Die Knallbar Diaries (19)

Mein Liebelingsbettler ist offenbar weitergezogen, im Spital oder tot. Jedenfalls lässt er sich nicht mehr blicken. Also bin ich gezwungen, einen neuen Favoriten zu ernennen. Könnte man meinen. Aber warum eigentlich? Vom Gerechtigkeitsstatus her, ist das Almosengeben anyway einen heikle Angelegenheit. Wem gebe ich was, wem nicht. Und warum, und warum nicht? Muss mal Slavoj anrufen, der weiß da sicher was. Das Problem bei Slavoj ist nicht, dass er nichts dazu zu sagen hätte, die Scheiße ist, dass er einfach nicht mehr aufhört zu quatschen. „Halt mal die Fresse, Slawe!“, sage ich manchmal zu ihm, und dann fasst er sich 7 mal hintereinander an die Nase, schnieft, die Augenlider zucken und dann geht’s weiter im Text. Also vielleicht doch nicht Slavoj. Den tattrig brötigen Safranski mag ich nicht anrufen, und auch nicht seinen Kumpel Sloterdjik, und schon gar nicht den Philodarsteller Precht oder gar Edi Finger, ich meine, Juli Zeh.

Muss wohl selber damit klar kommen. Wie mit dem Rest auch.

Etwas ist mir aufgefallen: Es gibt Bettler und Bettlerinnen, die ihren Becher immer gleich leeren, was bedeutet, dass jeder Kunde in einen kleinen Abgrund starrt. Andere lassen immer was drin und zeigen uns damit, dass schon andere gespendet haben. Interessant. Mitleid oder Nachahmung?
Wäre ich noch ein pickliger, notgeiler Studi würde ich meine Doktorarbeit darüber schreiben, über die Bettelei.
Aber zum Glück bin ich Lev-André Knallbar, ein privilegierter, aber ziemlich schlechter Autor (nicht schlechter als die anderen,hey!) mit fett gefülltem Konto und einem wasserdichten iPad, mit dem ich meinen Kontostand auch unter der Dusche geniessen kann.
Aber Bettler ist auch ein schöner Beruf für jungen Leute…

Die Knallbar Diaries (18)

Mein Freund ist Fußballer und hat gerade an der EM in France zu tun. Ich habe ihn besucht, weil mir langweilig war, und ich keine Lust hatte, mir den ganzen Tag über schlechte Fußballspiele anzusehen. Meine Produktion von Wörtern, Sätzen, Abschnitten und Kapiteln ist, wie man so sagt, erlahmt. Ich habe einen Sack gestrickt, und strample unten auf dem Grund herum und versuche aufzusteigen. Geht nicht. Also ab nach France. Zu meinem Freund, dem Fußballer.
Sein Name tut nichts zur Sache. Er ist Weltklasse. Soviel sei verraten. Wir sind schon eine ganze Weile befreundet. Wir sehen uns zwei Mal im Jahr. Oder so. Manchmal schreiben wir uns E-Mails. Er auf italienisch. Ich auch.
Wir haben etwas gemeinsames, etwas, das sehr selten ist, etwas, das uns zusammenkettet, wie zwei entflohene Sträflinge in einem Spielfilm.
Er ist Fußballer und interessiert sich nicht für Fußball. Außer, er steht auf dem Platz. Aber sonst geht ihm alles an dem Business am Arsch vorbei. Er liest. Dante, Turgenjew, Dostojewski, Nabokov, und die Zeitgenossen seines Landes. Und manchmal Knallbar.
Fußball interessiert ihn so wenig, wie mich die Literatur. Sie taugt nichts. Eingedenk meiner eigenen. Vertmutlich. Mein Freund weiß da besser Bescheid.
Als wir uns getroffen haben, hab ich ihm was über meine Lieblingsverteidiger erzählt, was sie unterscheidet und warum sie große Klasse sind. Er hat ziemlich gestaunt. So wie ich danach darüber gestaunt habe, was er mir über Nabokov und Pittigrilli zu erzählen wusste.

