Hey Mister, that’s me upon the Jukebox

Nächste Woche wird, so wie’s zur Zeit wenigstens aussieht, die Jukebox spielen.

Bis es soweit ist, möcht ich es nicht verabsäumen eine Veranstaltung am 11. November 09 im Volkstheater (Rote Bar) Wien, zu bewerben, bei der meine Wenigkeit ebenfalls zugegen sein wird. Und zwar nicht nur als Mitautor der brandneuen «Rock Stories» (LangenMüller, München) sondern auch als Vortragender, und für einmal auch nicht nur als Textlesender sonder als gitarrespielender Singer. Die Interessierten mögen den Link anklicken:

http://www.volkstheater.at/home/spielplan/632/The+Literats:%22Rockstories%22+-+on+the+Road+again

Es ist nicht Ironie, aber ein gewisser Zufall spielt eine Rolle, dass ich, da ich über James Taylor geschrieben habe, auch einen Song von ihm geben werde, und zwar: «Hey Mister, that’s me upon the Jukebox» .

Ja. James Taylor. Warum?
Tja…

Nur Kleinigkeiten

Auf dem Weg ins Geisteszentrum kämpfe ich mit meinem Grant. Es ist ein Wienergrant. Den gibt es nur hier in dieser Reinheit und Ausformung. Er verwandelt uns alle, nach und nach, in resignierte Masochisten.
Nun, ich sagte: Kämpfen. Ich kämpfe dagegen an. Die Götter haben mich auf dem Prüfstand. Sie fordern Gelassenheit und Souveränität, Übersicht und die Halbierung der Betablocker-Dosis.
Aber vielleicht sind es gar nicht die Götter.

Was einen wie mich permanent aufbringt? Kleinigkeiten. In Permanenz.

Eine oder zwei kleine Geschichten:
– Ein Bekannter (Schweizer) war mal Juror beim Bachmann-Wettwerb. Als seine Nominierung bekannt wurde, erhielt er hunderte Manuskript-Zusendungen aus allen deutschsprachigen Ländern. Da er aber seine beiden Favoriten schon gewählt hatte, schickte er den Einsendern ein vorgedrucktes, bedauerndes Ablehnungsschreiben. Daraufhin, so erzählte er mir, erhielt er aus Österreich eine Menge Postkarten von Autoren die sich dafür beedankten, dass er sich – wennn auch ablehnend – bei ihnen gemeldet hatte.

– Ein Buch mit der Postadresse : XY, Lagerstraße 1, 1030 Wien, kommt zurück zum Verlag. Falsche Adresse. Die Adresse stimmte. Ich schickte das Buch wieder los. Es kommt wieder zurück. Falsche Adresse. Ich recherchierte: Der Name stimmte. Richtiger Bezirk. Richtige Hausnummer. Und dann sah ich es: Es hieß nicht LagerSTRAßE, sonder LagerGASSE!
Kostete mich 3 mal 1,25 €.
Das ist wahre Bosheit.
Ich habe selber lange bei der Post gearbeitet. Und ich weiß was für ein Wichser da am Werk war. Solche Dinge passieren einem hier jeden Tag. Kleinlicher Terror. Missachtung, Unfreundlichkeiten in Permanenz. Nie was wirklich Großes, nur dieser Kleinshit, als würde man die ganze Zeit über mit kleinen Aluminiumkügelchen aus dem Blasrohr beharkt.

Lassen wir noch den Schauspieler und Filmemacher Peter Kern zu Worte kommen, der die Dinge auf den Punkt bringt: An Wien, wo der Faschismus in Permanenz ist, sei er krank geworden, hier verkomme er. Und dann: » Wenn ich Sie anschreie, bitte seien Sie nicht gleich verletzt. Wenn ich Sie beschimpfe, nehmen Sie es als Liebesbeweis. Bedenken Sie, ich bin Österreicher, unzurechnungsfähig, hysterisch, verlogen und undemokratisch.»

