Block Nr. 490

Seit Juli 2009 habe ich 490 Block-Einträge verfasst. Längere, kürze, mittlere. Gute, mittelgute, durchschnittliche, schlechte, ganz schlechte, überflüssige, unnötige, schnell hingewürfelte, unausgegorene, undurchdachte, gscheite, kluge und manchmal auch, wenn auch selten, einfach gute. Das sind mir die Liebsten. Zusammen mit den Sonntagsschüssen, und den spektakulären Lattenpendlern. Geht der rein oder doch nicht?

490 Einträge. Gratisware. Allet umsunst. Nun denn. Wer rausfindet wie man mit Musik, Literatur usw. im Netz Geld machen kann, der hat ES gefunden. Aber es geht ja nicht immer um Geld. Manchmal geht’s auch um was anderes. Aber um was? Ich weiß es nicht. Manchmal schon, aber meistens nicht. Ich habe gerade die Arbeit an meinem Roman unterbrochen und blicke in den Hinterhof. Sieht aus wie September. Man hat der Linde zwei große Äste gekappt, aber die Blätter sind noch alle dran. Der Wind tut ein bisschen rum, zwei Möwen steigen auf und sinken wieder hinter die Häuser. Hammer und Meissel Geklöppel. Ryan Adams macht gerade Pause. Bald werde ich mein Johnny Cash T-Shirt anziehen und rübergehen, um für die Meute zu kochen. Die Jungs mögen das Johnny Cash-T-Shirt. Weil da «Cowboy-Pistolen» drauf sind.

Nun, nach BLock Nr. 500 werde ich mal eine Blockpause einlegen. Sagen wir, es wird ein Experiment. Was für eins? Keine Ahnung. Vielleicht der Versuch, einfach mal nicht zu blocken. Könnte schwierig werden. Ziemlich schwierig. Aber, on verra, wie wir Blocker zu sagen pflegen. Ist ja noch ein bisschen hin zum halben Tausend. Aber ich wollt’s halt gesagt haben.

(Diesen Block schrieb der Autor wieder wie Melinda Nadj Abonji)

Nur ein Rat

Gottlieb Duttweiler, der Gründer der MIGROS, den ich – nebenbei – für einen der ganz Großen des 20. Jahrhunderts halte, ließ einmal verlauten: «Wenn’s den anderen gut geht, geht’s mir auch gut.» Das ist mehr als nur klug bemerkt, das ist weise und ein Gedanke von tiefer Humanität und Stringenz. Wir wissen oder ahnen zumindest, dass es heute gerade umgekehrt ist: «Wenn’s den anderen schlecht geht, geht’s mir gut.» Glaubt man. Ist natürlich gegeigter Mumpitz. Aber selbst in Österreich wird doch ab und zu die Mär von «der Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft» proklamiert, und dann tun viele so, als wär’s wahr und quälen ihre armen Kinder – angstvoll – mit Chinesisch für Eineinhalbjährige, pränatales Englisch, und Mathematik für fortgeschrittene 1-Jährige, verplanen die Freiminuten der Sprösslinge, auf dass sie ja keine Zeit verschwenden mit nutzlosem Herumtoben, Blödeln, Rumrennen und unnütz Frischluftschnappen im Park, und rufen dreimal die Woche die Lehrerschaft an, um sich zu beschweren. Über zu viel, zu wenig, zu bald, zu spät, zu laut und so weiter und so fort.

Dabei weiß jedes Kind auf der Welt, dass in Österreich nicht zählt, was du kannst, sondern wen du kennst, und Österreich ist nicht für Leistung und Wettbewerb berühmt, sondern für fein ziselierte Intrigen, geklotzten Nepotismus, hervorragenden Wein und äußerst kunstvoll gestalteten Rufmord. Leistung und Wettbewerb? Gibt es natürlich auch. Aber das ist ein wenig so, als wäre die Schweiz bekannt für ihren Tabakanbau. Den gibt es ja auch.

Da mich ambitionierte Leute langweilen wie die herausgebellten Worthülsen des Bundeskanzlers, und ich nicht mal über einen mickrigen Magistertitel (lic.) verfüge, sind meine Chancen gesellschaftlich zu reüssieren, respektive die meiner Kinder, gleich null. Darum dürfen meine Kinder machen was sie wollen. Ich bringe ihnen denken bei, und die Freude, sich draußen frei zu bewegen, und das Besitz nervt und belastet.

