Bad Ass

Heute morgen hatte ich wieder mal das Vergnügen von einem Radfahrer angefahren zu werden. Natürlich auf dem Gehsteig, wo er mit geschätzten 20km/h die abfallende Favoriten runterpeste. Er hatte damit gerechnet, dass ich einen halben Schritt zur Seite machen würde, was ich aber nicht tat. Schulter gegen Schulter. 70 kg mit 20km/h gegen 115kg (vermutlich mehr) mit 4 km/h. Es zerlegte den Burschen ganz ordentlich und er landete auf einem zufällig freien Parkplatz, rappelte sich auf und ging auf mich los. No na. Er war ja Radfahrer und somit im Recht, denn Radfahrer und im Recht sein, gilt als Axiom.
Ich hielt einfach seine Arme fest und erklärte den Umstehenden, dass ich, ein „harmloser» Fußgänger, auf dem Gehsteig von einem Radfahrer angefahren wurde. Ich sagte der formhalber, dass ich die Cops rufen wolle, was ich  natürlich nicht wollte. Mir fehlt die Zeit, für solche Albernheiten. Dann mischten sich gleich ein paar Umstehende ein, und der Radi jammerte ihnen was über die pösen Autofahrer vor. Deswegen müsse er auf dem Gehsteig fahren. Das explizierte er, während gezählte fünf Radfahrer vorbeifuhren. Auf der Straße. Zusammen mit den pösen Autos.

Dann hatte ich genug, ließ sie allein und ging dann in den Hofer einkaufen.

Ja. Ich hätte ausweichen können. Aber ich wollte nicht. Ich bin böse. Und Fußgänger. Und als dieser betrachte ich den Gehsteig irgendwie als mein Territorium. Ich sage nie was zu einem Radfahrer der auf dem Gehsteig fährt, aber ich weiche auch nicht aus. Das ist mein Bad-Ass-Deal.

Das erstaunlichste war, dass ein beschleunigter menschlicher Körper gegen meine Schulter prallte und es mir vorkam, als hätte meine Tochter einen Fußball dagegen geworfen. Meine großartige fuckin’ Bad-Ass-Schulter.

Ich denke, der Radi hat heute etwas gelernt.

P.S. Und da wir ohne Zweifel auf einen Bürgerkrieg zusteuern: Ich bin auf der Seite der Fußgänger.

So jetzt: Shitstorm, please!

Gute Philosophen

Einer der großen Philosophen der Jetztzeit ist/war Carlo Pedersoli alias Bud Spencer. Gibt es einen besseren Ratschlag als sein berühmtes „futtetènne“, was soviel wie „Scheiß drauf“ bedeutet?

Oft kommen die Dinger aus Ecken, die man nicht im Blick hat. Die erst kürzlich verstorbene letzte Grande Dame des Wiener Bürgertums, die Schauspielerin, Freundin Adornos und Ausrichterin des weltberühmten Opernballs, Lotte Tobisch, meinte einmal: «Ich hab immer gesagt, Opernball muss man ernsthaft machen, aber nicht ganz ernst nehmen.»

Das scheint mir brauchbar zu sein. Ich sehe es genauso. Ich musste eigentlich nur den „Opernball» durch etwas anderes ersetzen.

Gute Philos!
Bravo!

Heute erschienen und ausgeliefert

Edition BAES
www.edition-baes.com

Auszug:

«Bis vor kurzem hatte ich an der Uni geboxt, von 6 bis 7.30 Uhr … mir gefiel die Idee, dass mein Umgang mit der geistigen Elite dieses Landes sich auf das Austauschen von Schlägen, von Haken und Geraden beschränkte. Auf was sonst?, könnte ein Kritiker der geistigen Elite nachhaken. Aber die Kritiker der geistigen Elite gehörten ebenfalls zur geistigen Elite, und eine Krähe hackt einer anderen kein Auge aus. Außer die Krähe war der Ansicht, dass die andere Krähe über ein drittes Auge verfügte, das ihr einfach nicht zustand. Aber wen interessierte das? Lesen Sie Thomas Bernhard, der hatte dazu einiges zu sagen. Nein, lesen Sie Bernhard nicht. Wozu auch?»

Das Sprüchemuseum (121)

«Neben der Terrorbekämpfung könne sich die Polizei nicht auch noch um Rechtsextremismus kümmern.»

Der Vorsitzende der deutschen Polizeigewerkschaft, Oliver Malchow.

Wir sagen: Dafür haben wir vollstes Verständnis. Denn wenn Neonazis, Rechtsextreme und anderer Müll Synagogen angreifen und Leute killen, mag das vieles sein, aber sicher kein Terror. Zumindest nicht in Deutschland.

«Das Glück…»

Mit Freude und gedimmtem Stolz gebe ich bekannt, dass in Kürze „Das Glück der falschen Fährten“ (eine Novelle) bei der „Edition BAES“ erscheinen wird.

Das Buch kann bei mir vorbestellt werden.
niedermann@songdog.at
andreasniedermann@hotmail.com

«Was machen, wenn eines Tages eine berühmten Singer-Songwriterin bei einem einquartiert wird? Wenn Lucinda Williams, die sie sich in Wien – inkognito – ihre ramponierten Stimmbänder behandeln lassen will, mit einem Mal dasselbe Bad benutzt?
Niedermann, der einen Vortrag zu schreiben hat, kommt dabei schwer aus dem Tritt. Jede Nacht erscheinen ihm Countrygrößen im Traum, seine Arbeit geht nicht voran, und so vertreibt er sich die Zeit mit Spaziergängen, dem Abschreiben fremder Texte, Erinnerungen an Boxkämpfe und Lesungen, vergangene Skandale und das 90er-Jahre Wien. Dabei denkt er auch über den Literaturbetrieb nach, streitet sich mit seinem Kollegen, dem Bestsellerautor Alex, und versucht ansonsten Lucinda Williams Aufenthalt in seinem „Camp“ so angenehm wie möglich zu gestalten.»

