Ego obstrepere, ergo sum!

(Ich lärme, also bin ich)

Unter meinem Fenster zersägt ein Bauschloch 20/20 Fichtenblaken, und lässt die Stücke in die Mulde donnern. Er hat eine Kettensäge mit 60 cm Schwert. Der Lärm in der engen Gasse ist abartig. Aber das Bauschloch ist happy. Die Säge ist stumpf, wie ich sehen kann. Meine Kettensäge wäre in einem Viertel der Zeit durch.
Aber das ist dem Bauschloch recht. Denn so kann er länger herumlärmen, und lärmen gibt ihm das gute Gefühl richtig hart zu arbeiten.

Das ist hierzulande, bei den Bauschlöchern, das Gesetz: Viel Lärm = viel Arbeit. Sie sind zu abgestumpft und zu dumm, um sich um ihr Werkzeug zu kümmern, es z.B. zu schärfen, bevor sie anfangen. Sie könnten es nicht mal. Sie wissen gerade mal, wie man das Ding startet, und den Motor mit viel Zwischengas sinnlos aufheulen lässt. Es würde niemals ihre Matschbirnen streifen, dass mit einer scharfen Kettensäge auch der Verbrauch von Sprit reduziert würde. Weniger Belastung durch Lärm und Abgase.
Andererseits hätten sie dann mehr Zeit, vor meinem Fenster sinnlos rumzubrüllen. Mit den Kollegen oder in ihre Phones zu schreien.

Das wird jetzt den ganzen Morgen so gehen. Vielleicht geht auch noch der Nachmittag dabei drauf. Möglicherweise geht’s morgen weiter. Und den Rest der Woche auch.
Seit drei Jahren ist das der Sound vor meinem Fenster, hinter dem ich sitze, und versuche zu schreiben.

Und es ist kein Ende in Sicht. Im Sommer wird noch die irre Hitze dazu kommen. Dann ist es perfekt: Hitze und Lärm, das hat das Bauschloch gern!

Man sagt mir, dass die Leute auch nur ihren Job machen.
Ja, sage ich dann: Jeder beliebige Folterknecht und Serienkiller auch!

Erinnerungen an H.R. Fricker (1947-2023)

1980, zurück von Frankreich, wieder einmal in Basel – diesmal im letzten Haus der Stadt gestrandet – auf der Bahnpost Nachtschichten schiebend, und noch immer durch und durch romantisch auf einen Coup als Bahnräuber, oder doch lieber auf eine Existenz als Künstler hoffend, machte ich bei einer von Hans Ruedi Fricker initierten Kunstaktion mit.

Ich weiß nicht mehr genau, um was es sich drehte, aber wir schrieben uns Postkarten. Einmal, an das erinnere ich mich, schrieb er mir, dass er es „großartig finde, dass mein Name das feministische Programm enthielte“ : Nieder mit dem Mann!

Ich musste ihn da korrigieren. Es hieß nämlich: Nie der Mann (für was auch immer). So wollte ich es verstanden haben, und so passte es auch besser.

Es dauerte fast dreißig Jahre, bis wir uns live begegneten. Es war 2009 auf der Straße von Wald nach Heiden, kurz nach dem „Kaien“. Er brachte seinen Toyata Jeep neben mir zu stehen, und fragte, ob ich der „Berliner» sei, der gerade im Birli (in der Villa der Schlesinger Stiftung) wohnte, und ob er mich mit nehmen könne.
Ich lehnte ab, weil ich zu Fuß gehen wollte, aber wir unterhielten uns gut, mitten auf dieser einsamen Straße, er im Jeep ich auf dem Bordstein balancierend. Er versprach, mich zu besuchen.

Ich wusste, dass er ein Künstler war, einer der mit Sprache arbeitete, einer, dessen Arbeiten ich kaum verstand, aber der mich beeindruckte, einfach aus dem Grund, weil er sie machte. Und ich mochte ihn. Seine gute Laune, seine Freundlichkeit, seine Begeisterung für die Kunst.

