Stinkweckennotar

Wer sich in letzter Zeit ein wenig an die Öffentlichkeit (österreichische) begab, zufällig Schweizer ist (wie ich), der konnte was erleben, der kriegte was zu hören. You know, die Schweizer Banken. Die Schweine. Ein ganzes Volk, das von den hinterzogenen Steuern anderer Staaten lebt. Skandal!
Neulich hat sich Kollege Alex Capus ein bisschen darüber beklagt, dass er nun als Schweizer in Sippenhaft genommen wird. Er, als Sozialdemokrat. Wegen der Banken. Das versteh ich.
Aber mir gefällt’s.
Endlich ein «bad guy»-image. Als Schweizer! Aber hallo, das musst erst mal zsammbringen! Und ich gönn’s ja den Österreichern. Nach Jahren der Haiderei, wo sie im Ausland mit jenem Mann gleichgesetzt wurden, der ein ganzes Bundesland zum österreichischen Griechenland gemacht hat. Sollen sie sich ruhig ein wenig abreagieren.
Natürlich verheimliche ich ihnen nicht, dass Österreich, zusammen mit Luxemburg, in der EU den automatischen Informationsaustausch der Banken mit Boykott belegt hat, um in der Steuerfluchtsache konkurrenzfähig zu bleiben. Aber das ist halt nicht so interessant wie die Schweizerbandidos.
Wie auch immer: Ich finde den Gegenwind erfrischend.

Als ich dann gestern, ziemlich patriotisch gestimmt, den late night talk von «Giacobbo/Müller» guckte, kam ich gerade recht, um den süsselnden billigen Jakob des linksbayrischen Songwritertums, den Konstatin Wecker, ans Piano marschieren zu sehen. Ich dachte nur: Jetzt kommt’s: Die Banken. Aber er ging in seinem Intro darüber hinaus, clever, denn er zog die Bundeskanzlerin Merkel heran (Achtung! Selbstkritik!), erklärte dem Publikum was ein Anagramm ist, und das Bundeskanzlerin zu «Bankenzinsluder» wird. Well done, Burli.
Der Schmäh hat zwar einen Bart wie ein koranverteilender Salafist auf dem Bamberger Marktplatz, aber das Schweizer Publikum (das ja wahnsinnig langsam ist, wie man im Ausland weiß), kennt ihn womöglich noch nicht.

Daraufhin gab ich mir eine Minute Zeit und bastelte auch ein Anagramm zu Konstatin Wecker: «Stinkweckennotar». Der volle Wegschmeißer, oder?

Dann gabs vom Bayern noch ein bisschen Häme für die USA, ein bisschen christliche Rhetorik für 7-Jährige, Lebensweisheiten aus dem hausschweineren Poesiealbum und fertig war der linke Liedermacher.

Und auch wenn ich nach Weckers Auftritt Lust auf einen Parteibeitritt zur SVP verspürte, so wusste ich doch, dass es meine Pein nicht lindern würde. Denn auch diese Partei hat immer recht.

Ich würde nur einer Partei beitreten, die darauf besteht, Unrecht zu haben. Diese Partei gibt es bereits. Sie heißt: Rock’n Roll.

Und da bin ich bereits Mitglied.

So läuft es hier

Ein Mann, der eine 15-Jährige mehrere Male vergewaltigt hat, wird schuldig gesprochen und kriegt eine teilbedingte Strafe. Er geht keinen Tag ins Gefängnis, da er für die paar Monate «Unbedingt», die «Fußfessel» umgebunden bekommt.

Ein Musikalienhändler trickst und betrügt mit den teuren Geigen seiner reichen Klientel und fasst, geständig und reuig, sechs Jahre Gefängnis aus.

Was könnte das heißen, in diesem schönen Land?

Vergeh dich ruhig an den jungen Frauen der Unterschicht, aber vergreif dich nicht am Eigentum der Reichen.

So jetzt wisst ihr, wie’s hier läuft.

