Katholischer Ballermann

Der von Coca Cola gesponserte vagabundierende Ballermann der Katholen («Den Glauben feiern»), der sogenannte Weltjugendtag, zeigt gerade in Madrid, wie kreativ der Papst und der Vatikan mit dem Problem der Krise und dem Aufstand der indignierten Jugend umzugehen weiß: Man hetzt die reiche katholische Jugend aus aller Welt auf die Plätze der Protestierenden, besetzt sie mit Hilfe der Polizei, unterhalten mit spießigen Darbietungen und dem, was in meiner Jugend Jazzmesse hieß, und lässt nebenbei, als «Slutwalk der Keuschen», die Jeansminiberockten Jungfrauen auf den Asphalt knien, während sich die Bullen mit ihren Knüppeln auf den arbeitslosen Körpern der Indignierten austoben dürfen. Das ist doch echt mal was anderes, oder?

Wir freuen uns auf den katholischen Ballermann in den Riot-verseuchten Gebieten von Liverpool, London und Birmingham, wo der als Papst verkleidete Jürgen Drews («der König von Mallorca und überhaupt») «Ein Himmelbett im Minenfeld» rappt.

«Der große Groll der Anständigen»

Nach drei Wochen Abstinenz wieder im Geisteszentrum zugange, vorsichtig, umsichtig, wie man tun soll, und trotzdem erwischt es mich, und meine Muskeln schmerzen, naja, so irgendwie halt, und dann patschere ich mit kleinen Schritten und altschmerzlichem Ziehen und Brennen der Hamstrings am schönen Palais Schönburg vorbei, dessen stiller und ewig leerer Park mein Herz erfreut, und mir die Bezeichnung «sophisticated» eingetragen hat, weil ich mich an Dingen erfreue, die ich weder besitze noch zu besitzen begehre. Nun denn, machen wir’s kurz: Ich fühlte mich etwas alt, zumindest was den Leib betrifft, zumal er nicht mehr so biegsam und geschmeidig auf die Herausforderungen des Trainings reagiert. Aber ich bin nicht etwa deprimiert, sondern, im Gegenteil, frohen Mutes, denn ich nähere mich unweigerlich dem Bestselleralter.

Jawoll. Denn nicht nur Bücher mit Titeln wie «Startauflauge 500’000» erfahren Verkaufshöhenflüge, sondern auf schnucklige Traktätchen, im Stile des greisen Moniseur Hessel (Empört euch), führen nun die Bestenlisten an. Diesmal ist es die nicht gehaltene Rede vor dem Salzburger Stutz des Soziologen Jean «alle zwei Minuten verhungert ein Kind» Ziegler. Titel: Der Aufstand des Gewissens. Ein Wohlfühlbüchel für alle, die noch nicht so reich sind, dass sie sich Karten für die Salzburgerfestspiele leisten können. 16 Seiten blanke Reichenschmähung für Leute, deren Co2-Fußabdruck nur halb Mittelostafrika abdeckt, und die ansonsten gerne Filme angucken in denen andere junge Leute sich solidarisch mit afghanischen Flüchtlingen zeigen, die wunderbare überladene orientalische Poesie schreiben. Und es werden immer mehr. Und das ist auch gut so. Denn auch ich, auf bestem Weg ins Greisentraktatalter, habe was in Petto, «Der große Groll der Anständigen» 21 Seiten reinste Widerstandspoesie und hammermäßige Niedermachung der herrschenden Kaste der goldgeilen, unsolidarischen Erbengeneration, die, stets auf der Suche nach einem hübschen Pflanzblätz für ihren ererbten Vorteil, jedes Gefühl für Anstand abgeschüttelt hat. Das wird ein Renner. Das ist klar.

Vielleicht werde ich mir dann das Palais Schönburg doch kaufen. Wer will denn schon als «sophisticated» gelten.

Aber wie Henk schon bemerkte: «Du bist doch eh gegen alles!»

Na klar, was sonst?

