Block Nr. 500

Block Nr. 500. Tja. Sollte, wie angekündigt, der letzte sein. Für eine Zeitlang wenigstens. Weiß aber nicht so recht. Man kann nicht einfach aufhören. Glaub ich zumindest. Ray Chandler hat mal gesagt, dass er, wenn’s mit dem Schreiben nicht hinhaue, auch aufhören können wolle. Wie wir wissen, hat es hingehauen. Sein schmales Werk ist längst Weltliteratur. Ich fand das immer eine reife Einstellung. Wie oft hab ich selber mit dem Schreiben aufhören wollen? 10 Mal? 20 Mal? Wie andere mit dem Rauchen. Mit dem Poffizeln wollt ich nur einmal aufhören, und dann hab ich es auch gemacht. Ich mag nicht abhängig sein. Von nichts. Ich denk immer, wie’s wär, ins Gefängnis gehen zu müssen, weil ich irgendeinem verdammten Lügenfritzen die Fresse poliert habe, und dann von irgendwas abhängig wäre. Zigaretten, Drogen, Alkohol, Sex, Fernsehen oder Schreiben.

Falls es mir beschieden ist, den Knast zu entern, dann häng ich mir Rubin «Hurrican» Carter an die Wand, der berühmte Boxer, der jahrelang unschuldig im Gefängnis saß. «Wenn sie dich wegen der Zigaretten unter Druck setzen, hör auf zu rauchen. Wenn es das Essen ist, hör auf zu essen. Wenn sie dir Bücher wegnehmen, schreib. Wenn sie dir den Stift wegnehmen, züchte Kakerlaken.»

Aber ich übertreibe wieder.

Und wenn wir schon bei Boxern sind: Nach der schlechten Nachricht vom Gesundheitszustand von Muhammad Ali, hab ich vernommen, dass auch «Smokin» Joe Frazier im Sterben liegt. Leberkrebs. Das wird nicht wieder. Das könnte ein richtiges Scheißjahr werden, dieses 2012. Mit oder ohne Blog.

Block Nr. 499

GRIECHISCHE GESCHICHTEN 3

In Gythion mietete ich ein Zimmer, und als ich den Fensterladen öffnen wollte, sah ich, dass das Fenster ein Fake war. Ich war eingemauert. Die hatten einfach zwei Läden und einen Fenstersturz auf die wand geschraubt. Ein beschissenes Gefühl. Ich hatte noch nicht bezahlt und konnte fliehen. Die Vermietervettel hatte kein Verständnis dafür, dass ich nicht in einem fensterlosen Raum nächtigen wollte. Ich ging in ein Lokal am Hafen und bestellte einen 20-Sterne Metaxa, und der Wirt wollte mir einen ranzigen Raki andrehen. Als ich reklamierte schrie er auf Deutsch, dass er kein Betrüger sei. Ich ließ mich nicht beeindrucken. Und dann schenkte er mir den Fusel, so, dass es alle im Lokal hören konnten, aber ich ließ ihn natürlich stehen.

Ich freundete mich mit dem jüdischen Besitzer eines Reisebüros an, und er riet mir mit dem Taxi zum Strand zu fahren. Er sagte mir auch, was es kostete. Und so war es auch. Ich fuhr mit dem Taxi zu Strand, und ließ mich wieder abholen. Ich bezog ein überteuertes Zimmer, und sah einem Typen zu, der hingebungsvoll einen riesigen Kopffüßler auf die Hafenmauer klatschte. Immer wieder. Bis er reif für den Grill war. Der Kopffüßler.

Am nächsten Tag stieg ich in die Fähre nach Castello (Kreta). Beim Halt in Antikithyra enterte ein Clan Zigeuner das Schiff. Die Männer hockten sich auf den Boden und nahmen ihr unterbrochenes Kartenspiel wieder auf. Die Kinder strichen mit hungrigen Augen um mich herum, und ich gab ihnen meine Bananen und den Rest des Obst. Sie schoben es in die Laube wie Soldaten Patronen ins Magazin. Als ich auf Deck ging, nahm ich meine lächerliche Tasche mit. Es war einfach besser so.

