«Welcome in Vienna»

Der neue Kassierer im Billa ist dunkelhäutig, heißt Boris und verlangte einen Blick in meine Sporttasche zu werfen. Es war mein erster Einkauf, seit ich wieder in Wien war. Normalerweise erkläre ich den KassiererInnen, wenn sie meine Sportsachen ankucken wollen, dass ihnen das eigentlich nicht zusteht, und dass, wenn sie es trotzdem begehren, sie doch bitte die Polizei hinzuziehen möchten.
In diesem Fall war ich nicht so ausführlich, denn Boris hätte dies missverstehen können, so Rassismus-mäßig, und ich ließ ihn seinen Blick tun, und er fragte, ob ich Schwimmer wäre, denn er erblickte ein Handtuch und den Restschweiß auf meiner Stirn, und dann wusste er nicht was ein Kopfsalat war und ich wusste es auch nicht, da in Wien ein Kopfsalat ein Häupelsalat ist, aber das fiel mir gerade nicht ein, und Boris klingelte und die beste Checkerin des Ladens kam und die sagte Boris die richtige Nummer und den richtigen Salat-Namen, und dann gings weiter.

Die Rechnung betrug € 44,37 und ich fand das ein wenig happig für ein bisschen Gemüse und Obst und Brot und Milch und eine Flasche perligen Rosé, nahm den Zettel und sah ihn mir an. Da war es. Boris hatte mir einen Obstkorb für 19,90 draufgepflastert, und er klingelte wieder, und wieder tauchte die Super-Checkerin mit dem Stornoschlüssel auf und zog aus Borisens Kasse 19,90 gab sie mir wortlos, und ging wieder ab.

Natürlich gab es keine Entschuldigung oder so. Wozu auch. Hier ist Wien in Ösi-County, und da ist auch nichts passiert wenn ein Landesvize die österreichische Staatsbürgerschaft gegen eine Parteispende an einen Russen verscherbeln will, die Sache dann aber auffliegt und deswegen nicht zustande kommt. Dann war einfach nix, oder?
«Wo ist das Geld, wo ist der Russ?» war der Kommentar des Landeshauptmannes Dörfler, des Parteikollegen Scheuchs. Gauner halten noch zusammen in Kärnten, und auch sonst.

So ist das hier. Gut, dass man es gleich am ersten Tag wieder erfährt.

Dann kam noch der Grünen-Abgeordnete Öllinger in den Laden, in ziemlich gräßlichen Shorts, weißen Socken, Schlapfen und einer Art Hawaiihemd, graubärtig, und grantig dreinschauend, und ich dachte an Cortis Film: «Welcome in Vienna».
Und genau das bedeutet es auch.

This old world

Heute zeigte ich meiner jüngeren Tochter das Dorf, den Ort, wo einer ihrer Ur-urgroßväter gelebt und vor 100 Jahren gestorben ist. Der Schuster, Dichter und autodidaktische Anwalt Joseph-Anton Signer. Es ist wahrscheinlich, dass er noch dieselben Häuser gesehen hat, die auch seine Ur-urenkelin sieht, wenn er vor seine Werkstatt trat. Die Berge ringsum sowieso. Nur die große, in den wolkigen Himmel ragende Antenne auf dem «Hohen Kasten», wird er noch nicht erblickt haben, und das im Süden an den Hang geschmiegte Städtchen Appenzell, wird, bis auf seinen Kern, etwas anders ausgesehen haben.

Das ist selten, denke ich. In einem dynamisch sich verändernden Land wie der Schweiz.
Ich, der ich viel unterwegs war, der zu keinem einzigen seiner Klassenkameraden noch Kontakt hat, ich möchte, dass sich in meiner Vergangenheit nichts verändert, dass alles so bleibt, wie es einmal war, dass die Menschen meiner Kindheit sich nie verändern, nicht alt werden, dass sie den Charakteren meiner Vorstellung haargenau entsprechen.

