55-Wort-Stories lll.

Als er sich versäuberte, verlor er den Verstand. Es war, als würde ein Damm brechen. Er verstand nicht mehr, was er da gerade tat, bekam rasende Kopfschmerzen und kippte vornüber. So fanden sie ihn: Ein Stück Klopapier in der Falte. Er lallte sinnlose, schmerzliche Worte. Seine Frau hatte es kommen sehen, wusste aber nicht wieso.

Die Verösterreicherung Deutschlands

Deutschland unterschied sich nicht nur durch die gemeinsame Sprache von Österreich, sondern auch -sehr wohltuend – durch eine hochstehende Rücktrittskultur bei Politikern, Wirtschaftskapitänen und Beamten. Verglich man in dieser Hinsicht die beiden Länder, so war es, als würde man Beethovens Symphonien dem Trommelkursus einer Männerselbsthilfegruppe gegenüberstellen. In Österreich ist es wie in einer stillgelegten U-Bahnstation: Da tritt niemand zurück.

Aber damit ist jetzt Essig. Seit Guttenberg – der lügenhafte Dieb geistigen Eigentums, der Adlige mit dem Grasserfimmel (immer nur soviel zugeben wie man ihm auch nachweisen kann), der schneidige Minister mit der unsichtbaren Reitgerte-, eben nicht zurücktritt.

Auch Deutschland wird wohl nun katholisch und berlusconisiert. Und «Bild» macht die «Krone», schielt auf die Umfragen, kampagnisiert und schreibt sich den Plagiator und Plaudermann schön. Eine Art «Fox News» der Printmedien.

Aber so ist die Gier: Unersättlich. Wenn man schon Papst ist, will man auch noch Kaiser sein.

Servus, Deutschland!

Traurige 55-Wort-Stories ll.

Die Prärie ist heute besonders unendlich, dachte Kate, als sie aus dem Fenster sah. Der Horizont glühte, die untergehende Sonne verschmolz Himmel und Erde. Sie hatte eine solche Sehnsucht. Aber nirgends eine Staubwolke. Nur der dicke Hank trieb ein hinkendes Kalb über den Hof. Aber der hatte Schweißfüße. Eigentlich sollte Kate das gar nicht wissen.

Traurige 55-Wort-Stories

Wenn Zorc keinen Platz zum Schlafen hatte, sagte Fred, er könne beim ihm auf der Couch «blatten». Zorc nächtigte nicht gern bei Fred, denn der war ein Schriftsteller, der nichts mehr schrieb. In der dreckstarrenden Küche stand eine alte Schreibmaschine. Seit Monaten war dasselbe Blatt eingespannt. «Monika,» stand drauf. Sie tranken Bier und schliefen schlecht.

Sprachbilder

Eine neue Metapher ist im Umlauf: «Seine Tage sind angezählt». Gelesen in der «Zeit», gehört im Fernsehen. Überhaupt toll, was da alles kursiert. Kaum mehr jemand, der die Sprachbilder richtig zusammenkriegt. Macht ja nichts. Wir wissen eh, was gemeint ist. Und interessieren tut’s auch nur Nachbars Lumpi oder die nächste Sau, die durch die Grube geworfen wird…

«… Damit hatte er sich eine zweite Standschiene eruiert, und konnte endlich mit harten Handtüchern fighten. Denn das Geschäft lief wie durch ein Nadelöhr. Den Zulauf der Kundschaft verdankte er vor allem seiner Mutti, die immer wieder in die Grube gesprungen war, wenn gerade Not im Ring war. Aber das kennt wohl jeder, der sich mit der Materie beschäftigt und nicht den Kopf in den Wald steckt, wo der Himmel voller Alarmglocken hängt, falls er den Mut aufbringt über seinen Schatten hinauszuwachsen. So ist es doch: Die dümmsten Bauern hängen eben am längeren Hebel, dagegen ist ein Quantensprung nur eine zottlige Anekdote die keinerlei Relativtität besitzt, und gegen die noch kein Kraut geraucht wurde. Wir können von Glück reden, wenn es nicht Pech und Schwefel regnet oder Katzen, Hämmer und all so’n Zeuch. Danke für’s Zubrot, dass ich mir auf diesen steinigen Pfründen abschwingen kann!»

… finden laufend untergriffige Beleidigungen ungeahnten Ausmaßes statt…©Franzobel

Wer sich dieser Tage «medial» etwas umschaut, stößt allerorten auf Thomas Bernhard. Denn morgen, am 9. Februar, wäre er 80 Jahre alt geworden. Er hat es leider nicht geschafft. Er starb im Februar 1989 an Morbus Boeck.

Ich reihe mich nicht in die Schar der postmortem Gratulanten ein. Nur soviel: Bernhard hatte recht. Mit so ziemlich allem. Und die 3 schmalen Romane der «Keller-Trilogie» sind eine Offenbarung. Gut, das musste jetzt sein. Befließen nehmen sich die Kollegen des Koffers an, und machen den Dienstmann. Zum Beispiel wartet Franzobel im Standard mit tollen Stilblüten auf: » … finden laufend untergriffige Beleidigungen ungeahnten Ausmaßes statt …»

Genießen Sie den Satz, lassen Sie ihn auf der Zunge zergehen, und dann denken Sie kurz darüber nach, was Thomas Bernhard zu dem Ding eingefallen wäre.

Eben.