Allright, sage ich da. Nur, wenn mich jemand anschreit oder beschimpft, sage ich sehr höflich, er möge sofort damit aufhören. Andernfalls ich ihm was auf’s Maul gebe. Denn: Er möge bedenken, ich bin Schweizer, demokratisch, freiheitsliebend, korrekt, nüchtern, und vor allem einer der auch meint, was er sagt. Und tut!

Der langsamste Mann der Stadt

Auf meinen allmorgendlichen Gängen ins Geisteszentrum begegne ich ihm jedes Mal. Entweder er verlässt gerade das Haus in der Favoritenschlucht oder er ergeht sich in der Rainergasse. Mann, der ist fertig! Rekonvaleszent, würd ich sagen. Er wirkt gläsern, durchscheinend, zerbrechlich. Schätze mal, er ist in meinem Alter, nur älter. Er geht an Krücken. Gehen, ist ein Euphemismus. Er kriecht beinahe unmerklich auf zwei Beinen. Er raucht Zigaretten. Er wirkt, als wäre er mutterseelenallein. Man sieht ihm an, dass er Angst hat.
Vermutlich hat er Angst vor dem was kommt. Oder ist. Und war. Ich habe noch nie einen Mann so langsam gehen sehen.

Gestern machte er sich auf die lange Reise, die Favoritenschlucht zu queren. Der Verkehr staute sich in drei Richtungen. Er brauchte mehrere Grünphasen. Seine Schritte sind so klein, dass das menschliche Auge sie kaum wahrnehmen kann. Er hebt die Füße nicht an. Es wirkt, als überstiege dies seine Kräfte.

Ich blieb stehen und überlegte, wie ich ihm helfen könnte. Ich fand keine Lösung. Nun ja, ich hätte ihn tragen können. Aber das wär ihm vermutlich nicht recht gewesen. Mir auch nicht. Ihn am Arm packen und rüber geleiten, machte auch keinen Sinn. Vielleicht wäre ich noch über seinen Krücken gestolpert.

Es war etwas heroisches in diesen Querung. Ein Mann und die Favoritenstrasse. Meine Güte, es dauerte und dauerte. Es war so um 8 Uhr früh. Alle hatten es eilig.
Und niemand hupte!Gott verdamme mich wenn es gelogen ist: Keiner hupte! Und für einmal war es in Wien wie in der Schweiz. Schwer zu glauben.
Sonst läuft’s doch so wie einst: Ein Rollstuhlfahrer rollt in der Orangephase in den Fahrweg. Ein Bus der Wiener Verkehrslinien muss bremsen.
Daraufhin der Busfahrer, für fast alle vernehmbar: «Wos is, Oida? Host no nid gnua?»

Sunday moaning comin‘ down – Poetry

Jeden Sonntag wird unter dem Titel “Sunday moanin comin’ down-Poetry”, das Gedicht eines Gastautors veröffentlicht.

Florian Vetsch (*1960 in Buchs) lebt als Herausgeber, Autor, Übersetzer und Lehrer in St. Gallen. Im Songdog Verlag erschien im Frühling 2009 der Gedichtband «43 neue Gedichte».

Die wilde 13

Jim Knopf kreuzte
Die Wege meiner Kindheitsfantasien
Nur am Rande. Karlsson vom Dach
War mir wichtiger, wie er Kirschenkerne
Über die Dachrinne spuckte & überhaupt
So durch die Luft spukte, immer da
& nie – nicht unähnlich dem kleinen Muck
Dem tollen Pantoffelsegler. Auch D’Artagnan
Winnetou & Tecumseh bereicherten mein Ethos. Doch
Der unübertroffene Held hiess Huck, Huckleberry Finn
Wie er den Mississippi auf einem Floss hinunterdriftete
Mit dem Nigger Jim ins Blaue, die Maiskolbenpfeife
Schmauchend, den zerfledderten Strohhut auf dem Kopf.

Wo Realitätsverweigerung Realität ist, ist die Verweigerung der Realitätsverweigerung Realitätsverweigerung

Oft erwähnen politische Kommentatoren, dass bei einigen Politikern eine gewisse «Realitätsverweigerung» zu bemerken sei. Sie übersehen dabei eine Kleinigkeit:
Hierzulande ist Realitätsverweigerung die Realität. Und das verweigern der Realitätsverweigerung ist pure Realitätsverweigerung!

