Neu bei Songdog

Eben bei Songdog erschienen:

Benedikt Maria Kramers Poetryband „Glücklichsein ist was für Anfänger“.

74 Seiten / Softcover
ISBN 978-3-9504224-0-5
Euro 12.– / CHF 15.–

„…Und zwar in der Art von Gedichten, die Jörg Fauser einmal als „komprimierte Kurzgeschichten“ bezeichnet hat. Immer geht es um „einen Moment der Wahrheit“. Das war dem großen amerikanischen Dichter CharlesBukowski hinterher geworfen, aber etwas davon fällt auch für Benedikt Kramer ab. Und dieser „Moment der Wahrheit“ ist fast immer irrlichternd, doppelgesichtig; deprimierend, mitunter komisch, hell aufleuchtnd.Bandini, eben.

Kramer hat den Drive zur Wahrheit, er steigt furchtlos in den Keller der Selbsterkenntnis, und kommt mit einer Kiste prächtiger und heiterer Einsichten hoch.»

Leben auf dem Mars?

Klar, ich hab Haare auf der Brust
und ich habe einen Penis.
Aber ich bin kein Mann.

Wenn ihr wollt
kümmere ich mich ums Feuer
und werfe Würstchen auf den Grill.

Ich schließe eure Anlage an,
baue eure Schränke auf,
kaufe Schrauben und Dübel,
bohre Löcher in eure Wände.

Ich trage eure Koffer.
Und ich kann in der Karte nachschaun,
wo wir hinmüssen.

Aber ich bin kein Mann.
Ich bin ein kleines Mädchen
in Ballettschuhen.

Die Knallbar Diaries (8)

Die letzten Tage. Habe ich gearbeitet? Habe ich? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht habe ich auch, im Gedenken an Lemmy Kilmister eine Flasche Turkey rare breed 112,8 Prrof (56,4 %) gebleckt. Wer weiß das schon?
Jedenfalls habe ich einen Blick in die Echo-Preis-Verleihung riskiert. Bin ich wahnsinnig geworden? Könnte sein. Da saßen sie alle. Eine/r wie der/die andere. Gleichgeschaltet. Dumm wie ein Lager voll kaputter Heizkörper.
Zum Glück rief zu später Stunde noch ein Journalist an und holte mich da raus.
Er wollte ein Interview. Hab vergessen zu was. Der Turkey, der wilde, you know. Aber ich erinnere mich dunkel, dass er mich fragte, ob ich nicht einen Rat für die jungen Leute hätte? Normalerweise fragen sie das irgendeinen berühmten Schauspieler, der sich, weil er mal unter Luc Bondy gespielt hat, für einen Intellektuellen hält. Nun, war also ich dran.
Na, klar, sagte ich, hab ich. Und der wäre, sagte der Schurni.
Mein Rat an die Jungen ist, sagte ich, und machte eine lange, lange Pause, bis er anfing blöd zu hüsteln, dann fuhr ich fort, meine Rat ist: Wenn ein Journalist anruft, und euch nach einem Rat für die Jungen fragt, dann schmeißt ihn raus.
Dann legte ich auf, torkelte durch alle Zimmer, sah, dass sie alle leer waren, denn meine Familie war gerade in Irland. An einer indischen Hochzeit, oder sowas. Das war traurig.
Dann legte ich mich komplett angezogen auf das harte Eichen-Parkett um zu schlafen.
Auch wenn man berühmt und so reich ist wie ich, sollte man nicht vergessen, woher man kommt, und sich keinesfalls vollständig der Härte eines entbehrungreichen Lebens entwöhnen.
Das hätte ich dem Schurni sagen können.
Aber das hat er nicht verdient…

Merle Haggard ist tot

Gestern spielte ich noch mit ihm „Listen to the Wind“, einen Song, den mir viel bedeutet – wie viele andere auch. Heute erwachte ich mit „If I could only fly“ – wie man so sagt – auf den Lippen.
Dann machte ich den T-Text an und las, dass er diese Welt verlassen hat.
Das ist ganz schön traurig.

Bye, Merle Haggard, bye.