Das Begräbnis

Mein Bruder Martin rief aus Kiew an. Es war genau 7 Uhr14, 26. Juli 2011. Er sagte: «Der Vater ist tot.» Ich sagte auch etwas. Vermutlich etwas Banales, wie es so meine Art ist, dann legte ich auf und machte mich fertig für das Geisteszentrum, um Gewichte zu stemmen. Das Klischee stimmte auch diesmal: Die Welt erschien mir seltsam gedämpft, andere sagen, wie in Watte gepackt, aber ich fand, es war gedämpft, nicht mehr so laut und wichtig, eher normal, und so, wie sie eigentlich sein sollte, die Welt.

Ich stemmte die gedämpften Gewichte und ging wieder nach Hause. Als ich dann meine Mutter anrief, es war 9 Uhr irgendwas, war mein Bruder Daniel dran, und im Hintergrund hörte ich die Stimme meiner Mutter, die mit jemandem sprach. Später erfuhr ich, dass es der Bestatter gewesen war. Der Vater war um 2 Uhr nachts im Spital gestorben, und um 9 Uhr war der Bestatter in der Wohnung und regelte den Beerdigungskram. Einäscherung, Urnenaufbewahrung bis zur Bestattung, Trauerkarten und Anzeigen, alles im Paket, und da es in der Schweiz war, fragte ich mich eine Sekunde lang, ob die MIGROS auch bereits Bestattungen im Angebot hatte, vielleicht MIGROS BUDGET-Beerdigungen, warum nicht?, denn in diesem Augenblick erschien mir der tote Mensch im Allgemeinen, als reines Entsorgungsproblem. «Verpackung kann an der Kasse zurückgegeben werden». Aber wo war die nur die Scheiß-Kasse?

Mein Bruder Daniel erzählte mir, wie es war, als er den Vater zuletzt gesprochen hatte, kurz nach einer weiteren OP. Nur noch OP’s und Agonie, gewindelt und harnleitergeschläuchelt, die Plastikurinsäcke an den Oberschenkeln, heftiges Paket an ewigen Schmerzen, beinahe 83 Jahre, klar im Geiste und nicht willens den Löffel aus der Hand zu legen. Und auch für ihn galt Epikurs Wort: «Ein jeder Mensch stirbt, als wär er eben erst geboren.» Das Leben ist kurz, und den Irrtum der Jugend, dass im Alter der Abgang leichter sein soll, erkennend, lieferte er dem Tod einen langen Kampf, und ich glaube nicht, dass er friedlich einschlief, verdammt, warum sollte man auch? Sterben ist eine Zumutung, eine elende Beleidigung, und da können sie kommen mit ihren Sprücheleins, von wegen, gehört zum Leben: Sterben ist eine gottverdammte Kränkung, und nur Hiobs Tod (alt und lebenssatt) ist hinnehmbar, der Rest der Tode gehört bekämpft, und zwar bis aufs Messer.

Ich zumindest hätte meinem Vater einen Marlon Brando Tod (im «Paten») gegönnt: In den Tomatenstauden, dem Enkel hinterherhaschend, vom Kasper niedergerissen. War er denn nicht der leidenschaftlichste Gärtner und Großvater gewesen? Aber das Herz, das ewig kranke, war dann doch stärker als die anderen Organe die nach und nach versagten. Wie töricht, sich seinen Tod vorzustellen oder den eines anderen. Nun denn, wieder was gelernt.

Beim Begräbnis waren sie dann alle da. Die Überlebenden, die Onkel und Tanten, die Schwager und Schwägerinnen, der Bruder, die Schwester, die Schwiegertöchter und die Enkel und die Freunde und die Bekannten. Die Kirche füllte sich wie wohl kaum an einem gewöhnlichen Sonntag, obschon katholische Kirchen in rein protestantischen Ecken nicht so ein Füllungsproblem haben wie in Ländern, wo selbst das Smegma des Teufels katholisch getauft ist.

