Wer hat Schuld?

„Ich hab ja nix dagegen, dass Ausländer sich hier ein Spiel anschauen … aber … muss der Piefke denn Schiri sein?“, sagte in der U-Bahn ein 13-jähriger Wiener nach dem verlorenen Spiel Österreich gegen die Schweiz.

Um das Wort eines englischen Journalisten zu präzisieren:

«Rugby ist ein Spiel für Hooligans, das von Gentlemen gespielt wird. Fußball ist ein Spiel für Gentlemen, das von chauvinistischen Weichbirnen kommentiert wird.»

Anfangssätze. Buchpreiswürdig.

„Wenn man plötzlich nach seiner ersten Liebe googelt, ist das eine Reaktion auf die Klopfgeräusche, die man vor dem Einschlafen und, noch kräftiger, beim morgendlichen Blick in den Spiegel, beim Anblick der tiefen , senkrechten Falte zwischen den Augenbrauen, vernommen hat. Vergeblich hat man das Klopfen zu orten versucht, hat es immerfort abwechselnd außen und innen vermutet – auf dem Dachboden/ unter der Schädeldecke –, aber niemals zu fassen bekommen.»

Monique Schwitter, „Eins im Anderen»

Für sowas, werte Lesende, gibt es in der Schweiz den Buchpreis.
Wir hoffen jetzt mal, dass die Autorin inzwischen das Klopfen zu fassen bekommen hat.

Einstimmung…

auf die „Buch Wien“
«Schriftstellerinnen und Schriftsteller über das Lesen: Heilmittel für alle schlechten Tage.»

das ist die Schlagzeile im „Standard“.

Und dann folgten die üblichen Verdächtiginnen und Verdächtige, die Werbung für ihre Bücher machen durften.

Nun gut. Was sein muss, muss sein.

Nur: Was hat Lesen mit Buchmessen zu tun?

Das neue Niedertrachts-Wohlfühl-TeVau

Das Set-up der Serie  „Altes Geld“ lässt keinen Zweifel aufkommen. Hier ist jeder, und jedin, ein gieriges, niederträchtiges Scheusal (um diesem schönen Wort wieder mal die Ehre zu geben), da weiß der geneigte Zuseher sofort: Hier hat er nichts an Charakterentwicklung zu erwarten, hier ist alles bereits so, wie es bis in die 8. Folge, dem Schluss, auch sein wird.

Die Einstiegstiegsluke in die Katakomben des Schalkoschen Niedertrachtstevau, öffnet sich dort, wo „Breaking Bad“ am Schluss wieder auftauchte. Nachdem alle entweder korrumpiert oder tot waren.

Der begabte Sprücheschreiber und geniale Wuchteldrucker Schalko macht das, was ihm keiner nachmacht: Er führt uns in eine Welt, die noch schlimmer ist als die, die wir kennen; zu Menschen, die noch schlechter sind, als wir selber. Und das alles in Seidleskem Tableaustil. Klar, das tut der postdemokratischen Seele gut. Das tut wohl. Das gefällt.
Jedes Wort ein Schuss, jede Dialogzeile eine Salve, jedes Gespräch ein Massenmord.
So ist die Welt. So san die Menschen. Sacht Schalko. Das ist ein bisschen lustig und auch ziemlich langweilig, und natürlich ist es Bullshit, und nichts anderes als die dunkel patinierte Rückseite der Rosamunde Pilcher Histörchen.

Aber des moocht nix. Die Fankurve jubelt. Die Redakteurin kriecht einen Preis.