Dobler auf dem Balkan über „Aspekte»

Wir müssen wieder mal, und zwar ganz intensiv, auf den befreundeten Block unseres Freundes Dobler hinweisen, der zur Zeit -lesemäßig – auf dem Balkan unterwegs ist.
Nicht nur wegen der wunderbaren Schilderungen seiner Erlebnisse und Erfahrungen, sondern auch wegen seines Kommentars zu den kleinen Hipster-Arschlöchern der Sendung „Aspekte“, die nicht mal den Anstand aufbringen, sich vom Sendeturm zu stürzen.
Wir können unserem Freund und Kollegen nur beipflichten.
Grundgütiger. Seht euch das an… Oder eben nicht.

http://www.franzdobler.de

Die Knallbar Diaries (7)

Moss gibt keine Ruhe. Er will nicht verstehen, dass das Exposée ein Exposée ist, und kein endgültiges Treatment. Er ruft mich an und bombardiert mich mit seinen melodramatischen Szenen -und Ausschmückungsideen. Ich sage ihm nicht, dass die ganze Filmidee Mist ist. Vielleicht ahnt er es. Aber er wagt nicht, es auszusprechen. Ich geh zum Schein auf seine Vorschläge ein. Einer – und von dem ist er absolut überzeugt – ist, dass Feisal eigentlich in Hans verliebt ist, und da dies einfach unmöglich ist, er sterben will.

Na gut Moss, sage ich, weißt du übrigens, dass der Name Moss, der Name des Protagonisten von „No Country for old Men“ ist?
Wusste er natürlich nicht. Wer weiß denn sowas. Ich versuche ihn mit vorgespieltem Gehorsam abzuspeisen. Aber er glaubt mir nicht. Würd ich auch nicht. Wie Goethe schon sagte: „Freund, wer ein Lump ist, bleibt ein Lump, zu Wagen, zu Pferde, und Fuße. Drum glaub an keinen Lumpen je, an keines Lumpen Buße.»

Ja, Goethe. Hat da einen Holperer drin, der Herr Geheimrat, für mich gehört da ein „zu“ vor „Fuße“. Wär eleganter. Aber auch Goethe konnte mal danebenlangen.

Meinen Lieblingsbettler lange nicht gesehen. Wollt ihm den Huni in die Pappe stopfen. Frage mich nun, wie Bettler wohl sterben? Und wo? Wohl nicht im Spital.
Hoffe, er ist okay. Ich denke an Henry Miller, der dem blinden Bettler vor seinem Haus, die Kohle aus der Büchse geklaut hat, als er wieder mal superpleite war und mit Mara (June) ausgehen wollte. Hat mir imponiert. So eine Unverfrorenheit.

Lese ein wenig in meinem neuen Roman-Typos rum. Deprimierend schlecht. Öffne schnell die Banksite und starre 7 Minuten auf meinen Kontostand. Dann gehts wieder…

Die Knallbar Diaries (6)

Für die, die mich noch nicht kennen – viele dürften es nicht mehr sein -: Mein Name ist Lew-André Knallbar. Beruf: (seit neustem) Bestseller-Autor. Verheiratet. Ja, Kinder.