Bettlerin mit Hund

Heute las ich, dass gestern im ORF, bei «Die große Chance», ein Hund den Talentwettbewerb gewonnen hat. Das ist in dieser Stadt nur konsequent. Denn besser als ein Hund, sind nur zwei Hunde. In Wien ist der Hund dem Menschen der wahre Mitmensch. Der Sandmann, der feuchte Träume zu misanthropischen Untertanen bringt: gehorchend zu befehlen. Nun denn. Wer hat etwas anderes erwartet?

Als ich heute aus dem Geisteszentrum kommend zum Supermarkt ging, sah ich die rumänische Bettlerin nahen, die den Platz auf der Treppe des Kaufhauseingangs einnehmen wollte. Ich gebe ihr nie etwas, weil ich zweimal Zeuge geworden bin, wie sie meine junge Lieblingsbettlerin ganz fürchterlich angeschissen und niedergebrüllt hatte, und da ich sehr nachtragend bin, kriegt sie nie was. Obschon sie immer mit picksüßer und falscher Stimme grüßt. Nie. In alle Ewigkeit.

Heute aber, hatte sie einen Hund dabei. Einen kleinen Köter, der aussah wie eine Mischung aus Pitbull und Lumpi, und sie hieß ihn neben sich Platz nehmen.

Das war, fand ich, eine echte Innovation und eigentlich – in der Wirtschaftswelt – preisverdächtig. Verdammt, da musste man drauf kommen. Bettlerin mit kleinem Hund! Das war einfach Klasse!

Als ich an ihr vorbei ging, grüßte sie wie immer, und heute sagte ich nicht nichts, sondern heute lächelte ich und sagte: «Bravo! Gute Idee.»
Aber kriegen tat sie nix.

Wir sehen das einfach falsch

Nach dem Kampf erklärte Ex-Champ Henry Maske dem Publikum den Kampf, den es gerade gesehen hatte. Es hatte einen vorwärtsdrängenden, unermüdlich Aufwärtshaken schlagenden und nie zurückweichenden Firat Arslan gesehen, der den amtierenden Weltmeister im Cruisergewicht, Marco Huck, bereits in der 3. Runde beeindruckt hatte, und der für uns, das Publikum, nach 12 Runden als der klare Sieger feststand.

Aber wir sahen es falsch. Denn obschon, so Maske, Arslan wie der sichere Sieger aussah, konnte er nicht der Sieger sein, denn wir, das Publikum verstünden das Boxen – leider, leider – nicht richtig. Wir hatten ja nicht normales Boxen gesehen, jenes Boxen, wo der gewinnt, der mehr Treffer landet, sich besser verteidigt und den Kampf macht, sondern wir sahen eben ARD-Sauerland-Boxen. Und da kann nicht sein, was nicht sein darf.
Und Kommentator Henry Maske hat schon in der DDR gelernt: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Und er sang sehr schön das Sauerland-Lied.

Als sich der fassungslose Arslan über den Betrug beschwerte, und auch die ARD dafür verantwortlich machte, wohlgemerkt, nach einem 12 Runden-Kampf und verständlich aufgebracht, putzte ihn der ausgefressene, aus seinem Anzug quellende Waldemar Hartmann kaltschnäuzig herunter und verwahrte sich gegen die Kritik. Die ARD war, nach Hartmanns Aussagen, nur die Filmkamera, die das alles aufzeichnete, ein neutraler Berichterstatter.

Jawoll, so dummdreist kann man uns kommen, wir haben es nicht anders verdient.
So wie wir auch Schauspieler wie Jürgen Vogel verdient haben. Vogel, der zum Urteil befragt, nichts mehr vom Boxen verstehen wollte – aber in Talkshows damit angegeben hatte, Thaiboxen gemacht zu haben-, wurde von einer kleinen Amnesie überrascht, die ihm bestimmt wieder, beim nächsten Sauerland-Spezialboxen, die Einladung an den Ring sicherte.

