Keine Gewalt ist auch keine Lösung

In einer Talkrunde im russischen TV stand Lebedev – ein Milliardär und Besitzer des britischen Independent – auf, und selchte einem Mitduskutanten der gerade sehr erregt geäußert hatte, dass er, anstatt mit Milliardären zu diskutieren, lieber mal einen verprügeln wolle, zwei saubere rechte Gerade aufs Ohr, worauf der Getroffene über den Podiumsrand purzelte und etwas verdutzt auf den in Boxstellung wartenden Lebedev kuckte. Das war schön, fand ich, es hatte eine bestimmte Würde, war elegant und stilvoll. Einem Maulhelden, der von Prügel redet was reinzutun, ist so falsch nicht.

In Ösi-County läuft sowas anders. Da kriegt der Maulheld eine Streifmaulschelle, kredenzt fußballmäßig eine Schwalbe, und geht, als er sieht, dass Kameras da sind, zu Boden.

Und im Standard lesen wir dann den erschütternden Kommentar von Lisa Mayr, die es schon immer gewusst hat. Einmal Asi immer Asi, und hört euch nur mal die Rapptexte an: «Schlampe, Ficken, Hure, Schwuler.»

Ja, schlimm. Man fragt sich allerdings, ob die Dame sich schon mal «Braunschlag» angekuckt hat, die ORF-Serie, die neueste Niedertrachtsshow zur Primetime, mit «Oaschloch und Oaschpudern, Wixxer, Ficken» und alles was das österreichische Idiom so an SM-Feuchtgebietssprech aufzubieten weiß.

Könnte es sein, dass dies nun plötzlich Kunst ist, der Prolosprech aus Ösistan? Und man hier einfach keinen Piefke verträgt, der es auch mit dieser Kunst versucht?

Alles gegen die «gsunde Watschen» bei Kindern, alles gegen die Kinderficker aus den Kirchen und die Missbraucher in den Heimen, alles gegen die Frauenprügler, aber nichts gegen einen gepflegten Fight, und die gut gezapfte Ohrfeige unter Männern.

Denn: Keine Gewalt ist auch keine Lösung.

Götters, fuck you all!

Wenn die Götter dich verarschen wollen, dann schicken sie dich ins Geisteszentrum, dich, den klaustrophoben 5/7-Misanthropen, lassen dich in der fast leeren Garderobe einen Spind wählen; und wenn du dich dann umziehst, kommt einer reingeschlurft und dieser eine hat natürlich seinen Spind genau deinem gegenüber, und der Manno zieht sich ebenfalls um, und ihr steht Rücken an Rücken und irgendwann seid ihr beide für Sekunden nackt, und wenn einer von euch sich bücken würde, würden sich die nackten Ärsche berühren, und ihr wisst das natürlich und jeder will es krampfhaft verhindern, und wenn du es geschafft hast, heil aus der Situation rauszukommen und den Göttern grimmig grinsend den Finger gezeigt, dein Training hinter dich gebracht hast, und du dich dann in der Garderobe wieder umziehen willst, kommt natürlich ein Manno rein und es ist, claro, der Mann, der auch seinen Spind genau dir gegenüber belegt hat, und die Arschprallgeschichte geht von vorne los, während du dir überlegst, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass in einer solch geräumigen Garderobe, mit über hundert Spinden, ausgerechnet die zwei Spindbesitzer die deinem gegenüber stehen zur selben Zeit mit dem Training fertig sind wie du, und wenn du das getan hast, weißt du, dass die Götter dich verarschen wollen, aber ganz groß, und das nur, weil sie wissen, wie sehr du diese Situationen hasst, sie wollen dir eine reinflöten und dir zeigen, dass du ein Nichts bist, und dass du ihnen tausendmal den Finger zeigen kannst, und sie werden dir, gegen jede Wahrscheinlichkeit, beim nächsten Mal wieder einen Arsch liefern, einfach so, weil es ihnen gefällt, wenn du leidest.

Trotzdem: Götters, fuck you all!