So trafen wir uns hin und wieder. Er wohnte ja nicht weit weg. Einmal besuchte ich ihn in seinem Trogener Schulhaus mit meiner damals fünfjährigen Tochter Ella, und wir sahen zu, wie sie sich ein ganzes Kistchen Erdbeeren einpfiff.

Einmal kam er zu einer „Dichterstubete“ im Birli, nur um mir zu sagen, dass er leider nicht kommen könne. Dafür überreichte er mir einer seiner „Da“-Tafeln.

Eine Weile hing sie an meiner Tür wenn ich „da“ war, bis es mir zu blöd vorkam, und ich sie nicht mehr aushängte.

Er zeigte mir im steilen Friedhof von Trogen, das von den drei riesigen und schönen Mammutbäumen beschattete Grab seiner so jung verstorbenen Tochter, und sein eh schon trauriges Gesicht wurde noch etwas dunkler und trauriger.

Ein ander Mal zog er das Hemd aus, um mir die Operationsnarben an seiner Brust zu zeigen. Herzsachen. Herzinfarkte. All sowas. Er lächelte dabei.

Dann schlug er mich breit Facebook (Fazebok, wie er es nannte) beizutreten. Ich wollte nicht, aber er ließ nicht locker: „Ich hetze all meine Freunde auf dich!“
Okay. Dann war ich bei Fazebok und hatte innerhalb einer Woche etwa 250 „Freunde“. Das meiste waren Künstlernde. Sie schienen ständig irgendeine Banalität zu posten, und ich fragte mich eine Weile, wann sie denn ihre Kunst machten, und dann schloss ich das Ding wieder.
Für immer.

Ja, für immer.
Hans Ruedi Fricker starb am 6. Mai 2023 in Trogen.
Wird auch er im Schatten dieser schönen Mammutbäume liegen? Direkt neben seiner Tochter?
Ich hoffe es.
Da werde ich ihn besuchen.

Krasser Krastev

Nach „Das Licht, das erlosch“ von Ivan Krastev, auf das ich in diesem Blog hingewiesen habe, zum einen, weil es ein wunderbar lesbares Werk ist, zum anderen weil es so hellsichtig und klug und fundiert ist, dass man nach der Lektüre einfach weiß: Der krasse Krastev hat recht.

Nun war und ist Krastevs Essay „Europadämmerung“ dran, von dem im Waschzettel  zu lesen ist: «Ivan Krastev untersucht die Ursachen für diesen Wandel und erörtert, welche Formen die europäische Desintegration annehmen könnte. Ein Zerfall der EU, so Krastev, wäre eine Tragödie, die den Kontinent zu internationaler Bedeutungslosigkeit verurteilen würde.

Krasser Krastev! Er ist der Arzt, der uns die Diagnose überbringt: Sehr freundlich, sehr bestimmt, schnörkellos, getragen von unzweifelhafter Autorität.

Ich möchte diesen krassen Krastev allen ans Herz legen, die sich um Durchblick bemühen, und die stark genug sind, vielleicht ein paar überkommene Gewissheiten zu opfern, auch wenn es bedeutet ein paar Illusionen zu verlieren.

Twops auf kleiner Tour

Twops (Two white old Poets) sitzen im Zug
Der eine spricht, der andere hört zu.
Wer ist es der spricht?
Sach ich nicht.

Der eine schimpft und flucht
Der andere trinkt Bier und sucht
Nach dem richtigen Wort
Für den verdammten Eisenbahn-Tort
Wer ist es der schimpft und flucht?
Jener ist es, der nicht sucht.

Es lesen die Twops im großen Saal, und dann im Keller
Einer langsam, der andere schneller
Einer ist ein Wunder, der andere höchstens gut
Beim Guten sieht man etwas Haar, beim Wunder vor allem Hut.