24 Stunden später, heute Nacht, wird auf demselben Sender nicht geboxt aber gequatscht werden. Politiker werden in den Sesseln Platz nehmen und werden uns Halbkoffern versichern, dass in Deutschland jeder, mit Fleiß und Anstrengung, etwas erreichen könne.

Haben wir gerade gesehen.

DRAFT One

Unter der Rubrik «Verwalten» finden sich 60 «Drafts», Entwürfe, geschriebene Artikel, die, aus was für Gründen auch immer, nicht veröffentlicht wurden. Ich werde sie wieder lesen. Einen nach dem anderen, und entweder löschen oder veröffentlichen. Hier ist der erste. Vom 18. September 2009. Er ist immer noch gültig. Finde ich.

Ein Autor beklagt sich bei seinem Verleger, dass dieser so wenig von seinen Büchern verkauft hat. Recht hat er. Der Autor. Ändern lässt es sich deswegen aber nicht.
Neulich wurde ich auf der Straße angesprochen: «Jetzt sind Sie berühmt.» sagte eine wohlmeinende, weibliche Seele. «Warum?», fragte ich.
«Sie waren groß in der Zeitung!»
«Ja, dann!», sagte ich.
Was haben die beiden Dinge mit einander zu schaffen?
Nun, sehr viel. Sie betreffen die Außenwahrnehmung dieser Welt. Sie beleuchten die unterschiedlichen Soziotope, die wir alle bevölkern.
Da gibt es z.B. den Dichtersoziotop. In dem wird alles wahrgenommen und aufgesogen, was so an Dichtung passiert. Das ist eine Menge. Man kann darin ohne weiteres ein Leben verbringen, ohne jemals einen Fuß in den Kampfsport Soziotop gesetzt zu haben. Und vermutlich wird einem nicht mal langweilig dabei.
Vor vielen Jahren, habe ich mich eine lange Zeit mit den verschiedenen Aspekten der Ernährung befasst. Das heißt, ich habe eine Menge darüber gelesen und verschiedenes ausprobiert. Es war das zentrale Thema meines Daseins. For a while. Später habe ich drei Jahre hauptsächlich damit verbracht, mich für einen Triathlon aufzubauen und auch eine Menge darüber gelesen und mein Leben bestand zur Hauptsache aus Trainieren. Schwimmen, Radfahren, Laufen. Im Zuge dieses Trainings stieß ich auf Bodybuilding und nun las ich einen Haufen über Trainingsmethoden und Anatomie. Dann lernte ich das Boxen. Und überall traf ich auf Menschen, denen die Beschäftigung mit diesen Dingen zentraler Lebensinhalt war. Und oft auch der einzige.

Ein Schriftsteller der übers Schreiben spricht, ist unerträglich. Und vermutlich ein schlechter Autor. Ein Triathlet der ungefragt über Schwimmtechniken spricht, ebenso.

Heuchelei ist keine Todsünde

Es gibt Bücher, die legt man nach dem ersten Satz weg. Zu Recht. Es gibt Filme, denen man nach 10 Sekunden Trailer die Katastrophe ansieht. Wie neulich, bei der «Vermessung der Welt» von Buck und Kehlmann. Dieses Filmprojekt ist übrigens eine hübschee Studie wie Korrupto-Kapitalismus (Tautologie?) funktioniert: Hier werden «konservative Millionen» (Kehlmann) aus Fördertöpfen für Filmmüllereien verblasen, und der eine oder die andere mag sich fragen, ob denn in Deutschland keine Dramaturgen ansäßig sind? Zumindest welche, die in der Lage sind ein Drehbuch zu lesen? Vermutlich schon. Aber wo der Raps blüht, blüht auch Schweigen.

