„Ach, ich schreibe ein bisschen»

Neulich war ich wieder einmal unfreundlich.
Ich bin ungern unfreundlich, außer zu unfreundlichen Mitmenschen, da hat mir meine Unfreundlichkeit auch schon Freude bereitet. Aber das sind seltene Ausnahmen.

Aber eben: neulich wieder mal. Das leidige Thema: Jemand findet heraus, dass ich Bücher geschrieben habe, Schriftsteller oder sowas sein soll.
„Ja, was schreibst du denn?“ Seid fast 50 Jahren dasselbe Set-up.
Wenn ich bei der Wahrheit bleiben würde, sage ich: „Romane und Stories.“ Ich sage es, obschon ich genau weiß, was jetzt kommt. Seit fast 50 Jahren.
„Um was geht es in den Romanen?“
Da hammas wieda.
„Hauptsächlich um meine narzisstische Persönlichkeitsstörung“, sage ich – natürlich nicht. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, und sage irgendwas, mit dem der/die Fragende etwas anfangen kann. Vielleicht. „Auch Kriminalromane.“
„Aha“, und dann kommt der Rest, „und wie heißt du?“
Ich sage meinen Namen, der ihnen in 9 von 10 Fällen natürlich nichts sagt. Und weil er ihnen nichts sagt, habe ich das Gefühl mich für meine Unberühmtheit entschuldigen zu müssen. „Tut mir leid für dich, dass ich nicht berühmt bin.“

Und eben, neulich, habe ich das Prozedere unfreundlich abgekürzt. Ich sagte meinen Namen und den Zusatz: „ Wikipedia und Google.“

Sowas evoziert heutzutage geradezu Hass.

Nun denn.

Und da ich gerade vor einem Spitalaufenthalt stehe, wo in den Formalitäten auch nach dem Beruf gefragt wird, musste ich wieder überlegen: Schreibe ich ich „Autor“ hin, sind das heute Synonyme für Tachinierer, Angeber, Versager, Idiot.
Schrieb ich Schrifsteller hin: Siehe obenstehenden Dialog.
Also machte ich einen fetten Kugelschreiberstrich durch die Rubrik.

Dann fiel mir wieder die Geschichte ein, die mir Verleger Schütz erzählt hat: Er saß zusammen mit dem Sänger einer der bekanntesten, wenn nicht berühmtesten Schweizer Band in einem Lokal beim Bier. Einer der Gäste kommt an den Tisch, man redet, und der Typ fragt den berühmten Bandleader was er denn so mache? Und der antwortet: „Ach, ich mache ein bisschen Musik.“
Das war’s. Da gibt’s keine Nachfragen, da geht man drüber hinweg, das ist völlig uninteressant, und vor allem ist diese Antwort ganz genau auf den Frager zugeschnitten, der eigentlich gar nicht wissen will, was der Mann macht, aber wenn er erfahren hätte, wer er war – ja dann, ja dann …

Schätze, ich werde mir diese Antwort, paraphrasiert, bei dem Musiker ausleihen. Muss ich nicht unfreundlich sein, und erspare mir denn 50 Jahre alten, ewiggleichen, Fragenscheiß.