Das tat richtig gut.

http://www.literiki.com

Literiki ist eine App, die für € 2.- /Pro Quartal, täglich Mini-Stories liefert. 2-3 Minuten, gelesen von professionellen Sprechern (Zuvor auch von den Schreibenden.) Gedacht als literarischen „Weckruf“, sind die Geschichten nur einen Tag lang abrufbar und verschwinden dann für immer im was-weiß-ich-wo.

Schwer zu empfehlen für Menschen, die sich gerne nette kleine pointierte Geschichten anhören. Oder sich gar davon wecken lassen möchten.

Wir möchten hier ein Wort von Friedrich Dürrenmatt paraphrasieren, mit dem er die Gedichte von René E. Mueller bedacht hatte: „Einige der Stories sind gut. Vielleicht sogar viele.»

http://www.literiki.com

„Me-we»

„ Frag nicht ob die Fliege den Pflug ziehen kann. Spann sie an.»

Muhammad Ali  (17. Jan. 1942 –  3. Juni 2016), Boxer, Poet, Prediger, guter Mensch.

Die Knallbar Diaries (17)

Heute hat B.D. Geburtstag und ich wünsche ihm -und mir auch- noch viele Geburtstage. Der Rest ist gesagt. Von so ziemlich allen. „Let each man sing his own song.“
Mein Fenster ist beschlagen. Draußen regnet es und ich traf meinen Lieblingsbettler  auf dem Postamt, wo er einen ganzen Obstsack voller Münzen auf sein Konto einzahlte. Tüchtiger Kerl. Hat ein Bankkonto. Das nächste Mal werde ich ihm was überweisen. Oder wenn’s dann einmal (eines fernen Tages) wieder abwärts geht, und ich auf der Straße lande, werde ich ihn anpumpen. Ich investiere in den Burschen, als Notnagel…

Gestern tauchte Kollege T. im TV auf und beschwerte sich darüber, dass sich Leute auf den „socialmedias“ darüber beschwert hatten, dass er sich über sie beschwert hatte. Ulkiges Kerlchen. Bestseller-Autor mit Matschbirne. Er ist wie ein Mann der freiwillig auf einer Müllkippe lebt und sich darüber beschwert, dass andere Leute ihren stinkenden Müll abladen.

Es tritt doch immer deutlicher zutage, dass der ganze Hass in der social-müllkippe entsteht. Gärgase.
Die Birnen werden weich. Die Arschlöcher auch.
Not my problem. Das ist das Gute am Reichtum:  Fuck you all. Man besieht sich das Ratrace und den ganzen Müll, wie durch ein Teleskop aus dem Weltall.
Das ist es, was wir Reichen wollen: Unsere Ruhe, vor dieser Müllkippe…
Darum schreibe ich den ganzen Mist, den ihr dann hoffentlich brav kaufen werdet.
Das macht ihr doch, oder?

Die Knallbar Diaries (16)

Des morgens im Knast, abends auf einem Ball, und dazwischen: schreiben. That’s Knallbar-Life. Wie Willi singt: «It’s no good life, but it’s my life.“
Auf dem Ball, natürlich in einem der gefühlten 272 Palais der Stadt, waren eine Menge Leute, die wirklich Spass hatten. Das fand ich erstaunlich. Dann freute es mich. Wohltuend war auch, dass es Frack-oder Anzug- Zwang gab. Entspannend für die Augen. Erinnerte mich an die guten alten Filme, wo alle Typen mit Hut und Anzug rumrennen. Hab das immer schon gemocht. Die Damen in Roben, die meisten eher schlicht, denn hier war nicht die gequirlte Gaggi-Créme am Werk, sondern solider Mittelstand: gebildete Bürger, wie du und … nein, nicht ich. Vergiss es.