Und aus den, in meinen Augen nach Leid suchenden Blicken der Kondolierenden, zog ich die Erkenntnis, dass der direkt Beteiligte an einem «Trauerfall» bereits ganz wo anders ist, leidmäßig zumindest, wie der Kondolierende der erst vor wenigen Tagen vom Hinscheiden erfahren hat. Ich empfand den Wunsch, die mir Beileidanwünschenden zu trösten, und als wir in der Kirche saßen, empfand ich gar nichts mehr. Der Pfarrer stammte aus Indien, was ich hervorragend und passend fand, weil mein Vater sich darüber vermutlich nicht gefreut hätte. Der Mann mit der etwas dunkleren Gesichtsfarbe sprach dann unseren Namen nicht als Niedermann, sondern irgendwie englisch aus, nämlich «Nidermähn», was mir auch ausgezeichnet gefiel, und irgendwie satirisch rüberkam, zumal meine feinen Brüder sich am Abend zuvor in einer «Inderparodie» gefallen hatten und auch zu gefallen wussten. So sind die Abende vor Begräbnissen. Zumindest bei uns.

Als ich so im Kirchenbank saß, wünschte ich mir, ich könnte wieder so katholisch sein wie ich es mit drei und vier und fünf Jahren war, und die Fresken an der Kirchenwand bestaunt und studiert hatte, den hl. Georg, wie er vom Pferd aus, mit einer Lanze dem Drachen den Rachen putzte, und all die andern farbigen Bilder, die so kurzweilig anzusehen waren; als es noch lateinische Messen gab und es gut roch und rauchte, und es immer wieder bimmelte und schellte. Aber so war es nicht mehr, lange nicht mehr, und danach hatte ich in der Kirche nur noch gelitten, an Langeweile und an meinen wollenen, grauen Hosen die juckten und kratzten und mir das sonntägliche Leben vergällten, bis hin zu jenem Tag, an dem ich dann verschwand, aus der Kirche, aus dem Ort, und dem Leben dieser Leute, denen Wollstoff auf der nackten Haut nichts ausmachte.

Die Messe schwappte über mich hinweg ohne mich zu berühren und zu benetzen. Ich kannte den ganzen Schmu auswendig und er langweilte mich noch immer, wie seit Jahr und Tag, und gegen Langweilige kann man nichts machen. Zur Kommunion ging ich auch nicht, trotz der Aufforderung meines riesigen kleinen Bruders, denn, zumindest in meiner Welt, ging man nicht einfach zur Kommunion, zumal man nicht gebeichtet hatte. So sah ich die Sache, konservativ, wie ich eben bin. Dafür sah ich die Trauergäste vorbeiziehen und die Hostie in Empfang nehmen. Ähnlich dem «Siechenzug» beim Wienermarathon bei Kilometer 20 nach zweieinhalb Stunden. Die Körper von Menschen, im Wohlstand jeder körperlichen Arbeit entwöhnt, no sports, aber beste Nahrung die man für Geld bekommen konnte. Da war mein Vater anders gewesen: Gerader Rücken, das Leben lang zu Fuß gegangen, und die Gartenarbeit hatte seine Muskulatur und das Skelett hervorragend in Schuss gehalten, aber was soll’s, wir wissen ja wie es endet.

Als ich dann zwischen meinen Töchtern saß, die eine in Tränen aufgelöst, und die Kleine in hilfloser Trauer die Hände gefaltet, Augen geweitet und auf die Urne blickend, da spürte ich es auch. Aber als Fluffi, der kleine Hase, auf den Knien meiner Frau, im Beisein der Familie starb, war es bedeutend trauriger gewesen, und nachher hatten wir uns nicht die feinen Butternüdeli mit dem Schweinsmedaillon oder so gegeben, drüben, im Interlaknerhof.

Als die Urne auf dem Friedhof in die Nische gestellt wurde, hätte ich anstatt des Weihwassers lieber eine Schaufel Erde mitgegeben. Als katholischer Agnostiker hat man es nicht so mit dem Weihwasser, sonder eher mit dem Zeug, das mal aus uns wird: Landschaft.

Aber ich tat es dann doch nicht, sondern schüttelte etwas Wasser vom Zweig, stand dann an der prallen Sonne, schwitzte, und wartete auf den Abmarsch zum kühlen Bier. Wie alle anderen auch.

