Jörg Fauser zum 75.

Am 16. Juli 1987 feierte der Schriftsteller und Dichter Jörg Fauser seinen 43. Geburtstag. Er überlebte ihn nur um wenige Stunden, und starb auf einem Autobahnkreuz in München. Aber das alles ist bekannt.

Franz Dobler hat den Autor gebührend gewürdigt. Ich würd’s auch tun, aber mein Freund und Kollege hat’s schon getan. Besser und konziser, als ich es könnte. Hier:

https://www.br.de/nachrichten/kultur/joerg-fauser-75-geburtstag-schriftsteller-franz-dobler,RWITZ0C

Ich erhebe mein Glas!

Und das auch noch:

https://taz.de/Joerg-Fauser-Gesamtausgabe/!5606963/

Büchners Preise

Ich bin zur Zeit in der Schweiz, wo man vor ein paar Tagen keinen Radiosender anwählen konnte ohne sofort das Jubeln über den Schweizer Büchnerpreisträger Lukas Bärfuss zu vernehmen. Endlich wieder einer von uns! Und was für einer! Nach Frisch, Dürrenmatt, Muschg.

Von Frisch und Dürrenmatt habe ich so ziemlich alles gelesen. Von Muschg? Nichts. Von Bärfuss ein bisschen was. Und so kam ich nicht umhin mich zu fragen, warum dem so war.

Als ich so darüber nachdachte, fiel mir dieses Foto von Bärfuss in die Hände.
Nun, Herr Bärfuss wuchs 30 Kilometer von dem Ort auf, an dem ich zumindest zur Schule gegangen bin. Berner Oberland. Und Berner Oberland ist „Stündelerland“, in Protestantenhand. Eine der vielen Sektenkirchen neben der anderen. Methodisten, Baptisten, Heilsarmee und wie sie alle heißen. Wer hier nicht refomiert ist, ist Immigrant. So wie meine Familie. Katholiken. Das waren die, die mehr als zwei Kinder hatten. In all meinen Klassen gab es nicht mehr als zwei oder drei. Und mein Sitznachbar und Rangelkumpel, war Jude. Aber was hat das mit Bärfuss zu tun?

Ich habe herausgefunden, dass eine gute Methode bei Netflix einen unbekannten Film auszusuchen, die Beantwortung der Frage ist: Möchte ich mit diesen Schauspielergesichtern einen Abend verbringen? Es ist eine gute Methode. Sie funktioniert. Und nun habe ich mich in Verdacht, mit Büchern genauso zu verfahren. Was einigermaßen primitiv ist. Aber so ist es nun einmal.

Und wenn ich mir das Foto von Bärfuss ansehe, sehe ich die Lehrer die ich hatte, den oder besser, die Vikare. Faktisch humorlos, moralische Sicherheit verströmend, Strenge, Gehorsamkeit heischend auf der Grundlage ihrer moralischen Überlegenheit, die aus der Zerquältheit ihres Geistes ans Licht der Welt, und in die Herzen der Menschheit dringen musste.

Kein Welttheater wie bei Dürrenmatt, keine schweren Rotweine und die ungeheure Belesenheit und Klugheit eines Welterklärers. Und auch keine bitteren Einsichten  in die eigene Unzulänglichkeit eines Max Frisch und die gelassenen Kommentare zur Verfassheit seines Heimatlandes.

So gesehen ist natürlich die Wahl der Jury für den Büchnerpreisträger nur folgerichtig. Deutschland braucht Verbündete im Kampf um die moralische Überlegenheit, mit der sie die restliche Welt drangsalisiert. Seit 1945 weiß man in Deutschlanf was Sache ist. Moralisch. Die Polizei in eine Schülerlotsentruppe verwandelt, die Armee eine Lachnummer, und die Russen wären an einem Tag in Berlin, außer sie müssten dazu die Bahn nehmen. So könnte die Invasion abgewehrt werden.