Das ist das eine. Das andere ist das – ins Kraut schießende – deutsche Hitlerfilmbusiness. Das ist komisch. Richtig komisch bei Dani Levi, unfreiwillg komisch bei Bernd Eichingers «Untergang», und nur noch semmelknödelblödkomisch bei «Rommel», aber immerhin zum Lachen. Stellenweise.  Johannes Silberschneider, als Hitler aufgebrezelt, macht richtig Laune. Das muss man sich geben: Da macht einer allen Ernstes mit angeklebtem Schnurrbart, Seitenscheitel und Hitlersprech auf Hitler! Als hätte es Helge Schneider in dieser Rolle nie gegeben. Es ist dies die Parodie einer Parodie einer Parodie. Bravo! Well done.

Ich finde es langsam an der Zeit, die Story von «Eva Braun» in die Kinos zu bringen. Wo bleibt denn die Gleichstellung der Frauen? Nach Bruno Ganz als Hitler, Tom Cruise als Stauffenberg und dem Tukur’schen Rommel, wie wärs da mit Veronika Ferres als Eva Braun?

There’s no business like Hitlerbusiness.
Und dazu ein Denkmal für die ermordeten Romas und Sintis einweihen, während zwei Straßen weiter frierenden Flüchtlingen die Schlafsäcke wegenommen werden.

Nicht weiter schlimm. Heuchelei ist ja keine Todsünde.

Eine gehaltene ungehaltene Rede

Am 29. September, im Zuge des «Wortlaut» Literaturfestival in St. Gallen, wurde (u.a.) von den Schauspielern Diana Dengler und Marcus Schäfer diese kleine Rede – vom Pelikanerker des «Saiten»-Büros auf die Schmiedgasse hinaus – gehalten.

Muss wirklich gesagt sein, was einmal gesagt werden muss?

Ein Protest gegen mich selber.

Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Anwesende, liebe St. Galler und Innen!

Was einmal gesagt sein muss, muss einmal gesagt werden. – So sagt man. Aber warum eigentlich?
Warum soll das, was bislang nicht gesagt wurde, auf einmal gesagt werden? Wo war denn jenes Besagte, das einmal gesagt werden musste, bisher? Wo hat es sich herumgetrieben? Hat es sich gar versteckt? Wollte es zuwarten, bis eine bestimmte Konstellation eintrifft, dass – im Wortsinne – die Sterne günstig standen um ans Licht zu treten?
Sammelte es sich?
Wartete es noch auf Zulauf von anderen Dingen, die auch einmal gesagt werden mussten?
Fühlte es sich allein? War es schwach? Kränklich? Oder feige? War es seiner nicht sicher? Waren die Erwartungen zu hoch? Zweifelte es? Musste denn das, was einmal gesagt werden muss, auch wirklich gesagt werden? Und wenn es denn endlich gesagt ist, was wäre dann gesagt?
Oder anders formuliert: Was würde sich ändern?
Muss sich denn etwas ändern? Konnte das, was einmal gesagt werden musste, nicht einfach so gesagt werden, gewissermaßen absichtslos, als – sagen wir – normale Freundlichkeit unter Zivilisierten?
Und wer sagt, dass sich etwas ändern muss? Warum kann es nicht einfach so weiterlaufen wie bisher?

Nicht perfekt, diese Welt, aber sie funktioniert doch, oder?

Und wenn das, was einmal gesagt sein muss, nicht gesagt würde, was wäre dann?
Wäre es so wie jetzt, wo sie sich, verehrte St. Galler und Innen, gerade dieses Gedankenkonglomerat anhören oder wäre es doch ganz anders. Und wenn es anders wäre, wie wäre es dann?
Und wenn sie, anststatt sich diese Worte anzuhören, einfach weitergingen, und das, was einmal gesagt werden muss, ungehört in der Gasse verhallen würde, wäre es dann trotzdem gesagt? Gilt das Gesagte auch, wenn es kein Ohr findet, in das es fallen kann?

Schwer zu sagen.

Die Ankündigung, dass nun endlich einmal gesagt werde, was vielleicht schon lange gesagt werden müsste, weckt Erwartungen. Der Zuhörer/in stellt sich auf Schwerwiegendes ein. Vielleicht gar Ungeheuerliches. Auf eine bislang verborgene Wahrheit. Eine hässliche Wahrheit vielleicht, eine, die sich nun, jedwelchen Kostüms beraubt, nackt und unappetlich präsentiert.

