Kauft mir ein Auto! Bitte.

Ich ertrage die Schamlosigkeit meiner Mitmesch*innen nicht mehr.

„Der Verlust der Scham ist das erste Zeichen von Schwachsinn.“ , soll S. Freud gesagt haben. Wer immer es auch gesagt hat, ich habe keinen Grund, ihm nicht zu glauben.
Jede Fahrt in öffentlichen Verkehrsmittel ist ein Beweis dafür. Und eine Folter.
Ich verstehe jeden Autofahrer, und ich verstehe nun auch, warum sie es vorziehen stundenlang in Staus zu stehen, anstatt Bahn, Bus oder Tram zu nehmen. Es scheint alles besser zu sein, als der Schamlosigkeit und Rücksichtslosigkeit der anderen ausgesetzt zu sein.
Ich habe keinen Führerschein und ich habe kein Auto. Aber das lässt sich ändern.

Warum gibt es noch keinen CO2-Fußabdruck für schwachsinnige, laute Handygespräche? Warum keinen für das Gefiepe von Handyspielen, warum keinen für extrem dämliche Äußerungen, und warum keinen für seppelblöde Visagen?
Die sind der eigentliche Grund für den CO2-Ausstoß von Autos.

Wieder mal?

Noch vor einigen Jahren war Deutschland das coolste Land in Europa.
Was ist es jetzt?
Schon wieder das Land der zu kurz Gekommenen, denen die Demokratie schon wieder zu anstrengend ist.
Das Land, in dem man Faschisten in Talkshows einlädt und Verständnis für ihren Hass und ihre Dummheit aufbringt.
Wie sieht’s eigentlich in Spanien aus? Ein Land, dass es Corona-mäßig fünffach so schlimm erwischt hat? Italien? England? Man hört so wenig von den dortigen Eso-Verschwörungs-links-und rechts-Corona-Antisemiten-Faschisten.
Es ist Deutschland. Wieder mal?

Neusprech

„Was macht das mit Ihnen?“, so wird der Talkgast heutzutage gefragt. Auch sonst. „Was macht das mit dir?“
Noch vor kurzem war die Frage: „Wie geht es dir damit?“
Und noch etwas früher: „Wie kommst du damit klar?“
Noch früher: „Mach was draus.»

Ja. Was macht das mit uns? Es macht uns alle zu Opfern.
Ich kann nichts dazu, es macht etwas mit mir. Es hat mit mir gemacht, dass ich vollkommen ausflippen musste, als ich sah, wie sie bei Rot die Straße überquerte. Dieser kurze Rock hat mit mir gemacht, dass ich ihren Arsch tätscheln musste.
Es passt in diese geile Zeit, wo jeder das Opfer eines anderen Opfers ist.
Und weil «es etwas mit mir macht“, bin ich auch nicht mehr verantwortlich für meine Handlungen.

I was lovin’ the lockdown

«Deshalb zwingt uns die Seuche zu widernatürlichem Verhalten. Wir meiden Sozialkontakte. Wir kämpfen, wir fliehen nicht, wie wir es im Moment der Gefahr sonst tun würden. Wir sitzen still, tun nichts, warten. Wir haben gelernt, dass nur das richtig ist, aber es fühlt sich falsch an.
meinte ein Kolumnist in einer Zeitung.

Wie falsch kann denn einer überhaupt liegen? Fragte ich mich. Zumindest, was mich betrifft.

Gestern, nach einer Wanderung wieder mal in einer Tram. Von Grinzing zum Schottentor.
Gelärme, unausgesetztes, geistesgestörtes Handygequatsche von matschbirnigen Mitmenschinnen, die man in einer Tram nicht fliehen kann. Ich stieg zwei Stationen früher aus. Volle Straßen, volle Gehwege. Wozu?
Wie schön war doch der Lockdown mit seinen Geistertrams? Wie wunderbar, die leeren Straßen, wie erholsam, dass der Mitmensch nicht rumlärmen durfte, wie süß seine Furcht bei Begegnungen.
Die „neue“ Normalität ist so gestört und hassenswert wie die alte. Es ist erstaunlich, wie klaglos wir die Scheiße akzeptieren. Wie langweilig und spießig sie ist, diese Normalität, die alle wieder zurückhaben wollen.
Ja, ich weiß: Die Wirtschaft.
Aber da ich in der Zeit der „neuen“ Normalität auch nicht ins Anzengruber gehen kann, und sowieso nicht wegfahren, so hege ich doch die Hoffnung, auf einen neuen Shutdown.

