Der Poet & Dichter

Gestern in den Nachrichten erwischte ich noch den Gast von Armin Wolf, einen gereiften Burschen aus München, der sich als “Poet & Dichter“ bezeichnete. So à la : „Ich als Poet und Dichter, kann nur …»

In Ordnung. Poet & Dichter sind keine geschützten Titel. Kann sich also jeder seine Visitenkarte damit bedrucken. Allerdings gehe ich etwas auf Distanz, wenn man mir diese Visitenkarte andrehen will.
Ich bin der – ich weiß, ich weiß – altmodischen Ansicht, dass dies ein Titel ist, den man sich nicht selber verleiht, sondern der nur dann etwas zählt, wenn er einem verliehen wird.  Muss ja nicht vom Feuilleton sein, oder von der Suhrkampliesl Iris Radisch.

Aber der Münchnerjung mit der Regenbogenholzkugelkette um den Hals, war auch sonst ein echter Aufmerker. Er ermutige jungen Menschen, sagte er, den Mut zu haben, Außenseiter zu sein. Ich nehme jetzt mal an, dass er nur ganz bestimmtes Außenseitertum meinte. Also nicht den Nazi in der Waldorfschule oder den IS-Killer in spe aus der Münchner Moschee, den Schläger im Kirchenchor oder den Antisemiten im Theaterensemble.

So wie jeder Mensch fast überall auf der Welt Ausländer ist, so ist er auch oft Außenseiter. Mit oder ohne Mut.

Ich denke, der erfolgreiche Schlagersänger hält sich nach wie vor für einen verfemten Outcast. Wie übrigens alle anderen Zeitgenossen auch. Heute ist jeder ein Außenseiter, ein Opfer des Mainstreams und der Hegemonie von allen anderen.

Wenn ich ein Poet und Dichter wäre, würde ich die Leute zu gar nix ermutigen. Höchstens mal, verdammte Scheiße, meine Bücher zu kaufen. Aber ich glaube, selbst das würd ich mir verkneifen …

Devils Cut

Ich schreibe jedes Jahr darüber, ganz im Sinne von Georg Kreisler (nun auch schon über drei jahre tot): „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“. Und einmal im Jahr ist es soweit, im Sommer.

Gut, ich mag den Sommer nicht, aber Wien im Sommer ist zugleich unerträglich und doch mürbe und zart, wie ein dry-aged-Steak, gut abgehangen und a bisserl wehrlos, ziemlich still und wie ausgeblutet und man empfindet sogar so etwas wie Solidarität mit den anderen, die auch da sind und die gefühlten 32 Hitzewellen überstehen müssen.
Hauptsache, man geht nicht in ein Freibad. Oder auf die Donauinsel. Oder gar ins MuQua.
Das Anzengruber ist auch zu, und das ist echt hart. Aber trotzdem.

Am Besten, man steht früh auf, geht durch die stillen, berufsverkehrbefreiten Straßen zum Training, und versucht danach ein wenig zu arbeiten, bis die Sonne nach Mittag wie eine Brandbombe durch die Jalousien kracht. Dann macht man am Besten was anderes. Vielleicht duschen und nicht trockenreiben und sich darüber freuen, dass es zur Zeit keine Presslufthämmer in der Schlucht gibt, dass die Nachbarn mit ihrer Schlagermusik bei offenem Fenster, noch im Urlaub sind. Man wirft den Ventilator an, mixed sich einen Virgin Mojito (aber nur mit Soda und Süßstoff!) und träumt vom Herbst und vom Pulverschnee in Wengen und fragt sich, wie es jetzt wohl im Waldviertel ist und ob man morgen den beschwerlichen Weg in die Fenzelgasse auf sich nehmen soll, um wieder mal eine Flasche Devils Cut zu besorgen.
Ich glaube, das ist trotz der Hitze, eine ziemlich gute Idee…

Das Sprüchemuseum (62)

«Weil sie über eine eingezäunte Weide läuft, attackieren Mutterkühe eine deutsche Touristin in der Schweiz.»

Die Süddeutsche Zeitung

Wir sagen: Ja, so sind Schweizer Mutterkühe. Nicht der Umstand, dass sie möglicherweise ihre Kälber schützen wollten, sondern weil da Deutsche „über eingezäunte Weiden laufen“, das brachte sie in Rage.