Gerade neulich konnte man wieder einen schönen Blick in das verhuschte Antlitz der kollektiven Zwangsneurose des Landes werfen. Mit versteckter Kamera wurde gefilmt wie Wiener Apotheker rezeptpflichtiges Ritalin ohne Rezept ausfolgten. Man befragte die Vorstehende der Apothekervereinigung dazu. Es war köstlich sie in ihrem Wahn zu beobachten, da es ihr unmöglich war, einfach zu sagen: Ja, das hätten die nicht tun dürfen. Das war nicht richtig. Sie wand sich wie Klaus Nüchtern als Juror beim Bachmannpreis, als er seinen durchfallenden Kandidaten verteidigen musste. 4-fach gemoppelte Konjunktive, Ausflüchte, Ausreden. Aber da der/die Interviewer eben auch Landsleute waren, wurde nicht gefragt: «Warum können Sie nicht einfach sagen, dass sich die Apotheker falsch verhalten haben?» Auf sowas kommt hier niemand.

2. Bei den Wiener Trams schließen die Türen so hart, dass mehrere Male Leute, deren Arm eingeklemmt wurde, von der Tram mitgeschleift wurden. Die Wiener Verkehrsbetriebe stellten das in Abrede. Das konnte nicht sein. Also war es nicht. Und das würde man Ihnen ins Gesicht sagen, selbst wenn Sie dabeistehend, zusehen würden wie’s geschieht. Plus ein paar 5-fach gemoppelte Konjunktive.

Ein Mann der ein Kind vergewaltigt kann es nicht gewesen sein, da er bisher noch nie ein Kind vergewaltigt hat.

Wie jener Bulle, der in Krems dieses Kind einfach abgeknallt hat. Kann er nicht gewesen sein, denn er hat bisher noch nie ein Kind abgeknallt.

Hier drin liegt der Grund für den Österreich-Hass vieler Intellektueller, Schriftsteller und rechtschaffener, vernüftiger Menschen: Es ist einfach nicht auszuhalten. Und es wird sich niemals ändern. Das ist Terror. Der Dummheit, der Willkür und des ewigen Opfertums.

Akrobatik-Atavismus

Beim Akrobatik meiner kleinen Tochter. Ich war gerade dabei, ihr zwei Gummiringe auf die Pippi-Langstrumpf-Zöpfe zu knutzeln, als ich von einer vorbeigehenden Mama hörte: » Brauchen Sie Hilfe?» Tschechischer Akzent.
«Ja», sagte ich scherzhaft, und setzte ein Grinsen auf. So ein Papa ist ein hilfloses Wesen. Und natürlich war ich immer noch der einzige, der sein Kind zur Akrobatik brachte. Very hilflos!
Die freundliche Mama stoppte ihren Gang, um mir zu Hilfe zu eilen. Und bevor sie mir wirklich die Gummiringe aus der Hand zupfen konnte, gab ich mich zu erkennen und zeigte meine Marke: «Kleiner Scherz. Aber danke!»
Sie lächelte etwas säuerlich, und ging ihrer Wege.

Es war dieser tschechische Akzent.
Vor mehr als zwanzig Jahren. Als ich ein Jahr lang unter tschechischen Dissidenten gelebt habe. Und Dissidenten sind auch nur Männer, denn eines Abends hörte ich die Fama der tschechischen Frau. Nicht jener, die bereits hier im Westen heimisch war, sondern von demjenigen sagenhaften Wesen, das ganz frisch durch den eisernen Vorhang geschlüpft war.

Einer der Jungs erzählte mir ohne Umschweife, was es mit diesen Frauen und Mädchen auf sich hatte: Sie waren äußerst begehrt. Und zwar aus Gründen, die wir heute eher in Zusammenhang mit Kleinasien bringen würden, mit Islam und Zwangsheirat.

Die Mädchen, verriet mir mein «Mann», waren nämlich noch nicht durch den Westen verdorben, und waren es durchaus gewohnt einen Job zu haben, den Haushalt zu schmeißen und eine brave Gattin abzugeben, während der Meister all das tat, was ein Mann tun musste: Rumsaufen, Rumhängen, Rumbumsen.