It was very nice. I was lovin’ it.

Faschisten-Attacke

«Was mich schockiert, ist die unverhältnismäßige Gewalt gegen die Presse“,  sagte Harald Ortmann, Geschäftsführer der Produktionsfirma TV United, die in Berlin gedreht hatte, dem SPIEGEL. «Das war keine normale Prügelei, das hatte eine neue Qualität.»

Was wär denn, so frage ich, die „verhältnismäßige» Gewalt gegen die Presse? Anstatt Faustschläge nur Watschen? Anstatt Tritte in die Eier, Kopfnüsse?

Man kann an der Sprache dieses Produzenten erkennen, wie sehr die Faschisten schon in die weichen Birnen eingedrungen sind.

Dann haben wir da noch den „feigen Angriff“. Reicht „Angriff“ allein nicht aus? Wieso feige? Welcher körperliche Angriff auf die Presse wär dann ein mutiger Angriff?

„Das war keine normale Prügelei“.
Er weiß nicht was eine Prügelei ist. Er weiß es nicht, denn er hat sich noch nie geprügelt. Er weiß nicht, dass prügeln ganz anders geht. Wenn jemand überfallen und verprügelt wird, nennt man es nicht „Prügelei“. Man nennt es einen Überfall.

Sie wissen nicht, von was sie reden. Sie sind der deutschen Sprache nicht mächtig.

Es war ein Angriff von Faschisten auf die Presse. Punkt.

«Wir stehen an Eurer Seite! Lasst Euch Euren Humor und Eure Leidenschaft nicht nehmen von feigen Gewalttätern», schrieb etwa Außenminister Heiko Maas (SPD).

Nein, Heiko Maas, du/ihr steht nicht an deren Seite. Niemand hat dich/euch gesehen, als es losging und die Leute angegriffen wurden.

Vielleicht wär’s an der Zeit für einen feigen Gegenangriff?

Der Klempner

Ein Künstler sei nichts anderes als ein Klempner, der Kunst macht. Oder wars: ein Künstler arbeitet wie ein Klempner? Anstatt Rohre zu verlegen, mache er eben Kunst. Der Künstler. Darum her mit der Penunze! Meinte einer in einem Radiointerview.

Jay Haslinger verkündete in den Haider-Jahren, «dass er wohl Schriftsteller, aber damit nicht automatisch für politische Statements qualifiziert sei. Man könne eben so gut einen Klempner befragen.“
Da hammern schon wieder, den Klempner. Aber natürlich ließ Jay Haslinger kein Mikro aus. Vermutlich fand sich gerade kein Klempner, der Zeit hatte.

Wir hatten unlängst einen verdammt guten Klempner, der unser Klo neu einrichtete. Schnell, preiswert und sauber gearbeitet. Schätze, er war oder ist jetzt arbeitslos. Ich hoffe, ich schreibe annähernd so gut wie er klempnert.
Das Ding ist halt: als Klempner kannstes irgendwann. Als Autor nie wirklich.
Aber als Künstler-Klempner, biste nie arbeitslos. Nur werde ich für meine Arbeit eigentlich kaum oder gar nie bezahlt. Ich kann auch nicht auf’s Arbeitsamt gehen.

Und irgendso’n Hartzer oder Notständler zu sein, ist einfach zu einfach. Tippen und hartzen (oder wie das hier heißt?)
Ich könnte auch klempnern. Ich bin ziemlich gut in allem. Hab ich ja auch schon gemacht. Damit ich nachher schreiben konnte.