Schwer zu sagen, warum ich diesen unerfüllbaren und törichten Wunsch habe. Aber den scheinen auch die Bewahrer von Traditionen zu haben. Es soll sich nichts ändern. Sie wollen noch die gleichen Kleider tragen, wie ihre Ur-Großeltern, die gleichen Werkzeuge benutzen, sie lehnen die Moderne ab, und empfinden eine große Sehnsucht nach der vergangenen Zeit.

So einer ist auch der polnische Autor Andrzej Stasiuk, von dem mir heute wieder sein dünnes Buch «Dojzland» in die Finger fiel, und der sagte, dass er nicht leben mag, wenn die Welt seiner Kindheit restlos getilgt ist, und der sich auf seinen Reisen immer tiefer in den Südosten Europas hineingewühlt hat, um dort, in den verlassenen Gegenden Rumäniens, noch eine Welt ohne Abfall zu finden.

Da er, meines Wissens, noch am Leben ist, muss es sie noch geben diese Welt. So wie für mich und meine Tochter, wenn wir von Meistersrüte Richtung Appenzell blicken.

Dobro dosli Koroska!

Im «Standard-online» beklagt ein Autor das «Kärnten-bashing» der österreichischen intellektuellen Elite, und findet es nicht hilfreich. Es führe nur zu Trotz und Abwehrhaltung der Bevölkerung.
Seine Meinung in Ehren, aber es ist, mit Verlaub, eh schon wurscht.

http://derstandard.at/1342139586451/Kaernten-Bashing-als-intellektueller-Volkssport

Eine Freundin, Buchhändlerin im Städtchen Appenzell, erhielt neulich Kundschaftsbesuch eines in Habitus und Sprache leicht als Kärtner auszumachenden Mannes, der auch gleich die gängige Kärtnerlosung absonderte: «Kärnten ist schön.», was soviel heißt wie: Wir sind zwar wachsweiche Arschlöcher, aber die Gegend ist toll.

Meine Freundin, für eine Schweizerin ungewöhnlich firm in Sachen Kärnten/Österreich, antwortete: «Aus Kärnten? Dann sprechen Sie sicher auch slowenisch?»

Der Mann drehte auf dem Absatz um und verließ den Laden.

Dobro dosli Koroska.

Nazihülsen in Wien

In der Krypta des Burgtors, unter dem Denkmal «Gefallener Krieger» von 1935, wurden zwei Metallhülsen gefunden. Laut einem alten Gerücht sollten sich darin Schriftstücke mit Nazihuldigungen des Bildhauers Frass befinden. Nun erwies sich das Gerücht als gar kein Gerücht. Es ist die Wahrheit:

«Möge der Herrgott nach all dem Furchtbaren, nach aller Demütigung, den unsagbaren traurigen Bruderzwist beenden und unser herrliches Volk einig, im Zeichen des Sonnenrades, dem Höchsten zuführen. Dann, Kameraden, seid Ihr nicht umsonst gefallen!»

That’s Nazi at its best!
(Und noch vor dem Anschluss 1938!)

Es ist allerdings noch immer ein Gerücht und eine böswillige Unterstellung, dass die vielen Baustellen in Wien etwas mit der Suche nach weiteren versteckten Nazi-Hülsen zu tun haben.

Aber wer ist da jetzt noch sicher?

Ich habe keine Meinung

Jetzt gibt es auch noch eine «Beschneidungsdebatte». Es ist schon eine Zumutung, zu was der Citoyen heute eine Meinung haben sollte. «S’isch dr füür u dr wider», wie man hier gerne sagt, und ich bin geneigt mich dem anzuschließen. Ich leiste mir den Luxus, keine Meinung zu haben. Die Argumente beider Seiten gehen mir am Glutäus maximus vorbei. Lachhaft das Argument der Körperverletzung, lachhaft die religiösen Argumente («wird schon seit tausenden Jahren so pratiziert.» Na und?)

Mir ist nur eins klar: Da haben die sich was eingebrockt.

Ist denen eigentlich langweilig?

