Hasspostings

Jeden Tag neue Beschwerden über Hasspostings.
Heute ist Grünen-Fraktionschefin Göring-Eckhart dran, sich über Facebook Einträge zu beklagen.

Was mich verwundert, ist die Vewunderung über die menschliche Niedertracht. Da sag ich nur: Ihr wart noch nie hier, in Wien, home of the Niedertracht.

Oder bei mir zuhause, wenn ich wieder mal den Fernseher anbrülle und die diversen Akteure beschimpfe. Dagegen sind die übelsten Hasspostings Poesiealben Einträge. That’s for sure.
Aus mir – ebenso sicher – ließe sich ein guter Hassposter schnitzen. Hier ein Schnitt, da ein Hieb und fertig ist der Hasser.
Außerdem habe ich einen niedrigen Ruhepuls, was mich nach neuesten Erkenntnissen als potentiellen Verbrecher ausweist.

Man konnte doch immer wieder hören, dass die Zivilisation nur ein hauchdünner Firnis über der menschlichen Bestie sei. Las man doch allerorten. Und jede/r, der/die als Intellektuelle/r etwas gelten will, führte das Sprüchlein im Munde.
Aber. Warum. Ist man jetzt. Schockiert, betreten, betroffen, betütelt, beängstigt? Wenn man doch Bescheid wusste? Über die menschliche Natur.

Ich habe meinem hauseigenen Hassposter Postingverbot erteilt. Kein Fazebök und so. Ich arbeite mit ihm an der Sublimierung seines Hasses, obschon er das Wort nicht versteht. Ich schon. Ich bin Chemiker, wie Walter White.
Und wenn ihr euch jetzt zu einem Hasspost veranlasst fühlt, denkt daran, wie es Walter White erging und denjenigen, die sich mit ihm anlegten.
Alles klar?

Das Sprüchemuseum (66)

„Wir sollten nicht die osteuropäischen Länder unter Druck setzen, weil sie keine muslimischen Flüchtlinge aufnehmen wollen. Wir sollten dankbar sein. Denn der Zustrom, aus den innerislamischen Kriegen wird nicht abreißen, und wenn wir Westeuropäer uns dereinst nicht mehr gegen jene durchsetzen können denen wir Schutz gewährten, werden wir froh sein, wenn wir nach Polen, Tschechien, die Slowakei und in die baltischen Staaten fliehen können.»

Dr. med. Anna Rainesen

Wir sagen: Gewohnt direkt, Frau Rainesen. Wir wollen mal hoffen, dass wir’s packen.

Werktätiger begehrt Einlass

Pepita, unsere 17-jährige Türsteherpraktikantin lauerte im Zargen und feilte sich gerade ihre beste Waffe, den Fingernagel ihres rechten kleinen Fingers spitz, als ein Graukopf in blauen Latzhosen, beladen mit diversen kofferähnlichem Dingern und Plastiktaschen, Einlass begehrte.
„Du kommst hier nicht rein“, eröffnete ihm Pepita, sichtlich verärgert über die Störung ihrer Maniküre.
„Ich bin der Handwerker, der Sanitärinstallateur“, sagte der Blaue.
„Und wenn du …“ Pepita brach ab, überlegte. „Wurscht, mit der Latzhose kommst hier nicht rein, da arbeiten lauter anständige Leute. Wir brauchen hier keine um Asyl flehende Späthippies. Wird nämlich abgelehnt. Klar!?“
„I bins, da Sani“, quengelte der Blaue. „I muess die Therme checken…“
„Checken?“, sagte Pepita mit Eis in der Stimme. „Checken? Wir sprechen hier deutsch. Ist das klar, du Grauschlumpf.“
„“Jetzt will ich den Chef sprechen“, sagte der Blaue. Er machte nun auf forsch, aber sowas kommt bei Pepita einfach nicht gut.
„Chef gibts kaan“, sagte sie in allerbester Kottan-Manier.
„Ihr werdets doch wohl einen Chef haben“, insistierte der Blaue.
„Du hastzes gheert, Burli. Kaaan Chef nicht.»