Moss ruft an. Noch bevor ich meine Zähne nicht geputzt, nicht geduscht und auch nicht gefrühstückt habe. Familie ist aus’m Haus. So hab ich Zeit all die Dinge nicht zu tun, die ich tun sollte. Mit Moss sprechen, zum Beispiel.
Ausnahmsweise fragt er nicht nach dem Roman, denn er hat sich gestern mit dem Produzenten G. getroffen, und der wäre, so flötet Moss in mein Ohr, entzückt, wenn er mein Exposée endlich lesen könnte. Das ist eine kaum verhohlene Drohung. Aber ich lasse mir nicht drohen. Macht euren Scheiß alleine, sag ich zu Moss.
Aber ich habe gearbeitet. Das sag ich ihm noch nicht. Ich hab das Expo. Er stöhnt gequält auf.
Ich erlöse ihn. Jetzt stöhnt er erleichtertet auf. Als wäre ihm einer in die Buxe abgegangen.
Also, fange ich an, der Hans hat es geschafft sich im Tropenhaus des Zoos einsperren zu lassen. Hat sich unter einer Bank versteckt. Zusammengekauert, in dieser feuchten Hitze hat er abgewartet, bis alles ruhig war, und vor allem dunkel, und hat sich dann auf den Weg zum Affenhaus, zum Schorsch, gemacht. Na ja. Nun beginnen die Schwierigkeiten.  Die erste ist: Das verdammte Tropenhaus ist abgeschlossen und er kommt nicht raus. Verstehst du, Moss, jetzt fängts an, jetzt dringt er vor zur Höhle, laut Vogler, du weißt schon, jetzt muss er Prüfungen bestehen, Prüfungen, en masse. Verschlossene Türen, erschreckende und gefährliche Begegnungen mit Tieren, mit Raubtieren und all som Zeuch. Also ich wills mal so sagen, ohne jetzt ins Detail zu gehen: Dem Hansen geht voll der Reis, bis er endlich, endlich im Affenhaus ist und mit dem Brecheisen Schorschens Käfig erbricht. Erbricht, hast gehört, Moss. Tolles, altes Wort, werd s öfter verwenden. Also: Der Käfig ist offen und Schorsch, der olle Schimpanse rast heran, aber nicht aus Liebe und Freude über die Befreiung, nein, der greift den Hans an, wie so’n Scheißpavian oder was, beißt ihm ins Gesicht, bricht ihm einen Arm und reißt ihm den anderen aus dem Gelenk und verschwindet in der Nacht.
Hans liegt da, im leeren Käfig, blutend, verletzt, physisch und seelisch, und der Schorsch ist irgendwo und bald öffnet der Zoo und Feisal wird kommen, sein Attentat zu machen. Hans verliert das Bewusstsein, und so findet ihn der Affenwärter, Mischa.
Der ruft einen Krankenwagen, sucht nach Schorsch, der inzwischen einen Kaiserpinguin vergewaltigt hat und sich gerade mit Pedro dem Seelöwenmännchen ein Schreiduell liefert. Mischa veranlasst, dass der Zoo geschlossen bleibt, denn der Schorsch lässt sich nicht festsetzen und mischt den ganzen Zoo auf. Du siehst, Moss, voll Action, ich meine, das ließe sich ausbauen, so dass die ganze Familie was davon hat, verstehst du? Trotz der ganzen Dramatik auch komisch. Jedenfalls Hans kommt ins Spital, der Zoo bleibt zu und Feisal steht mit seinem Sprengstoffgürtel vor verschlossenen Toren, erfährt was geschehen ist und das Hans im Spital ist.
Der Feisal ist voll drauf, ich meine, der hat sich wie ein Todeskandidat vorbereitet, kennt Stunde und Ort seines Ablebens und jetzt soll plötzlich nichts sein? Das geht nicht. Er fährt ins Spital zu Hans und jagt sich neben dem Krankenbett in die Luft. Ende. Fin. The end. Was sagst?

Moss sagte nichts. Wir waren getrennt worden. Jetzt muss ich den ganzen Mist noch mal aufsagen.
Dass Moss vielleicht absichtlich aufgelegt hatte, auf diese Idee kam ich erst später…

Die Knallbar Diaries (5)

Für die, die mich noch nicht kennen – viele dürften es nicht mehr sein -: Mein Name ist Lew-André Knallbar. Beruf: (seit neustem) Bestseller-Autor. Verheiratet. Ja, Kinder.

Dystopie. Dystopie. Dystopie.
Ein Wort, das man nun in jedem Feuilleton  antrifft. Dystopie. Kannte ich gar nicht. Aber jetzt ist es da, wie Bosnien auf der Landkarte. Und es wird nicht mehr weggehen. Weder formal noch inhaltlich. Nach der Utopie des vergangenen Jahrhunderts, nun die Dystopie des jetzigen.
Aus dystopischer Sicht ist Schwangerschaft natürlich eine Art „Pfeifen im Walde“, und steht nicht für Hoffnung, wie ich so gerne annehme. Annahm. Werde die Schwangerschaftsgymnastikbesuche etwas zurückfahren.
Bin heute ruhelos. Vermutlich eine depressive Verstimmung.
Auch der sonst stimmungsaufhellend wirkende Anblick meines Kontostandes, mein digitales Prozac, zeigt heute kaum Wirkung.
Ich denke über Hans und den Schimpansen nach.
Hans hat erfahren, dass sich sein Freund Feisal am Sonntag im Affenhaus in die Luft sprengen will. Die Zeit für die Befreiung von Schorsch -so heißt der Schimpanse-  wird knapp. Hans fasst den Entschluss, sich über Nacht im Zoo einsperren zu lassen, und Schorsch zu befreien.
Wie? Weiß ich noch nicht. Das ist es, worüber ich nachdenke.
Verleger Moss ruft an, und will wissen, wie’s dem Roman geht. Ich lüge ihn an und sage: bestens, er wächst und gedeiht.
Hab bei Amazon ein paar Bücher bestellt. Eindeutig ein Zeichen von Depression. Bücher von anderen.
Alte Geschichten, abgebrochene Stories entern meinen Kopf. Sie überfallen mich, wie unangekündigter Besuch von Bekannten. Halb freut man sich, halb ist man angepisst, weil sie einen von der Arbeit abhalten. So viele Geschichten. Erstaunlich.
Ich werfe sie nach einer halben Stunde raus. Und ergehe mich in Kriegsfantasien, spüre der Angst nach, schiele nach dem Armagnac auf dem Regal – lasse ihn unagetastet. So, Freunde, läuft das nicht, nicht bei Lew-André Knallbar…