Der Sport, das Herz, die Gerechtigkeit

Gestern nacht im Ernst Happelstadion, bei Österreich- Kasachstan, stand ich zum ersten Mal in meinem Leben neben einem Menschen der beim Abspielen der Nationalhymne die rechte Hand auf seine linke Brustseite legte.

Fürwahr, ich bin ein vaterlandsloser Geselle, und so sehr ich auch in mich hineinhorche, ich kann dieses Hand-aufs-Herz-Gefühl nirgends aufspüren, da bleibt alles kalt.

Meine Tochter (9) regte sich darüber auf, dass die Österreich-Fans die Spieler der Kasachen ausbuhten, als diese auf den Platz liefen. «Das ist unfair», sagte sie. Ist es nicht, aber unsportlich und schäbig. Diese Kinder. Kommen wir mit einem absoluten Gerechtigskeitsempfinden auf die Welt? Und verlieren es nach und nach. Wie unseren Mut?

Nun denn. Österreich zimmerte vier Kisten und alle waren happy. Bis auf die Kasachen, natürlich.

Interessant war für einen wie mich, der schon lange nicht mehr auf dem Platz war, wie live der ganze Lack runtergeht, als wärs ein Film, der nur die Totale und keine Großaufnahmen kennt.

Fußball wirkt live langsamer, Eishockey schneller. Da braucht man all seine Konzentration, um dem verdammten Puck zu folgen. Und Eishockey ist für die Ohren unglaublich spektakulär. Der Hammerschlag der Scheibe die an die Bande kracht, das kripselnde Aufreißen des Eises bei schnellen Stopps, die Rufe, das Keuchen und der rasselnde Atem. Da ist die akustische Action auf dem Eis, beim Fußball im Publikum.

Das nächste Mal gehe ich wieder zum Boxen. Da gibt’s keine Nationalhymnen. Das machen, aus unerfindlichen Gründen, nur die Deutschen, diese tamische Fahnenschwenkerei im Ring. Was soll das?

Ich hab da so meine Theorie …

«Ehrliche Prosa»

Auf «ehrliche Prosa» stieß ich in den letzten Tagen gleich dreimal, und jedes Mal blieb ich an der Formulierung hängen. «Ehrliche Prosa», was ist das?

Prosa heißt «gerade heraus». Eine Schreibweise, die sich ohne Umschweife dem Wesentlichen annimmt. Es gibt den Begriff «schnörkellose Prosa», was eigentlich eine Tautologie ist. Ebenso «klare Prosa».

Gibt es, wenn es «ehrliche Prosa» gibt, «unehrliche oder verlogene Prosa»? Oder steht das Adjektiv «ehrlich» nicht viel mehr als Attribut für den Autor? Ein «ehrlicher» Autor schreibt «ehrliche Prosa»?

Ein aufbrausender Maurer zieht eine «cholerische Mauer» hoch? Der schüchterne Zimmermann baut einen «scheuen Dachstuhl» und der schläfrige Kassier stellt eine «müde Rechnung» aus?

Es gibt den «Zwang zur Prosa», wie Jörg Fauser einmal schrieb, den Zwang zum Ausdruck. Aber den haben Vögel auch.

Und wie Hemingway sagte: «Die Gesetze der Prosa sind unveränderlich.»

Es gibt den ehrlichen Prosaisten, den ehrlichen Autor. Aber was bedeutet Ehrlichkeit für einen Schreiber? Meint man nicht eher Aufrichtigkeit?
Wenn er die Wahrheit zu schreiben versucht, ist er dann ehrlich? Ich würde einfach sagen: Er versucht ein Autor zu sein.

Gibt es also «ehrliche Prosa»?
Ehrlich gesagt, ich glaube nicht.

Neues von den anonymen Umsonstoholikern

Einverstanden, Assange hat ein Ego wie Madonna nach einem gelungenen Lifting, aber was die Kollegen von Anonymus nun in einem offenen Brief zu sagen haben, ist eigentlich nicht mal mehr zynisch, sondern ekelhaft.

