Sie ist nicht mehr da

Sie ist nicht da
Seit Tagen nicht da
wo sie doch immer da ist
im Dienst, schon früh morgens
In ihrem langen Rock, den langen Flatterhaaren
ihrer fleckigen Wildlederjacke und
ihrem verschrumpelten, schmutzigen Kaffeebecher.

Sie ist ein Garant für gute Laune
sie lächelt und winkt mir schon
von Weitem zu.
Kein Wunder.
Ich bin vermutlich ihr bester Kunde.

Wenn ich an ihr vorbei gehe und
im Supermarkt verschwinde
redet sie in einem fort auf mich ein.
Ich sage nie mehr als ein paar freundliche, nichtssagende Floskeln.
Aber wenn ich wieder rauskomme
werfe ich was in ihren Becher
beinahe immer.

Es ist, als hätte ich ein geheimes Budget für sie
und ihren Bruder und den Alten oben, vor der
ehemaligen Bank.

Aber jetzt ist sie nicht mehr da
und ich mach mir ein wenig Sorgen.
Einerseits.
Andererseits habe ich schon jetzt
eine Flasche Sauvignon Blanc
faktisch umsonst.

Aber es wär mir lieber
sie wär wieder da.

Glück

Ich glaube es war Epikur der
Glück als Abwesenheit von Schmerz
definierte.
Ich seh das auch so.
Mein Schmerz
wird zur Zeit und in Hinkunft
durch Baulärm genährt.

Ewig ewig Jahre.

So bin ich glücklich
wenn ich schlafe.

Meinungen in Austria

«Jeder Zweite zweifelt an Meinungsfreiheit in Österreich“, war heute eine Schlagzeile im „derStandard“.
Man könnte daraufhin folgern – und das ist meine Meinung –, dass jeder Zweite in Österreich ein Schwachkopf ist. Mit seiner Meinung hinterm Berg zu halten, heißt noch nicht, dass man sie nicht äußern darf, wie stupid, faschistisch, dämlich, blöd, irrsinnig, töricht, abgefahren und abgefuckt, säuisch, idealistisch oder dumm sie auch sei.

Das Sprüchemuseum (125)

«Hauen Sie ab aus den sozialen Medien, verplempern Sie ihre Lebenszeit nicht mit Hetze und Gebrüll, mit Diskussionen, die im Nichts enden. Soziale Medien taugen nur zu einem: Unsere Daten abzuziehen, und die Massen mit Quatsch beschäftigt zu halten.»

Sibylle Berg

Wir sagen: Bei einigen dauert es halt etwas länger bis sie merken, dass die Hoffnungsträgerin einer bestimmten Art von Demokratie, sich längst in eine Müllkippe verwandelt hat.
Ja, so was machen wir. So was können wir. Das sind wir.

Mein Leben

In der äußerst sehenswerten Miniserie auf Netflix „Pretend it’s a City“ von und mit Marty Scorsese über und mit der Autorin Fran Lebowitz, erzählt sie eine Anekdote über einen New Yorker Psychiater, der ihr auf einer Party geklagt hatte, dass er x-Jahre Studium hinter sich gebracht habe, um nun Patienten zu behandeln, die zu 80% aus Menschen bestehen, die unter Lärm leiden.

So wie ich. All day long: Baulärm. Direkt vor dem Fenster. Und im Sommer das nächtliche Gelärme aus den offenen Fenstern der Wohnung von Partyholes.

Das ist der Blick aus meinem Fenster, unter dem normalerweise Saugbagger, Betonmischer, Zementmischmaschinen stehen und tun was solche Dinge tun: Lärmen. Im Chor mit Flex, Winkelschleifern, Presslufthämmern und Schleifmaschinen. 6 Tage die Woche.

Und mia ham auch noch Lockdown, was bedeutet, dass ich auch nicht – wie es die Autorentradition in Wien verlangt – ins Kaffehaus gehen und arbeiten kann. Es ist zu.
Kurz-mittel- und längerfristig ist keine Änderung zu erwarten.
Es sind Stümper am Werk, Billigsdorfer Baufirmen, die Jahre brauchen werden, um die Häuser zu renovieren.
Mein Ohnmacht ist beinahe total.
Aber ich weiß auch nicht, wie mir da ein Psychiater helfen könnte.
Vielleicht so wie in dem Witz:
Fragt der Freund, den Psychiaterpatienten: „Und was ist, hat der Psychiater geholfen bei deinem Hosenscheiß Problem?“
„Ja.“
„Toll. Scheißt also nicht mehr in die Hose?“
„Doch. Aber jetzt habe ich Freude daran.»

