Tirade

Das Kulturmagazin «Saiten» hat in der Dezemberausgabe 21 Beiträge zum Weltuntergang am 21. Dezember gesammelt und auf der Homepage einen Countdown erstellt. Heute gibt’s die Nummer 6. Ist meine:

http://www.saiten.ch/pdf/heft/2012/12/countdown/6.pdf

Das ist übel

Gestern schrieb ich in meinem Blog, als erste Reaktion auf das Massaker in Connecticut, frei nach «Jesus» in «The Big Lebowski»: «Man möge den Typen von NRA (National Rifle Association) ihre Dinger (Waffen) wegnehmen, sie ihnen in den Arsch schieben und so lange abdrücken, bis es «click» macht.»

Ich habe es wieder gelöscht. Nicht weil es ganz falsch ist, sondern, weil ich solch wohlfeile Posts eigentlich nicht ab kann.

Ich könnte jetzt sagen, dass es mich erschüttert hat, aber das wäre auch nicht wirklich wahr.
Was mir der fürchterliche Wahnsinn und die entsetzliche Traurigkeit dieser Töterei einmal mehr mit Deutlichkeit gezeigt hat, ist: Dass in dieser Welt immer mehr dumpfe Brüder unterwegs sind, seien es Soziopathen, Drecksnazis, Scheißislamisten, Stumpf-NRA’s, Zombieultraorthodoxe (jüdischer und christlicher Ausprägung), die einen verdammten Krieg in unsere Gesellschaft tragen, und die vor nichts mehr zurückschrecken. Denen alles egal ist.

Und das ist ziemlich übel. Und niemand weiß, was man dagegen tun kann.

Weihnachtsgeschenk und «Gutes Tun»

Ich möchte den Bloglesern, vor allem denjenigen (aber auch allen anderen), die noch nicht alle Weihnachtsgeschenke für ihren klugen, lesehungrigen, nach intelligenter Unterhaltung dürstenden Lieben besorgt haben, noch einmal den neuen Roman «Goldene Tage» empfehlen.
Sie helfen mit dem Kauf von «Goldene Tage» mit, dass es diesen Blog auch weiterhin gibt. Denn – und darauf muss immer wieder mal mitleidlos hingewiesen werden -, auch Autoren brauchen Geld.

Wenn Sie den Roman direkt beim Verlag bestellen: verlag@songdog.at  wird er innerhalb von 3 Tagen (versandkostenfrei) in Ihrem Briefkasten liegen. Erhältlich auch bei Amazon oder im Buchhandel.

«Andreas Niedermann, dem in Wien lebenden Schweizer Autor und Buchverleger … ist mit „Goldene Tage“ ein wunderbarer kleiner Roman geglückt. Ohne Special Effects und ohne etwas künstlich aufzupeppen. Ruhig, stilsicher, elegant und reduziert ist Niedermanns Prosa, und man fühlt sich von ihr aufs beste unterhalten.“
„Junge Welt“, Berlin

«Niedermanns «Goldene Tage» ist sein  – bislang – bester Roman. Ein Buch, das durch seine Authentizität und herbe Schönheit wie ein funkelnder Nugget aus dem Bodensatz gegenwärtiger Neuerscheinungen hervorsticht.»
„Drecksack“, Berlin

«Im Subtext – und dies macht den Roman zu einem Stück echter, großer Literatur – handelt Goldene Tage davon, wie man mit der Vergangenheit umgeht.“
Robert Mattheis, in „satt.org“

„… die fast skizzenhaften Beschreibungen der Umgebungen und Szenen, lassen trotzdem klare Bilder entstehen … Es ist bei aller Klarheit, bei allem vorgegebenen genug Raum für eigene Bilder, ohne das man das Gefühl hat, der Autor sage zu wenig.“
Karin Braun in «writresscorner»

„Großes Kino, ein Lesegenuss. Knapp und präzise wie Hemingway.“
„Saiten“ Kulturzeitschrift, St. Gallen

Jury-Gestümper

Wer als Verleger, auch wenn er Urs Engeler heißt, in einer Jury Bücher prämiert, muss wissen, dass kein Buch aus seinem Verlag in die Kränze kommen kann. Auch wenn es mit Abstand das Beste wäre. Sowas nennt man Anstand.

Dass dem nicht so ist, und die Jury Arno Camenisch, dessen Buch bei Engeler erschienen ist, ausgezeichnet hat, ist mehr als nur schlechter Stil: Es entwertet den Wettbewerb, die Preisträger und ist inakzepatbel.

Stachanov-Orden für CH-Literatur Jury

Heute, an diesem Abend, wo in Bern 8 Preise für Literatur (Eidgenössischer Wettbewerb für Literatur) vergeben wurden, muss ich mal loben. Heftig loben. Und zwar die Giganten der Jury! Und mein Gott, es sind wahrlich Giganten des Lesens, und auch des Diskurses.