Die Knallbar Diaries (4)

Für die, die mich noch nicht kennen – viele dürften es nicht mehr sein -: Mein Name ist Lew-Andre Knallbar. Beruf: (seit neustem) Bestseller-Autor. Verheiratet. Ja, Kinder.

Das Kreuz verrissen, heute morgen, in der Schwangerschaftsgymnastik. Keine Ahnung, wie das geschehen konnte. Einige Ladies haben gekichert, andere machten besorgte Gesichter. Ich konnte sie alle beruhigen: Nichts ernstes. Mein Buckel ist gestählt von all den fuckin’ Jobs, die ich machen musste, als ich noch ein armer  Niemand und ein Arschloch war.  Jetzt bin ich nur noch ein Arschloch, aber das fällt kaum jemandem auf. Auf Grund meines Bestsellers bin auch ohne Schwierigkeiten in diese Kiste mit den Schwangeren gekommen. Rechecherche, you know, für meinen neuen Roman.
Ich mag Schwangere, seh ihnen gerne zu, wie sie im Turnzeug ihre trägen Glieder verrenken. Sexy. Aber was noch viel wichtiger ist: Sie verströmen Hoffnung. Das Leben geht weiter. Wie ein gedünsteter Blumenkohl mit Butterbröseln.
Ihre Typen sind die typischen Mittelstandsloser. Unschwer zu erkennen, dass sie bei den Ladies nie mehr was zu melden haben, sobald das Kleine da ist.
Sie sitzen an der Wand entlang und unterhalten sich leise. Man hört immer wieder das Wort „Kreativität“. Die Losung der Loser.
Kreativität ist Nichts. Zumindest nicht diejenige, die sie meinen. Ist alles nur Gequatsche. Das einzige, was wirklich wichtig ist (abgesehen von einem fetten Kontostand), ist Antizipation. Kack auf Kreativität. Voraussicht, das isses. Wie der alte George Foreman, der gegen Gegner boxte, die halb so alt waren wie er. George wusste, welchen Schlag der Junge abfeuern würde, bevor der es wusste. Und schon hatte er den Konter drin.
Aber so schwallen die Typen über Kreativität und antizipieren nicht, dass bald ein Paradigmawechsel vonstatten geht. Na ja.

Warf meinem Lieblingsbettler heute nur einen Euro in den Becher. Seine letzten Zahnstummel, die er mir beim Zwani vorgestern alle hergezeigt hatte, blieben heute bedeckt. Er war beleidigt. In den nächsten Tagen werde ich ihm einen Huni in seinen schimmligen Pappbecher stopfen. Da werde ich dann Gelegeheit haben, all seine Stummel zu zählen.

Heute morgen wieder mal einkaufen gegangen. Ein Haufen alter Leute in Panik, die dich an der Kasse mit ihren Einkaufswagen anrempeln und versuchen, dich vorwärts zuschieben. Die machen mir Angst. Weil sie nicht wissen, wer ich bin. Die lesen keine Bücher mehr. Noch schlimmer: Die kaufen keine mehr. Da müsste mal jemand was dagegen tun. Werde mir den Einkauf von Amazon liefern lassen. Die Scheiße tu ich mir nicht mehr an.