Mitten in der Nacht erreichten wir den Hafen von Castello. Wir gingen von Bord. Einige Autos warteten. Die Zigeuner schwangen sich auf ihre Pritschenwagen mit den tausend bunten Plastikeimern, die sie zu verchecken versuchten. Innerhalb von 3 Minuten war ich allein in der Dunkelheit und sah den letzten Rücklichtern der Wagen nach, die die anderen Passiere abgeholt hatten. Nur mich holte niemand ab. Es war zwei Uhr morgens, als im Zentrum ankam. Völlig leere Straßen. Nirgends ein Hotel. Ich schnürte durch die Hauptstraße und traf auf zwei angenudelte Nachtschwärmer, die mir verrieten, dass der Ort doch ein Hotel hatte. Ich fand es. Es war ein großes Hotel. Die Rezeption war leer, aber als ich klingelte erhob sich ein alter Kerl von einem Sofa und kam rübergeschlurft. Er gab mir einen Zimmerschlüssel und ich fragte ihn, gythionmäßig, ob ich gleich zahlen soll. Da blickte er mir außergewöhnlich lange in die Augen, und meinte, dass ich das morgen beim Auschecken erledigen könne. Nach der Gythionscheiße war das Vertrauen eine Wohltat. Er hielt mich für eine ehrliche Haut. Irgendwie hatte er auch recht.

(Diesen Blog schrieb ich wie Uwe Johnson)

Block Nr. 498

GRIECHISCHE GESCHICHTEN 2

Von Aeropoli fuhr täglich ein Bus nach Gythion (oder wöchentlich? Monatlich?). Diesmal war er voll mit Rucksacktouristen. Mir blieb ein Doppelsitz. Und den hätte ich niemals geteilt. Nicht mit einem dieser Bonbon-Rucksack-Buckler mit der Isomatte vorm Arsch, und der herauslugenden Wasserflasche.

Der Fahrer, ein Schlaks der aussah wie ein alter Esel mit Schnauzbart, ging durch den Mittelgang um zu kassieren. Aber er stockte schon bei der ersten Reihe. «Thio kosja», sagte er und bekam zur Antwort: «How much?» – Er wiederholte völlig ungerührt sein griechisches «Zweihundert». Die Backpackers, ein holländisches Paar, sahen sich ratlos an. Blickten hilfesuchend nach hinten. Niemand. Schulterzucken. «Thio kosja!» Das konnte dauern. Und es dauerte.

Irgendwann hob der Alte vier Finger. Ich sah, dass sie ihm, wie erlöst, achthundert Drachmen einhändigten. Die Preisinfo verbreitete sich wellenmäßig durch die Reihen bis ganz nach hinten. Vierhundert. Allgemeines Börsengenestel. Mit unbewegter Miene zupfte der Fahrer dem Jungvolk die Scheine aus den Fingern.

«Tetra kosja ja ena?», sagte ich, und hob fragend die Augenbrauen. Vielleicht hatte ich Glück, und es war so etwas wie griechisch? Oder zumindest schlechtes Deutsch in griechisch («Vierhundert für einen?»). Ich streckte ihm zweihundert hin, er nahm sie und kassierte den Rest Backpackers ab. Dann kam er zurück, gab mir ein Ticket und … ein paar Hunderter. Ich war zu verblüfft, um zu reagieren. Und schon hockte er hinter dem Lenkrad und drehte den Zündschlüssel.

Es war mein Anteil. Schweigegeld. Ha,ha, und was jetzt? Die Sache aufklären? Ich konnte Backpackers nicht ausstehen. Und jetzt hasste ich sie ganz besonders, weil sie so blöde waren, und mich in diese Lage gebracht hatten. Ich hatte mich gerade bestechen lassen. Nun war ich ein kleiner, fieser Korrupto. Das war ihre Schuld. Und dafür, versuchte ich mir einzureden, mussten sie büssen. Das kostete. Ich hatte ihr Geld in den Händen. Ich steckte es in die Hemdtasche. Es verdarb mir ein wenig die Fahrt. Die Backpackers hatten keinen Schimmer und plapperten. Das Geplapper machte es mir noch leichter, sie zu hassen. Sie waren entschieden selber schuld. Und trotzdem. Es war irgendwie anstrengend korrupt zu sein. Schnell geschehen, nachhaltig in der Wirkung.

