Polittalkambiente

Gestern sah ich mir «Anne Will» an. Eine schöne, kluge Frau. Sie hat die Kontrahenten im Griff. Sie ist gut vorbereitet und in der Sache firm. Es gibt ähnliche «Polittalk»-Formate auch in der Schweiz und in Österreich. Die Unterschiede, nur schon in den Locations, sind bemerkenswert.

Bei «Anne Will» ist das Licht ordentlich, es ist hell, der Raum ist weit, die Diskutanten sitzen in bequemen Sesseln und haben genügend Platz, ihre Beine auszustrecken. Sie können ihren Nachbarn berühren, müssen aber nicht.

In der Schweizer «Arena» steht man. In einem Oval, an zwei Theken. Das Publikum ist wie in einer Arena rundherum gruppiert, und es darf mitdiskutieren. Der Moderator steht und geht herum.

Im ORF sitzen die Diskutanten vor dem Wienernachthimmel. Sie versinken in weichen Sesseln. Es herrscht ein Halbdunkel, und es ist klaustrophobisch eng. Meistens reden alle zur selben Zeit. Noch besser ist das «Club2»-Ambiente. Wenn man genau hinhört, kann man die Motten an den schweren Plüschvorhängen nagen hören.

Phantomschmerz

Über deutsches Fernsehschwergewichtsboxen zu schreiben, lohnt genau so wenig, wie es sich anzusehen. Zumal es sich um die KlitschkO’s handelt. Warum ich es trotzdem tue? Keine Ahnung. Phantomschmerztherapie, vielleicht.

Dass ein Boxer wie Vitali «Eisenfaust» Klitschko, der alle physischen Vorteile auf seiner Seite hat, es nicht schafft, einen Mittelklasse-Mann wie Shannon «The Cannon» Briggs auszuknocken, liegt vermutlich auch daran, dass Eisenhändchen das Risiko scheut wie ein Autor den Blick auf den Kontostand. Gestocher mit Links, Kipphaken. All day long. Keine oder kaum Serien, bis dann endlich jener – von Cus D’Amato immer wieder besungene, unsichtbare Hammer einschlägt, den der Mann nicht kommen sieht, und der alle Lichtschalter umlegt.

Ich bin leider zu alt, um mich nicht mehr daran zu erinnern, dass wir uns nächstens wecken ließen um Ali, Hagler und Iron Mike bei der Arbeit zu sehen, Männer, die noch in Bademänteln in den Ring stiegen, ruhig und ohne das Erschallen von Zimbeln und das Aufwallen des TV-Weihrauchs, Männer, die sich aber einschenkten, austeilten und einsteckten, bis auch die hinterletzte Uschi Glass am Ring ein Ziehen in den Liftingnarben verspürte und begriff, dass es hier um Leben und Tod ging, um Sieg und Vernichtung, ja, um das Leben selbst.

Nun, denn, sei’s drum. So ist das eben in Hartz lV-County. Gedöns, für ein Publikum, dass soviel Ahnung vom Boxen hat, wie ich vom Kühemelken: Oft zugeschaut, nie selber gemacht.

Aber eines tut mir immer noch leid: Dass damals der Fight Klitschko-Lewis wegen eines Klitschko-Cuts abgebrochen wurde. Es wäre, und da bin ich mir sicher, alles anders gekommen…

So hoffe ich doch

Ich höre das nun bald 10-Jährige Album «Gold» von Ryan Adams. Herrgottsack! Was’n Teil! Und der Kerl ist jung. Noch immer. Die großartigen alten Männer des Country werden eines Tages nicht mehr sein. «Sie verbleichen, der Reih nach in der Zeit», wie Jack Kerouac über die Jazzer der 40-iger schrieb. Aber Ryan hat noch ne gute Strecke vor sich. So hoffe ich doch…