Die Geschichte von Hans und dem Schimpansen beschäftigt mich. Hab ein bisschen was notiert. Der Roman ruht. Verleger Moss ruft an und erzählt mir, dass T. sich bei ihm über mich beschwert hat. Er habe noch nie einen solch unsensiblen Menschen wie mich getroffen. Geradezu herzlos.
Tolles Kompliment. Zumindest aus dem Mund von T.
Mein Sohn kommt aus der Schule. Er hat Schwierigkeiten mit dem Englischlehrer. Ich höre ihm zu, bis nichts mehr an Ärger in ihm drin ist. Mir fällt sonst nichts ein. Aber er kriegt das schon gebacken. Schule ist Scheiße. Das war schon zu meiner Zeit so.

Hab meinen Kontostand gecheckt. Ich kann’s kaum glauben, so schön ist der Anblick.

Die Knallbar Diaries (3)

Für die, die mich noch nicht kennen – viele dürften es nicht mehr sein -: Mein Name ist Lew-Andre Knallbar. Beruf: (seit neustem) Bestseller-Autor. Verheiratet. Ja, Kinder.

Gestern noch T. getroffen. Hat mein Stammlokal als Treffpunkt vorgeschlagen, ohne zu wissen, dass es mein Stammlokal ist. Hab auch nichts gesagt. Sag ich auch euch nicht. Ist eh immer voll. Vielleicht hat er was gemerkt, wegen der freundschaftlichen Begrüßung des Wirt. Na ja.
War ganz in Ordnung, unser kleines tete à tete. (weiß leider nicht, wie man diesen beknackten accent circonflex hinkriegt. Oder wie das Ding über dem Tete e heißt.)

T. wollte, entgegen meiner Vermutung, kein Geld. Aber er schlug eine Zusammenarbeit vor. Für ein Theaterstück. Was mit Flüchtlingen, no na, und über die Werte Europas, und ich sagte, ja, da müsse man was tun, denn der Euro fucke doch immer mehr ab. Fand er nicht lustig. Ich schon. Und aus Revanchegelüsten fragte ich ihn, wieviele Flüchtlinge er denn auf seinem enormen Anwesen untergebracht habe, und da wurds auf einmal etwas ruhiger, und sein berühmter Marionettenkiefer klackte. Dann wechselte ich das Thema.
Ich sagte ihm, er solle etwas mehr Sport machen, er gehe ja völlig aus dem Leim, das sei bereits ein Anlass zur Fremdscham, seine Titten. Körbchengröße Dolly Buster. Mit 92. Fand er bedenkenswert, beklagte aber Alter und Zeitnot. Schätze, er hat den Siebziger bereits hinter sich. Da kommt Zeitnot auf, das ist richtig.

Ich erzählte ihm dann von meiner Filmidee, die ich inzwischen weitergesponnen hatte. Der Selbstmordattentäter in spe, der sich im Zoo in die Luft jagen wollte – ich berichtete gestern darüber -,  und sich auf Recherche in einen homosexuellen Schimpansen verliebt hatte und deswegen von seinem Attentatvorhaben abließ und stattdessen den Affen befreien wollte, der erfährt nun (sein Name ist Hans, weil seine Mutter Deutsche ist), dass seine Dschihadistenkumpels rausgefunden hatten, dass mit ihm was nicht stimmte, und deswegen einen anderen Attentäter  für die Zoosprengung bestimmt hatten. Der hat nun echt ein Problem, der Hans, mein Lieber.
Ich fragte T., was er davon hielte, und er druckste herum und wollte nicht raus mit der Sprache, aber dann kam glücklicherweise K. zu uns an den Tisch.  K. hatte gerade einen Roman veröffentlicht, den ich bei Amazon angelesen hatte. Er war Mist, genau wie meiner, aber meiner verkaufte sich besser, und sie wusste das, sie brauchte nur bei Amazon nachschauen. „Verreckt“ hatte eine einzige vernichtende Rezension auf Amazon, und ich vermute, dass die von K. stammt oder dass sie etwas damit zu tun hat. So läuft das in diesem business. Man hämmert sich auf Amazon gegenseitig miese Rezen rein.
Ich finds gut. Man gönnt sich ja sonst nix.
K. hat in der Stadt so ziemlich überall die Literuterus-Tipperfingerchen drin, sitzt in ihrem Häuschen auf dem Lande und versucht uns mit ihren Kolumnen moralisch einzuheizen. You know: Flüchtlinge. Was sonst.