Fortsetzung folgt…

Generation 50+

Nun, ich denke täglich an den Tod, an meinen und den von anderen, denn ich habe nicht vergessen: «We are born to die», und einen Schrecken jagt er mir auch nicht ein, nur der Nicht-Tod, in Form von Menschen der «Generation 50+», das soll es geben, las ich neulich, die «Generation 50+», und dies las ich im Zusammenhang mit der Bewertung von Fitnesscentern in Wien. Mein Geisteszentrum, wo man mich 3 mal die Woche beim Gewichtetraining antrifft, und das mir seit einiger Zeit der liebste Platz in der Stadt ist, weil er einem Ideal entspricht, dem Ideal von Respekt und Männlichkeit und Schweigsamkeit, harter Arbeit, Konzentration, Schweiß, Wettbewerb und Gelassenheit, dieses, mein Geisteszentrum wurde eben von dieser «Generation 50+» als ganz mies bewertet. Bekleidete mit Abstand den letzten Platz in der Wertung. Ich bin glücklich.

Diese «Generation» bemängelte im Test vor allem das Einführungstraining. Nun gut. Für € 19,90 im Monat. Alles klar? Da kommt also so ein 50+ Habschi in «meinen» Laden gemorchelt und begehrt auf ein Mal zu trainieren. Er ist 50+ und hat soviel Ahnung von Anatomie wie meine 7-jährige Tochter, aber die zumindest weiß, was ein Bizeps ist, wo er ist, und wozu er da ist. Unser FünfzigPlussler weiß, dass er oben ein Loch hat für das «Schnitzi-Spritzi-Tschicki-Trio». (Aber jeder, der das so nicht sehen mag, und in das Loch auch mal eine Karotte einführt, ist ein Gesundheitsfaschist, right?) Hat er denn noch nie trainiert? Kein Sport? Hat er nicht. Ja, was hat er denn? Wampendrücken? Hat er vielleicht «der-Arzt-hat-gsagt»? Das wird’s sein. Das haben viele.

Nun, frage ich mich immer des öfteren, mit was haben die eigentlich ihr Leben verbracht? Diese «Generation 50+»? Was hat sie so unwissend werden lassen? Warum haben sie so überhaupt keine Ahnung von gar nichts? Und wollen auch gar nichts wissen? Ist es der Staatssozialismus? Dieses Rundum-versorgt-sein in jeder Lebenslage? Die Arbeit kann es nicht sein. Hier ist Wien, und hier gilt doch jeder, der mit 35 noch nicht in Pension ist, als sozialer Versager. Also was dann?

Je’n sais pas. Generation 50+. Der Name sagt doch schon alles. Wie Senioren, statt Alte.

Aber sie wird meinen Laden meiden, diese Generation. Er ist der Beste, den ich je betreten habe. Sind viele Schwarze da, Asiaten und Balkanier, manchmal auch 50-Plussler, Fremde wie ich, und die sehen gut aus, wie sich’s gehört. Stark. Und vor allem: Sie nölen nicht rum. Wenn man sie beim Training sieht, weiß man, dass dem Tod noch ein hartes Stück Arbeit bevorsteht. Aber der hat eh die «Generation 50+».

Europa nach Utvika

Awright. Amy Winehouse tanzte allein in einem Zimmer den Janis Joplin Death-Jive, und ein verklemmt schwules christliches Muttersöhnchen erschießt in aller Seelenruhe über 80 junge Menschen, die keine richtige Chance haben zu fliehen, ballert sie ab, in über 45 Minuten, piff, paff, puff, und die Politiker Europas und der Welt sondern die üblichen Trauerfloskeln und Beteuerungen ab, wo schon jeder weiß, dass es sich damit hat, aber ich erinnere mich wie es war, als die RAF wieder einen umgebracht hatte, und wie die Freunde und Helfer ausschwärmten und in fast jeder WG Razzien veranstalteten, aber das haben sie inzwischen vergessen, die Scampimampfer, und auf dem Rechten sieht man schlechter, nur wäre das die einzige verdammte Antwort auf Oslo: Überall in Europa Razzien, rein in den Stinksumpf dieser Nazis und «Waffennarrren», und dann gleich noch mal und noch mal und bei jedem weiteren Toten wieder. So stell ich mir Europa vor.

Die allerrichtigste richtige Griechenland Rettung

Vor ein paar Jahren war ich einmal in Brandenburg, als Gast eines famosen Basssängers, der in der Nähe von Lindow ein Anwesen besitzt.