Tja, so ein Westen hatte doch auch seine Nachteile. Die Freiheit brauchte klarerweise Grenzen. Freiheit in der Kneipe, und Kommunismus zu Hause.

Ich gebe es zu: Ich war schockiert. Aber ich glaube, dass ich in jener Zeit, wohl jeden zweiten Tag schockiert war.

Und diese tschechische Mama war vielleicht eines jener Mädchen, die blutjung durch den Vorhang gekommen waren.
Und da fuhrwerkt ein hilfloser Mann mit einem Gummiband an den Haaren eines 6-Jährigen Mädchens…

Ihre Reaktion war möglicherweise das, was man gemeinhin mit Atavismus bezeichnet. Das Zurückfallen in alte Stammesriten, das Verhalten unserer Vorfahren.

Die zweite Möglichkeit ist so wahrscheinlich, wie eine Mutti, die einen 30 kg-Kilo-Koffer ins Gepäcknetz wuchtet: Die sieht auch einfach so aus, als pack sie’s nicht.

Es gibt noch eine Möglichkeit.
Die ist äußerst charmant und würde mir von allen am Besten gefallen…

Welcome in (to) Vienna!

Wieder in Wien. Ich werde einfach alles wegwerfen.
Ein Phänomen, eigentlich. Während meiner Zeit in Wald, habe ich nichts von alledem gebraucht. All das Papier, das mein Leben sonst bedrängt. Es spielte keine Rolle.
Und was fliegt hier denn so alles auf meinem Schreibtisch herum?

Belege von der Bank, der neue Verlagskatalog, die Steuerfolterpapiere, 1 Zeitschrift, Einladungen zur Frankfurter Buchmesse, Garantiescheine von der Migros, Fotos, leere Cd-Hüllen, schöne Postkarten von Gabriele Haefs, Briefpapier, Kuverts, übrig gebliebene Dichterstubete-Flyers, alte Manuskripte, neue Typosskripte, 1 durchgebrannte Sicherung, verschiedene Knöpfe, 1 abgebrochene Klinge, verbogene Büroklammern, eine kaputte Armbanduhr ohne Armand, gefühlte 1000 Visitenkarten auf eine enorme Sicherheitsnadel gspießt, 1 Goldstück (10-er Vreneli. Werd ich vielleicht behalten.), 1 Franken-Stück mit meinem Jahrgang, einige Feuersteine, 1 Zippo, ein Gummiball, 1 faustgroßes Stück Bernstein, 1 Druckerpatrone (tot oder lebendig?), Klammern in Schachtel, Tacker, Locher, Kreuz und Assi-Bits, Springmesser, Gummiringe, Nieten, Stanleymesser ohne Klinge, Cds ohne Beschriftung, ein 1 Dollarschein, Klebeband, ein kleine rote leere Schachtel, leerer Scotchband Dispenser, Rezensionsbelege der «Jungen Welt» usw., 3 Versandtaschen, eine ledige Gürtelschnalle, ein Armband mit dem Namen «Andi», einem grünen Blatt und einer gelben Plastikblume, ein Radiergummi, eine Filmdose mit undefiniertem Inhalt, Kabel mit Handyladegerät, ein Lineal, noch ein Scotchbandispenser (voll), und 1 Blatt mit den Chords für «Hey Mister, that’s me upon the Jukebox» von James Taylor, ein Laptop, ein Einzelbillet von Ostwind für 2,80 Fr., eine Einladungskarte zu meinem 50-er (hahaha!), zwei Innenimbus-Schlüssel für die Scooter meiner Kinder, ein kleiner Elefant aus einem blauen Stein geschnitten, eine Gaspatrone für einen nicht mehr vorhanden Gasrevolver, leere 1,5 Volt Batterien, Schlüssel (für was ?) und eine 13-mm Nuss für die Ratsche, Rollen, einige Münzen aus osteuropäischen Ländern, 1 Fünfliber, ein Reißverschlussschlitten, Reißzwecken, ein Batch mit meinem Konterfei, 1 Schlauchklemme 12-22, ein Karabinerhaken, noch mehr Batterien, noch mehr Knöpfe und ein zusammengklebter Backenzahn meiner Provenienz, Schrauben und ein Coin für den Einkausfwagen… Ein Rechner, ein Schreiber und ein Passfoto.