Wenn ich Klempner wär, würden die Leute mir die Füße küssen. Ich wäre gern gesehen. Ich würde etwas nützliches tun. Verstopfte Klos reparieren und solche Sachen. Wasserrohrbrüche beheben. Fette Rechnungen schreiben. Und alle würden’s okay finden, denn so ein überlaufendes Klo und/oder ein Wasserrohrbruch bringt den Blutdruck irre schnell nach oben, und macht aus einem in Sekunden eine Covid-19 Risikoperson.
So ein Klempner arbeitet also auch noch im Gesundheitswesen.
Und was macht der Künstler?
Eben.
 

Sprechen Sie deutsch?

Es ist eine sehr seltsame Erfahrung, Konzentrationslager zu bauen. Für den Gelderwerb. Auch wenn man von der israelischen Theatertruppe AKKO dafür angeheuert und sogar gelobt wird. Ein Lob, das nicht richtig zu freuen vermag. Natürlich: Alles Kulisse, aber echt. Der schmiedeiserne Schriftzug Arbeit macht frei der über dem Tor in Auschwitz sich wölbte, ist in Originalgröße nachgeschmiedet. Die Eisenbahn allerdings, ein Modell. Selektionsrampe. Niedrige, beklemmend enge Gänge, von deren Decken alte Schuhe baumeln. Stacheldraht. Die Wände aus rohen, ungehobelten Brettern mit Fotos und Dokumenten aus österreichischen Archiven tapeziert.

Das Konzept? 
Anstatt einer Erklärung, eine kleine Begebenheit während des Aufbaus in Wien: Beim Aufkleben der fotokopierten Dokumente bekam eine Technikerin plötzlich ein Papier in die Hände, das ihren Großvater als Nazi und Gauleiter auswies. Davon hatte sie bis zu dieser Sekunde nichts gewusst. So ist das. Und das ist dann auch das Konzept der interaktiven Theaterarbeit: Die Enkel der Opfer treffen auf die Enkel der Täter.

Deswegen bin ich in Turun. Das hiesige Stadttheater hatte das AKKO-Theater aus Israel mit dieser Produktion zu einem Festival geladen. Und ich sollte den Bühnenbildnern und Technikern mit meiner Erfahrung bei den Bauten behilflich sein.

Wir sitzen im Büro der Intendantin des Turuner Stadttheaters. Formalitäten in fließendem Englisch. Freundlichkeit und Humor. Die Leiter des AKKO-Theaters: David Mayaan und Moni Youssef  sind schon am Vortag aus Israel her geflogen. Ihre Gesichter sind sonnengebräunt, ihre Mäntel, die an der Garderobe hängen sind riesig, wirken wie die schweren Häute eben erlegter Bären. Meine alte, ausgebeulte Jeansjacke hängt daneben am Haken wie das äußerst unglaubwürdige Versprechen eines noch fernen Frühlings.

Ich schaue aus dem Fenster. Ein wuchtiger, aus Steinquadern gemauerter Turm direkt im Blickfeld. Daneben das Rathaus. Der Turm erregt meine Neugier. Sehe ich kleine vergitterte Fenster? Schießscharten?
Ich frage. 
„Oh, that‘s the prison!“ 
Ich schüttle ungläubig den Kopf. 
„Believe me. It’s true!“
Das ist es. Die Trinität einer Stadt, eines Zentrums: Rathaus, Theater, Gefängnis. 

In Wien: Rathaus, das gegenüberliegende Burgtheater und anstelle des Café Landtmann ein Knast. Mein Herz schlägt schneller bei dieser Vorstellung. So belässt man Gesetzesbrecher und Gesetzlose, die Outlaws, die Kinderficker, die Diebe, die Frauen und Familienmörder dort, wo sie herkommen, wo sie uns erwachsen, nämlich unserer Mitte. Die Killer, die so gewöhnlich und unauffällig sind wie du und ich. Nächstens hören sie in ihren Zellen die Sommer-Frühling-Herbst und Winter-Kirmes auf dem Rathausplatz, das Lachen der Frauen, die Straßenbahnen, das Stimmengewirr der Burgtheaterentlassenen. Das Klappern der Fiakerpferdhufe vermischt mit dem Knirschen der Eisenreifen. Die Autos. Mitten unter uns. 