Sie lernen mit Freude und mühelos. Es wird ihnen nichts nützen. Nepotismus ist die Herrschaft der Dummen und Unfähigen. Und wenn sich die Klugen und Fleißigen davon nicht schrecken lassen, und trotzdem was auf die Beine stellen, bringt man sie am Besten um, wie man in Götz Alis neuem Buch «Warum die Juden, warum die Deutschen?» nachlesen kann.

Es kann sein, dass sich bald nicht mehr alle diese Chancenlosigkeit gefallen lassen. Ich empfehle den Nepotisten und Korruptolitikern genügend große Gefängnisse zu bauen.

(Diesen Block schrieb der Autor wie Peter Handke)

Nur ein Satz

Als man Saddam aus seinem Erdloch zog, und ein US-Arzt mit diesem Riesenohrenstäbchen in seinem Mund herumfuhrwerkte, als wär der Diktator ein Obdachloser der in Verdacht stand, sich an kleinen Mädchen vergangen zu haben; und als man neulich den irren Camper aus der Kanalisation gefischt hat, wie einen flüchtigen Handtaschendieb, blutend, voller Angst und vollen Hosen, um sein Leben flehend, «Allahu akbar» ausstoßend, und ihm dann einer oder zwei – oder noch mehr- in brodelnder Wut und Freude und Kriegswahnsinn ein paar Kugeln in seine Diktatorenleber und den Tyrannenkopf gejagt haben, ja, da regte sich Mitleid bei einigen von uns, und wir erkannten das Kreatürliche, das rein Menschliche, und dass auch ein mächtiger, folternder, tötender Scheißkerl nur ein Mensch ist und Angst vorm Sterben hat, und dann begriffen wir, dass aller Prunk und alle Macht «Haschen nach Wind» (Prediger Salomo) ist, und uns beschlich ein seltsames Gefühl während sie im Fernsehen von «Würde» sprachen, und als wir danach auf die Straße gingen und ein Stück Flüchtling an uns vorbeischlurfte und uns mit erloschenen Augen ansah, dachten wir: «Der kommt auch nur her, um sich in die soziale Hängematte zu legen.»

(Diesen Block schrieb der Autor wie Melinda Nadj Abonji)

Jawoll. Wien ist schön.

Wieder mal in der Schweiz. Aus verschiedenen Gründen. (Als brauchte man Gründe, um in der Schweiz zu sein?) In den Festivitäten begründet: Eine Menge unbekannter Leute. Und wenn sie erfuhren, dass ich in Wien lebe, so kam es immer gleich (entzückt): «In Wien? Schön!»

Jawoll! Wien ist schön. Recht hamse. In ihren leuchtenden Augen drehten sich die Riesenräder vor denen Fiaker weinselige Touristen durch die Ringstraße zum nächsten Heurigen kutschierten.

Jawoll. Wien ist schön. Jetzt lebt auch noch der tolle, piefkinesische Schriftsteller Herr Lottmann in Wien und findet die Wiener so überhaupt nicht deutschenfeindlich. Tja, sag ich da nur.

Aber in Sachen Fremdenfeindlichkeit sind die Schweizer gerechter als die Wiener (was man so hört…). Der Deutsche genießt in Helvetien keinerlei Privilegien, und ihm werden die guten Wohnungen ebenso verwehrt wie dem Albaner und den anderen Tschuschen. Nicht so wie damals, als mein Freund, der tschechische Wirt des «Nachtasyls» Jiri Chmel, auf meine Bemerkung, dass wir beide doch Ausländer seien, antwortete: «Ja. Aber du bist der bessere.»

Jawoll. Wien ist schön. Ich schätze die Schönheit, die es mir ungestraft gestattet meine Soziophobie so exzessiv auszuleben und trotzdem eine Menge Leute zu kennen. Ich liebe Wien dafür, dass es allen wurscht ist wie man sich hier fühlt, ich liebe es, weil ich im Geisteszentrum freundliche Menschen kenne, mit denen ich nicht sprechen und Banalitäten tauschen muss, und denen es, gleich mir, genügt, zu grüßen. In Wien kann man sich «verstecken und entdecken», wie der Dichter Thomas Brasch über Berlin sagte.

Jawoll. Wien ist schön. Wenn der Flieger die Räder in Schwechat auf die Piste setzt, kriege ich eine Wut. Ohne jeden Anlass. Mein Hirn beginnt Schmähschriften zu verfassen. Wo, meine Lieben, kriegt man so was schon geboten? Und wo, außer in Wien, kann man jeden hingebungsvoll und ohne schlechtes Gewissen so hemmungslos hassen? Na ja. So ein bisserl hassen, halt. Und wo, außer im schönen Wien, weiß kein Arsch, warum das überhaupt so ist?