Aber ich kann weder das Dynamit, noch die Pumpgun mit dem Sauposten finden…

«Sunday moaning comin‘ down»-Poetry

Jeden Sonntag wird unter dem Titel «Sunday moaning comin‘ down-Poetry», das Gedicht eines Gastautors veröffentlicht.

Beginnen tut Marc Sambesi, 1976 in Kyritz an der Knatter geboren.
Er lebt seit 1994 in Berlin, und seit kurzem am Rande der Stadt.

J.R. Cash

Als ich letzte Nacht wach wurde
Schreckte ich zusammen
Als ich sah
Dass Johnny Cash
An meinem Bett saß

Er ließ den Kopf
Über seine Gitarre hängen
Und zupfte abwesend ein paar Akkorde

Ich hockte mich hin
Rieb mir den Schlaf aus den Augen
Dann quatschen wir stundenlang über Frauen

Besonders über die eine
(seine Stimme war fest und klang keineswegs brüchig)

Ich schlief wieder ein
Und machte mir am nächsten Morgen
Ein Toast mit selbstgemachter Brombeerkonfituere

Allerletzter Tag im «Birli»

Sogar ein wenig Sonne zeigt sich und feines Nebelgespinst, der Säntis umwallt von frisch gewaschenen Wolken, und der kleine Bauer hat was zu schippen, ich kann nicht sehen was es ist, es scheint schwer und hart zu sein. Der Haselstrauch, der zähe Kerl, hat auch die Ziegen überlebt, die ihm die Rinde abgenagt haben. Fein. Recht so.
Nur der Anblick der Wäscheleine, mit der einsamen blauen Klammer, setzt mir zu. Ich weiß warum. Ein Symbol des Sommers. Vielleicht mag sich jemand erinnern:
«Die Wäscheleine ledig
wo einst der Kindern Sachen hingen…»

Was für ein Sommer! Was für ein Sommer! Und gleich noch einmal: Was für ein Sommer!
Es ist dieser Sommer mit den Kindern. Man hat mit einem Mal das Gefühl: Ja, so könnt’s gehen. Das ist es, genau. Und just in diesem Moment, fragte ich mich, warum es nicht immer so ist? Und schon war ich bei Faust: «Augenblick verweile, du bist so schön.»

Menschsein ist beschissen, da gibt es nichts zu deuteln. Über die wirklich wichtigen Dinge haben wir nicht zu entscheiden, keine Kontrolle, aber wir halten uns dafür schadlos, wenn es um einen Einbauschrank oder einen Satz Felgen geht. Viel idiotischer geht’s wirklich nicht, oder?

Und niemand weiß, wer das so eingerichtet hat. Die einen sagen: Gott. Die anderen stellen keine Fragen und bemühen sich, so gut es geht, abzustumpfen, damit sie keinen Schmerz mehr fühlen. Ein Großteil kommt schon strunzblöd zur Welt, und wieder andere ahnen die Fragen und ertränken sie in Strömen von Sprit, Bergen von Schnee oder basteln im Keller hübsche, kleine Lügen oder sie lesen Bücher von Paulo Coelho und glauben ernsthaft, dass der ein Schriftsteller ist.

Ich denke, es wäre schön mehr Geld zu haben. Das würde eine Menge Probleme lösen. Geld ist Freiheit. Die Freiheit, ein Leben so zu gestalten wie man es möchte. Sich in den Dingen ungehindert bewegen können. Aber wenn man es verdienen muss, bleibt einem keine Zeit sich zu bewegen, und man fährt wie jeder andere Irre auch einfach nur in den Urlaub. Vielleicht auch mal übers Wochenende schnell nach London, zum shoppen.