«Es wurden ingesamt 236 Bücher eingereicht, acht davon wurden ausgezeichnet. Die Jury hat sich eingehend mit Ihrem Werk befasst und darüber diskutiert. Leider…»

Das stand in dem Ablehnungsschreiben für den Roman «Goldene Tage», den eines unserer Blog-Redaktions Mitglieder eingereicht hatte. Wir haben Grund zur Annahme, dass auch andere Werke gelesen und diskutiert wurden.

Eine Handvoll Juroren las in drei Monaten 236 Bücher, hat sich eingehend damit befasst. Und diskutiert. Jeder Juror las pro Tag 2,62 Bücher. Und diskutierte mit den anderen darüber.

Das schafft man nur in der Schweiz. Das ist amtlich.

Gibt es eigentlich den Stachonov-Orden für Literatur-Jurys?
Diese hat ihn verdient. Welche sonst?

Wir von der Blog-Redaktion verneigen uns.

Nö, eigentlich nicht

Gestern saß ein Mann in den Spätnachrichten. Er hatte eine sauber ausrasierte Filmkritikerglatze und eine harte, schwarze Cineastenbrille und er sprach darüber, dass Michael Haneke in Valletta den europäischen Filmpreis gewonnen hat. Er nannte es «Hanekes Triumpf». Es klang, wie damals, nach einem Schirennen, als Robert Seeger atemlos glückselig besoffen ausstieß: «9 Österreicher unter den ersten acht!»

Ich würde gerne wissen, was solche Typen, die solche Brillen tragen und solche Sachen sagen, den ganzen Tag so machen.
Nö, eigentlich will ich’s nicht wissen.

Die Troubles der Freiberufler

Als ich heute, vom Geisteszentrum kommend, zum Supermarkt einschwenkte, saß der dienstälteste Bettler des Grätzels auf der kurzen Treppe. Das war ungewöhnlich. Denn dort saßen sonst nur Roma-Bettler, und er war kein Rom, sondern ein ungarischer Slowake oder ein slowakischer Ungar oder ein ungarischer Ungar.
Vorher war es ihm erlaubt gewesen, bei der U-Bahnstation den Portier zu geben. Das heißt, er stand einfach bei den Knipsautomaten und sang und brabbelte vor sich hin, und diejenigen die ihn kannten (eine kleine, feine Kundschaft) , drückten ihm hin und wieder eine Münze in die verdeckt aufgehaltene Hand. So war das.

Dann war es nicht mehr so. Denn die U-Bahnleute vertrieben ihn. Kein Betteln auf ihrem Gelände, und in den Zügen!

Nun war er gewissermaßen ohne fixen Arbeitsplatz. Von da an sah man ihn auf den Bänken der Favoritenstraße sitzen. Verdrossen, und irgendwie gedemütigt.

Aber heute saß er auf der «Billa»-Treppe. Vorerst.

Als ich meinen Einkauf gemacht hatte, saß er nicht mehr dort, sondern die Rom-Frau, die von mir nie was kriegt. (Siehe Blog «Bettlerin mit Hund»)

Er musste sich verziehen. Das erzählte er mir. Ich gab ihm einen Euro. Er musste abhauen, weil die Roma nur ihre Leute auf der Treppe dulden. Die Treppe ist ihr Platz. Und er, mein alter Bettler, ist nur ein Freelancer ohne Lobby, eine 1-Mann-Unternehmung, ein Untergeher, ein Freiberufler, ein Unabhängiger. Man könnte sagen, um in der Buchbranche zu bleiben: Er ist die kleine Buchhandlung, und die Roma sind Thalia (die ja nun auch Pleite machen sollen, wie man so hört).

Von heute an, unerstütze ich nur noch die Freiberufler unter den Bettlern!

Was sonst noch gut ist

Nieselregen, Nebel, Krähen in Bäumen, Tage ohne Sonne, Tage mit wenig Sonne, menschenleere Parks, leere Fitnessstudios, Typen die 5er-Kombinationen in Sandsäcke hämmern, ein «Falter» ohne dieses durchgenüchterte Feuilleton von der Wildheit einer sackwarmen Marronitüte, Kinos die bereits um 14 Uhr Filme in OmU zeigen, Youporn, amerikanische Sitcoms von Chuck Lorre, Filme von Stefan Georg Troller, Menschen denen man nicht erklären braucht wer Guy Clark ist, keine Menschen, leere Supermärkte, Leute, die einem das «Zeit»-Magazin reichen, wenn man mit dem Lift stecken geblieben ist, das gottverdammt wilde Karniggel das mit uns die Wohnung teilt und alle Bewohner schon mal gebissen hat; Cowboyboots aus Alligatorleder, Anzüge aus Texas, (vermutlich) Georg Bush als Privatmann, Aufrichtigkeit, Diskretion, tolldreiste Lügen, der plötzliche Wetterumschwung in den Bergen, Schnee, ein dickes Bündel Banknoten, das Geld von anderen ausgeben, Buchbestellungen von Amazon, ein perfektes Blutbild, der erste Drink des Tages, japanisches Essen, mediterranes Essen, dunkelblütige Weine aus dem Languedoc, saufen bis man randvoll ist, Kokain, Opium und Meth, Sport treiben, ein linker Haken der genau trifft, ein Österreicher der einen begangenen Fehler zugibt, ein unerwartet gute Autorenlesung, einen neuen Autor entdecken, intelligente Zeitgenossen, Humor, Selbstironie, Leute, die eine Geschichte rechtzeitig zu einem Ende bringen und Leute, die einem nicht mit Aufzählungen, von : was sonst noch gut ist, langweilen …