Ich denke, beim zweiten Mal wird’s dann leichter. Wie man aus informierten Kreisen so hört. Mal sehen.

(Alexa Henning von Lange-Style)

Block Nr. 497

GRIECHISCHE GESCHICHTEN

Anfang der neunziger Jahre. In einer Hafenstadt im Norden Kretas. Ich hatte ein Ticket für eine nächtliche Überfahrt nach Piräus gekauft, und mir den Luxus eines Bettes in einer 4-er-Kabine geleistet. Das war hinausgeschmissenes Geld, wie sich herausstellte. 3 dicke Griechen kamen rein, warfen sich in Klamotten auf die Betten und schnarchten los. Aber so richtig. Es machte mich verrückt. Es war wie im Knast. Ich bastelte mir aus Klopapier und Olivenöl Ohrstöpsel. Half’s was? Ein bisschen.

Die Fähre legte an. In Piräus war es Nacht. Ein Meer von Taxis am Pier. Davon hatte ich auch nichts gewusst. Ich musste zum Busbahnhof, den Bus kriegen, der mich rechtzeitig nach Patras zur Fähre nach Trieste brachte. Es war vier Uhr morgens. Taxifahrer keilten Kunden. Einer keilte mich. Er konnte nur griechisch. So ein bisschen konnte ich auch. Leoforio, heißt Bus. Ich wartete. Er holte sich noch zwei Mitfahrer dazu. Finstere Kerle, wie zwei Typen aus der Kneipenszene von «Sorbas the Greek».

Es ging los. Ich saß vorne. Die Typen in den abgewetzten Anzügen im Genick. Keiner sagte ein Wort. Der Tag graute und zog ein in den Müll der Athener Vorstadt. Schlote rauchten am Horizont und blinkten Rot. Der Taxameter tickte laut wie ein Filmbombe.

Am Busbahnhof hielt das Taxi. Auf dem Taxameter waren 200 Drachmen. Der Fahrer holte meine Tasche aus dem Kofferraum. «Thio Chilies», sagte er. (Zweitausend!!). «Ochi», sagte ich, «Thio Kosja». – «Thio chilies.» Die Anzüge hatten sich zu uns umgedreht und blickten finster durch die dreckige Heckscheibe. Ich hatte mein kleines Notenbündel gezückt. «Thio chilies!» Er hatte meine Tasche noch in der Hand.

Ich wurde gerade abgezogen. Was konnte ich machen? Nicht viel. Der Taxifahrer grinste wie Warren Oates in der Rolle eines Drecksacks. Die Anzüge miteinbeziehen? Vergiss es. Das war eine verschworene Gemeinschaft. Die teilten sich die Kohle. Ich meine, ich zahlte denen ihre Fahrt. Ich gab ihm die zwei Tausender. Die zwei Kerle drehten sich wieder nach vorne. Der Fahrer stieg ein, und ich stand im Morgengrauen am Straßenrand und fühlte mich gefickt.

Ich denke, ich hätte ihm nur die zweihundert geben sollen. Und dann sehen, was geschieht. Ich hätte kämpfen sollen. Zu spät.

Diese Szene geht mir in diesen Tagen oft durch Kopf und ich denke: Das habt ihr jetzt davon.

Block Nr. 496

Das neue Wort der Stunde heißt «Die Märkte». Die Märkte sagen, die Märkte reagieren, die Märkte wollen, die Märkte zittern, die Märkte. Die Märkte hat Ähnlichkeiten mit: «Die Ärzte». Wenn ich nach meiner Gesundheit gefragt werde (was zum Glück sehr selten geschieht), könnte ich antworten: «Bestens. Bis auf den Hochdruck. Aber gegen den hat mir mein Arzt Medikamente verschrieben.» Das ist allerdings die Antwort eines durch und durch bedeutungslosen, ja, schon beinahe nichtigen Menschen, denn ein wirklich angesehener, bedeutender und sozial hochstehender Mensch, wie Heidi Klum oder Karlheinz Grasser, würde sagen: «Die Ärzte haben leider einen kleinen Hochdruck festgestellt.»