In der Redaktion war es still, alle hielten den Atem an, niemand machte einen Muckser. Alle liebten Pepita. Jedenfalls heute. Zumindest gerade jetzt.
Denn wenn es etwas gab, was all die durchgeschossenen Querköpfe gemeinsam hatten, dann war es ihr Abscheu vor Handwerkern. Handwerker waren das Letzte, da waren sich alle einig. Außer die Typen, die am Weihnachtsabend um 23h30 anjockelten, um die Fontäne, die aus einem Rohr in der Küche sprühte, zu stoppen. Das waren die Guten. Die anderen sollten bleiben wo sie waren. Und so drückten alle Pepita die Daumen. Sie hatte gute Chancen es zu schaffen. Sehr gute. Auf jeden Fall… Na ja. Eigentlich hatte sie keine. Wer hat schon eine gegen Handwerker?
Aber es war einfach schön, dass sie es versuchte. Eine Anti-workingclass-Heroin. Oder Heroinin, oder was…

Lady spricht

„Jetzt geht’s los“, sagte die Lady, die unsere Methschälchen befüllt, und sonst eigentlich nie etwas außer osteuropäischen Flüchen und skurrilen Fabeln über gallizische Stettln, die sie aus den Romanen von Joseph Roth zusammengestellt hat, von sich gibt. Aber eben. Heute sagte sie: „Jetzt geht’s los!»

Interessierte natürlich keine Sau in der Redaktion, nur unser Oldie, der an seiner wöchentlich stattfindenden Nachbearbeitung des Nachrufs von Janis Joplin herumdokterte, merkte auf und lupfte eine seiner Martin Walser Augenbrauen, von denen er behauptete es seien eigentlich Theo Waigel Augenbrauen, was hier alle vehement bestreiten, denn in Wahrheit sind es von der Sonne gebleichte Schweinsborsten – aber das sagt eigentlich niemand laut.

„Was geht los?“, mischte sich jetzt auch Pepita  ein, die an der Türe rumlungerte und schon lange keinen mehr fertig gemacht oder auch nur den Eintritt zu unserer Redaktion verwehrt hatte, und deswegen leicht stinkig war und nun auch noch fürchtete, dass bei fehlender Reaktion auf Ladys Aussage, diese mit dem Meth geizen würde, und das hätte ihr dann gerade noch gefehlt. Zu allem anderen.

„Schön, dass ihr mal zuhört“, sagte die Lady, zog ihr Bajonett, mit dem sie sonst die Methsäcke aufschnitt, diesmal aber nur, um damit in der Luft rumzufuchtelten. „Jetzt sind alle Schriftsteller…“
„Bitte, richtig gendern“, warf Pepita ein. „Vor allem du, als Frau…“
„Wühst a Watschen?“, sagte Lady kalt. „Wenn nicht, hoit die Goschn, wenn Erwachsene reden!»

Pepita war deutlich anzusehen, dass ihr der Reis ging, wie man hier in der Redaktion so sagt. Lady war die einzige, vor der sie so etwas wie Respekt hatte.

„Dass jetzt ein mächtiger Haufen der Schreibenden dransitzt», fuhr Lady fort, «Flüchtlingsliteratur zu produzieren. Ihr werdet sehen: Frankfurt, Leipzig, Wien, alles voller wahnsinnig wichtiger Flüchtlingsbücher.»

„Manatsch!“, fluchte unser Oldie. „Woher hast’n den Tinnef?“
„Tu nicht jiddeln, Oida, bleib bei deinem Gugus, host mi?»

Nun merkten doch alle auf und hörten hin. Lady. Wahnsinn. Soviele Worte. Die Ration für ein ganzes Jahr. Fast. Und das war das absolut erstaunliche daran.
Der Rest woa eh kloa – wie Lady sagen würde.

Das Sprüchemsueum (65)

„… Wenn jemand ohne Sprachkenntnisse, Geld und Kontakte dir den Job wegnimmt, bist du vielleicht einfach nur Scheisse.»
Masterjam

Wir sagen: Besser hätte es nicht mal Pepita, unsere 17-jährige Türstheherpraktikantin sagen können. Oder etwa doch? Sie hätte bestimmt das „vielleicht“ noch weggelassen …

Ehe für (wirklich) alle

Heute wurde in der Redaktion der „Sober-Day“ begangen. Das traf sich gut, denn die Lady die die Methschälchen befüllt, hat sich krank gemeldet. Hitzschlag oder sowas. Also kein Meth, aber dafür aufputschende Diskussionen über die „Ehe für alle“, über die in der Schweiz demnächst abgestimmt wird.