Wie beim Striptease der Kaberettistin Christine Prayon, die sich zu Sinatras Song „I did it my way“ auszieht oder besser gesagt, sich von einem äußerst erotisierenden und verwirrend androgynen Wesen, in etwas ganz anderes verwandelt. Abgeschminkt und entbättert, bis hin zum Glasauge, das sie herausnimmt und einem Zuschauer zuwirft, um darauf, am Ende des Songs, als gebeugtes, einäugiges Wesen mit roter Clownnase, Haarnetz und antidesign Unterwäsche dazustehen, hässlich, mittleiderregend, frierend. Zum Erbarmen. Oder zum Fürchten.

So ähnlich könnte man sich die Wahrheit vorstellen.

Aber muss es denn, wenn etwas einmal gesagt werden muss, gleich die Wahrheit sein?
Gibt es keine Lügen, die einmal gesagt werden müssen? — Vermutlich nicht.

Aber was noch wichtiger ist: kann die Wahrheit überhaupt gesagt werden? Und wenn man diese Frage verneint – was nicht wenige, aus unterchiedlichen Gründen, tun – was wäre es dann, was endlich einmal gesagt werden muss?

Müssen Tabus gebrochen werden?
Noch mehr.
Bis alle Tabus entabuisiert sind. Bis auf das Tabu, dass es keine Tabus mehr geben darf.

Keine Toleranz den Intoleranten! Nichts als Hass, dem Hass!

Inwiefern unterscheidet sich das, was endlich einmal gesagt werden muss von: „Man wird doch wohl noch sagen dürfen.“
Muss endlich einmal gesagt werden, dass „man doch wohl noch sagen dürfen darf“?

„Man wird doch wohl noch sagen dürfen“, ist die im steifen Political-Correctness-Wind knatternde Fahne der Denkverweigerer. Die Stadarte der selbsternannten und selbstmitleidigen Opfer von „PISI“.

Aber was heißt hier Opfer?

Wer, frage ich, ist denn keines? Ist die Welt nicht bevölkert mit 7 Milliarden Opfern? Und sind nicht die erbarmungswürdigsten Opfer unter uns – die Täter?

Denn wir nötigen sie doch mit der Schuld, die sie auf sich geladen haben, zu leben. Und warum, fragen sie anklagend, habt ihr uns nicht daran gehindert Täter zu werden? Was kann ein Täter dafür, dass er ein Täter ist? Nichts.

Denn der Täter ist ein Opfer. Und sein Opfer ist der eigentliche Täter, weil es durch sein Opfersein, den Täter zum Täter macht, was diesen, wie wir nun wissen, zum wirklichen Opfer punziert.

Es gibt politische Parteien, die diese obskure Dialektik zu ihrem Parteiprogramm erkoren haben.
Aber dies nur nebenbei.

Musste dies, werte Zuhörer/Innen, einmal gesagt sein? Hätte ich es mir nicht verkneifen sollen um stattdessen über Dinge zu reden, von denen ich etwas verstehe?
Wäre in dieser herzzerbrechenden Welt nicht ein Protest angebracht?
Was spräche gegen einen Protest gegen etwas, von dem ich viel verstehe? Wie wär‘s mit einem Protest gegen mich selber? Warum denn nicht. Müssten wir nicht in Permanenz gegen uns selber protestieren?

Gegen die Zumutung, uns selber sein zu müssen?

Jawoll, sage ich. Ich protestiere gegen die Zumutung mich selber sein zu müssen. Ich protestiere auch gegen meinen Bewegungsdrang, der mich nicht nach dem Pascalschen Motto leben lässt: „Dass des Menschen Leid daher rührt, dass er nicht ruhig in seinem Zimmer sitzen kann.“

Ich erhebe meine Stimme gegen meinen Idealismus und meine indifferente Haltung dem Geld gegenüber, die es mir schwer machen, ein akzeptables Einkommen zu erwirtschaften und dem Staat – zum Wohler aller – Steuern zu zahlen.