Assange zum jetzigen Zeitpunkt vorzuwerfen, dass sich alles nur noch um ihn drehe, ist etwa so, wie einem Wanderkameraden der bis zum Hals im Treibsand steckt, vorzuwerfen, dass er keine Lust habe weiterzugehen.

Es gab mal eine Zeit, da nannte man sowas Verrat. Ist vielleicht lange her, aber ich erinnere mich noch. Vielleicht ist es für Leute, für die Verrat der normale Job bedeutet, eben nur Arbeit.

Plagiatsschnitt

Nun soll also auch die deutsche Bildungsministerin Schavan bei ihrer Dissertation «Person und Gewissen» plagiiert haben.
Man weiß gar nicht mehr, was man dazu sagen soll. Am besten nichts.

Ich glaube, in Österreich gibt es das Plagiat nicht.  Nur nicht so strahlende Disses. Statt summa cum laude, nur summa cum passtschon.
Da wo ich herkomme, stand der Dialektausdruck «plagieren» für Angeben, Großtun, das Maul aufreißen. Auch sehr schön. Kommt aber eher aus dem französischen «blaguer» (Witze machen), was beweist, dass für den Berner Oberländer der Prahlhans doch nur ein Clown ist, was ja nicht die übelste Betrachtungsweise ist.

Was die Politos anlangt, so wäre da vielleicht mal ein «Plagiatsschnitt» angesagt. Schuldenschnitt für Griechenland, Plagiatsschnitt per nostre Politos. Denkt darüber nach.

Und zu guter Letzt stieß ich selber noch auf eine Art Plagiator. Der Kollege Daniel Kehlmann, heute, in «Sternstunde Kunst», leitete das lange Porträt – in einem Nachen sitzend – mit einem fast wortwörtlich übernommenen Graham Greene Zitat ein:

«Zuweilen frage ich mich, wie alle, die nicht schreiben, komponieren oder malen, es zuwege bringen, dem Wahnsinn, der Melancholie und dem panischen Schrecken des menschlichen Daseins zu entfliehen»

Natürlich ohne den Autor zu nennen.
Aber, und diese Möglichkeit muss eingeräumt werden: Vielleicht hat Kehlmann es nur nacherfunden? Oder es gehört so selbstverständlich zu seinem Leben, dass er vergessen hat, dass nicht er der Urheber ist. Oder Graham Greene hat es von ihm geklaut.

Ich plädiere für Plagiatsschnitt.
Wenn ich allerdings bedenke, dass uns die Plagiatsjäger diesen adligen «blague» vom Hals geschafft haben, bin ich mir nicht mehr so sicher. Wie in allem anderen auch nicht.

Hängende Muskeln

Ein, an und für sich, ganz kluger Theatermann sagte es einmal zu mir, und in letzter Zeit, da Arnold Schwarzenegger seine Bio veröffentlicht hat, kann man es immer wieder lesen, und es ist immer noch so dumm und ignorant wie in den sechziger Jahren, als die ersten Bilder von Bodybuildern auftauchten: «Der kann mit seinen Kunstmuskeln nicht mal einen Sack Zement heben!» und vor allem:
«Im Alter wird das alles herunterhängen!»

Mit «Alles» meinen die Schwachos die Muskeln, die sich einer angearbeitet hat. Zum Beweis werden Fotos von Schwarzenegger bemüht, die einen alternden Mann in Badehose zeigen, einen massigen Typen mit Plautze und Hüftspeck, und unsere Hühnerbrusthollidiliüs bejubeln den Niederhang der Muskeln.
Das Leben hat die Weichis gerächt. Glauben sie.
Aber das, was da hängt, ist die Fettn, wie der Ösi sagt, und die Fettn ist dem physiologischen Prozess des Niedergangs eines jeden Mannes geschuldet, wenn der Testeronspiegel sinkt, usw., unvermeidbar, wie der Tod. Könnte man, wenn man nicht ein weicheiiges und rachsüchtiges Pfeifchen wäre, in jedem Gesundeheitsbuch nachlesen. Oder bei Google nachkucken.