Jawoll, liebe Schweizer, Wien ist schön.

(Diesen Block schrieb der Autor wie Thomas Bernhard)

Geil!

Gestern fiel ich zufälligerweise in irgendeine TV-Sendung (ZDF ?) und durfte Zeuge werden, wie eine glücksstrahlende Maklerin dem geneigten Zuseher erzählte, wie seit neuestem griechisches Geld auf den Berliner Wohnungsmarkt drängt. In rauen Mengen. Dann sah man fette griechische Männer mit sündteuren Onassis-Brillen, die sich in Charlottenburg Wohnungen ansahen. Und dann kauften.

So läuft das, dachte ich, das ist jetzt eine Gratis-Lektion in Heuschreckenkapitalismus, schau’s dir an, du wirst es vielleicht noch oft sehen, aber vielleicht auch nicht. (Könnte ja einige von uns noch wütender machen, ja?)

Also wie war das jetzt? Die Griechen haben keine Wirtschaft. Sie sind pleite. Diejenigen, die noch nicht pleite sind, holen ihren steuerhinterzogenen Raps von der Bank, fahren nach Berlin und kaufen damit Wohnungen. Das wird – den Gesetzen des Marktes gehorchend – die Wohnungen verteuern, und zwar für diejenigen, die mit ihrem Raps die Griechen retten müssen, deren Pleite durch das Abziehen der Gelder aus griechischen Banken noch beschleunigt wird.

Also wenn das nicht geil ist, was dann? (Die Maklerin sah ganz nach Aqua planing aus.)

Oder ist alles ganz anders? Und ich seh das vielleicht etwas verzerrt? Oder was? Oder wie?

(Diesen Block schrieb der Autor wie Theodor Fontane)

Das ICH hat fertig…

verkündet Frau Radisch in der «Zeit»-Literatur-Beilage, und stellt uns drei Romane vor, die diese Wahrheit bezeugen. Röhler, Ruge, Bierbichler. Vorbei, vorbei. Das Scheiß-Ich. Dann lieber doch der Nazi-Opa, als die auf dem Küchentisch vögelnden Eltern, ganz im Sinne von Jörg Haiders Lob der alten SS-Mannen, die «Charakter haben». Und es wäre nicht Buchmesse, wenn nicht gerade der deutsche Buchpreis an einen solchen Genealogie-Romanillo verliehen würde. «In Zeiten des abnehmenden Lichts» von Eugen Ruge.

Das liest sich dann so: Sein Mund war mit Pflaumenmus verschmiert, der Morgendienst hat es wiedermal eilig gehabt. Seine Strickjacke war schief geknöpft, er trug nur einen Hausschuh.

Aber noch muss ich nicht verzweifeln mit meinen überlebten Ich – und dem von anderen -, denn noch gibt es den Klaus Bittermann, meinen Berliner Lieblingsverleger, und der hat diesen Herbst in seiner Edition Tiamat (u.a.) auch die Interviews von Dr. Hunter S. Thompson verlegt. Und das liest sich so:

O’Rourke: «… Kann ich sagen, jemand soll Meese (Ronald Reagans Generalstaatsanwalt) aufschlitzen und seine Eingeweide um eine Telefonzelle wickeln.

Dr. Thompson: Nein, das können Sie wahrscheinlich nicht. Er sollte ausgepeitscht werden – aber nicht getötet.

O’Rourke: Und wenn wir sagen würden, Meese soll von einem Elch gefickt werden?»

Dr.Thompson: Das ist offensichtlich harmlos… Ich glaube, dass Ed Meese…zusammen mit einem Elch in einem großen betonierten Keller eingesperrt werden sollte…

O’Rourke: Ein zorniger, geiler Elch, voll auf Acid.

Dr. Thompson: Meese ist nackt und der Elch ist riesig, vielleicht weit über 800 Pfund.

O’Rourke: Elche können sehr unangenehme Kunden sein.

Dr. Thompson: Und wenn sie erst einmal voll auf Acid sind und richtig geil – oh du meine Güte, das geht die ganze Nacht lang ab.