Ich finde es nicht uninteressant, dass in einer globalisierten Welt, wo ein armer ägyptischer Fellache der mühsam Mungobohnensamen zieht und verkauft, eine europaweite, millionenteure EHEC-Hysterie auslösen kann, und dass es in dieser Welt, nicht mehr «den Markt» gibt, sondern nur noch «Die Märkte».

«Die Märkte». Scheue, rehähnliche, hypernervöse Tierchen, die rastlos im Unterholz herumforcheln und bei jedem Geräusch so zusammenschrecken, dass sie minutenlange Zitteranfälle bekommen und sofort große Mengen des Waldes vertilgen müssen, um den Tremor wieder unter Kontrolle zu bringen. Ja, so sind sie eben, «Die Märkte». Oder weniger vornehm ausgedrückt: Eine Ansammlung geldgeiler und ratloser Arschlöcher denen der Reis geht.

(Jetzt habe ich es geschafft: Endlich ein Friedrich Schiller-Stil.)

Block Nr. 495

Dem Regisseur, Autor, Boxer, Schauspieler John Huston wurde nachgesagt, dass er in seinen Filmen keinen unverwechselbaren, eindeutigen Stil zeigte. Huston passte den narrativen Stil dem Stoff an. Das gefällt mir. Wozu sollte man einen einzigen Stil pflegen?

Die Verlegermeister könnten es wollen. Es wird gesagt, dass die Provenienz eines Textes nach einem Absatz klar und deutlich auszumachen sein muss. Aber. Nicht. Jeder. Hat eine unverwechselbare. Stilmarotte.

Gut. Das war jetzt etwas plakativ. Einmal las ich 700 Seiten Stakkato. Sätze ohne Nebensatz. Das hält man nicht aus. Denkt man. Aber wenn es ein inspirierter Maniak wie James Ellroy runterschraubt, funktionierts. Manchmal. Aber hin und wieder sollte auch ein fließender, auf dem Wellenkamm surfernder Satz das Stroboskop ablösen, denn wir wollen nicht immer das Hackebeilchen, auch wenn es sich hübsch anhört wie es die Knochen knackt, nein, wir wollen auch hin und wieder sehen, wie der Wurstdarm sich mit Fleisch füllt, wie er schlangengleich durch Frauenhände gleitet, bis ihm die Abbindemaschine einen Metallring verpasst. Klack. Und nun wieder von vorn. Hackebeil. Fleischwolf. Wurstdarmflutschen.

Ich bin Vegetarier. Zumindest zu 95%.

Sigmund hilf!

(Dieser Block wurde von Ingo Schulze verfasst)

Block Nr. 494

Einen guten Steinwurf (vermutlich schreibe ich heute wie Schiller oder Fontane) vom Geisteszentrum entfernt, hockte eine russische Saatkrähe auf einem Mistkübel (gab’s vermutlich zu Schillers Zeiten noch nicht) und zupfte und zog an einer prallen Tüte von «Burger King», die sie durch die schmale Öffnung zu kriegen versuchte. Schlaues Kerlchen, dachte ich, und ging im Abstand von 2 Metern an ihr vorbei, und da äugte sie mich aggressiv an, wie so’n Homie der gerade ne Schlampe in der Mache hatte (das wird kein Schiller nicht), und sah so aus, als würde sie mich lieber angreifen als die Tüte zurückzulassen. Scheißausländer, dachte ich, aber dann fiel mir ein, dass ich ja auch ein Scheißausländer bin, und darum fand ich sie wieder gut, die russische Saatkrähe, vor allem, dass sie sich ihr Futter aus dem Mist besorgte und nicht die kleinen Eier der kleinen Spatzen aufhackte und fraß, die Eier einer Vogelart, die bereits am Aussterben ist, und ich fragte mich, wann ich zum letzten Mal so eines Spatzes leibhaftig ansichtig geworden war (vielleicht wird’s doch Schiller?), und da fiel mir echt nichts ein, und da wurde ich traurig, und ging traurig nach Hause und erzählte den Kindern die Geschichte von der Krähe, die sie erst lustig fanden, bis ich ihnen auch die Kiste mit den Spatzen öffnete, und da hassten sie die Krähen inbrünstig, und sie beschlossen, für den Winter ein Vogelhäuschen zu bauen, eins, wo auch die Dreckstauben nicht reinkämen, weil so Dreckstauben eben auch Spatzenkiller sind, und wir sassen da, und hassten alle zusammen diese Scheißkrähen und Dreckstauben, weil sie die Spatzen aussterben machten.