Traurigkeit ist gut

Niemand kann das Wort «traurig» so schön hinschreiben wie der großartige Maxim Biller. Keiner kann mit diesem Wort die vielen Formen seines Zustandes evozieren wie er, aber keiner hatte es so wunderbar drauf, die Romane und Stories mit dieser beinahe jazzigen Traurigkeit zu tränken wie Hemingway, und niemand weckt ihn mir diese mitleidlose Verlorenheit wie der ewige Nick Drake, und kaum etwas empfinde ich so tröstlich wie die vitale, starke Traurigkeit eines guten Countrysongs. Und wer wusste mehr über Melancholie, als Jörg Fauser?

Wo ist sie hin? Die Traurigkeit in den Büchern. Die Melancholie und die Verlorenheit?
Mit ihr verschwand auch der Humor und die Klugheit.

In der neuen Literatur – von schönen, blutjungen Frauen rausgepowert – wird unterm Dirndl wieder gejodelt, und wenn da einer «brunzt» und «Fut» sagt, dann ist das nicht Werner Kofler, der das räudige Idiom seiner verblödeten und rohen Heimat verzweifelt benutzte, sondern dann ist es Pop. Und lustig. Und geil. Wie die Literaturverweser mit ihren Viagraständern bei den Interviews.

Traurigkeit zählte einst zu den 8 Todsünden. Sie wurde im 7. Jahrhundert durch Trägheit und/oder Überdruss, ersetzt.

Das waren noch Zeiten, wa?

Neid ist gut!

Wer hierzulande etwas kritisiert, zumal von unten nach oben, gilt als «neidisch». Von oben nach unten heißt dieser Neid «sachliche Kritik». So.

Die Neiddebatte. Die berühmte Neidkultur in diesen Landen. «Wir haben eine Neidkultur», sagen die Reichen und Schönen. Was meinen die damit? Sie meinen damit, dass der Neid der anderen eine Todsünde ist, und ihre Gier Zier.

Aber von Anfang an: Wir stammen alle von Kain ab. Abel hatte keine Zeit Nachkommen zu zeugen. Kain war neidisch auf Abel, weil Gott, das Arschloch, Abels Opfer mit Wohlwollen entgegen nahm, und Kains nicht. Aber Gott konnte man keins mit der Axt überbraten, der Arsch zeigte sich ja nie. Also war Abel dran.

Kain hatte einen guten Sinn für Gerechtigkeit. Es gab keinen verdammten Grund, warum Abels Opfer besser sein sollte, als seines. Okay? Gott war ungerecht. Das Leben war ungerecht. Kain war neidisch. Und der Neid ist emotionale Rebellion gegen die Ungerechtigkeit.

Heute wollen uns die Politiker, die Appeasmentideologen und Moraltheologen verkaufen, dass Neid nicht gut sei. Wir sollen nicht neidisch sein. Auch wenn das Leben andere auf Händen trägt und sie mit Anerkennung und Reichtum ausstattet, während wir keinen Job finden und vom Fusel saufen eine kaputte Leber haben. Nur kein Neid, heißt es.

Es heißt auch: «Das muss man neidlos anerkennen.»
Aber warum «neidlos»? Das schmälert doch die Anerkennung nicht, wenn ich eine Leistung «neidvoll» würdige. Im Gegenteil. Aber ich rede hier von Leistung. Das ist falsch. Wenn einem ein Erbe zufällt, steht dahinter keine Leistung. Und so verfällt es sich mit fast allem. Keine Leistung. Nur Standort-Glück.

Das Leben ist ungerecht. Der Neidische weiß Bescheid. Neid ist wie Angst: In Maßen eine gute Sache.

Ich gestehe: Ich wäre gerne ohne Neid. Aber ich wäre auch gerne gelassen, reich und beliebt. Gutaussehend, jung und der beste Schreiber der Welt. Bin ich es?

Und darum sage ich, ein Wort Gordon Geckos aus «Wall Street» abwandelnd: «Neid ist gut!»

Er verhindert, dass wir uns mit den Ungerechtigkeiten abfinden.