Überlassen wir getrost das Familienpflaumenmus den Kritikern, die wieder mal einen neuen Trend ins Leben rufen möchten. Die Familienpflaumenmus-Literatur. Das legt sich wieder. Aber wer lieber richtiges Zeugs lesen möchte, verrückte, wahnsinnige, elektrisierende, irre komische altmodische «ICH-Literatur, der wende sich an:

Hunter S. Thompson / Kingdom of Gonzo

Interviews mit Hunter S. Thompson / Edition Tiamat, Berlin ISBN 978-3-893201587

Depressiv-lethargisch

Nach einer Lesung mit den andern «Superbastards» http://www.superbastard.de/ in Augsburg, schrieb die «Augsburger Allgemeine»: «Depressiv-lethargisch, doch fesselnd war der Vortrag des Wieners Andreas Niedermann.»

Das fand ich interessant, und doch krass bedenklich. Bin ich tatsächlich depressiv? Und lethargisch? War ich nicht einfach nur hackedicht? However. Wenn ich depressiv bin, google ich einfach meinen Namen. Nicht, dass dies meine Stimmung aufhellen würde, aber manchmal findet man was lustiges. So stieß ich neulich auf eine Website, die sich ein Zitat von mir gekrallt hatte: «Wenn man alt ist, hat man schon einiges gesehen. Und einiges hat man schon zigmal gesehen und wird es wieder sehen, wenn man blöd ist und wieder hinsieht.

Das fand ich ein nettes, und gleichzeitig kluges Zitat, und die Vorstellung, dass ich vielleicht nicht nur depressiv-lethargisch, sondern auch klug sein könnte, gefiel mir sehr. Vielleicht sogar ein bisschen gscheit?

Aber dann las ich, dass in Ösi-County Staatsmeisterschaften in «Slam-Poetry» ausgetragen werden, und es einen Slam-Poetry-Staatsmeister gibt. Er heißt Markus Kozuh.

Ich gestehe es: Nicht anderes habe ich erwartet. Weder vom Land, noch von den Slam-Poeten.

Lest Streeruwitz!

Heute weise ich auf den bravurösen und zutiefst wahren Artikel von Kollegin Marlene Streeruwitz hin, und lege ihn vor allem auch jenen ans Herz, die immer noch glauben, dass österreichisches Kabarett witzig und gar etwas mit Humor zu tun habe.

http://derstandard.at/1317019653881/Liegt-es-am-Umgangston

Und außerdem freut es mich, dass mein Vorschlag zur Änderung der Nationalhymne (siehe Blog vom 14. Juli «Heimat bist du großer Kinder») endlich die verdiente Anerkennung findet.

Wieder nicht

Bob Dylan hat ihn schon wieder nicht gekriegt. Den Prix nobel. Aber ich kann mir keinen seiner ehrlichen Adoranten vorstellen, der deswegen vergrämt wäre, geschweige denn, Dylan selber. Aber wer gesehen hat, wie Jack Lang ihm irgendein französisches Ehrenlegionsgeschmeide, in der Größe und Form eines metallenen Kinderlatzes anlegte, und Bob Dylan die Prozedur stoisch über sich ergehen ließ, ein «A thousand thankyous» krächzte, sich umdrehte und abging, und wie danach der zerknirschte Jack Lang sich am liebsten selber geohrfeigt hätte und sagte (im Sinne): «Warum konnte ich den Mann nicht in Ruhe lassen, warum nur, musste ich ihm diesen Scheiß umhängen?», der könnte doch versucht sein, es dem Dylan ein bisschen zu wünschen, dass er ihn doch irgendwann kriegt, den Prix. Aus purer, egoistischer Lust am Spass.

Die Blockredaktion gratuliert dem Herrn Tomas Tranströmer.

Der war echt gut ll.

«Schneckerl» Prohaska, einer der vielen so erfolgreichen austriakischen Ex-Nationaltrainer aus der Cordobarinaer-Fraktion, äußert sich in einem Interview nicht sehr schmeichelhaft über Marcel «Mäsä» Koller. Natürlich hat er noch keine Arbeit von Koller gesehen. Braucht er nicht. Wozu auch? Er ist weltberühmt. Zumindest in Ösi-County und Simmering.

Ich frage mich, ob ich an seiner Stelle als Ex-Trainer, als einer, der mit 9 Kisten aus Spanien (nein, nein nicht Cava!) heimgekehrt ist, meine Pappen aufmachen tät?

Vermutlich schon. Denn irgendeinen Einfluss müssen die zwanzig Jahre Wien ja haben.