Traf da auf den Kollegen G., der gerade aus den Bergen zurückkam, wo er, wie er behauptete, im steilsten Gelände einen Zaun repariert und neu gezogen, und dabei fast 150 Zaunpfähle versenkt hatte. Mit einem 8 Kilo Schlegel. Er sagte, das geilste sei, wenn der Hammer genau im richtigen Winkel an der richtigen Stelle mit der vollen Wucht auf dem Holz auftreffe. Es sei so gut und erregend, sagte er, wie das richtige  Wort zu finden und zu setzen. Ja. Da konnte ich ihm nur beipflichten. Außerdem erinnerte es mich an den Vormittag, an meine Hakenkombination, an das Kinn eines Redbull-Prolls.

Darauf kippten wir ein paar, derweil unsere Familien den Squaredance machten, der bei solchen Anlässen „Quadrille“ heißt.

Tja, und dann fand ich noch ein Portrait meiner Uroma. Vermutlich bin ich adelig. Ziemlich sicher sogar…

Die Knallbar Diaries (15)

Heute, werte Freunde, Feinde und Gleichgültige, schreibe ich aus dem Knast. Dem Gefängnis, pardon. Ich meine, aus einer Zelle des Polizeipostens meines Vertrauens.
Das Leben besteht aus einer Aneinanderreihung von Irrtümern. Soviel ist sicher. Und wer das einmal eingeschlürft hat, der schlägt sich nicht mehr so schnell auf eine Seite. Mein Vorbild ist Rick alias Bogart, aus Casablanca.

Wieso ich im Knast bin? Ein Irrtum? Nein, diesmal nicht.
Die Kurzfassung: Steh an der Supermarktkasse. Von hinten legt ein Prolet in weißem Maleroverall seine zwei Scheiß Redbulldosen auf das Band, bevor ich was draufgelegt habe. Ich ignoriere das, und die zwei Dosen geraten in meine Waren. Der Weiße fischt sie nicht raus, der Kassier zieht sie drüber, ich zahl alles, und nun kommt er an, unser Handwerker, und reklamiert seine Dosen. Ich hab sie bezahlt, es sind meine. Punkt. Er schubst mich. Und da er gerade günstig steht, ziehe ich erst einen linken Haken und schick gleich den rechten hinterher. Beide im Ziel. Er geht zu Boden. Sein Kumpel will eingreifen, und ich jage ihm seitlich einen Ellbogen auf die Nase. Geschrei. Aufregung. Leute flüchten. Andere telefonieren. Der Ellbogen-Prolo blutet. Der andere rappelt sich hoch. Ich geh in Kampfstellung. Scheißhandwerker. Was die können, kann ich auch. Und die lesen nicht mal Bücher. Wozu sind die eigentlich nütze?

Ich bin Fucking-Lev-André Knallbar. Und wer sind die?
Die Freunde und Helfer kommen und nehmen mich mit. Die Prolls auch. Ich mach keinen Ärger. Bin ganz ruhig und höflich. Die andern zwei maulen herum. Mir ist es egal, was wird. Es ist ein verdammt gutes Gefühl, einen Wichser niederzuschlagen. Und zwei davon, ist noch besser. Ich sitz auf der Pritsche und fühle mich gut. Sie haben mir das iphone gelassen. Nette Kumpels, die Bullen.

Früher war ich auf der Seite des Proletariats, zur Zeit steh ich auf der Seite der Staatsmacht. Der einfache Mann von der Straße ist zu einem Arschloch verkommen, und dass er noch wählen darf, macht alles nur noch schlimmer. Wie sich vermutlich morgen zeigen wird.

Aber, wie gesagt, ich fühl mich richtig wohl in der Zelle. Mein Anwalt ist schon unterwegs…

Guy Clark ist tot

Was für ein verdammtes Jahr für Musiker.
Lemmy Kilmister, Merle Haggard, Mick Fitzgerald, und gestern verließ uns Guy Clark, einer meiner verehrten Singer-Song-Writer.
Was soll man da machen?
Dabei haben wir erst Mai…

«Hemingways Whiskey»