Im Hilton. Wir arbeiten in Davids Zimmer. Konzentriert und beinahe atemlos schnell. Wir gehen die Pläne des Bühnenstandortes durch, legen die Topographie fest: Da, dort, nein, besser hier, gut. Nachher ist es vorbei. Die Arbeit. Keiner wird mehr ein Wort darüber verlieren, nichts wird nachbesprochen, nicht eine Silbe. Wenn gearbeitet wird, wird gearbeitet, nichts sonst. Aber danach ist danach. Bereits in Wien hatte mich diese Methode beeindruckt. Das kannte ich nicht von heimischen Produktionen. Steckte man da in einer drin, kam man – wenn man Glück hatte – erst wieder raus, wenn alles vorbei war.

Später beim Bier mit Moni in der Hotelbar. Gegen 22 Uhr schwärmen die Huren auf die Tanzfläche, so plötzlich und schön wie Nachtfalter, die, aus der Dunkelheit entlassen, ins warme Licht strömen. Sie wollen in unseren Zimmern schlafen. Sagen Sie. Schön, wie sie sind. Was sollen wir machen?
„I don‘t pay for love“, sagt Moni mit seinem wunderbaren Lächeln.
Wir sitzen an der Bar und kaufen für alle Schokolade.

Es ist 8 Uhr. Pünktlich erscheint der Bus. Ich lade meine Tasche ein und werfe einen Blick auf den Gefängnisturm. Es ist still. Nichts rührt sich, weder in den Schießscharten noch auf den Platz davor. 

Der Himmel ist mit Schneewolken verhangen. David und Moni erscheinen. In ihre mächtigen Mänteln gehüllt, sehen sie aus wie verirrte und zufällig aufgefundene Wanderer. Die braunen Gesichter lugen aus den hochgeschlagenen Kragen heraus. Aber sie werden recht behalten mit ihrer Vorsicht der Kälte gegenüber: Es riecht nach Schnee, und prompt fängt es kurz nach Ortsende zu schneien an. Und wie! Nach 10 Minuten ist die Fahrbahn nur noch zu erahnen. Die Termine in Warschau werden platzen, das scheint klar. Nebel breitet sich über die Ebene. Wir überholen im Schritttempo ein Pferdefuhrwerk, das plötzlich vor uns auftaucht. Es dauert Minuten, bis der Kleinbus vorbei ist. Jerzy, unser Begleiter, weiß zu berichten, dass es für die Strecke Warschau-Danzig zwei stolze Schneeräumfahrzeuge gibt. Das sind ungefähr 400 Kilometer Straße. Bei dieser Art von Schneefall ist das so optimistisch wie der Besitz eines großen Strandtuchs und einer Sonnenmilch.

Und so rutschen wir in einem grauen Gespinst aus Nebel und Schnee von einer Straßenseite zur anderen, von Norden nach Süden, und irgendwann packt Moni den Inhalt seiner Umhängetasche aus: Kekse, Schokolade, Kaugummis, Bonbons. Niemals – und das ist amtlich – verlässt er das Haus ohne Mundvorrat. Von Kindheit an. Der Grund liegt in der Liebe zu seiner Mutter, die von den Nazis aus der Wohnung  heraus verhaftet und verschleppt wurde. Der Hunger, die Kälte, der Tod. Sie hat überlebt. Und wacht seither mit verzweifelter Strenge über ihren Sohn, damit er ja nie ohne kleinen Essensvorrat das Haus verlasse. 

Wir brauchen schließlich 5 Stunden für die 200 Kilometer. Aber, als hätte der Chauffeur, das Wetter mit in seine Reisezeitberechnungen einbezogen, erscheinen wir rechtzeitig zum Termin im jüdischen Museum Warschau.

Es ist düster, steinern, hoch und hallend. Ein dürrer, ungelenker, immerzu Verbeugungen andeutender junger Mann  führt uns durch eine Ausstellung, die mich nicht von der Düsternis der Räume ablenkt. Er stößt stakkatoartig sein „Dag-dag“ (Ja-ja) aus. Es klingt und echot von den Wänden wie das Tak-tak von Spielzeuggewehren. Es nervt.