Facebook-lifting

Vor etwa eineinhalb Monaten hab ich auf Drängen und Anraten eines bekannten Künstlers ein Facebook-Dingsbums eröffnet. Inzwischen bin ich erschüttert über die Homogenität der darin runtergekauten Themen. Ich denke, wer einen Seitensprung oder sonst eine Liebschaft sucht, ist mit anderen Foren vermutlich besser bedient, und ich komm nicht dahinter, wozu es gut sein soll. Ich habe mit einem Mal so verbrecherisch viele Freunde, aber es ist -mit einem Wort – einfach: langweilig. Interessant ist ausschließlich, über wie viel Zeit die Menschheit verfügt, um im Internet uninteressante Dinge aufzustöbern und sie anderen Uninteressierten ans kalte elektronische Herz zu legen. Mich mit eingeschlossen.

Ich halte es auch für eine große Unterlassungssünde, dass es außer:»gefällt mir», nicht auch noch andere Klicks gibt. Z.B. «vollkommener Stumpfsinn», «bistduteppert», «Fuck you», und «Dazu hat meine kleine Tochter eine profundere Meinung».

Nun denn, ich bin dabei, beim «Book». Werd nichts mehr verlautbaren lassen, aber wenn mir fad ist, kuck ich mal rein, wie in meine dritte Schublade, wo allerlei Krempel und Zeugs rumliegt, das ich nicht gerade brauche, aber wo ich mir denke: «Wer-weiß-schon?»

Welcome, happy season

Genau heute vor 10 Jahren habe ich die letzte Lucky Strike ausgedrückt. Für immer nie wieder. Also ein Jubiläum. Ein freudiges. Für einmal. Außerdem kam eine Mail aus Thailand rein: «Die «Katzen von Kapsali» sind wunderbar!»(siehe www.songdog.at) Das freut das Autorenherz. Besonders das eines Schriftstellers, dessen Bücher nichts weiter als lange Briefe an Freunde sind. So zumindest legt es die markttechnische Beachtung nahe.

Aber damit nicht genug. Es naht auch «meine Jahreszeit»! Die Jahreszeit für Profis. Die Amateure ziehen sich zurück in ihre Büchsen und Trams und U-Bahns, holen die langen Unterhosen aus dem Schrank, die Fahrräder verschwinden in den Kellern, und die Gehsteigradler lassen sich Grippeimpfen und fürchten bei jedem Luftzug um ihre Gesundheit. Recht so! Dies ist die Jahreszeit der 5/7 Misanthropen. Der Duft der verwelkten und bald faulenden Blätter auf den Straßen und in den Parks ist uns Wohlgeruch; der diesige Nebel unser Lieblingsjackett, und der Nieselregen allezeit willkommen. Ebenso die auffrischenden Winde aus Westnordwest.

Ein neuer Wein reift in Lunzers Fäßern. Es gibt Trauben, Kürbisse, Kastanien und Sonnenuntergänge, die so klar und schön sind, dass einem wieder bewusst wird, dass man sterben muss.

Der Wipfel der großen Linde ist schon ganz gelb, und es ist das erste Mal in meinem Leben, dass mir auffällt, dass das Verwelken ganz oben seinen Anfang nimmt. Interessant.

Verseuchter Quargel

Uni. Prof. Lothar Höbelt ist ein in Österreich handelsüblicher Freak im Lodenjanker, der mutmaßlich seine Zeit damit zubringt, sein süffisant überlegenes Grinsen zu bürsten, und irgendwie rauszukriegen, was doch toll an Hitler und den Nazis war. Das nennt sich hierzulande: Dozent für Neuere Geschichte. Freaks wie Höbelt, werden in dieser Republike en masse produziert, wie listerienverseuchter Quargel, und genau wie dessen Todesopfer, kümmert das niemand. Außer, es erwischt mal einen Funktionär des ÖVP-Bauernbundes. Ja dann, ist Feuer am Dach!