Ich protestiere gegen mein Desinteresse an Konsumgütern aller Art. Ich gefährde damit Arbeitsplätze.

Auch protestiere ich dagegen, dass ich Fußgänger bin, und kein Auto besitze. Ich mache mich damit schuldig an den Werkschließungen der Autoindustrie.

Ich erhebe meine Stimme gegen meine Entscheidung Nichtraucher zu werden. Denke ich denn nicht an die Tabaksteuern, die dem Staat und somit der Allgemeinheit entgehen? Und: Will ich denn ewig leben, und der Rentenversicherung auf der Tasche liegen?

Auch mein Vegetarismus verdient heftigen Protest, denn er gefährdet das Einkommen der Fleischfabrikanten.

Ich protestiere gegen meine Unabhängigkeit. Sie macht unbeliebt. Wer mag schon Menschen, die machen und sagen, was sie wollen?

Ich protestiere gegen meine Freiheit von Schulden. Sie macht mich verdächtig und kreditunwürdig.

Ich wende mich gegen meine Mildtätigkeit. Meine Spende in die Hand des Bettlers fehlt vielleicht einem Kapitalisten auf dem Konto.

Ich protestiere gegen meine Zweifel. Gegen meine Gleichgültigkeit allem Religiösen gegenüber. Gegen den fast überzeugten Agnostiker und gegen meine Gebete die ich manchmal spreche, ohne an Gott zu glauben.

Ich protestiere gegen meine Versuche ein guter Mensch zu sein. Wird dadurch nicht derjenige diskriminiert, der es nicht versucht oder dem es nicht so gut gelingt?

Ich protestiere ganz allgemein gegen die Zumutung des Älterwerdens und gegen die Unausweichlichkeit des Todes.

Ich protestiere ebenfalls gegen die Schmach, ein Mensch, und mich selber  zu sein zu müssen.
Ich protestiere.

Das musste vielleicht einmal gesagt werden.
Oder auch nicht.

Danke für Ihre werte Aufmerksamkeit.

A.N.

Aufpassen!

In der Garderobe des Geisteszentrums. Ich zog mich nach dem Training um, und ein Afrikaner kam herein, sein Spind lag so ziemlich neben meinem, und er begann sich ebenfalls umzuziehen. Er hatte geschwitzt, wie ich auch, und als ich angezogen war und an ihm vorbei ging, dachte ich wieder daran, was mein Vater gesagt hatte. Da es im Geisteszentrum viele Dunkelhäutige gibt, muss ich oft daran denken, was mein Vater vor über 50 Jahren gesagt hatte. Er hatte es nicht nur einmal gesagt, sondern immer wieder mal, bei Gelegenheit, wiederholt.

In meinen Ohren klang es, als hätte er gesagt, dass Bälle immer rund sind, und der Regen niemals von unten kam, dass Menschen Ohren hatten und Beine, und ich hatte keinen Grund daran zu zweifeln. Er sagte nämlich, dass «der Schweiß der Neger anders riecht als unserer. Er stinkt.»

Ich weiß. Es ist rassistischer Unsinn, es ist nicht wahr, aber manchmal, wenn ich an Afrikanern vorbeigehe, denke ich daran. Das ist perfid. Und es beweist, dass wir die Worte, die wir zu unseren Kindern sprechen, mit Bedacht wählen sollen.

Dass ich nach über 50 Jahren noch immer daran denke, gibt mir zu denken. So einfach ist das also? So simpel funktioniert Rassismus?

Und auch wenn ich weiß, dass es nicht wahr und einfach nur rassistisch ist, auch wenn es dutzendemale durch die Wirklichkeit widerlegt wurde, ich denke noch immer an die zwei Sätzchen meines Vaters. Er hätte das nicht tun sollen, finde ich.