Unterschreiben

Wir schließen uns natürlich unseren Freunden und Kollegen an. Sie auch?

UNTERSCHREIBEN SIE

bitte diese Petition:

https://www.openpetition.de/petition/online/die-literatursendungen-des-br-fernsehens-duerfen-nicht-abgesetzt-werden

Wie mein Freund und Kollege Thomas Palzer kommentiert: „An die Zahlengläubigen: Nicht immer nur die Interessen der Gattung bedienen – an das Individuum denken! Europa ist weniger ein geographischer Raum oder eine Zahlenmenge (Anzahl gekaufter Autos) – Europa ist ein Denk-und Lebensstil!“

Elegie

Die Nacht kam wie ein trunkener Bestatter, der leise und langsam den Sargdeckel  über der schrumpligen Leiche des Tages sinken lässt, während Ryan Adams Stimme aus dem Fenster schlug, wie Flammen aus den strohigen Eingeweiden von brennenden Kuscheltieren. Der Rye-Bourbon  tränkt mein glimmendes Herz mit Jubel, und ich träumte, ich wäre ein Mann, der eine Winchester über der Tür hängen hat, träumte, ich wäre ein Mann, der auf der anderen Talseite ein Stück Wald gerodet und aus den Stämmen ein Blockhaus baute, und dass aus der Lichtung eine Viehweide wurde, wo böse, gefährliche Rinder grasten, die genau wussten, was ihnen blühte.
So träumend fand mich die Nacht, so glückselig, wie Jack Kerouac, der betrunken in seinem Plymouth aus dem nächtlichen Denver rauscht. Westwärts, westwärts, durch dieses Amerika, das zusammen mit Jack starb, vor dem Fernseher, in einer Hand das Bier, in der anderen der Bourbon, traurig und beat wie nie, geschlagen mit dem zerstörerischen Ruhm, nach dem noch immer alle Dummköpfe gieren.
Noch singt mein Herz…

Die ziemlich lustige Story für alle „Gränni»

Falsche  Fehler

Für Torben lief es richtig gut. Nicht nur mit Henriette, nein, er wurde auch unter hundert Bewerbern ausgewählt, den Job des Artdirectors einer renommierten Werbeagentur anzutreten.
Raus aus der piefigen Kleinstadt, rein ins brodelnde Leben der City. Das kam auch bei Henriette gut an, der Geschmack von großstädtischem Highlife, Hipness, von Gefahr und milder Verderbtheit.
„Zieh dich warm an, City! Wir kommen!“, pflegte Torben zu sagen und Henriette war diesmal ganz seiner Meinung.

In einem angesagten Viertel der Stadt fanden sie eine Wohnung. Überall Kulturcafés, Bioläden und vegane Restaurants. Einziger Wermutstropfen war, dass ihre Wohnung im noch nicht gentrifizierten Teil des Viertels lag und es ihnen nicht entging, dass die Alteingesessenen auf die Neuzugezogenen nicht gut zu sprechen waren.  Auf dem nächtlichen Nachauseweg kam es gelegentlich zu ungemütlichen Begegnungen.

Torben begann sich zu sorgen. Uneingestanden empfand er zunehmend Furcht vor dem nächtlichen Nachhauseweg.

Sie gingen nicht mehr so oft aus, was Henriette nicht so gut fand.

Als es dann eines Nachts zu einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen Torben und einem Betrunkenen kam, und Torben eine Ohrfeige kassierte die ihn zu Boden streckte, war klar, das etwas geschehen musste.

„Warum lernst du nicht Selbstverteidigung, anstatt dich schlagen zu lassen“, sagte Henriette. Torben sah es ein. Auch wegen Henriettes etwas verächtlichem Zug um den Mund.

Er meldete sich gleich am nächsten Tag in einem Dojo an, wo verschiedene Kampfsportarten angeboten wurden. Torben entschied sich für Karate. Ihm imponierten die weißen Kimonos mit den verschieden farbigen Gürteln, die für Aufstieg und Karriere standen. Er sah da Parallelen zu seinem Job.

Auch war er von Technik und Schnelligkeit der Karate-Kas beeindruckt. So einer wollte er auch werden. Dann sollten sie mal kommen, diese grantigen City-Aborigines!