Und ohne dass ich mir die restlichen 6 Folgen ansehen werde – die ersten 2 sind doch genug  – so gehe ich so ziemlich jede Wette ein, dass sich das ereignen wird, was sich schon in „Der Aufschneider“ und „Braunschlag“ ereignet hat. Denn es kann sich gar nichts anderes zutragen. Keine Entwicklung der Charaktere, nur einfach more of the same, alles wie immer, nur mehr und schlimmer oder wie ich bereits bei „Der Aufschneider“ unter „Der Schluss aller Schlüsse“ schrieb:

… ein gemütliches Geösterreichere hob an, jeder hat schon mal jeden gefickt, hintergangen, betrogen, belogen, geschlagen, ausgebootet, verraten, mies gemacht, in den Arsch getreten, gelinkt, bedroht, bedrängt, geküsst, schwanzgelutscht, angeschwärzt, verlassen, wieder versöhnt und angeschrieen …

und dann das absolute Finale:

… während sich … die gesamte Sippe am Lieblingsmöbel der Nation, dem “Runden Tisch”, in der gemütlichen Hölle versammelt hat. Alle. Die Linker und die Gelinkten, die Ficker und die Gefickten, die Betrüger und die Betrogenen, auch diejenigen, die vor Sekunden noch abgrundtiefer Hass trennte; alle die sind jetzt vereint am “Runden Tisch”, und der Zuschauer weiß: Jetzt ist alles gut, jetzt ist Österreich!

Wetten?
Na gut, der Tisch ist diesmal vielleicht nicht rund.

(No) Blood on the tracks

Dass es gestern bei der Autoren-Verleger-Lektoren-Sitzung zur Sache ging – nicht nur beruflich, auch gastronomisch – war heute kein Thema mehr. Thema war unter anderem, welches Album von Dylan denn das zu preferierende sei, und bei diesem Thema war der Verleger zu keinem Kompromiss bereit. Natürlich „Blood on the tracks“, ist ja klar, aber weder Autor noch Lektor mochten da zustimmen, woran unschwer zu erkennen ist, dass ein Verleger keine Autoren und keine Lektoren braucht. Um einen Satz von Kristofferson zu paraphrasieren: „If you don’t like Blood on the Tracks, you can kiss my ass!»

Heute gingen Autor und Verleger spazieren, machten den Rundweg, mittags, und es war so still, dass man jedes Blatt einzeln fallen hörte, man hörte, wie es sich losriss und spürte, wie es auf dem Weg zu den anderen am Boden, die Luft verdrängte.
Der Bahnhof Wengen menschenleer, wie noch nie gesichtet. Kein Mensch auf der Mainstreet, und nun, wieder zuhause, sind beide so mit Stille gesättigt, dass man sie nur zu berühren bräuchte, auf dass die Stille auskristallisierte, und als reines, weißes Pulver ausfiele, Pulver, mit dem Lady ihr Crystal Meth strecken könnte. Aber wir geben es nicht her. Niemals. Nie.

Das Sprüchemuseum (69)

„Ich bin kein Polizeidetektiv»

Der Bundekanzler a.D. Alfred Gusenbauer SPÖ, auf die Frage im Hypoausschuss, ob er über die exorbitanten Weinpreise, die beim teuersten Essen, das die Hypobank ever ausgerichtet hat, Bescheid gewusst habe.

Wir sagen: Wenn  der ausgfressene Gusi einen Polizeidetektiv braucht, um in einem Lokal die Preise für einen Wein herauszufinden, braucht er vermutlich einen Assistenten, um im Finsteren seinen Arsch zu lokalisieren.
Aber um den Berater für einen Despoten zu machen, reicht es offensichtlich alleweil…

Der Park, meine Haare und das baldige Ende meines Friseursalons

Das Gras unter den schönen Bäumen des Parks von Schönburg ist frisch geschnitten, wie meine Haare, wir passen gut zusammen, heute, der Park und ich; wobei ich ein wenig neidisch bin, da er fraglos besser aussieht, bestimmt etwas mehr Würde, Stil und „In-sich-ruhen“.
Die Bäume haben noch fast all ihre Blätter, aber nicht mehr lange, und da endlich hab ich ihnen was voraus: Denn meine Haare sind noch fast alle da, nur die Friseurin meckerte, weil sie wieder einige graue entdeckt hatte. Verdammt, ich bin schon etwa 15 Jahre bei ihr, ihr Rücken wird immer krummer und ihre Figur nähert sich der eines spähenden Raubvogels auf einem Ast.
Gestern sprach sie von Aufhörenund was dann aus meinem Kopf würde, wenn sie sich mal nicht mehr um ihn bemühen könnte? Sie befürchtet das Schlimmste. Denn die Kunst des Haareschneidens sei am Verlottern, und sie eine der letzten, die  wissen, wie’s richtig geht.