Das Buch hat ca. 140 Seiten und kostet ca. € 14 / sfr. 18.-

Brüllen und nölen

Ich wollt’s wieder mal wissen. Gucken, ob die Worte von Harald Schmidt nicht doch übertrieben waren: „… Von der Qualität amerikanischer Serien sind wir in Deutschland Lichtjahre entfernt, ich wiederhole: Lichtjahre – aufgrund der Autoren und der Schauspieler die sowas auch spielen können.”

Und schon die ersten Bilder, das Set-up von „Skylines“ macht was her. Motorräder, die über eine Brücke brausen. Ein bisschen Easy Rider darf schon sein, vor der nächtlichen Skyline von Frankerlin. Perfekt. Aseptisch.

Dann die ersten Szenen. Clubszene. Gepflegt abgefuckt. Im Vordergrund die üblichen Brutalo-Hackfressen von Mitmenschen mit Hintergrund. Und dann geht’s auch schon germanmäßig los: Einer brüllt, einer nölt und einer hört es sich nicht an.

Da waren wir schon mitten drin im deutschen Theater, im deutschen Film: Brüllen und nölen.

Und schon wieder hat man genug.
Aber nächste Woche gibt’s die dritte Staffel von „Goliath“.

Annette „la Corragiosa» Lorenz (1968 – 2019)

Ich glaube es war 2010 oder 2011, als ich eine Anfrage erhielt, ob der Songdog Verlag Interesse hätte, „The Brave“ von Gregory McDonald zu veröffentlichen. Das Mail kam aus Leipzig, von einer Bibliothekarin namens Annette Lorenz, die den Roman ins Deutsche übersetzt hatte. Ich kannte weder den Roman, noch den Autor, noch die Übersetzerin.

Aber der Roman war bereits in einige Sprachen übersetzt worden, und Johnny Depp hatte mit der Verfilmung Anfang der 90er sein Regie-Debut in Cannes gegeben. Mit ihm selbst, und Marlon Brando in den Hauptrollen. Musik: Iggy Pop.

Der Roman war nur etwas für starke Nerven, ging es doch um ein Snuff-Video, bei dem ein alkoholkranker Indianer sich für 30 Tausend Dollar zum Wohle seiner jungen Familie zu Tode quälen lassen wollte.

Annette Lorenz, die Übersetzerin, hatte den Roman einigen Verlagen angeboten. Kein Interesse. Aber ich wollte ihn machen. Und es gelang. Es war irre genug, dass ein Pimperl-Verlag wie Songdog ohne jedes Kapital die Rechte erhielt, und da Annette Lorenz, wie sie betonte, kein finanzielles Interesse hatte, und dann auch noch der Lektor Markus Schütz helfend eingriff, erschien 2013 der Roman. Es wurde ein toller Roman,und wie erwartet, ein Flop. Nur bei Amazon kletterte der Preis für den Depp Film.
So ist das, in diesem Business. Aber was solls? Es war ein tolles Abenteuer.

Annette Lorenz blieb dem Verlag verbunden. Uns verband auch eine gemeinsame Liebe zur Beat-Literatur, vor allem zu Jack Kerouac, über den wir uns hin und wieder austauschten. Auch ihr letztes Projekt, mit dem sie sich bei mir meldete, war eine Erzählung von Kerouac. Und zwar auf französisch. Sie hatte sie irgendwo entdeckt, und sich ans Übersetzen gemacht.

Ich fand es bemerkenswert, wie genau sie den Ton von Kerouac zu treffen wusste, dieser ihm eigene Ton, kraftvoll und doch druchdrungen von Melancholie, die man noch bei Hemingway und Fauser finden kann.
Wir wollten das Buch natürlich machen, da die anderen angefragten Verlage abgewinkt hatten.
Aber es kam nicht mehr so weit.

Annette Lorenz und ich haben uns zweimal getroffen. Einmal, wenn ich mich recht erinnere, in Augsburg und das andere Mal in St. Gallen, auf Einladung von Florian Vetsch zur „The Brave-Lesung“ im Kultbau St. Gallen. Sie kam extra aus Leipzig, und wollte nicht mal die Gage annehmen.

Vor einigen Tagen erreichte mich die Nachricht, dass Annette Lorenz an Krebs gestorben ist.

Immer noch

Ich lese immer noch Wolfgang Pohrt. Und ich kann noch immer nicht verstehen, warum nicht alle es tun.

(Aber vielleicht tun es ja alle, und ich weiß nur nichts davon)

Wolfgang Pohrt  / Sämtlich Werke
Herausgegeben von Klaus Bittermann  in der Ed. Tiamat

https://edition-tiamat.de/unsere_autoren/wolfgang-pohrt/

Radeln und Lesen

Heute las ich in einem Interview mit Kathrin Passig, dass sie nun etwas ganz cooles entdeckt hat: Lesen im Fitnessstudio!
Ja, sag, echt jetzt?
Radeln und lesen?

Ich könnte jetzt erzählen, dass ich das schon seit Jahrzehnten mache. Könnte ich. Mach ich aber nicht. Sonst sind wieder alle Ergometer mit lesenden Nichtlesern besetzt. Also: shut the fuck up!