Nach der Show – so wie sie es brauchen
Tut man trinken, reden, lachen, rauchen
Mit Freunden, Lieben, schönen Frauen
Früher tat man sich auch hauen
Längst vorbei – für den einen und auch den andern
Der eine schreibt, der andere tut wandern

Und dann der Abschied auf dem Bahnsteig
Die Trennung von den Twops
Jeder steigt in seinen Zug
Und ist wieder nur ein Wop







Twops-Desperados waiting for the train

Am 14.04. in der Buchhandlung «zur Rose“ St. Gallen

Abend mit Stephan Alfare und Andreas Niedermann

AllerleiVeranstaltungen

In Zusammenarbeit mit «Wort – Musik – Tanz – Diskurs». Einführung Richard Butz

Andreas Niedermann (geb. 1956 in Basel) lebt seit 1989 in Wien. Er ist jedoch eng mit St. Gallen verbunden, hat hier einige Jahre als junger Mann verbracht. Davon zeugt ein Teil seiner zahlreichen Bücher, beispielsweise „Sauser“ (Edition Moderne, 1987) oder „LOG – Aufzeichnungen Wien – Wald AR“ (Songdog, 2009). Insgesamt hat der Autor, den ein Kritiker als einen „Hackler“ (österreichisch für Schwerarbeiter) und als „kraftvolle Randfigur der Schweizer Literatur“ bezeichnet hat, bis heute 16 Bücher veröffentlicht: Gedichte, Romane, Stories und Kriminalromane.

In seinem neuesten Buch «Schreiben. Selbstbild mit Tier»(Songdog, 2022) erzählt Andreas Niedermann rasant, brutal, komisch und witzig vom gefährlichen und abenteuerlichen Leben eines Getriebenen. Schonungslos und ehrlich mit sich und auch anderen schreibt er über das, was er tun will:  Schreiben. Aber wie schreibt man? Und vor allem: Wie schafft man eine Situation, die Schreiben überhaupt ermöglicht? Und für wen denn? Wie muss es klingen? Und was ist ein Schriftsteller?

Stephan Alfare (geb. 1966 in Bregenz) lebt als freier Autor in Wien. Mit über einem Dutzend Prosa- und Lyrikveröffentlichungen in vier Jahrzehnten ist er ein fester Bestandteil der österreichischen Literaturszene.

Stephan Alfare stellt seinen neuen Roman «Neuneinhalb Finger» (Dachbuch Verlag, 2022) vor, einen dunklen, unerbittlichen Episoden-Roman made in Austria und liest aus dem schön gestalteten Prosagedichte-Band «…Spinnen im Zimmer…(Bucher, 2021).

​Wir bitten um Reservation.

Andreas Niedermann: Schreiben. Selbstbild mit Tier. 192 S.,
135 x 205 mm. 2022. Taschenbuch ISBN 978-3-903349-16-2.

Stephan Alfare: Neuneinhalb Finger. Dachbuch-Verlag, Wien 2022, 448 Seiten, broschiert, ISBN: 978-3-903263-47-5.

1. Lesung am 13. 04. / Alfare / Niedermann


Andreas Niedermann: Schreiben – Selbstbild mit Tier / Stephan Alfare: Neuneinhalb Finger

Buchpräsentationen

Datum

13.04.2023Donnerstag
13. April 2023, 
19:30 Uhr

Ort

Jonas Schlössle, Götzis

Eintritt frei!

Ticketreservierung

Veranstalter

Franz-Michael-Felder-Archiv in Kooperation mit der Kulturbühne Ambach, Götzis

Andreas Niedermann Schreiben – Selbstbild mit Tier.
Songdog-Verlag 2022.
Moderation: Ingrid Fürhapter


Rasant, brutal, komisch und witzig erzählt Andreas Niedermann vom gefährlichen und abenteuerlichen Leben eines Getriebenen. Schonungslos ehrlich mit sich und anderen sucht er in dieser Odyssee, die ihn durch Schweizer Städte, durch Wien, Paris, Italien, Griechenland treibt, nach der Gelegenheit, das zu tun, was er will: Schreiben. Aber wie schreibt man? Und vor allem, wie erschafft man eine Situation, die Schreiben erst ermöglicht? Und was soll das überhaupt: das Schreiben? Für wen denn? Wie muss es klingen? Und was ist ein Schriftsteller?
 