Könnt funktionieren.

Gerechtigkeit

Nun diskutieren sie.
Darüber, ob man für Geimpfte ein „normales Leben“ ermöglichen sollte, was bedeuten würde, dass jene nach Spanien ans Meer fahren könnten, um dort Urlaub zu machen, und so den Untergang Spaniens Wirtschaft verhindern oder verzögern. Nur zum Beispiel. Wenn ja, dann könnte ich nicht hin, und mit mir die große Mehrheit auch nicht.
Das sei eine Ungerechtigkeit die zum Himmel schreit, schreien sie schon überall, das komme nicht in Frage.

Ich denke, sie finden es aus Gründen der Grechtigkeit besser, das alles an Arsch geht, finden es besser, als einen Nachteil zu ertragen und einem, der das bessere Los gezogen hat, etwas zu gönnen. Ich denke, so sind wir.
Alle und alles muss gleich sein. Auch wenn es niemals so war und niemals so sein wird.

Kleinkarierte, neidische, gierige, an ihrer Selbstsucht verzweifelnde, überflüssige, mental retardierte wachsweiche Arschlöcher, unfähig auch nur über den kleinsten Schatten zu überspringen.

Das Nachtasyl ist nicht mehr

Für diejenigen, die es noch nicht wissen: Die Nacht gewährt kein Asyl mehr. Aus. Dost. Hotovo. Ewige Sperrstund is.
Der Ort, an dem ich vor 33 Jahren mein freiwilliges Exil antrat, inmitten all der unfreiwilligen tschechischen Exilanten, wo ich ein Jahr lang die Wohnung direkt darüber bewohnt und meinen zweiten Roman geschrieben habe, der Ort, an dem ich nach dem Schreiben um Mitternacht am Tresen aufschlug, und gleich mal zwei Bier auf Ex. schlucken musste, um halbwegs auf den Level der anderen Gäste zu kommen, der Ort, den man kaum vor 4 Uhr verließ, und danach oft noch zu mir nach oben ging, um weiterzumachen; der Ort, wo jede Nacht eine verdammte Überraschung in Petto hatte (good or better or fucked up), ist dem Virus zum Opfer gefallen.

Mein vorletztes Buch, die Novelle „Das Glück der falschen Fährten“, hat das Nachtasyl als Handlungshintergrund. Wie der Roman „Die Stümper“, der von Ostermeier als der „beste Wienroman“ gelobt wurde. Und meine erste Lesung in Wien fand ebenfalls dort statt.

Wir wollen nicht trauern, denn wir alle die da unten in diesem tiefen Keller unsere Nächte zubrachten, ja, wir alle, wussten und wissen es: Selbst die Sonne wird eines Tages erlöschen.

Dobrou Noc, Nachtasy!

Floskel-Horseshit

Zu meinen Lieblingshorseshit Formulierungen gehört, abgesehen von „extrem mild“, die wunderhübsche Floskel: „Ich hätte mir vorgestellt, dass …“
Was für ein großartiger Konjunktiv!
Großartiger als: „ Ich hätte mir gewünscht, dass …»

Also, ich persönlich hätte mir vorgestellt, dass ich mir gewünscht hätte, dass ich ich es mir wirklich vorgestellt hätte!

Ich gönn’s euch

Israel lässt Impfpässe ausstellen und öffnet für die Geimpften allerlei Betriebe, wie Schwimmbäder, Fitnesscenter, Restaurants und einiges mehr.
Great! Bravo Israel.

Ich bin auch dafür. Schon jetzt, wo nur was-weiß-ich-wieviel einstellige Prozent der Leute geimpft sind. So kriegen wir sie weg von der Straße. An die Hanteln, ins Wasser, an die Tröge und die Gasthaustische. Mich würds nicht stören, auch wenn ich erst in einem Jahr geimpft würde (vielleicht sinds auch zwei oder noch mehr).
Ich würds dem geimpften Mitmenschen gönnen, auch wenn ich einen Nachteil davon hätte.

Schätze mal, dass ich mit dieser Einstellung keine Freunde finden werde.
Wenn sich heute 10’000 Covidioten, Coronazis, Depperte, Retardierte, Leugner und religiöse Faschisten zu Demos zusammenrotten, so würden sich – falls die Regierung die Eier hätte, die Israelmethode auch hier anzuwenden –, Hunderttausende auf dem Heldenplatz einfinden, um gegen diese als untagbar empfundene Ungerechtigkeit zu demonstrieren, und die Stadt in Schutt und Asche legen.

Man gönnt sich ja sonst nichts!