In meinem Roman „Goldene Tage“ erschienen 2012 bei Songdog, in dem ich einen Kleinkriminellen namens „Rambo Rimbaud“, auch in die Jugendunruhen Anfang der achziger Jahre geraten lasse, und er in einem besetzten Gelände, zusammen mit anderen Besetzern, wohnt, macht er folgende Beobachtung:
«Die Einbrecher erkannte man an ihren stumpfen Visagen und den Palästinensertüchern.Palästinenser-Halstücher trugen auch andere, Nicht-Diebe. Diese trugen sie aus Überzeugung. Solidarität mit dem unterdrückten palästinensischen Volk. Nun ja. Viele Völker waren unterdrückt. Zum Beispiel alle, die rund um»Palästina« auf der arabischen Halbinsel lebten. Aber es war das palästinensische Volk, das es ihnen angetan hatte.
Darum trugen sie die Kufiya.
Einbrecher trugen das Tuch aus anderen Gründen. Diebe habens nicht so mit Ideologien, sondern sind eher fürs Praktische. Und die Kufiya war praktisch.
Die Stadtverwaltung hatte nicht nur die Einsatzkräfte der Polizei erhöht, sondern schickte auch vermehrt Polizeistreifen los. Und diese hatten es auf die Kontrolle von verdächtig streunendem jungem Volk abgesehen. Und wenn sie einen der Knipper am Haken hatten und bei ihm Gegenstände wie große Schraubenzieher, Geißfüße, Meißel und Hammer fanden, wurden sie ruppig und nahmen den Mann erst mal mit. Dann gabs Erkennungsdienst. Fingerabdruckvergleich. Und so weiter … Darum die Kufiya. Die Kufiya hieß: Ich bin links, aber kein Dieb, hieß: Ich werf schon mal einen Stein, aber nur wenn ich muss, hieß, ich bin gegen die USA, gegen Israel, gegen Kapitalismus und für Sozialismus, hieß, ich bin die falsche Adresse, seh ich etwa aus wie ein Dieb? Hab ich Werkzeug bei mir?
Nun, die Kufiya war das Werkzeug.
Der Stoff war grob und reißfest. Und wenn die Knipper, die sich vorwiegend auf Keller spezialisiert hatten, vor den mit Bügelschlössern versperrten Abteilen standen, freuten sie sich. Denn sie fummelten einfach ein Ende der Kufiya durch den Bügel, bis sie zwei gleich lange Teile hatten. Ein kraftvoller Ruck. Vielleicht noch ein zweiter. Entweder hielt, je nach Schlossgröße, der Bügel nicht stand, oder die Verankerung des Riegels gab nach. Beinahe geräuschlos, die Operation.
Darum die Kufiya.»
