Rede zur Verleihung eines Literatur-Preises

„Liebe Kolleginnen und Kollegen,

mir ist bewusst, dass eine solche Rede nur mit einem Witz eingeleitet werden sollte, wie bei anderen Beerdigung auch, aber der Ernst der Sache verbietet mir diese Eröffnung, wobei es unter Ihnen auch welche geben mag, die meine Auszeichnung bereits als DEN Witz deuten mögen.
(Pause für Gelächter)

Nun ist es also real: Ich bin es, dem dieser Preis zugesprochen wurde. Ja, ich. Nicht Ihr, werte Kolleginnen und Kollegen. Das ist natürlich ungerecht. Aber um J.F. Kennedy zu zitieren: «Das Leben ist ungerecht, aber bedenke, wie oft es dies zu deinem Vorteil war.“

Und nun hat es mich erwischt, mich, dessen Buch bei der Jury die meisten Stimmen erhielt. Warum meins? Warum nicht eines von euch?
Ich war selber in Jurys und weiß, wie seltsam und sprunghaft es in diesen zugehen kann. Ein anfänglich hochgehandelter Favorit, der schon als Sieger in Spe gesehen wird, verliert aber in den folgenden Diskussionen immer mehr an Boden, bis sich am Ende kaum mehr jemand an seinen Namen erinnern kann. Das ist natürlich eine Hyperbel, aber nur eine ganz kleine.

Nun, was, werden sich einige Fragen, will der Autor uns damit sagen? Will er uns die Fragwürdigkeit solcher Preisverleihungen beschreiben? Uns Verlierer trösten? Hört er sich nur gerne reden? Hat er gar Schuldgefühle, weil ihm, wie jedem von uns, der an seiner Stelle wäre, gerade bewusst geworden ist, dass er diesen Preis nicht verdient hat?

Was quatscht der blöd rum, werden andere denken, take the money and run, du Schwafler, wen kümmern deine Skrupel, deine philosophendarstellerhafte kleinen Gedanken? Komm einfach zum Schluss, damit wir endlich an die Tränke können.

Berechtigter Einwand. Ich lebe in New York und der Batzen von 25’000 reicht gerade aus um ein halbes Jahr im voraus meine winzige Klause bezahlen zu können.

Ein anderer Effekt dieser Preisverleihung wird sein, dass nun im ganzen deutschsprachigen Raum kein Radiosender aufgedreht werden kann, ohne dass zu jeder Zeit mein Name fällt (sorry fo that), und Kulturjournalisten für Anlässe dieser Art den üblichen Kulturjournalistenspeech absondern werden, und so bekommt die Literatur, für einen ganzen Tag, ihren Platz in den Medien, damit sie am nächsten Tag umso konsequenter vergessen werden kann (vielleicht nicht mal zu Unrecht).

Ich werde ganz bestimmt einige Interviews geben, ich werde ein wunderbares Hochgefühl erleben, werde aber immer sagen, dass es mir nur um das Wort geht, und wie alle anderen bekannten und berühmten und bekränzten Autoren versichern, dass ich auch schreiben würde wenn ich keinen Erfolg hätte. Soviel bin ich euch, Ihr lieben Verlierer, schuldig.

Es ist natürlich, dass wird Euch nicht entgangen sein, eine völlig abseitige, niemals beweisbare Behauptung. Wir werden niemals wissen können, ob die berühmte Autorin ihr Wort halten würde. Denn es verhält sich wie mit dem Gegenteil davon: Wenn ein namenloser Gelegenheitsautor behaupten würde, er würde wie Sartre den Nobelpreis ausschlagen. Würde er?

Vielleicht werd ich diesen Satz also nicht von mir geben. Am Liebsten würde ich immer antworten: Keine Ahnung. Ich weiß nicht. Sagen Sie es mir. Nächste Frage.– Haben Sie veileicht ein bisschen Koks dabei?

Ja, die Literatur. Unsere Literatur. Und die der anderen. Was soll ich sagen? Ich weiß es nicht. Außer: Macht’s gut Ihr schönen Verlierer.

Ich freue mich bereits auf den Gym, wo ich ziemlich bekannt bin und niemand weiß, was ich außerhalb des Muskeltempels tue.
Dass man mich immer wieder mal mit einem Buch auf dem Fahradergometer sieht, wird mir großzügig verziehen, wenn ich ihnen auf der Bank zeige, was ein alter Sack sonst noch so zu bieten hat.

Liebe Kolleginnen und Kollegen seid ein bisschen traurig, dass ihr den Preis nicht bekommen habt. Seid auch wütend und beleidigt und angepisst. Steht euch zu.

Draußen stehen zwei Flaschen Bourbon und ein paar Flaschen Champagner. Bedient euch und versucht euch mal nicht zu benehmen wie Autoren, sondern wir Leute denen Unrecht getan wurde, und denen es schwer fällt diesen Brocken zu schlucken.

Ich verlasse nun die Bühne mit einem gerade heute und jetzt absolut fälligen Trinkspruch:

„Le chaim!»