Mal sehen, was aus dem Vogelhaus wird…

(Es wurde in der Tat kein Schiller, aber trotzdem nichts Geringeres als Friederike Mayröcker. Sapperlot, Alter!)

Block Nr. 493

Gut, ich seh’s ein. Kein Preis für mich. Vermutlich nicht mal Hass. Warum auch? Hassen ist anstrengend. Und warum sollte man mich hassen? Für die beinahe 800 Narrenblocks? Ach nee, die Zeiten sind vorbei.

Als Friedrich Dürrenmatt in den siebziger Jahren einen großen Preis erhielt, sagte er in seiner Rede (sinngemäß): «Mit Preisen verhält es sich wie mit den anderen Dingen im Leben auch: Man bekommt sie erst, wenn man sie nicht mehr braucht.» Und er vermachte die Penunze einigen seiner Kollegen, die gerade harte Zeiten durchmachten. Sergius Golowin, Niklaus Meienberg, Matthias Diggelmann und anderen quertreibenden Journalisten und Schriftstellern.

Ich war beeindruckt. Zum einen von der Tatsache, dass Dürrenmatt, ein weltberühmter Autor in seinen Fünfzigern, offensichtlich nicht mit Preisen zugeschissen wurde, zum anderen von seiner Solidarität und Großzügigkeit, seinem Gefühl für gut platzierte Seitenhiebe in die osteoporösen Rippen des etablierten Literatur-und Journalbetriebs. Das hatte Klasse. Gibt’s sowas heute noch? Wann das letzte Mal gesehen?

Neulich erhielt ein alter Bekannter von mir einen Anerkennungspreis (oder so). Dem Vernehmen nach soll er auf die Bühne geschlurft, Danke ins Mikro gemurrt haben, und wieder abgegangen sein. Das ist nicht schön. Das ist auch nicht provokant, wie es ebenfalls nicht provokant ist, jemandes Gedichtvortrag lautstark zu unterbrechen um des Langen und Breiten kundzutun, dass man mal muss. Es ist nur distanzlos, ziemlich nervtötend, illoyal und kindisch. Wenn ich einen Preis erhielte, würde ich eine schöne Oscar-Dankesrede halten.

«Als erstes möchte ich mal meinen Eltern danken, die so gut GV gemacht haben, dass ein solch leuchtendes Genie dabei entstanden ist. Dann danke ich auch meinen Feinden, jenen, die mir dringend geraten haben, die Schreibmaschine zu verschrotten, und die mich nun um Texte anbetteln um damit ihre Bücher zu füllen. Ich danke allen, die niemals an mich geglaubt haben, und all denen die mich verachtet, geschlagen, verstoßen, schikaniert, entlassen, verjagt, besoffen gemacht und abgelehnt haben. Ich danke den Dealern. Meinem Weinhändler und natürlich meinem behandelnden Nervenarzt. Und vor allem danke ich euch, liebe Jury, dass ihr es endlich geschafft habt, einmal etwas Richtiges zu tun. Betrachtet euch als gefickt!»

(Diesen Block verfasste der Autor wieder einmal wie Thomas Bernhard)

Block Nr. 492

Beim Songdog Verlag, im gediegenen 2. Salon des Hauses, votierten letztes Frühjahr 5 der 7 wichtigsten Verlagsmitarbeiter für die Herausgabe eines kleinen Büchleins, und zwar auf den 17. Januar 2012. Es sollte eine Hommage an einen der größten, wichtigsten und vorbildlichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts entstehen; ein kleiner, aber feiner Geburtstagsgruß, nämlich zum Siebziger von Muhammad Ali.