Wir landen danach in einem brandneuen mexikanischen Fastfood Lokal, und decken uns mit Burritos, Tacos und scharfen Dips ein. Eine Premiere für Jerzy. Fastfood-Debut in Warschau. Wir essen draußen vor dem Lokal. Der Platz ist riesig, sehr kommunistisch, reiner platzverschwendender Osten. Die Trams alt und kreischend, wie zu groß geratenes, antikes Blechspielzeug. Die Autos qualmen in mehreren Reihen vorbei und der Burrito schmeckt wie ein Stück mit  Zwiebeln parfümierter Plastikschlauch in einer alten Zeitung. Genau wie anderswo auch. 

Auf der Suche nach dem Jüdischen Theater Warschau stehen wir plötzlich vor der Synagoge. Ein unscheinbarer Betonbau. Und jemand sagt: „Gehen wir doch rein“. Jerzys Augen leuchten abenteuerlustig. Fastfood-Premiere und jetzt die Synagoge! 

Wir betreten einen kleinen Vorraum. Es ist summend still. Moni ist religiös und weiß was zu tun ist. Er berührt mit den geküssten Fingerspitzen den Stein am Eingang. David ist anzusehen, dass ihm die Sache nicht schmeckt. Warum sollte sie auch? Er hat mit Religion nichts am Hut.

Der schmucklose Raum ist nicht groß. Platz für 100 Gläubige, vielleicht. Jerzy, als gut ausgebildeter Katholik weiß scheinbar auch, was zu tun ist. Er nimmt seinen Hut in die Hand. So ist es doch, denke ich, wir wissen nichts voneinander. Dann stehen wie etwas ratlos und verlegen herum. Was haben wir erwartet? David wendet sich zum Gehen. Aber dann passiert doch noch etwas. Von irgendwoher taucht ein großer, schwarzer Hut auf. Er ist nagelneu und gehört dem fast zwergenhaften Schammes, dessen wache und kluge Augen uns mustern. Der Mann redet auf uns ein. Unsere Köpfe wenden sich Jerzy zu. Wir warten auf die Übersetzung. Jerzy zuckt die Achseln und sagt: „I can’t understand his polish!“ 

Noch während ich versuche mir die Szene vor meinem innern Auge zu vergegenwärtigen: zwei braun gebrannte Israelis, ein schweizerischer Wahlwiener, ein polnischer Katholik, den Hut in der Hand, der aber die Landessprache in einer Warschauer Synagoge nicht verstehen kann, nimmt mich der kleine Mann an der Hand und zieht mich zurück in den Vorraum. Die anderen folgen. Ich deute seine Gesten als Aufforderung zum Warten. Er entschwindet, sozusagen.

Aber er ist ebenso plötzlich wieder da, nimmt Jerzy den Hut aus der Hand. Soll ihn aufsetzen. David stülpt sich die Kapuze seines Sweaters über und ich bekomme eine Kippa aus Viskose mit ausgefransten Rändern. Dann geht es im Gänsemarsch zurück.
Jerzy zuckt wieder die Achseln. „I can’t understand him, really!“
Ich wage einen Versuch, spüre dabei, wie mein Puls sich beschleunigt.
„Sprechen Sie deutsch?“
„Aber freilich.“
Es ist ein sehr jiddisch eingefärbtes Deutsch. 

Und noch während ich, der schweizerische Wahlwiener in einer Warschauer Synagoge die Geschichte der Juden aus dem Ghetto für einen katholischen Polen und zwei Israelis aus dem Jiddischen ins Englische übertrug, hätte ich irgendwie singen mögen. So verrückt und denkwürdig ist dieser Moment.

Ich erwähne, dass zwei der Herrschaften aus Israel hergekommen sind und wir uns gleich mit dem Leiter des jüdischen Theaters treffen werden. Ich weiß nicht, ob er verstanden hat, aber ich merke, dass es ihn nicht sonderlich interessiert. Er hat etwas anderes vor. Das Wohl seiner armen Gemeinde vor Augen, einer Gemeinde, die, wie er in beiläufiger Traurigkeit erwähnte, von 50‘000 Mitgliedern auf 500 – nun, wie sagt man in diesem Fall?- massakriert? wurde. Dann bückt er sich und ein hölzerner, offener Kasten mit Stiel, ähnlich einer großen Kehrschaufel liegt nun in seiner Hand. 