Und wenn wir gerade bei Stärke sind: Schwarzenegger (und auch meine Wenigkeit) werden mit 80 noch so viel Power haben, wie die Schreiberlinge es mit 25 nicht hatten. Auch mit Fettrand.

Aber wie schon der geniale Werner Kieser, der jahrzehntelang von Ärzten und Physiotherapeuten wegen seiner Rückenschule geschmäht wurde, sagte: «Es braucht mindestens eine ganze Generation, bis eine als unsinnig und falsch erkannte Behauptung von der Gesellschaft als falsch und unsinnig akzeptiert wird.» (sinngemäßes Zitat)

Worte. Viele Worte.

Ich lese gerade ein Buch, das ein Film sein möchte (und eigentlich einer ist!).
Es ist ein dickes Buch. Ein verdammt dickes Buch. 800 Seiten à 36 Zeilen.
Ich misstraue dicken Büchern. Für einen Freund von mir, ist Dicke gleichbedeutend mit Güte. So irgendwie. Er würde dieses Buch lieben, in dem man andauernd auf solche Sätze stößt: «Mit schlafwandlerischer Sicherheit führt Gary seinen Kumpel durch den dunklen Flur, dreht sich um und greift nach dem runden Handlauf des Treppengeländers. Einen Moment lang hält er inne, genießt die Erinnerung an die angenehme Rundung.»

Gut. Viele Worte. Aber warum? Und wie muss ich mir das vorstellen? Wenn Gary sich umdreht und «inne hält», was macht da sein Kumpel? Lascht der in ihn rein? Oder kann er vorher noch abbremsen? Und was ist eigentlich «schlafwandlerische Sicherheit»? Ich weiß nicht, was Schlafwandler tun, wenn sie  in Aktion sind. Und wie kann man eine «angenehme Erinnerung» an die Rundung eines Handlaufs «genießen», und will ich das wirklich wissen? Und vor allem: warum ist all das wichtig?
Ja, ich weiß, ich bin deppert. Aber das Buch ist dick und andauernd bleib ich an solchen Sätzen hängen. Ich werde Jahre brauchen, um es zu lesen.

Ich bin ungerecht. Da bemüht sich ein Autor, die Hölle eines Drogenviertels zu schildern, das Leben eines Dealers und Junkies inmitten von Müll und Wahn, und ich mäkle an Sätzen rum. Das ist nicht fair.
Aber so ist es eben: Im Leben und im Lesen gibt es keine Gerechtigkeit. Und im Fußball auch nicht. Nicht mal beim Boxen. Genaugenommen, nirgends.

Das ist schmählich. Das ist Schmach. Darum gefallen mir die Arbeiten des Künstlers Julius von Bismarck, der Berge und Ozeane peitscht, so gut. Er versucht, ganz allein, mit der Schmach ein Mensch zu sein, fertig zu werden. Das ist, irgendwie, heroisch.

Ich weiß nicht, was ich mit dem Buch machen soll. Ich verstehe nicht, von wo sich ein Autor so viele Worte besorgt. Als würden sie auf Bäumen wachsen.
Ray Chandler sprach sich einmal gegen das Diktieren von Texten aus. Er war der Meinung, dass, wenn der Autor die Worte selber hinschreiben musste, er dafür sorgen würde, dass sie auch Gewicht haben. Der gute, alte Ray. Heute gibt es nicht mal mehr Schreibmaschinen. Und keiner hat mehr Zeit.
Darum gilt immer noch Harry S. Trumans Antwort auf die Kritik, an seiner etwas lang geratenen Rede: «Sorry, aber ich hatte keine Zeit mich kürzer zu fassen.»

Das Sprüchemuseum (15)

«Ich denke gerade darüber nach, wie stark der ist. Und ob dieser Wunsch nicht vielleicht eher von meinen Eltern oder der Gesellschaft stammt», sagte die Schauspielerin Birgit Minichmayer – die gerade von «einem Kinderwunsch umgetrieben» wird – zur «BamS».

Wir sagen: Sagenhaft, für was alles «die Gesellschaft» herhalten muss! Manchmal tut sie einem schon richtig leid, die Arme.