Fragen über Fragen

Werden wir zwangsläufig im Laufe unseres Lebens zu Heuchlern? Darf man als Familienvater Drogen nicht mehr gut finden? Sie gar konsumieren? Muss man, weil man doch Zeuge wurde, dass der Stoff einigen nicht gut bekam, jetzt der Meinung sein, dass er schlichtweg des Teufels ist? Oder: ist es wirklich konsequent, wenn man Drogen für sich persönlich befürwortet, den Konsum auch seinen Kindern zu erlauben oder nichts dabei zu finden wenn sie bereits konsumieren? Muss ich als Fußgänger bei Rot warten, weil da auch ein Kind steht? Muss ich eigentlich ein Vorbild für alle sein? Und wenn ja, warum nicht? Muss man, nur weil man älter geworden ist, genau wie jene Spießer werden, die man verabscheut hat? Darf man nicht mehr besoffen auf dem Fußboden schlafen, nur weil die Kinder die zur Schule müssen, zu diesem Behufe über einen drüber steigen? Muss ich alles scheiße finden was Thilo sagte, nur weil er sich im ein oder anderen Punkt verrannte?

Fragen über Fragen. Come sempre. Ad infinem.

Vorgetäuschte Höhepunkte

Der österreichische «Skyrunner» Stangl soll nicht nur einen K2-Höhepunkt vorgetäuscht haben, sondern großo modo Kilmaxe simuliert haben. Oft verschafft der ORF, das österreichische TV, diesen Cheetern Kommentatorenplätze. («Austria is a too small country for make such good doping» Schröcksnadel, Präsident des ÖSV) Wer beim Dopen erwischt wird, der kommentiert. Scheint eine Begabung zu sein. Das Kommentieren. Bei Bescheißern. Ist irgendwie naheliegend. Schön, dass in Österreich Talente erkannt und auch gefördert werden.

Der Tod

Nachtrag zu gestern. Ich mag es nicht verhehlen, ich bin stolz auf meine Töchter. Als vor ihren Augen ihr Lieblingstier starb, da wurden sie von Schmerz überwältigt, sie klagten, weinten und heulten; aber sie hatten keine Angst, sie waren nicht schockiert vom Sterben, sondern nur sehr, sehr traurig. Heute gingen sie zur Schule. Immer noch traurig. So sollte es sein. So ist der Tod. Kein Grund sich zu fürchten.

Trauriger Tag

Heute vor sieben Jahren starb Johnny Cash. Der Zufall wollte es, dass ich damals, zusammen mit seinem Biografen, meinem alten Freund und Kollegen Franz Dobler, in St. Gallen war. Es war traurig und tröstlich.

Heute starb um 10 h 21 unser Zwergkaninchen «Fluffy». Wir waren alle, eher zufällig, zugegen. Es starb auf den Knien meiner Frau. Es ist sehr bewegend zu sehen, wie ein Lebewesen diese Welt verlässt. Wir weinten. Alle. Die Mädchen laut und klagend, die Erwachsenen nicht so.

«Meine Meinung zum Tod ist immer noch dieselbe. Ich bin strikte dagegen.» Woody Allen.

Ninth nineeleven

Nach schwerem Bein-Rücken-und Bizepstraining im Geisteszentrum, latsche ich auf dem Heimweg zwischen zwei Wachtürmen durch. Der eine, in Gestalt einer etwas wächsern wirkenden Frau in keinem Alter, spricht mich an. Die Welt geht unter, usw., und nur jene die ihrem Verein beitreten, haben noch eine Überlebenschance. Der übliche Religionskram. (Die Buddhisten mal ausgenommen.) Wir reden so ein bisschen. Ich bin immer gut gelaunt und gelassen, wenn ich mich ausgepowert habe, und sie fragt mich voller Erstaunen, ob ich denn nicht religiös sei? Ich bin Agnostiker, sage ich. Was ist ein Agnostiker, fragt sie? Sie sind religiös und wissen nicht, was ein Agnostiker ist?, sage ich. Nein, sagt sie unsicher. Na, dann tun Sie das mal googeln oder nachschauen, und dann reden wir weiter! Sie dreht ohne weiteres Wort ab.

Wir Agnostiker müssen den ganzen Religionskram der anderen ertragen. Sie bringen uns nicht den Respekt entgegen, den sie für sich selber einfordern.

Ein religiöser Fanatiker droht das heilige Buch der Muslime anzuzünden und die Welt verfällt in Agonie. Menschen sterben. Der Ankündigung wegen. Muslime wollen in New York jenem Gott ein Haus bauen, in dessen Namen -gleich um die Ecke- dreitausend Menschen ermordet wurden. Sie pochen dabei auf Recht und Freiheit. Müssten sie nicht auch dafür sein, dass der Verrückte den Koran abbrennen darf?

Darf man diese Frage stellen, ohne dass der zum Genozid aufrufende Despot in Teherean die wütenden Maßen aufmarschieren lässt?

Migrationshintergrund

Ich habe Migrationshintergrund. Das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich Zeitung lese oder Nachrichten sehe. Und daher habe ich größte Schwierigkeiten mich zu integrieren. Das sind Fakten. Vermutlich werde ich eines Tages abgeschoben werden, obschon ich hier Familie habe. Aber es geschieht mir recht, denn ich kann mich einfach nicht anpassen. Die Sitten meines Herkunftslandes haben mich, unauslöschlich, geprägt.