Ich esse seit neustem nur noch Fleisch. Gemüse schreit, wenn man es aus dem Boden zieht. Ich hab’s mit eigenen Ohren gehört…

«Heidi»

Wir redeten über die alten Zeiten, Erinnerungen aus der Kindheit, was macht’n der?, und was wurde eigentlich aus jener?, und ich fragte nach einer Nachbarin von damals, die auffiel weil ihre Eltern Jenische waren und Ziegen hatten und Hunde und in einem kleinen Häuschen mit Garten wohnten, so ganz anders als wir. Sie waren laut und stritten sich herum, so dass es alle mitbekamen, und so, das wir uns fremdschämten, und das Mädchen, nennen wir es Heidi, wurde so eine richtige Schönheit, und zwar eine, die es wusste und es auch einsetzte, und die mit älteren Jungs rumkarisierte und frech war und schlecht in der Schule und aufgeziegelt, wie eine Coiffeuse, toupierte Haare, greller Nagellack, Wimpertusche und Lidschatten, und wir wussten alle, das wird mal eine.

Eine was? Wussten wir nicht, aber sicher, eine.

Sie arbeitet schon länger in einem Kiosk, noch genauso aufgebrezelt, nicht mehr frech, nur noch pampig, und verkauft den Oldies den «Blick» und die «Neue Post», Zigaretten und Schokolade.

Ist nicht fair, so ein blödes Leben.  Sie hat noch 7 Jahre bis zur Pension, ich noch 9. Ist echt nicht fair…

Z’Nüni und Highnoon

Auf meinem Weg zur Station Wengwald passierte ich einen Schafstall, vor dem eine Gruppe Männer und Frauen in der ortsüblichen Ausrüstung lagerte. Es war 9 Uhr und 2 Minuten und sie mampften. Ab 9 Uhr wird in der Schweiz gemampft. Zumindest bis 9 h15. Um diese Zeit findet man in keiner Kneipe des Landes einen freien Sitzplatz. Warum ? Es ist Z’Nüni, und da muss landesweit die Brotlaube befüllt werden.

Gerade neulich stieß meine betagte Mutter einen Schrei aus. Es hörte sich an, als wäre sie dem Geist ihres verstorbenen Mannes begegnet. Sie schrie: «Jessas, es ist zwölf!»

Es war 12 Uhr mittags, Highnoon, und sie war mit dem Mittagessen noch nicht ganz zu Rande gekommen. Es könnte, das drückte der Schrei aus, gar 12 h 03 werden, bis das Papperl auf dem Tisch steht.

Freunde von mir erzählten, dass es in der Schweiz nicht mehr möglich ist, außer Haus Mittag zu essen. Alles voll. Jede Parkbank, jede Bordsteinkante, jede Hühnerstange, jeder Platz im Migros. Voll von Oldies die genau um 12 Uhr ihr Papperl brauchen, und Bürolisten die es brauchen, weil sie genau zu dieser Zeit eben Mittagspause haben.

Das hat mich schon genervt als ich noch hier lebte, diese Paralyse um 9 Uhr morgens, diese 15 Minuten Pause in der Evolution. Selbst der Weltuntergang müsste warten, bis der Schweizer seinen Z’Nüni Cervelat runtergewürgt hat.

Und mein Bruder stöhnt über die Rentner, die an Highnoon spachteln müssen, wie Vampire, die nur nächtens Adern anzapfen können.

Wenn man sich überlegt, dass dies  vielleicht der Endpunkt der Evolution ist: Menschen die nur um 9 -und 12 Uhr essen können. Und die dafür jeden Unbill in Kauf nehmen wollen oder müssen. Mamma mia!

Mich friert ein wenig, compadres!

Kein Kommentar (2)

Kein Kommentar zur Tatsache, dass Österreich faktisch, juristisch, praktisch und auch zukünftig aus dem Knast regiert werden kann. Wer nicht mehr als 11 Monate und 28 Tage unbedingten Knast – wegen  Wiederbetätigung, z.B. – fasst, kann weiter Bundeskanzler, Landeshauptmann, Landeshauptmannvize sein.

Kein Kommentar

Diese Dauerwerbeveranstaltung mit den Boxeinlagen der beiden Schwergewichtsboxerdarsteller Klitschko und Thompson, kommentiere ich nicht. Nur so viel: Die Euro-Krise ist nicht das Hauptproblem in diesem Europa!