Herr Höbelt nennt sich (und will offenbar auch so tituliert werden) «FPÖ-Kenner». Sich darunter etwas vorzustellen ist vielleicht nicht ganz einfach, aber als Eselsbrücke mag uns der aus Film und Funk bekannte «Consieliere» dienen; der Berater der Mafia, Mittler zwischen Knast und Zivilgesellschaft. Beim Job des Professor im Schmuddeljanker und abverreckter Elvistolle, wird es sich um das Ausloten des «gerade noch Zulässigen» drehen, um das, was legal gesagt und getan werden kann und am «Verbotsgesetz» vorbeischrammt. Sowas man nennt man einen «Rechten Intellektuellen». Wohlan, Wotan!

Gestern war der Professor zu Gast in den Nachrichten um Mitternacht, zusammen mit dem Schriftsteller Robert Schindel. Nicht nur, dass der «FPÖ-Kenner» seine Finger nicht von der Moderatorin lassen konnte, und sie, offensichtlich notgeil, in der Art eines jede Hemmung fahren lassenden Thomas Gottschalk betatschte, nein, er begann über Hitler zu schwafeln. Er befand, dass Hitler durchaus recht gehabt hatte, die Lage der deutschen Nation betreffend. Gut, das ist halt österreichischer Quargel: Man parliert in Anwesenheit eines Mannes, dessen Eltern im KZ ermordet wurden, von den Vorzügen Hitlers.

Die Verantwortlichen im ORF werden sich dabei schon was gedacht haben. Wer 27% der Stimmen macht (FPÖ), der darf das. Im Übrigen: Wen juckt’s?

Mich. Ich hätte ihm eine aufs Maul gegeben.

Für eine Weile

Was’n goldener Herbsttag! Die kalte Morgenluft strömt durch das Fenster. Die Blätter der Hinterhofbäume fallen ins Gelbe, und auf dem Garagedach hat sich der Wind ein kleines Laubkissen gebaut. Keine Jets. Ich erinnere mich, dass ich zu dieser Jahreszeit in den Herbstferien beim «Landdienst» war und Kartoffeln ausgrub. Es ist lange her. Aus dem nassen Gras stieg der Nebel, und man trug am Besten Gummistiefel. Die Kühe verschwanden auf dem Weg zur Weide in dem Gespinst, und man konnte nur noch ihre Glocken und das seltsam weiche Geräusch ihrer Hufe auf dem Asphalt hören. Die Sonne stieg hoch, trieb ihre Strahlen in den Nebel, und gegen Mittag war alles Gold.

Später saß ich hinter dem Lenker des Traktors, döste und träumte von großen Taten.

Manchmal fällt alles von einem ab. Für eine Weile.

Demokratiespiele

Heute finden in Wien Demokratie-Spiele statt. Folklore für die Einheimischen. Man wählt sich den Mann ins Rathaus, der schon sehr lange im Rathaus sitzt; den Mann mit der großen Leber, der graupeligen Gesichtsfarbe und dem gemütlichen Schnurrbart. Es ist auch jener Mann, der nach der Wahl mit der Partei koalieren wird, die sich vor einen kriminellen Wahlbetrüger stellt und ihn im Amt hält, die Partei, die 8-Jährige Mädchen ins Gefängnis steckt und sie, ohne ihre Mutter, aus dem Lande schafft.

Ich denke, wer Angesichts eines Wahlbetrugs -begangen von einem Bürgermeister, der mit einer Selbstverständlichkeit im Amt bleibt, als hätte er gerade eine Wahl gewonnen – noch ernsthaft wählen geht, sollte sich gelegentlich mal untersuchen lassen.

Zumindest wir Zugewanderte, sollten uns der Integration tätig widersetzen und Parallelgesellschaften bilden, und uns weigern diese Sprache der Verlogenheit, Niedertracht und Ehrlosigkeit zu erlernen.

Schande

Es gibt eine Stelle in der Autobiografie Arthur Köstlers «Als Zeuge der Zeit», die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Es sind die (beinahe) letzten Zeilen in diesem unerhörten Dokument Köstlers, dem ungarischen K. und K. Juden aus Wien, gegen dessen Erfahrungen und Leiden unser aller Leben wirkt, wie das von frisch rekrutierten Pimpfen.

