Ortsliebe

Nein, sagte ich, ich lebe nicht gerne hier, aber schon ziemlich lange. Das gefiel ihr gar nicht. Sie war beleidigt. Wo ich denn gerne leben würde, fragte sie, und ich antwortete, vermutlich nirgendwo – auf Dauer.
Aber das reichte ihr nicht. Sie hielt mich für einen Deutschen und von so einem war man es gewohnt, ja, man erwartete einfach, dass er sehr, sehr gern in Wien lebte. Ein Deutscher hatte gleichsam die Pflicht, liebend gerne hier zu leben.
Wieso ich denn an einem Ort lebe, wo ich nicht gerne lebe, fragte sie, und ich antwortete, dass ich keinen Grund sähe, gerne an dem Ort zu leben, an dem ich lebe.
Das war zuviel, das schockierte sie. Sie wurde sauer. Sie stand auf.
Ich finde, sagte sie, man sollte nur an einem Ort leben, den man liebt.
Ganz im Gegenteil, sagte ich.
Aber da war sie schon weg.
Glück gehabt. Denn wer’s nicht auf Anhieb versteht, versteht es nie.

Krimi ohne Namen

Es ließ uns keine Ruhe. Nach einer miesen Nacht, beschloss die Redaktion, die angebotene Hilfe der Lady die unsere Crystal Meth-Schälchen befüllt, anzunehmen. Und so kam es, dass ein guter Freund der Lady, das trunksüchtige, zweifelhafte Privat-eye, Filip Marlowski, in der Redaktion vorsprach, wo er sich gleich mit Pepita, unserer 17-jährigen Türsteherpraktikantin, fetzte.
„Du kommst hier nich rein!»
Der Typ im fleckigen Trenchcoat, nach Inländerrum stinkend, gab ungerührt zu Protokoll, dass er der reinkarnierte Jörg Fauser sei, und dass „das Mäuschen“ hier keinen Zickinger aufziegeln soll, „bitterscheen“, weils sonst ganz mächtig was auf die „Prune“ geben werde und so weiter und so fort.
Das kam bei Pepita natürlich nicht so gut.
„Wer bist du denn?“, bellte Pepita, „Conchita, ohne Wurst und Bart aber mit extraenger Pussy?“
Jeder hier in der Redaktion, der bis jetzt noch den Anschein gewahrt hatte, zu arbeiten, verfiel in eine Art freudig erregte Starre und glotzte zur Tür.
Die Lady hatte ihr Meth-Beutel-Öffungs-Bajonett sinken lassen, stand einfach nur da und lächelte selig, denn das war ganz nach ihrem Geschmack. Unsere bequeme Weicheier-Existenz, und dieser ganze „Intellektuellenfirlefanz“ – wie sie es nannte – pochte schon tüchtig an ihrer Marille, und man konnte sehen, dass sie insgeheim darauf hoffte, dass die Sache nett eskalierte. Könnte sein, dass sie heute glücklich wird, denn es sah ganz nach Eskalation aus … (Fucking Cliffhanger…)

Falsch mureh kritisch

Ratlosigkeit in der Redaktion.
Beinahe minütlich schießen bei uns die Mails in die Box, in denen besorgte Menschen – die auch schon mal ein Buch des Verlages erstanden haben – sich erkundigen, warum wir denn nicht bei all diesen an jeder Ecke entstehenden Kleinverlagsschauen vertreten sind. Zum Beispiel bei dem Ding im Muqua oder bei den „Kritischen Literaturtagen am Yppenplatz“ oder warum wir nichts von den „Kritischen Literaturtagen in Salzburg“ gehört haben oder gar angefragt wurden?

Wir wissen es nicht.

Jemand meinte, dass wir vermutlich nicht kritisch genug sind, worauf der Oldie herumpflaumte, was das denn sei „ein kritischer Verlag“, und unsere 17-jährige Pepita, die gestern die Aufnahmeprüfung für das weiterbildende Türsteherseminar vergeigt hat, maulte, er soll sich doch brausen gehen, der Alte, sie, Pepita, stehe doch für Kritik und kritisches Mustern der Einlasswilligen, was die Lady, die unsere Meth-Schälchen befüllt, zu einem Kommentar provozierte, der unverstanden in ihrem Gehuste unterging und sie leider wieder mal ins Stolpern brachte, so dass wir unsere Jausenmethportion zum ungezählten Mal auf unseren Knien, durch extralange Trinkhalme vom Fußboden ansaugen mussten, Trinkhalme, die der Oldie von seinem letzten Ballermannbesuch von Malle mitgebracht hatte, ein Mitbringsel, das bei jedem Einsatz einen mächtigen Streit auslöst, weil Pepita behauptet es heiße Mallorka und nicht Maijorca, wie unser Oldie dauernd proletet. Na ja.

Dann, in die explosiv aufgeputschte Stille hinein, sagte jemand, dass wir schon kritisch seien, aber halt falsch.
Das brachte ganz hinten im Saal, dort, wo wir nur Spinnweben und den letzten Fingernagelschnitt von Jim Morrison vermuten, ein helles Lachen hervor und dann hörten wir den Spruch aus einem Woody Allen-Film: „Ich hatte einen Orgasmus. Aber es war der falsche.»