Es war dann unser Redaktionsoldie der sich als erster zu Wort meldete. Aber was heißt, melden: Er sang.
Den alten André Heller Gassenhauer: „Wenn der Hirte sein Lamm liebt, soll er es lieben, wenn er es liebt … denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt!“
Einige, vor allem die aus der hinteren Ecke, dort wo noch der letzte Fingernagelschnitt von Jim Morrison rumliegt, sangen wacker mit.
„Ich will Chris heiraten“, sagte unser Oldie, und für einmal wussten alle sofort, wen er meinte. Natürlich das Merino-Schaf, das man eben von über 40 Kilo Wolle befreit hatte, das arme Schwein. „Ich glaube, ich liebe ihn. Es ist Liebe auf den ersten Blick, versteht ihr?“ Wir verstanden.
Soll er den geschorenen Bock doch heiraten und viele Schafkinder mit ihm adoptieren.
Marky Mark, unser Korrektor, sagte schüchtern, dass er seine Computer-Maus heiraten möchte, sie habe schon eingewilligt. Aber nach Hindu-Brauch, denn er möchte, dass sie nach seinem Tod mit ihm zusammen eingäschert werden soll. Er sei halt so irre eifersüchtig und er könne den Gedanken nicht ertragen, dass ein anderer seine Hand auf sie lege.
Na, warum denn nicht? Wenn schon Ehe für alle, dann für alle.

Natürlich hatte Pepita, unsere 17-jährige Türsteherpraktikantin, auch etwas beizutragen: „Ich will mich selber heiraten. Das wird dann eine der wenigen echten Liebesheiraten, und, was auch nicht zu verachten ist: Die unvermeidliche Scheidung wird nicht so wahnsinnig teuer.»

Wie man sieht, geht es auch ohne Meth. Lang lebe der Sober-Day!
Da kommt wenigstens mal was gescheites dabei rum …

Emotion

Alles nur noch Emotion.
Zwanzigtausend demonstrieren in Wien „gegen unmenschlichen Umgang mit Flüchtlingen“.
„Gebt uns endlich Frieden“, singen sie den alten Danzer-Hadern, in dem gegen die Macht der Mächtigen protestiert wird. Der perfekte Untertanensong. Denn nur der Mächtige hat die Macht zu geben. Etwas strange, aber wurscht. Die Kirche ist auch voll. Von Mächtigen und Selbstermächtigten. Die Kirche ist sonst nicht gerade überpräsent in der Flüchtingssache, aber der Kardinal hat einen Kronenkolumne und Worthülsenkitsch.  Sowas kommt gut an. Ist schon die halbe Miete.

Ich weiß nicht, wer hier die Flüchtlinge mit Absicht unmenschlich behandelt. Ich glaube, niemand. Und auch die 71 im Lastwagen, die darin soviel Platz hatten, wie ein Huhn in einer Legebatterie, sind nicht gestorben weil sie verfolgt, mit dem Tode bedroht und unsicher waren. Sie starben, weil sie nicht dort um Asyl ansuchen wollten, wo sie gerade waren. Das Erschütternde ist die vollkommene Sinnlosigkeit ihres Todes. Werden alle Überlebenstriebe außer Kraft gesetzt, wenn es darum geht, nach Deutschland zu kommen?

Das Ende der Ironie, schrieb Georg Diez. Na gut. By by Ironie, hello Emotion?
Geht nun gar nichts mehr ohne?
Emotion ist geil. Emotion ist der neue Geiz. Hass. Oder Mitgefühl. Und die Millionen Empathischen haben auch noch die Gewissheit, dass sie die Guten sind. Ist das so sicher?

Enttäuschung ist die hässliche Tochter der Empathie.

Vielleicht etwas mehr gedankliche Kühle, Pragmatismus?
Oder ist das bereits Ketzerei?

Der Letzte (Sommer)tag

Ich weiß, es ist verboten. Ironie ist verboten, keine Emotionen zeigen ist verboten, nicht gleich ausflippen ist verboten, konservativ-liberal zu sein ist verboten, nicht dieselben Ansichten wie die Peer zu haben ist verboten und – vom Wetter reden ist in diesen 1-Thema-Zeiten sowieso verboten.