Muschg rühmte im Interview seinen jüngeren Kollegen, nannte ihn mutig, weil er in einer großen deutschen Zeitung, vor Jahren, die Verzwergung der Schweiz aus seiner Sicht thematisert hatte. Ist das mutig? Heute? In einer Zeit, wo man einen Scheißsturm auslösen und Morddrohungen einsammeln kann, wenn man gesteht, dass man Schnitzel mag und Frauenfußball nicht so.

Ja, der Büchnerpreis. Der wichtigste Literaturpreis in deutscher Sprache. So heißt es allenthalben. Ja, Büchner. Was blieb von ihm, außer „Friede den Hütten, Krieg den Palästen.“ Ein Spruch, den wir vor 40 Jahren gerne mal auf Transparente malten. Long time ago.

Ein großer Preis fürwahr. Zumindest die Dotierung ist mit fünfzigtausend nicht übel. Reicht nicht für einen Palast, aber auch nicht mehr für eine Hütte.

Er ist Bärfuss zu gönnen. Wer könnte was gegen ihn sagen? Er hat ja selbst recht, wenn er sagt, dass er nicht recht hat. Wie meine Lehrer. Wie mein Vikar. Wie die vielen Millionen anderen.

Céline schrieb an Henry Miller: „Verstehen Sie es, sich ins Unrecht zu setzen.“
Das ist rätselhaft und irgendwie interessant.

Ich mag Célines Gesicht. Und das von Miller sowieso…

Frauensport

Letzte Woche die Klage der Frauen über den Stellenwert des Frauenfußballs, und dass die Kickerinnen viel weniger verdienen als die Kicker.
Diese Woche die Klage einer Radrennfahrerin, dass sie nicht von hrem Sport leben kann, sondern die Unterstützung ihrer Familie braucht. Was für ein verdammtes Unglück!

Dass Sibylle Berg von ihrem Scheiben ganz gut leben kann und ich nicht, und deswegen andere Dinge tun muss um zu leben, ist natürlich nur Geschlechtergerechtigkeit. Geschieht mir recht. Warum bin auch alt und männlich und weiß und schreibe über Dinge, die halt kaum jemand interessieren. Umgekehrt gilt das natürlich nicht. Eh kloa!

Ich finde man sollte eine Quote andenken: Wer sich ein Fußballspiel der Männer ansieht, muss sich danach ein Fußballspiel der Frauen ansehen. 50/50. Natürlich sollte meine fußballspielende Tochter genau gleich viel verdienen wie Ronaldo. Versteht sich auch.

Eine andere Lösung wäre vielleicht, dass sich die Frauen, die ja 50% der Bevölkerung ausmachen, sich auch die Fußballspiele und Radrennen der Frauen ansehen. Und es nicht den Männern überlassen.
Ich gehe so ziemlich jede Wette ein, dass die Gehälter der Kickerinnnen durch die Decke gehen.

Masse = Kapital.

Wolfgang Pohrt

Ich sitze im Haus in den Bergen, draußen sieht aus es wie Herbst (Halleluja!) und es hat so um die 10 Grad. Ich lese Wolfgang Pohrt, in der wunderhübschen Gesamtausgabe von Klaus Bittermanns Edition Tiamat, und verstehe nicht, warum es Menschen gibt, die Wolfgang Pohrt nicht lesen.

Der Stoff ist so gut, dass man alle paar Minuten aufspringen möchte, um die Glocken zu läuten.
Den Job haben zu meinem Glück die drei Esel übernommen, die neben dem Haus grasen.

Tagebuch eines schreibenden Landmanns (4)

Dann war plötzlich dieser kleine, fast winzige Vogel im Raum. Er war unter dem Fliegengitter hindurch geschlüpft und stieg sogleich auf, um durch das obere Fenster wieder nach draußen zu fliegen. Das Fenster war geschlossen und ohne Leiter nicht zu erreichen. Fand ich nicht cool. Ich mag Vögel nicht besonders.