Kein Wunder, werden wir nie eingeladen. Oder um es mit einem paraphrasierten Wort (wir kennen schon geile Worte, was?) von Groucho Marx zu sagen: „Wir möchten nicht Aussteller an einer kritischen Verlagsschau sein, die uns als kritische Aussteller akzeptiert.»

Das wird uns bestimmt noch leid tun.

Krank in Austria

Gestern  weigerte sich ein Wiener Busfahrer ein eisschleckendes Kind in den Bus einsteigen zu lassen. Es kam zum einem Disput mit dem Vater, der Busfahrer stieg aus, rief die Polizei, die mit rotierendem Blaulicht heranraste und… irgendwie… nichts tun konnte.
Ist das lustig? Nein – Österreich.
Denn eigentlich ist es verboten in Öffis zu spachteln. Aber niemand käme in den Duftwolken von Leberkässemmeln und billiger Pizza auf die Idee, dass dem so sein könnte.

Nun zu was ganz anderem vom Gleichen.

Neulich nannte der Schriftsteller Robert Menasse in einer Talkrunde den „Rauchersheriff“ Gerald N., der über 1000 Anzeigen gegen Lokale, die sich nicht an die Nichtraucherbestimmungen hielten, einbrachte, „krank“.
Jawolll. Krank soll der Mann sein, denn er hielt die österreichische Gepflogenheit – durch die ewige GROKO befeuert -, dass Gesetze zwar erlassen, aber nicht exekutiert werden, irgendwie nicht mehr aus. Er wehrte sich dagegen. Zugegeben – etwas exzessiv.
Das findet Robert Menasse „krank“.

Ich denke, man kann davon ausgehen, dass es andere Gesetze gibt, die nicht exekutiert werden, und dass dies dem Herrn Menasse gar nicht passt. Aber das sind dann eben wichtige Gesetze, während es andere gibt, die nicht so wichtig sind (Menasse ist Raucher). Und welche wichtig sind, das bestimmt immer noch der, der es sich am besten gerichtet hat.

Dass vielleicht nicht der „Rauchersheriff“ krank ist, sondern die österreichische Unart mit Gesetzen umzugehen, diese Erkenntnis hätte der Intelligenz eines Menasse zugemutet werden können.

Aber man irrt sich halt.

Das Sprüchemuseum (60)

„ Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen.»

Günter Grass-Zitat aus dem Abdankungsgerede von John „nur fette Bücher sind gute Bücher“ Irving.

Wir sagen: Der war gut, Günter, so macht man das. Wenn du der gewesen wärst, für den du dich gehalten hast – und für den dich deine Adoranten noch immer halten-, hättest du gesagt: Ich war ein junger Kerl, ich fands aufregend, ja, ich war bei der SS.

Meinung versus Völkerverständigung

Gestern erschien der Chef des deutschen PEN-Clubs, Josef Haslinger, im TV und erklärte, warum er und etwa 200 andere PEN-Autoren, gegen die Vergabe des Preises für Meinungsfreiheit an Charlie Hebdo protestieren und der Preisverleihung fernbleiben.

Es stellte sich heraus, dass Haslinger – und die anderen- fanden, dass dies nicht der Völkerverständigung diene, wenn Charlie, der sich mit so ziemlich allen und jedem anlegt, den Preis zugesprochen wird.

Wir in der Redaktion fanden, dass dies ein ausgezeichnetes Argument ist – nicht alle, um die Wahrheit zu sagen, denn der Oldie verzog sich auf die Toilette, wo wir ihn kotzen hörten -, wenn man gegen die Verleihung des Preises für Meinungsfreiheit, mit der fehlenden Völkerverständigung argumentiert. Bravo.

Bei der nächsten Literaturpreisvergabe an Haslinger – die bestimmt bald wieder einmal fällig sein wird – werden wir auch protestieren. Haslinger setzt sich einfach zu wenig für Behindertensport ein.

Wollfühlen

Wieder einmal war die Redaktion aus Dobler-City zu schnell für uns. Sie macht Reklame für ein Buch von Sarah Schmidt „Eine Tonne für Frau Scholz“, ein Roman für alle Berliner und die, die es unter keinen Umständen werden wollen, Reklame, sagte ich, und zu recht machen die das, denn dies ist ein nettes und freundliches Buch, aber das sagte ich irgendwie schon.