Ich tu’s trotzdem.
Denn heute ist der letzte Sommertag. Das ist die letzte gute Nachricht, seit … ja, beinahe … der Auferstehung von Lazarus. Ich habe ihn durchgestanden, diesen Sommer, ziemlich mannhaft (ich weiß: verbotene Wortwahl), wie ich finde. Ohne großes Wehklagen, ohne großes Geschimpfe, nur viel vertrödelte Zeit, das große Warten. Fuck you, Sommer, fuck you!

Ein Drei-Finger-Rye und ein Budweiser, zur Feier des Tages. Aus der Flasche. Heute Abend. Und ein beidhändiges Mittelfinger Luftstechen. Und gleich nochmal: Fuck you, Sommer, fuck you!

Fetti und Pepita

„Also, jetzt hört mal zu, ihr Mittelstandsextremisten, ich habe was zu erzählen“, brüllte unsere neue Karaoke-Queen Pepita vulgo „unsere 17-jährige Türsteherpraktikantin“ in die versammelte Redaktionsrunde, die sich um den übervollen Mülleimer gruppiert hatte, um die Jausenration Crystal Meth zu sich zu nehmen und die jeweils auftretende Rachen-Bitterkeit mit  3-Finger-Bourbon aus großen Gläsern, runterzuspülen. Alle taten sofort so, als würden sie zuhören. Hier wusste man noch, wie man sich zu benehmen hatte.

Die Geschichte war – falls sie jemand mitgekriegt hat – irgendwie verschroben und pepitamäßig grantobrutal, denn sie hatte auf offener Straße einen Fettsack geohrfeigt der sie angerempelt und dann beschimpft hatte. Hatte der nicht erwartet, dass er eine aufgelegt bekommt.
Fetti war anscheinend nicht in Laune zurückzuhämmern, aber machte Anstalten die Bullerei zu rufen. So sind unsere Adipositas-Jünger heutzutage drauf. Gleich die Bullerei. Pepita gewahrte es und machte sich geschmeidig von dannen. Fetti folgte ihr behände wie Kevin James der einen 4-fach Burgermit extra Käse  wittert.

Pepita machte sich Sorgen. Sie hatte einen unaufschiebbaren Termin im Tattoostudio. Sie schwenkte also auf die Treppe zur U-Bahnstation ein, und Fetti schwenkte mit. Pepita sah es: Kein Mensch in der Nähe, und noch keine Kamera. Sie stieg auf die Klötze – wie man so sagt. Fetti bekam es verspätet mit, aber da hatte unsere Pepita ihn schon seitlich an der Hemdbrust gepackt, und nun brauchte es nur noch einen kleinen Zug und Fetti kobbelte die Treppe runter wie eine vollgefressene Kuh einen alpinen Geröllhang.

Hat sich dann echt weh getan. Das war richtig schön, fand Pepita.
Als die Rettung kam und die Bullerei, gab sie zu Protokoll, dass sie noch versucht habe den stolpernden Mann zu halten, aber das sei leider, leider nicht möglich gewesen. 140 Kilo, und sie, die Pepita, hatte gerade mal 52. Fetti erzählte – logischerweise – eine andere Geschichte. Alles, von der Ohrfeige an. Fanden alle Bullen und Bullinnen zum Schießen, diese Version.

«Tja, war wohl nicht sein Tag“, schloss Pepita und es war ihr beinahe egal, dass wieder mal alle nur so getan hatten, als würden sie zuhören. Danach gingen alle zu ihren Computern und taten so, als würden sie arbeiten.
So läuft das halt bei uns.
Was soll man machen?

Das Sprüchemuseum (64)

Interviewer: Könnten Sie sich vorstellen, zu Hause Flüchtlinge aufzunehmen?

Daniel Barenboim: Ja, das könnte ich mir vorstellen.

Wir sagen: Vorstellen kann man sich eine ganze Menge. Zum Beispiel auch, dass wir endlich einmal einen schönen Preis bekommen für unsere nie erlahmende Energie zur Erbauung des geneigten Lesers.

Mal sehen. Kriegen wir den Preis oder sitzen bei Familie Barenboim eher pakhistanische Flüchtlinge am Mittagstisch?

Wetten werden angenommen. Die Quote, falls keins von beidem zutrifft, liegt bei 1:1