe anziehen, damit sie sich, wie im Eishockey, richtig was auf die Omme tun können?

Ja, ja, meine Lieben, hier habt ihr es mit einem Pharisäer zu tun. Einer von der Sorte, der sich an der WM nicht ein einziges Spiel ansehen wird. Warum, fragt ihr? Weil ihm das so an seinem mächtigen Hinterteil vorbeigeht, wie die Bücher von Martin Walser. Zum Beispiel. Oder die Filme von Bernd Eichinger. Die Bilder von Neo Rauch. Und das Mutti-Gebabbel von Herrn Bushido, die Lieder von Toni Polster.

Aber Lionel Messi ist ein Genie. Ich liebe ihn. Und Paul Gascoine auch, Eric Cantona oder Ronald «Kuhbein» Koemann.

Alan Sillitoe ist tot

Nun ist auch Alan Sillitoe gegangen. Der «Bestseller Autor» wie der österreichische «Standard» schreibt, hat uns verlassen. «The loneliness of a long-distance runner» wurde tatsächlich ein Bestseller. In den fünfziger Jahren. Und vor allem Tony Richardsons Streifen: «Saturday night and Sunday morning», nach Sillitoes Roman, mit dem genialen und fast blutjungen Albert Finney in der Hauptrolle, kam mehr als gut, mein Gott, dieser Film war schlicht eine Offenbarung. Am Samstag Abend die Kante, am Sonntag Morgen der Kater, und keine Zukunft, außer der, auf die man gerade gekotzt hatte: Heiraten, Häuschen, Kind, Langeweile, Krankheit, Tod. Ein Film aus den Sechzigern.

«The angry young men», nannte man die Truppe damals, Osborne «Look back in anger», Richardson, Sillitoe.

Mehr als alle anderen Bücher, mochte ich seinen Roman «Ein Start ins Leben».

Sillitoe’s Werk fiel in die heftigste Leseperiode meines Lebens.

Heute ist er gestorben.

Als «Angry Old Man»?

Schätze, ja. Ich hoffe es.

Letzte Stories

Zurück aus dem Training, die Wochenend-Einkäufe bereits getätigt, und es ist noch nicht mal 9 Uhr; die Schulter schmerzt, nicht wild, nur so ein bisschen, wie um mich daran zu erinnern, dass dieser Körper nicht ewig halten würde, auch wenn ich ihn täglich trainierte, wenig Tiere in ihn hineinstopfte, den vergorenen Traubensaftkonsum kontrollierte und der Jim Beam auf dem Schrank langsamer schmolz als der Schnee im Hochgebirge – wobei angemerkt werden muss, dass früher so ein Fläschchen auf einen Sitz weg ging, eine Flasche und ich und die «Würmer im Hirn», wie Jack London es in «King Alcohol» nannte, dem Buch, in dem er seinen verlorenen Fight mit dem «König» beschrieb, diesen Fight – so war es seine Meinung – den wir alle schlussendlich verlieren werden, sooner or later, aber was macht das schon aus, denn auch das glücklichste Leben kriegt kein Happyend hin, und manchmal denke ich darüber nach, wie dieses erfolgsverwöhnte, schöne, reiche People über den Tod dachte, diesen Scheißkerl, gegen den sie auch mit all ihren Partys und Porsches und Jacketkronen nichts ausrichten können; was für eine verdammte, narzisstische Kränkung, da hab sogar ich Mühe mit, ich, der ich nicht schön, reich und erfolgreich bin, aber immer noch gut in Schuss und keineswegs gewillt den Löffel vorzeitig und kampflos abzugeben, nein Sir, aber über all das wollte ich eigentlich gar nicht schreiben, sondern über das neueste Buch eines Freundes, den ich dafür schon wieder so loben müsste, dass es irgendwie peinlich wäre, peinlich wie die Schulterklopferei unter Buddies, das ist doch irgendwie zum Speiben, aber dieser Bursche ist einfach gut, und ich frage mich immer wieder, wie er das macht, und wann und wo er diese fabulösen Stories in die Tastatur kloppt, und manchmal wünsche ich mir ein bisschen, dass er mal ein nicht so gutes Buch schreiben würde, damit ich ihn in die Pfanne hauen könnte. Aber den Gefallen tut er mir einfach nicht. Freunde, lest selber:

Franz Dobler
Letzte Stories
Blumenbar
ISBN 978-3-936738-67-4