Ich bin quotengeil

Irgendwann entdeckte ich, dass es eine Webstastik für die Zugriffe auf den Blog gab. Dies veränderte mein Leben. Es war die Bestätigung, dass ich gelesen wurde, wie es so schön heißt. Ich möchte natürlich gelesen werden, auch wenn es mir kurzfristig nichts bringt. Mittelfristig vermutlich auch nicht, und längerfristig noch weniger, da ich auf dem langen Weg zu Ruhm, Reichtum und Ehre vermutlich alle so langweile wie eine Folge von «Wetten dass?», in der Tommy seine Gichtgriffel auf dem Knie von Sarah Palin parkt. Schlechter Vergleich. Das wäre interessant.

Wie auch immer. Es bereitet mir Genugtuung die kleine Lesergemeinde stetig wachsen zu sehen. Pardon: bereitete mit Genugtuung, Perfekt, denn die Gemeinde ist von einem Tag auf den anderen um dreiviertel geschrumpft. Keine Ahnung warum. Es ist traurig. Vielleicht stimmt was mit dem Webstat nicht. Aber ich fühle mich wie ein Clown in der Manege, geblendet und blind vom Scheinwerferlicht, aber doch fühlend, dass die Menge, die sonst über seine klugen Späße lacht, arg dezimiert ist, als wüte draußen ein Krieg dem alle nach und nach zum Opfer fallen. Und so ist es auch. Es ist der Quotenkrieg.

Vorher hat es mir Freude bereitet die Besucherzahlen klettern zu sehen. Täglich, stündlich. Jetzt, seit einigen Tagen, nur noch Absacken, seit ich mit dieser «Sonnensache» angefangen habe.

Werde vermutlich eine Nachtserie nachschieben, eine serie noir. Ich werde kämpfen. Um jeden einzeln Leser. Zieht schon mal eure Suspensorien an, ihre malzigen Konkurrenten, und achtet ja auf eure Deckung, den rechten Ellenbogen immer schön am Körper führen, denn mein Leberhaken, der tut richtig weh…

Wenn die Sonne scheint … Teil V

Als ich in die Blechturmgasse einbiege, greift mich die Sonne frontal an, tief und geduckt, ein gleißender Morgenstern, und ich kann nicht umhin, die Augen zu senken. Welch Demütigung! Aber damit nicht genug: Sie zwingt mich die Straßenseite zu wechseln, rüber in den Schutz des dünnen Schattenstreifens, und mit einem Mal verstehe ich Lurche, Salamander, Grufties und Vampire; ich will mit ihnen zusammen in feuchten dunklen Höhlen und Särgen leben. Die Sonne soll «scheißen gehn», bitteschön, und ich denke mit Ingrimm an die menschlichen Idioten die diese Zumutung auch noch anbeten, und mit Verachtung gedenke ich jener zeitgenössischen Schattenparker und Coelho-Bücher-Verschenker, die einem bei jeder Gegelegenheit mit ihrem Wunsch nach Südsee und Wärme in den Ohren liegen. Haut’s endlich ab! Und kommt wieder, wenn ihr auf Kosten der Allgemeinheit euren Hautkrebs behandeln wollt oder vertschüsst euch auf die Donauinsel, auf der – und da geh ich jede Wette ein – schon die ersten Irren in den Liegestühlen, das Alupapier unters Kinn drapiert, wie geisteskranke Insassen eines Freilufthospiz‘, ihrem Krebstod entgegen dämmern.

Sei’s drum. Idioten fallen wohl nicht ins Gewicht. Dafür las ich den mehr als wunderbaren Anfang des Tagebuchs des Malers Delacroix: » Nun setze ich meinen so oft gefassten Plan, ein Tagebuch zu führen, in die Tat um. Es ist mein glühendster Wunsch, nicht zu vergessen, dass ich nur für mich selber schreibe. So werde ich, wie ich hoffe, stets die Wahrheit sagen und mich dadurch bessern …»

Oh, Mann, oh Mann! Ein wahres Wunder!

Wenn die Sonne scheint … Teil lV.

Heute scheint nicht nur die Sonne, sondern es weht auch ein warmer, wilder Wind und rüttelt an den Fenstern des Altbaus. Ich hasse ihn aus ganzem Herzen. Erinnerungen an 3 Wochen Mistral in Südfrankreich werden wieder lebendig, 504 Stunden unablässiges Gewehe, nicht eine Millisekunde Pause, bis ich mich draußen ins matschige Frühlingsgras kniete und ihn um Gnade anflehte. (Schätze mal, meine Nachbarn haben es nicht gesehen. Und wenn schon…) Hat natürlich nichts genutzt. Er machte weiter und weiter und ich erhöhte die Amphetamin und Champagner Dosis. Das geschah ihm nur recht.

Nun gut, es scheint also die Sonne, und es ist warm. Wie in Ägypten, beinahe. Und wie den Wind, habe ich bereits die Berichterstattung über die Ereignisse satt. Dieses feige Bangen und Hoffen und dieses Gerede über Sicherheit und Demokratie und Muslimbrüder und Schuld und Sühne; und all die Unken die unter ihren warmen Steinen hervorkriechen und den «Westen» beschuldigen, und er müsse jetzt und blablabla… Ja, wir sind schuldig. Man macht sich im Laufe seines Lebens schuldig. Das ist nun mal nicht zu ändern, ihr Strunzklöten! Aber niemand weiß, was dabei rauskommen wird. Nicht die Schuldigen, und auch nicht die, die immer irgendwie unschuldig sind, und es auch bleiben wollen. Das kann ganz schön blutig werden.

Und wie auf Kommando verfärbt sich der Abendhimmel, und die Jets schmieren blutrote Zuckerwatteschlieren auf das Kobaltblau. Und dann kommt erst mal die Nacht.