Und die Redaktion in Dobler-City hämmerte auch einen Link rein, denn wir auch reinwuchten, weil er zu einem humorig-wehmütigen Artikel von Sarah Schmidt führt, den wir allen ans Herz legen möchten, all jenen und jeninnen, die nicht leicht zu schockieren sind.

https://verbrecherei.wordpress.com/2015/03/19/kein-blatt-vor-dem-mund/

Uns hat der Schock leider voll erwischt, wir sind noch steif und starr davon und der Mund klafft, denn Frau Schmidt schreibt:“… aber ich möchte mir noch nicht die Schuhe ausziehen und meine Wollfüße auf die Bühne legen. Ja, das machen ältere Besucher sehr gern. Wahrscheinlich, um auszudrücken, wie wohl sie sich fühlen…»

Schuhe ausziehen … Wollsocken … das war zuviel für uns.
Wir fürchten uns kollektiv vor der nächsten Lesung, und unser Oldie hat schon mit Prügel für die Schuhauszieher gedroht. Wollfühlen hin, wollfühlen her … Es gibt noch immer Grenzen.

Klempner und Theater

Der Klempner geht nicht ins Theater, sagt er. Warum? Zuckt die Achseln, fühl mich nicht wohl, sagt er, soviele Menschen, die so tun als wären sie hier zuhause. Und da steht dann immer ein Bett auf der Bühne und die Leute brüllen einander an, nichts für mich, sagt der Klempner, kann ich zuhause auch haben. Außerdem, sagt der Klempner, tun die Theaterleute so gutmenschig und kommen einem immer mit ihrer Moral, kann ich zuhause auch haben, sagt der Klempner. Was ist den schlecht an Moral? Nichts, sagt der Klempner, aber ich bin alt genug, jedem Prediger zu misstrauen, zum Beispiel diesem Bono und dem anderen, der mit den zwei Herointoten in der Familie, dieser Moneyweg… Geldof, meinst du… ja, Geldof … die immer rumzetern ich soll mein Geld nach Afrika schicken. Warum schicken die nicht ihr eigenes? Ja, hast ja schon mal gesagt. Ist doch wahr, oder!

Der Klempner sagt, er findet es ein bisschen zu einfach und zu risikolos mit den Theatersubventionen den anderen Menschlichkeit zu predigen. Menschlichkeit, sagte der Klempner, kann man nicht verordnen, man kann sie aber vorleben.

Dann wird dir der Theatermann Nicolas Stemann gefallen, der angekündigt hat, Flüchtlinge bei sich wohnen zu lassen…
Das ist okay, sagte der Klempner, so wirds gemacht.
Er hofft, sagt der Klempner, dass Stemann dann über seine Erfahrungen berichten wird. Super, sagte er noch, danns geht’s wieder an die Arbeit, auch verstopfte und überschwemmte Scheißhäuser müssen entstopft werden, sagt der Klempner.

Max Moor teilt

Neulich saß man wieder mal bei „Stöckl“ beisammen und rettete die Welt. Denn wer könnte die Welt besser retten als Burgschauspielerinnen, Moderatoren, Fernsehwissenschaftler und Designerinnen? Wohl niemand, wenn man ehrlich ist.
Und wie es sich in diesen Tagen ziemt, wurde auch die „Flüchtlingsproblematik“ angesprochen und als Stöckl in die Runde fragte, ob denn jemand eine Lösung wisse, streckte der Schüler Max Moor keck die Hand in die Höhe und rief: „Ich. Ich weiß die Lösung!“
„Alsdann“, glaubte man von Kaiserin Stöckl zu vernehmen.
„Teilen!“, sagte der moderierende Büffelbauer. „Teilen.»

Unbestätigten Angaben zufolge, leben jetzt neben etlichen Wasserbüffeln und der Freundin von Moor, auch einige Familien aus Eritrea, Somalia und Syrien auf dem Moorschen Hof in Brandenburg. Platz genug ist ja.

Ebenfalls noch unbestätigt ist die Meldung, dass der Schriftsteller Ingo Schulze, seine wunderbar große und beinahe leere Wohnung (siehe Bild), ebenfalls mit Verfolgten aus Afrika teilt.

Selbst unser Klempner hat sich von Moors Lösung inspirieren lassen und teilt jetzt seinen Werkzeugkasten mit einem Nigerianer. Zur Zeit ist er allerdings inhaftiert, da ihn die Klempner-Innung, wegen Verdachts auf Beschäftigung von Schwarzarbeitern (kein Kalauer, aber sicher nicht!), angezeigt hat. Wien bleibt eben Wien.

Und auch ich räume gerade eine Ecke von meinem 0,78 m/2 großen Schreibtisch frei, damit ein syrischer Erzähler seinen Blog weiterführen kann.

Danke, Max, damit wäre auch dieses Problem gelöst.

Das Sprüchemuseum (58)

„Für mich ist Toleranz etwas Schmutziges. Toleranz bedeute Unfähigkeit, Wiederstand zu leisten. Zum Glück besitzt unser Präsident (Putin) keine Toleranz.“

Putins Lieblingsrocker Alexander Saldostanow

Wir sagen: Wir finden es charmant und christlich, wie österreichische Poster, die Polen und Deutschen ob ihrer Weigerung die „Nachtwölfe“ durch ihre Länder fahren zu lassen, der Intoleranz bezichtigen.
Könnte aber auch sein, dass sie nur dumm und schleimig sind, wie das Gleitmittel für den problemlosen Analverkehr.