Vögel sollen draußen ihr Ding machen. Hat ihn die ungewöhnliche Hitze hier oben irritiert? Es ist so heiß, dass es selbst auf dem Jungfraujoch in etwa 3500 Metern sechs Grad hat. Das Silberhorn ist aper. Hab ich noch nie so gesehen. Die Berge sehen traurig aus, ohne den Schnee, als hätte man sie vergewaltigt und nackt im Fels stehen lassen.
Aber zurück zum Vogel: Ich holte im Schuppen die Leiter. Natürlich hatte es sich der Kleine inzwischen anders überlegt und flog hinauf ins Gliger, kackte auf die Bücher, als ich nachkletterte. Aber als Ex-Rinder-und Kälberhirte wusste ich, wie man Viecher in die richtige Richtung treibt. Der Kleine schaffte sein Ärschchen raus. Fenster zu. Mission accomplished.

Danach rauf ins Dorf, zum Einkaufen. Fitnesstest. Mit Bravour bestanden. Mein Schrittzähler verzeichnete den Aufstieg als 39 Stockwerke. Pas mal, n’est ce pas?

Schreiben und kochen. Das Hemingway Pensum: 500 Worte. Jack London schrieb tausend pro Tag. Und dann der erste Drink. Und dann tot mit vierzig. Also nur 500 plus no Drink. Spießertippen.

Nachmittags wird die erste der etwa 5 Tranchen gemäht. Das Gras steht sackhoch. Minimum. Das wird mich fordern. Den schweren Motor des Fadenmähers auf dem Buckel, im steilen Sauhund stehend.

Halleluja!

Tagebuch eines kunstsinnigen Grobians (3)

Liebe ich die Kunst? Liebt die Kunst mich? Merkt die Kunst – wie das Geld – wenn man sie nicht liebt, und bleibt fern?

Auch gestern, auf der Vernissage einer Kunstaustellung in der Kathedrale eines Berges, blieb die Frage unbeantwort. Nicht ganz. Denn es war gut. Und wann ist etwas gut? Man solle, wie Hemingway sagte, genau beobachten, was es ist, was die Empfindung auslöst. Das ist schwer. Ich sag’s euch. Das braucht Training. Aber es war gut, und es war kühl, und es war nichts, was den Anspruch hatte, „die Menschen aufzurütteln“, eine „politische Botschaft transportierte“. Es war schön gut.
Geht nach Gonzen, bei Sargans, geht rein in den Berg, seht es euch an.

Dann auf dem besten Balkon der Stadt: Wein und Teq und Gespräche über den Rausch.
Ist das heute noch eine Kategorie, der Rausch? Das Angsoffen sein, das Spitzerl, der Fetzen, das Tragerl  war nicht gemeint, sondern Ekstase. Wir kamen überein, dass dies bei uns durchaus noch eine Kategorie war.
Das war auch gut.

Aufrichtiges Tagebuch eines Amateur-Hochstaplers (2.)

In Bregenz war die Luft heiß und schwer und dick, als habe sich der ganze verdammte See darin aufgelöst, und hätte ich meine Machete dabei gehabt, ich hätte gut und gerne ein schönes Stück herausschneiden können, um es zuhause als Sockel für die Hamsterurne zu verwenden.

Dann durfte ich durch die Fenster des Zuges dem ich entstiegen war, zusehen, wie mein Anschlusszug sich von hinnen machte. Natürlich hatte man mir nicht gesagt, dass der wegen der Verspätung auf einem anderen Gleis abfährt. Man ist hier ja nahe an Deutschland, sagte ich mir, und pflügte einen Weg durch die Luft, wackelte schweißtriefend zum See, wo ziemlich was los war. Der Beleuchtung nach zu urteilen, erwartete man hier demnächst einen Fliegerangriff, und ich fragte mich, wie das Jungvolk in dem Dunkel einander erkannte oder ob es einfach wurscht war, wen man dann des Nachts in das verschwitzte Bett zerrte. (Ging eingentlich Sex noch, unter diesen Bedingungen?)

Aber wenigstens ging am See eine Art Wind, und ich schlug die Zeit tot in dem ich auf eine Mole hinausspazierte und in den Bodensee brunzte, während ich in der Ferne die Lichter von Friedrichshafen bewunderte, wo einst meine Großmutter rüberkam und meinen Opa zwang zum Katholizismus zu konvertieren. So ist die Liebe. Oder sowas.