Andreas Niedermann Foto © Antonia Niedermann

Andreas Niedermann Foto © Antonia Niedermann

Andreas Niedermann, geboren 1956 in Basel. Lebt als Schriftsteller und Verleger in Wien und Wengen. Niedermann debütierte 1987 mit dem Roman Sauser, der ein Underground Bestseller wurde. Seither veröffentlichte er mehrere Romane und Stories, zuletzt den Kriminalroman Blumberg (2018) und die Novelle Das Glück der falschen Fährten (2019).


 

Stephan Alfare Neuneinhalb Finger.
Dachbuch 2022.
Moderation: Jürgen Thaler


Stephan Alfare ist zurück: Sein neues Werk mit dem sprechenden Titel Neuneinhalb Finger ist ein dunkler, unerbittlicher Episoden-Roman. Im Schatten eines eiskalten Soziopathen und Mörders führt der Autor die tiefen, schmutzigen Abgründe der menschlichen Seele vor Augen: Fünf Künstlerseelen kommen 2006 im Münsterland auf Einladung einer Stiftung zusammen, um dort gemeinsam zu leben und zu schaffen. Rasch wird die Idylle gestört, als zwei Fremde auftauchen. Alfares fesselnder Erzählstil, gepaart mit einer bildhaften, bunt-trockenen, präzisen Sprache, ist durchzogen von surrealen, humoristischen und schonungslosen Gedankenspielen. Nichts für schwache Nerven.

Herr über Leben und Tod zu sein, eine unglaubliche Macht, die einem Mörder einfach so zuwuchs. Stephan Alfare
 

Stephan Alfare Foto © Dachbuch Verlag

Stephan Alfare Foto © Dachbuch Verlag

Stephan Alfare, geboren 1966 in Bregenz. Lebt in Wien. In den 1980er- und 1990er-Jahren bereiste er halb Europa. Danach Sargträger in Wien, seit 1996 freier Autor. Mit über
einem Dutzend Prosa- und Lyrikveröffentlichungen in vier Jahrzehnten ist er ein fester
Bestandteil der österreichischen Literaturszene.

Das Sprüchemuseum (147)

»Was mit der CS passiert ist, ist eine Schande für die Schweiz«

Sprecher der Freisinningen Partei Schweiz. FDP

Wir sagen: Das könnte dir so passen, du Pisser, jetzt „die Schweiz“ zu beschuldigen.Ich habe nichts mit dem Versagen dieser größenwahnsininigen, unfähigen, überbezahlten, mit fremdem Geld zockenden Wicht-Managern zu tun. Und so viel ich weiß, auch nicht „die Schweiz“. Auch wenn im Namen der Bank „Suisse“ vorkommt, ist es nicht „die Schweiz“. Wenn du Schande verteilen willst, dann schau mal, ob du was bei den Gästen deiner nächsten Party loswirst!

Schande ist z.B., dass die Wichte auch noch ihre Boni und Gehaltserhöhungen bekommen, nachdem sie das Ding an die Wand gefahren haben, und deswegen tausende Leute auf der Straße stehen. So, Pisser, sieht Schande aus.

Und vielleicht noch, dass nun das Land Schweiz sich in Geiselhaft einer Monsterbank begeben hat. Ich würde sagen, dass dies ein guter Pfad Richtung Failed State ist. Denn die Manager-Wichte werden den Teufel tun, und sich an Regeln halten. Sie haben’s schon mal nicht, und kamen damit durch. Warum sollten sie also?

Verlass

Wer jetzt glaubt, dass nach dem Abfucken der Bank Credit Suisse kein Verlass mehr auf die Banken sei, sollte sich sofort eine neue Meinung zulegen.
Denn, liebe Loser, die Boni und die Gehaltserhöhungen ans Managment werden ohne wenn und aber ausbezahlt.
Soll noch jemand davon faseln, dass den Banken das Vertrauen abhanden gekommen ist.
So kann man sich täuschen …