Und ich bin mir leider ziemlich sicher, dass ich die zwei Sätzchen zu meinen Kindern auch schon gesprochen habe. Nicht dieselben, aber irgendwas wirds schon gewesen sein.

Aber um aus einem Kind einen Rassisten zu machen, braucht es offenbar mehr als nur zwei, gelegentlich, eingestreute Sätze. Das ist beruhigend. Aber vielleicht nicht wahr …

Stephan Alfare las im «BiB»

Das «Café Club International» ist eine sympathische Räucherkammer im «BoBo»-Viertel Wiens, dort beim Brunnenmarkt, ebenda, wo die Alteingessenen zu murren beginnen weil die Mieten steigen, und man anstatt Schüsse, nur mehr die aufgekratzten Stimmen der Vergnügensucher hört. Aber im «Café Club» ist es immer noch so, wie es schon immer war, im Wienerbeisl. Am Besten, man fischt sich die Ausgehklamotten noch mal aus dem Wäschehaufen, denn im «CCI» tagt jede Nacht die internationale Vereinigung der Kettenraucher. So riecht man dann auch.

Und diesem international vereinigten Zigarettenrauch entsteigt die Literatur. «BiB» heißt das, «Buch im Beisl». Ganz hinten, in einem äußerst bequem möbilierten Raum las gestern der Autor Stephan Alfare aus dem Manuskript seines neuen Romans. Und wie er das tat!

Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, dass es lohnend sein könnte, an Lesungen zu gehen. Verrückt.

Alfare schaffte es, seiner Stimme diesen «bösen» Qualtingertouch zu verpassen, eine gewisse Gefährlichkeit, wie ein durch die geschlossenen Zahnreihen gepresstes «Verpiss dich!», und das kam erstens richtig gut, und zweitens rangierte der Text in der höchsten Risikoklasse, denn Alfare schilderte uns ein Stück Leben aus der Sicht eines Pädophilen, der eine 9-Jährige begehrt. Nichts leichter, als sowas zu vergeigen, und nichts schwerer, als es auf die Reihe zu bekommen. Und, meiner Seel, er kriegte es hin. Wie? Ich weiß es nicht. Aber als es zu Ende war, wusste nicht nur ich, dass wir da einen Fetzen schöner und wahrer Prosa gehört haben. Das macht glücklich.

Eigentlich hätte ich rüber in die Kirche gehen sollen, um die Glocken zu läuten. Aber wir läuteten nur mit den Gläsern, hatten es gut, und als man wegen des Rauchs nichts mehr sehen konnte, gingen wir.

Hervorragend.

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Rechte Helden

Gegen einen steirischen FPÖ-Politiker ist kürzlich eine Anzeige eingebracht worden. Er soll etwa beim Reinigen des vereinseigenen Kachelofens bemerkt haben: «Diese Arbeit erinnert mich jedes Mal an meinen Großvater. Der war in Mauthausen und hat auch die Asche aus dem Ofen geholt … Das ist eine gute Arbeit.»

«Ich distanziere mich zu 100 Prozent von diesen Anschuldigungen!», meinte der Beschuldigte.
Ich weiß zwar nicht, wie man sich von Anschuldigungen distanzieren kann, aber so ist das halt, man muss es ja nicht so genau nehmen, oder?
Dann fügte er noch hinzu: «Ich verfüge über 120 eidesstattliche Erklärungen von Mitgliedern, die das Gegenteil beweisen.»

Das ist doch toll. 120 Mitglieder! Die das Gegenteil beweisen!
Also:
«Diese Arbeit erinnert mich nie an meinen Großvater. Der war nicht in Mauthausen, und hat auch nie die Asche aus dem Ofen geholt… Das ist eine Scheiß-Arbeit.»

Na dann. Der österreichische Verfassungsschutz hat eh nur 3 Jahre gebraucht, um der Sache nachzugehen. Nun wurde sie zu 125% aufgeklärt.

Die Blockredaktion gratuliert.