Aber was sollen wir Schriftsteller machen? Nichts. Einfach weiter schreiben und das Kein-Geld-haben ertragen. Und auf eine neue Chance hoffen…

Ich schwitze, weil ich ziemlich geschrubbt habe. So ein 6-Zimmer-Haus putzen macht Arbeit, Freunde.
Wenigstens das muss ich nicht mehr machen. Und einen Geschirrspüler wird’s auch wieder geben.

Uf wiederluege, Haus und Wald und Wäscheleine.
Ich komm sicher mal wieder. Dann geh ich auf die Rütegg trinke einen «Ghürotnä» und wander dann weiter über Heiden zurück.
Übrigens: Heiden ist eindeutig die Queen in der Gegend. Wenn sie nach einer langen Kurve plötzlich auftaucht, in die Hügel geschmiegt wie eine mediterrane Belezza, und dahinter prangt der See, dann fühlt sich der alte Wanderer verdammt gut.
Bis dann.

Der Autor als Jukebox lll.

Der Autor dankt und schreibt.

COUNTRY

Country ist der Blues der Weißen. Sage ich. Sagt vielleicht noch wer. Wer weiß? Selten erfindet man was. Tut es nur nacherfinden, weil man nicht weiß, dass es bereits erfunden ist.

Der allererste Song, den ich von einer Platte hörte – Anfang der sechziger Jahre-, war: «Tom Dooley», gesungen von einem traurig aussehenden Burschen namens «Bobbejaan» oder «Bobajan». Gesungen auf Deutsch, notabene.

Meine Lieblingssongzeile war:
«Als Tom Dooley musst hängen, da hab ich zugeschaut
keine Spur von Mut, den er jammerte laut.

Refrain:
Ich hab schon viel gesehen
aber keines ist so schlimm
wie ich steh an der Bar
und ich habe keine Geld.»

Sowas muss einem mal einfallen! Und was für eine Grammatik!
Die Internationale der Quartalsäufer!

Dann hörte ich auch noch (auf dem Plattenspieler meiner Onkel):»Oh my Darling Caroline», gesungen von «Ronny». Voluminöser, deutscher Bass.

«…und ein Schuss fällt
in den Bergen
in dem Haus am Waldesrain.»

Besonders gut gefiel mir dann folgende Zeile:
«Mit dem Sheriff muss ich gehen
von dem Haus am Waldesrain…»

Nun, um was ging’s? Um das zweite große Thema des Mannes: Die Frau, die ihn für einen anderen verlässt. Und der Ich-Erzähler in diesem Song, mochte sie nicht ziehen lassen und erschoss Caroline kurzerhand.

Mit diesen Themen kann man ein Leben füllen. Kein Problem. Und oft ist der erste Song (Tom Dooley) mit dem zweiten verwoben, wie ein dicker, undurchdringlicher und verfilzter Poncho. Liebe und Rausch. Oder, Saufen und Weiber. Großes, schönes und schmerzliches Thema.

Schwer zu sagen, wie diese Songs die kindliche, hungrige und empfindsame Seele eines 5 oder 6 – Jährigen beeinflusst haben mögen. Jedenfalls saß ich an sonnigen Tagen oft unter einem Baum und sang diese Songs. Unten lag der kleine Landbahnhof (Mörschwil) und dort gab es zu dieser Zeit noch einen Kiosk, den ich oft besuchte, um für meine Onkels Zigaretten zu holen. Und jedes Mal gab mir die Frau, von der ich nur den Oberkörper sehen konnte, einen Schokostick mit, «weil du so schön singst». Sie war mein erstes (zahlendes) Publikum. Und wenn ich meinen Onkels die Zigaretten brachte, überließen sie mir meistens das Wechselgeld.
Geld für’s Bringen. Aber Süßes gab’s für’s Singen.

Kann sein, dass ich damals diese Lektion lernte.

P.S. Der Autor dankt den Coineinwerfern. Es war ein kurzes und interessantes und aufschlußreiches Experiment. Der Blog wird weitergeführt. Mit oder ohne Coins. Interessant war, dass, da nun irgendwie Geld im Spiel war, es sofort zu Missverständnissen und Ärger kam. Das muss nicht sein.
Denn: Geld für’s Bringen. Aber Süßes für’s Singen.
In diesem Sinne…