Z.B. habe ich nicht zu verstehen gelernt, warum man Dinge -die erwiesener Maßen nicht funktionieren, nicht einfach ändert? Es wird mir äußerst schwer fallen, mir meine Pünktlichkeit abzutrainieren und nach Landessitte andauernd zu spät zu kommen. Oder meinen Grundsatz, nicht wortbrüchig zu werden, die Donau runterzuspülen. Weiters bekunde ich Schwierigkeiten im Leugnen von eigenen Fehlern, so wie ich diese Fehler nicht anderen in die Schuhe schieben mag. Ich sehe mich auch nicht permanent als Opfer. Zudem halte ich mich nicht für ein Genie. Oder erzähle der Welt, dass ich den K2 bestiegen hätte. Ich halte Erwin Pröll nicht für einen Landesvater, sondern nur für einen megalomanischen, autoritären Choleriker der in meiner alten Heimat eine politische Halbwertszeit von einer halben Stunde hätte.

Nun, das sind ein paar Punkte, an der die Integration immer wieder scheitert. Es gibt noch viele andere. Es fällt mir sehr schwer, mich anzupassen. Selbst nach so langer Zeit. Auch meine Kinder werden nicht in landesüblicher Manier erzogen. Sie sehen es: Ich lebe in einer Parallelgesellschaft.

Michel, mon vieux ami

Ich bin verschnupft. Mit Rotz zugemüllt. Bis oben hin. Ich lese wieder mal Michel de Montaigne, den Burschen aus Bordeaux, meinen Favoriten im Rennen. Der gewinnt alles. Seht her:

«Die Sprache, die ich liebe, ist einfach und natürlich: auf dem Papier nicht anders als aus dem Mund; eine Sprache voller Saft und Kraft, kurz und bündig, weniger geschniegelt und gebügelt als unverblümt und ungestüm;…fern aller Geziertheit, gewagt, …nicht schulmeisterlich, nicht pfäffisch, nicht advokatisch, sondern soldatisch…»

Und das kam einige hundert Jahre vor Hemingway, Bukowski, Ray Carver, Jürg Federspiel… und auch meiner Wenigkeit…

Fitte 1 Minuten Story

Sie sprach ganz selbstverständlich französisch, als wären wir im 19. Arrondissement in Paris. Wir waren aber in Wien 9. Sie trug ein farbiges Kopftuch, sagte, dass sie aus Tunesien sei, und gerne Aerobic machen würde. «Mais seulment avec des femmes. Pas des Hommes.» Gut, sagte ich, kein Problem, in unserem kleinen, familiären Fitnessclub gibt es nur weibliche Aerobicmitglieder. «Pas des hommes?» Nie welche gesehen. Ob es denn Männern erlaubt sei, mitzumachen? Grundsätzlich ja, sagte ich. Das sei schlecht, sagte sie, ganz schlecht. Dann wollte sie den Raum doch noch sehen. Wir gingen durch die Garderoben. Sie bemerkte, dass die Frauengarderobe keine Tür hatte, nur einen Sichtschutz. Da muss ein Vorhang hin, sagte sie.

Im Aerobicraum gab es eine Tür. Sie führte in die Kraftkammer. Es gab auch ein fahrradsattelgroßes Fenster. «Dieses Fenster», sagte sie, «müssen wir zuhängen.»

Ich blickte mich um, suchte nach der versteckten Kamera. Aber wir waren allein. Bestimmt ein Test, dachte ich. Dann gingen wir zurück in die Lobby. Dann mir fiel ein, dass ich von einem Fittnessladen mit reinem Frauenaerobic gehört hatte. Nach drei Anrufen hatte ich die Adresse und gab sie ihr.

Eigentlich würde ich gerne wissen, wie ich bei dem Test abgeschnitten habe…

Der Mampfer

Als ich vom Geisteszentrum nach Hause gehe, kommt mit ein Mampfer entgegen. Ihr kennt sie. Stumpfer Blick, einem verdauenden Wiederkäuer nicht unähnlich, mampf, mampf,mampf. Dann kreuzen wir. Der Geruch seiner Leberkäsesemmel trifft mich wie eine flatternde Lastwagenplane. Mein Kopf wird zur Seite gerissen, und noch mehrere Sekunden später, erwischt mich ein Schwall.

Letztens habe ich mich gefragt, warum nicht mehr so viel Hundescheiße auf den Gehsteigen liegt. Jetzt weiß ich es.

1. Schultag

Heute ist Schulanfang. Meine kleine Tochter ist dran. Ich weiß von meiner älteren Tochter, dass nun 4 tolle Jahre vor ihr liegen. Sie wird gerne hingehen. Sie wird die Lehrerinnen duzen. Sie werden -vernetzt- lernen, in Gruppen arbeiten. Niemand wird sie anbrüllen. Sie wird gelobt werden, wenn sie was gut hingekriegt hat, und sanft darauf aufmerksam gemacht, wenn was nicht so gut lief.

Ich hatte auch einmal einen 1. Schultag. Es ist lange her. Wir saßen in schmucklosen, bleichen Schulzimmern auf harten Holzbänken und kratzten mit Griffeln das Alphabet in Schiefertafeln. Es war verboten zu reden. Die Lehrerin war eine Autoritätsperson. Sie trug einen Dutt, saß vorne am großen Pult und rief alle 5 Minuten: «Köpfe auf!» in das Gekratze hinein. So ging das. Jeden Tag. Woche um Woche. Monat um Monat.

Ich fand’s ziemlich beschissen. Tag für Tag. Woche für Woche. Jahr für Jahr.

Manchmal gibt’s auch die Dinge, die einfach besser werden…