Es kommt nicht zustande. Die Hommage. Das liegt zum einen darin, dass der Songdog Verlag an Dilettantismus kränkelt, und sämtliche Fehler der Unprofessionellen macht (das muss mal gesagt sein, tammi nomal!). Nämlich? Arbeitsplätze schaffen. Für Bürolisten. Für vollkommen überflüssige, sogenannte Entscheidungsträger, Nullen im Nadelstreif, die im Salon wichtig die Beine übereinanderschlagen, Zigarillos paffen und darauf warten dass ein Kokurrenzunternehmen hopps geht, und deren verlagslosen Zugpferde in den Salon schneien; verzweifelt, pleite und notgeil, und die Songdogs sie mit Hoferfusel -den sie zuvor in Armagnac Flaschen abgefüllt haben- besoffen machen und sie dann Knebelverträge unterschreiben lassen.

Aber sie kommen nicht. Die Superautoren. Nicht mal Martin Walser. Oder Günther Grass. Vermutlich hätten die Stiesel im Songdog Salon sogar die unter Vertrag genommen. Vielleicht sogar… Aber lassen wir das.

Zum anderen geht es Muhammad Ali sehr schlecht. Es gibt nicht wenige die glauben, dass er seinen 70-ger gar nicht mehr erleben wird. Das ist traurig. Traurig für mich. Und ein paar Millionen andere. Und es bringt einem wieder mal nahe, dass wir – wie unlängst Neil Young an einem Konzert bemerkte – in ein Alter kommen, wo wir unsere Eltern verlieren.

Und Muhammad Ali ist einer davon.

(Diesen Blockeintrag verfasste der Autor im Stil Ingo Schulzes)

Block Nr. 491

Erst jetzt erkenne ich, was mein etwas alberner Genius mit dem Block geschaffen hat: Eine Art Wikipedia des Zürnens, Haderns, Fluchens und Lästerns; eine Trouvaille für Wissenshungrige, ein Goldwaschsieb für Meinungsschwache, einen Themenfundus für Seminaristen und Gymnasiasten (es existieren bereits 5 Arbeiten von Gymnasiastinnen zu Büchern und Themen von mir), einen Steinbruch der Meinungsverbildung, eine Frittatensuppe der Wortneuschöpfungen, und ein Lexikon der Nichtigkeiten, der Polemik und der kompletten Idiotie. Zudem gibt er Geheimnisse preis. Man muss nur das Suchfeld nutzen und z.B. «Leone» eingeben. Da kriegt man frank und frei ein schönes Geheimnis verraten, etwas von filmhistorischer, aber unbekannter, Bedeutung.

Gibt man Papst ein, so wird der geneigte Leser den Wandel des Blockers erkennen können. Vom Papstschmäher zum Papstlober. Die einen werden sagen, sieh an, er ist weich geworden, die anderen werden anerkennend anmerken, dass der Autor sich entwickelt und sich nicht scheut, Überkommenes und Widerlegtes abzulegen, und sie rufen aus: Welch lebendiger Geist!!

Gibt man hingegen «Arsch» in das Kästchen, hat man eine Flut von Texten vor sich. Romanlänge. Wer etwas über Franz Dobler wissen will, hämmert «Dobler» in die Tasten. Oder Cash oder Hendrix oder Josef Winkler oder Denis Johnson oder gar Henk.

Oder Boxen. Was habe ich nicht über Boxen geblockt? Oder Politik? Und das nur so nebenbei. In zwei Jahren. Aber der Block wäre noch mächtiger. Die ersten 300 Texte gibt es allerdings nur noch in Buchform «LOG», aber es ist inzwischen nicht mehr lieferbar.

Bin ich denn nicht großartig? So viele Worte? Und so manches zuviel? Da und dort eins zu wenig. Aber doch. Ich werde jetzt hier sitzenbleiben und warten bis jemand kommt, und mir einen Preis verleiht. Den Dan Blocker-Preis für den größten Stetson und den längsten Revolvergürtel…

(Aber natürlich weiß kein Schwein mehr, wer Dan Blocker ist. Ohne zu googeln.)

(Diesen Text schrieb der Autor wie Franz Kafka)