Was ich nachher erleben durfte, war eine Art Hindernisparcours mit verschiedenen Transportmitteln. Das ganze kann man sich als Training für angehende Navyseals vorstellen.
However, ich schaffte es, und saß dann mit meiner Gastgeberin auf dem besten Balkon von St. Gallen, und wusste, jetzt ist nur noch wollen, nicht mehr sollen. Wenn er’s nur aushalt, der Autor!

Das verlogene Tagebuch eines Wahrhaftigen (1.)

In einem meiner Texte fand ich folgenden Satz: «Nichts gegen eine gepflegte Prügelei. Aber ich war bereits in einem Alter, in dem man doch gerne den Grund kennt, weswegen man sich gegenseitig die Zahnprothesen demoliert. Da könnt ihr mich spießig nennen.»

Das klang doch vernünftig. Aber die Verhältnisse, die sind nicht so, wie schon Brecht oder sonst ein Menschenfreund wusste.

Im Bahnhof, auf dem Weg zu einem Zug der mich aus dieser Hitzehölle in Wien in eine andere Hitzehölle in den Bergen bringen sollte, latschte ein Typ in mich hinein. Vielleicht latschte auch ich in ihn hinein, wer weiß das schon so genau. Da geht’s um Nuancen. Nun ja. Seine Schulter fühlte sich weich an, schwammig, wie Pizzateigig auf einem Gummischlauch. Mein Schultergürtel hingegen, ist ziemlich austrainiert, massiv, unter Spannung, hart. Es musste sich für den Typen angefühlt haben als streife er einen übergroßen Hydranten.

Um es kurz zu machen: Er folgte mir und beschimpfte mich übel. Auch irgendwie rassistisch. Er nannte mich Scheißpiefke und anderes aus dem Norden. Klar, denn da kommt das spezielle östereichische Gen zu ihrem Recht: Ich bin Opfer (schon immer) der andere (vor allem der Piefke) ist Täter.

Ich grinste ihn nur verächtlich und gemein an. Von oben herab. So voll teutonisch. Denn wer mich beleidigen kann, das bestimme immer noch ich. Und Wiener-Schwamm-Schultern gehören nicht dazu.
Aber das brachte ihn noch mehr auf. Ich überlegte eine Sekunde lang, ob ich ihm eine Watschen  servieren sollte. Tat es aber nicht. Ich hatte einen Zug zu kriegen.

Aber oben angekommen, verkündete er, dass er mich umlegen wolle, und da blieb ich dann doch stehen und sagte: „Na gut! Komm her!»

Wollte er dann doch nicht. Und nahm die Rolltreppe nach unten. Ich war froh. Nicht wegen der Zahnprothese, sondern wegen dem Zug. Ich musste ihn unbedingt kriegen, und so eine Prügelei hat meistens die Kosequenz, dass alles etwas länger dauert. MIt Cops und so. Der Meister kniff also, und so sitze ich nun  im Zug und sage zu mir: Sei friedlich, Alter. Einfach friedlich!»

Alles Einzeltäter

Ich erinnere mich gut an die 70-er. Ich erinnere mich auch gut, was los war, als die RAF ihren Terror gegen den Staat und seine Repräsentanten aufbaute und ausübte, und ich erinner mich gut, wie der Staat reagierte und mit kompromissloser Härte dagegen vorging. Gefühlt war es so, dass jede Aktion der RAF, überall, auch in der Schweiz, Hausdurchsuchungen von WG’s zeitigten.
Aber das war linker Terror.

Jetzt gibt es rechten Terror.
Und das ist natürlich etwas ganz anderes.
Alles Einzeltäter.
Möchte jemand etwas dagegen unternehmen?

Das Sprüchemuseum (120)

«Und ehe sie nix macht, macht sie lieber etwas, zum Beispiel Leute anzeigen, die sie beleidigen und bedrohen, obwohl dies genau das ist, wozu Twitter erfunden wurde. Weswegen kluge Menschen nicht bei Facebook sind.»

Henryk M. Broder

Wir sagen: Das wir das noch erleben und lesen dürfen! Halleluja!