Köstler beschreibt seine Errettung (1940) aus dem südfranzösischen Internierungslager Vernet. Er ist entkommen, er ist in Bayonne, als die Panzer der deutschen Wehrmacht über die staubigen, sonnendurchglühten Straßen rollen. Er schreibt: «Sie hatten mich von Berlin über Wien und Prag nach Paris gehetzt und dann weiter, die Atlantikküste entlang,bis sie mich hier,im äußersten Winkel Südfrankreichs endlich umzingelt hatten.» Dann beschreibt er einen jungen deutschen Soldaten der aus einem der Panzertürme schaut, mit «Augen, die mit dümmlichem Interesse die Kathedralen und Weinberge Frankreichs beglotzten… Ich konnte ihn nicht hassen,…aber ich wünschte mir ein Gewehr,um auf ihn zu schießen – nicht weil es mich gelüstete ihn zu töten, sondern weil ich selbst auf der Stelle erschossen werden wollte. Noch nie bisher hatte ich… die Terroristen… im letzten Krieg verstehen können, ihre sinnlosen Aktionen, den sicheren Tod vor Augen; jetz, da ich krank, zerlumpt und schmutzig in der Tür lehnte und dem Einzug der Sieger zusah, begriff ich plötzlich, dass ein Mann töten kann, um seine eigene schmerzliche Nacktheit zu verbergen.»

Manchmal drängt diese Stelle in mein Bewusstsein. Sie findet meine ungeteilte Zustimmung. Auch wenn ich nicht dieselbe oder gleiche Erfahrung gemacht habe, aber ich kann ihr folgen bis in die kleinste Regung. Dieses Gefühl der Scham, und der schmerzlichen Schande.

Es ist eine Schande, was zur Zeit in diesem Land geschieht.

Willkür und Dummheit

Gestern wurden die beiden kleinen Mädchen (8 oder 9 Jahre) in ein Flugzeug gesetzt und in den Kosovo abgeschoben. Es sind Zwillinge. Sie sind etwa so alt wie meine jüngste Tochter. Ihre Mutter ist wegen psychischer Probleme hospitalisiert und bleibt zurück. Die Kinder müssen das Land verlassen in dem sie 6 Jahre gelebt haben, und dessen Sprache sie sprechen. So will es das Gesetz. Behauptet die Innenministerin. Und Gesetze sind zu befolgen. Auch wenn es noch andere Möglichkeiten gäbe. Es ist ein Jammer.

In einem burgenländischen Dorf fälscht ein ÖVP-Bürgermeister eigenhändig die Wahlen, setzt Unterschriften unter Wahlkarten und gesteht nach 5-stündigem Verhör. Die Wahl ist geschoben. Macht aber nichts. Sie kann nicht wiederholt werden, da die Einspruchsfrist abgelaufen ist. Es ist anzunehmen, dass in Österreich viele Wahlen geschoben sind.

Eigentlich würde man denken, dass so ein Betrüger-Bürgermeister zurücktritt. Aber hier ist Österreich. Hier tut man das nicht. Er ist weiter im Amt und verkündete der Presse, dass er die volle Aufklärung will. «Damit keine Gerüchte entstehen.» Nun, was für Gerüchte sollten denn entstehen? Dass er die Wahl gefälscht hat?  Er erzählt uns, wie sehr in der Betrug belastet hat. Er sieht sich irgendwie als Opfer. Das ist hier so  Brauch. Seit ca. 19e8. Die beklagenswertesten Opfer sind hierzulande die Täter. Denn sie müssen mit der Schuld leben, die andere ihnen anzuhängen versuchen. Wenn man das verstanden hat, hat man das Land verstanden, und kann getrost verzweifeln.

Am Sonntag wird in Wien gewählt. Dann wählt’s halt. Ernst zu nehmen, ist das nicht mehr. Ernst zu nehmen sind in dieser Lotterrepublik nur zwei Dinge: Willkür und Dummheit.

Ansonsten gilt die «Wir wollen-halt-nicht»-Vermutung.