Torben ging nun täglich zum Training. Er lernte, er übte. Er brannte für Karate. Bei Sparringkämpfen wurde ihm beigebracht, wie man mit jedem Angreifer fertig wurde. Mit Messerstechern und Knüppelbewerten, mit Pistolenhelden und Axtwahnsinnigen.
Henriette betrachtete Torbens Furor und Trainingseifer mit gemischten Gefühlen. Aber Torben strotzte nun vor Selbstbewusstsein und immer wieder sagte er: „Das Geniale ist, du brauchts keine Kraft anzuwenden, du nutzt nur die Fehler des anderen aus. Verstehst du? Die Fehler. Das ist alles.“

Henriette fands nun auch irgendwie genial.

Eines Nachts erhielt Henriette einen Anruf. Sie möge doch auf die Sanitätsstation kommen. Sie hatte gar kein gutes Gefühl. Auf der Station traf sie auf Torben. Er saß in einem Rollstuhl, die Nase blutete, Backenzähne wackelten, ein Auge war fast zugeschwollen und der rechte Knöchel war übel verstaucht.

„Dieser Mistkerl“, stöhnte Torben, „dieser linke Hund! Der hat einfach nicht die richtigen Fehler gemacht.“

Heute Abend, SRF1

Ich höre nie Radio. Nur hier in Wengen. Ganz besonders am Sonntag Abend. Zwei Stunden, von 20h-22h, srf1, „Countryspecial“.

Heute Abend gibt es „Dylan, Cash and «the Nashville Cats“.

http://www.srf.ch/sendungen/country-special/bob-dylan-johnny-cash-und-die-nashville-cats

Das klingt, finde ich, ziemlich gut. Und in der Schweiz gilt „ziemlich gut“ als Superlativ, wenn ihr wisst, was ich meine…

Das Sprüchemuseum (61)

„Hoffnung ist der große Bruder der Verblödung.»

Sibylle Berg, S.P.O.N.

Wir sagen: Nein, Frau Berg, und nochmals nein. Richtig gendern, bitte. Es ist DIE Hoffnung, also weiblich. „Hoffnung ist die große Schwester der Verblödung.“

Katzentisch 2

Wie Kollege Bauer richtig bemerkte: 27 Jahre ist es her. Was für ein Abend! Wahnsinn. Festivalambiente. Jede Menge zu trinken. Freund und Songdog Grafiker Yvo war dabei und „Tantiema“, der Engel der Verharzten, und im Morgengrauen gingen wir (zumindest ich) in der Sense schwimmen, ich meine, ich zog mich aus und tappte hinein, zum Schwimmen wars zu wenig tief.

Der Katzentisch ging in Ordnung. Was hätte ich schon zu Reden gehabt?
Aber die Erfahrung, dass ein paar Autoren auf einem Haufen eher eine unangenehme Erscheinung sind, habe ich damals das erste Mal gemacht, als Debütant sozusagen, und in der Zwischenzeit hab ich diese Erfahrung schon ein paar Mal wieder gemacht. Nicht gut. Meist sind schon zwei Autoren einer zuviel. Ich jedenfalls, gehe ihnen aus dem Weg, bis auf die Exemplare mit denen ich befreundet bin. Und um die zu zählen, reichen die Finger an Django Reinhards Griffhand.

Mit Artmann kann ich nichts anfangen, auch wenn jetzt alle entsetzt aufschreien und: „med ana schwoazzn dintn“ rufen. Ich kann auch mit Henning Mankell nichts anfangen und mit Tolstoi. Es ist mir wurscht, was immer auch alle rufen mögen. Es liegt an mir. Und darum sitze ich am Katzentisch. Finds ganz in Ordnung da. Meist hab ich ihn für mich allein, was noch besser ist…

Katzentisch

… und dann fand ich das:

http://belluard.ch/de/archives/1988/der-poetische-act-983/

Vor dem Act gab es ein Autoren-Veranstalteressen, claro, und ich musste am Katzentisch sitzen, mit Cuchulain (glaube ich), während die Großen, Artmann und Bachmann, attestiert von Loverin und Lover, das Wort führten.

Nun sind beide tot. Schon lange. Zu den Arbeiten von beiden habe ich nie einen Zugang gefunden. Was natürlich nur an mir liegt. Darum musste ich auch am Katzentisch sitzen. Damals wie heute. Geschieht mir nur recht…