So muss ich mir jetzt Gedanken über meine Haare machen, und wohin ich meinen Kopf tragen werde, wenn sie ihren Laden für immer schließt. Noch ist es glücklicherweise nicht so weit. Und ich denke, ich werde die Sitzungen bei ihr nicht so richtig vermissen. Ihre Ansichten, ihre Wut, ihr Furor sind mehr als rustikal, ihre Direktheit würde in anderen Ländern vor Gericht enden. Sie lehnt so ziemlich alles ab. Nichts ist gut genug. Alles zu dumm. Zu ungebildet. Zu faul. Zu blöd. Zu jüdisch. Zu dunkel. Zu zigeunerhaft. Zu islamisch. Zu fett. Zu alt. Zu jung.
Da bleibt nicht mehr viel. Vielleicht noch ihre Mutter, aber die ist nun auch tot. Oder ihre harte Kindeheit bei den Kommunisten, vor denen sie geflohen ist. Und wie jede erfolgreich Geflüchtete und Assimilierte hat sie was gegen die Neuen. So ist das.
Nach 15 Jahren hält sie sich bei mir ein wenig zurück. Ich sage ostentativ nichts. Dann legt sich das und wir reden übers Wetter, und über unsere Gemeinsamkeit: die Liebe zu kaltem und nassem Wetter.
Und wenn Sie jetzt meinen, ich hätte mir längst eine andere Friseurin suchen sollen, sage ich nur: Finden sie mal eine mit einer Vorliebe für kaltes und nasses Wetter.
Na? Sehen Sie!

Ich sage nichts

Nein, ich sag nichts. Ganz bestimmt nicht. Da könnt ihr lange warten. Nicht, dass ich dazu nichts zu sagen hätte, aber ich sag trotzdem nichts. Hat ja jeder was zu sagen, und nicht zu vergessen – jedin.
Überall die Kommentare. Die Posts. Die Reportagen. Die Interviews. Die Kriegserklärungen. Die Empörung. Erregung kocht schäumend hoch wie Milch. Aber ich, ich sag nix. Rein gar nix. Einer muss ja mal nix sagen. Es gibt schon noch welche die nichts sagen, aber es ist nicht einfach nichts zu sagen, so, dass es auch jeder – und natürlich auch jedin –, hören kann.

Das ist die Kunst. Nichts zu sagen und doch gehört zu werden. Das ist Zen. Das Ideal großer Literatur. Die Epik des Nichterzählens. Hatten wir das schon? Wenns jemand schon gemacht hat, wars bestimmt einer oder einin von hier.
Ich jedenfalls sage nichts. Ich sag nicht mal dazu was, ich meine, zur Epik des Nichterzählens. Und die nicht erzählten Sagen des Altertums. Wir sehen einfach Köhlmeier im TV, wie er uns die Odyssee nicht erzählt. Das hätte Stringenz. Wir gehen ins Kabarett und sehen zu, wie uns der Kabarettist sein Programm nicht vorträgt.

Leider auf halbem Weg stehengeblieben ist Aki Kaurismäki, der nach seinem Stummfilm, den unsichtbaren Film versprochen hat. Den würde ich gerne sehen, den ist er mir noch schuldig. Mach ran, Aki!

Und gerade jetzt, zur Zeit der Buchmessen, wie wärs mal mit dem nichtgeschriebenen Buch? Ob als Nicht-Kindle oder als Nicht-Papier-Buch, wär egal. Schätze, ich würds kaufen. Ich hätte so ziemlich jedes nicht geschriebene Buch von Mankell oder Coelho gekauft. Die stünden brav nebeneinander in meiner Nicht-Bilbliothek. Direkt neben vielen tausend anderen. Es wäre eine ziemlich umfangreiche Bibliothek. Könnte ich mir die leisten? Wohl nicht. Scheiße, könnte ich sagen, aber wie gesagt, ich sag nix…