Schätze, sie würde nicht mit mir reden, wenn nicht „Verreckt“ sich besser verkaufen würde als ihr Ding.
Als ich ging, waren T. und K.schon richtig am bechern. Da hatte sich zwei gefunden. T. konnte sich ja einen BH von K. ausleihen. Ich ging nach Hause und lud meine Familie zum Mexikaner ein. Mein Verleger rief an, aber ich hob nicht ab.
Das mit dem Theater und T., würde wohl nichts werden. Der Tag hatte also auch was Gutes.
Kurz vorm Einschlafen werfe ich noch eine Blick auf den Kontostand: Fuckin’ Himmlisch.

Die Knallbar Diaries (2)

Für die, die mich noch nicht kennen – viele dürften es nicht mehr sein -: Mein Name ist Lew-Andre Knallbar. Beruf: (seit neustem) Bestseller-Autor. Verheiratet. Ja, Kinder.

Mail von T. Er möchte mich sehen, bittet um ein Treffen. Kann mir vorstellen was er will. Schätze, er glaubt, ich bin sein Freund. Vermutlich, weil ich an so einem Autoren-Dingsbums freundlich zu ihm war. Nun ja. Ich bin freundlich. Das ist meine Natur. Freundlich und unverbindlich. Ich bin nicht sein Freund. Ich habe keine Freunde. Schon gar keine unter Kollegen. Zu anstrengend. Es gibt Ausnahmen, aber dazu sage ich nichts.
Was T. von mir will, kann ich mir vorstellen. Es kursiert das Gerücht, dass der Umbau seines Hauses in dieser Weingegend, in die jetzt alle hinziehen müssen, die mal ein Exposée für’n Filmscript verfasst haben, etwas üppig ausgefallen sei. Und seine große Zeit als Dramatiker liegt hinter ihm. Außerdem geht er allen Regisseuren auf die Eierstöcke mit seiner Forderung nach Texttreue, und seiner „Der-Autor-ist-der-Chef“-Attitüde.
Ich verstehs nicht. Wenn ich was schreibe, kann jeder damit machen, was er will. Hauptsache, er zahlt.Ich meine, wieviele gute Dramen gibt es? Neuere, meine ich. – Na, eben.
Wenn du’s nicht schaffst die Leute zu berühren, dann spielts doch keine Rolle, wie’s der Regisseur anpackt. Und da kannste noch soviele Flüchtlinge auf die Bühne wuchten. Das ist doch nur erbärmlich.
Wie auch immer: T. will vermutlich moralische und pekuniäre Unterstützung. Der Typ hat vor drei Monaten noch nicht mal gewusst, das es mich gibt. „Knallbar? Wer zum Teufel ist Knallbar?“
Jetzt weiß er’s.

Mail ihm zurück, das es okay geht. Zwischen 15h30 und 16h. Nach meinem Nickerchen, hätt ich Zeit für ihn.
Dann mach ich meinen Morgenspaziergang. Denke über ein Filmscript nach. Mein Verleger meint, ich soll den Film nicht vernachlässigen. Hab da ne kleine Idee. Ein Selbstmordattentäter in spe, hat den Plan sich in einem Zoo in die Luft zujagen. Bei seinen Recherchen verliebt er sich in einen homosexuellen Schimpansen, verwirft seine Pläne und will den Schimpansen befreien. Weiter ist die Idee noch nicht gediehen, und meine Gedanken werden abrupt unterbrochen, weil mein Blick auf ein Kaffeewerbungsplakat fällt.
Kaffeewerbung! Und groß der Spruch: «Mehr Poesie in die Politik.“
Das ist die Malakovtorte für unsere Weichbirnen. Mehr Poesie in die Politik? Drehs mal um, und du weißt, was rauskommt.  In einem vornehmen, deutschen Wort ausgedrückt: Scheiße.
Es würde reichen, wenn sie einfach ihre verdammte Arbeit machen würden. Die Politiker. Und auch die Poeten.

Weiter geht’s. Stopf meinem Lieblingsbettler einen Zwani in den Pappbecher, genieße seine Überaschung, und weiß im selben Moment: das war ein Fehler. Dem kann ich jetzt nicht mehr mit einem Euro kommen. Na gut, selber schuld.
Zuhause mach ich mir ’n Kaffee und trinke ihn, während ich liebevoll meinen Kontostand betrachte.
Das Schreiben kann warten…