„Das hier ist für de Rebbe“, sagte er und seine Linke beschreibt einen Halbkreis. Danach aber deutet sie auf den Holzkasten. “Und das hier, ist für Geld.“
Ich übersetze. Man ist verdutzt. Warum denn? 
Aber wir leeren alle unsere Taschen, geben unsere Zlotys dran.
„Langes Leben“, wünscht der kleine Mann. „Langes Leben.“
Seltsam ausgelassen sind wir, als wir wieder draußen stehen. Erleichterung?
„This was like robbery!“, sagt David.

Eine Stunde später, Empfang im jüdischen Theater. Es liegt nur einen Steinwurf von der Synagoge entfernt. Ist es schon wieder düster und fremd und melancholisch? Riecht es nach altem Staub in Plüsch oder sieht es nur so aus? Vielleicht riecht es doch nach Vanille und Tabak und alten, warmen Glühbirnen? Auch nach einer Stunde und viel Kaffee bin ich in Gedanken noch in der Synagoge und versuche zu ergründen, was mich so eigenartig berührt hat. 

Aber dann werden wir vom Intendanten, einem außerordentlich liebenswürdigen und sehr alten Mann mit vollendeten Manieren, empfangen und durch die Innenräume geführt. Ich bleibe ein wenig zurück, höre vor mir die wohlbekannten ch-Laute der Unterhaltung in Hebräisch, einer Sprache, von der ich weniger als nur ein paar Brocken verstehe und die mich immer ein wenig an Schweizerdeutsch erinnert.

Irgendwann, wir sind inzwischen im Büro des Intendanten angekommen, wendet er sich mir zu, spricht mich auf hebräisch an. Moni klärt ihn auf. Ich weiß nicht, was er ihm über mich erzählt und ich habe auch später nie gefragt, aber ich sehe noch immer den Mann vor mir, sein Lächeln und seinen ganz und gar ungewöhnlichen Blick, klar und fest, voll Güte und Willen, und mir schwindelte doch noch immer von der Begegnung in der Synagoge, und dann geschah etwas, das ich hätte erwarten können, aber mit dem ich nicht rechnete, etwas, das mich so eigenartig wehrlos machte, dass mein Kopf nur so schwirrte. Ich hörte meine eigene Sprache. Vollendete Höflichkeit. Ein altes, ein wenig verschnörkeltes Deutsch, wie es gebildete und gut erzogene deutsche Menschen irgendwann einmal gesprochen haben mögen. Tausend  Dinge gingen mir gleichzeitig durch den Kopf. Bilder aus den Dokumentationen, brüllende SS-Männer in Stiefeln, Mütter, denen man ihre Kinder aus den Armen gerissen hatte und die mit diesem verrückten, alles erstickenden Schmerz in den Gaskammern sterben mussten; eine Phantasmagorie aus den applizierten Fotos in Wien, von gefolterten, verhungernden, in Lumpen gehüllte Menschen, und irgendwo, wie in den letzten Winkeln meines Gehirns, wiederholte eine Stimme immer wieder: Wie kann er deutsch sprechen? Wie vermag er das nur?

Das Projekt in Turun kam nicht zustande. 
Der wichtigste Sponsor sei abgesprungen, hiess es. 

Ich war wieder in Wien und zahlte meine Schulden.

Aus „Das Flackern der Flamme bei auffrischendem Westwind“ (Songdog Verlag)

Sagt

der Ermittler zum verdächtigten Einbrecher: „Wo waren Sie am 2. April 2020?»
„Den ganzen Tag zuhause.“
„Und das sollen wir Ihnen glauben?»

Es ist

vorbei mit Covi-Diary. Was in dieser Angelegenheit jetzt noch folgt, ist entweder die Apokalypse oder Redundanz. Ich verabschiede mich. Nicht aus dem Blog, aber ich wende mich wieder wichtigeren Dingen zu. Zum Beispiel Büchern.
Ich möchte hier meinem Kollegen aus Südgermanien vollends zustimmen

http://www.franzdobler.de

wenn er über Maxim Biller spricht.
Mach Guck!