Es war mein erstes Mal in den «neuen Bundesländern», und ich war sehr neugierig auf alles, und ich machte gar den Fehler mit dem Sänger eine Radtour zu unternehmen. Wir wollten durch diese eigenartigen Fichten-Wälder fahren, deren Stämme in Reih und Glied gepflanzt wurden als wären es Reben, Wälder, in denen knöchelhoch der Sand lag; überhaupt war überall Sand, und dieser Scheißsand machte einen richtig morsch, vor allem, weil sich in Sand so schlecht Rad fahren lässt, und wir entnervt aufgaben und auf asphaltierte Straßen auswichen, die durch menschenleere Dörfer führten, und uns das Gefühl verschafften, wir seien ein Spähtrupp der in eine Gegend, unmittelbar nach einem Neutronenbombenabwurf, vorstieß.

Aber es gab ein Ding, das war noch merkwürdiger als alles andere.

In den Dörfern traf man beinahe überall auf wunderhübsch fabrizierte Waschbetonsträßchen, feinste Steinlegearbeit, und oft führten diese putzigen Sträßchen zwischen verfallenden Bauernhöfen hindurch, entlang zugemüllter Vorgärten und trister Fassaden, so, als hätte jemand versehentlich den roten Teppich für die Stars auf einem Schrottplatz ausgelegt. Sehr seltsam. Aber noch seltsamer war, dass die netten Straßen immer abrupt im Nichts endeten, im versandeten Wald in eine versandete Trasse übergingen. Strange, wie gesagt.

Als ich meinen Begleiter danach fragte, sagte er: «ABM».

Sowas versteht ein Nichtdeutscher nicht auf Anhieb. Er erklärte es. ABM heißt Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Man ging damals davon aus, dass sich die darniederliegende Wirtschaft der kaputten DDR erholen würde, wenn man den Leuten Jobs verschaffte. Also ließ man sie diese hübschen Sträßchen bauen, und so kam Geld nach Osten, und man konnte es auf diesen pittoresken Sträßchen spazieren führen, zumindest, ein Stück in den sandigen Wald hinein.

Und ich schätze, so funktioniert zurzeit die «Griechenland-Rettung». Man denkt, es geht um Geld, aber es geht um Wirtschaft. Und wo keine Wirtschaft ist, kann man noch soviel Kohle hineinpumpen, alles endet in einem versandeten Wald und in entnervender Tristesse.

Machen wir doch aus Griechenland eine Art Hartz lV-Land. Europa zahlt Transfer und alle fahren umsonst auf Urlaub.

Über die Verachtung

«Der Abhörskandal bei der britischen «News of the World» bestätigt viele in ihrem Vorurteil über die Boulevardpresse. Doch wer auf die bunten Blätter herabschaut, verachtet in Wahrheit auch das Volk, das diese Medien groß und mächtig macht»

schreibt Jan Fleischhauer in Spiegel online, und ich kenne dieses «Volksverachtungs-Gedöns», das praktisch wortwörtlich auch bei den Neo-Nazisschen der österreichischen FPÖ gepflegt wird, es ist das Hämmerchen, welches heraus geholt wird, wenn das Hämesichelchen beim Dengelmeister der Kronenzeitungen darauf wartet, nachgeschärft zu werden.

Es verwundert nie, dass die rechten Volksliebhaber immer nur jenen Teil der Bevölkerung als Volk bezeichnen, der ausschließlich Boulevard ist und liest, und auch gar nicht anders könne, wie sie nicht müde werden zu beteuern, da die anderen, das Nicht-Volk, die Intellektuellen, die Zweifler, die Gutmenschen, die Linken, die Künstler, kurz: jene Bagage, die von Tuten und Blasen, und der Realität im Gemeindebau keine Ahnung hat, ihnen gewissermaßen davor steht, vor der Bildung und dem Wohlleben, und dass Volksbildung sowieso etwas anderes sei, als jenes humanistische, realitätsferne Geschwurbel, das in den linkslinken Schulen, und wo auch immer, abgesondert werde.

Also, das Volk, das sie meinen, ist Teil eines Volkes, nämlich jener Teil, der mit seiner Verachtung für alles Intellektuelle, Feine, Zweifelnde, Verzweifelte, Anti-akklamative, mitunter Ängstliche, nie hinterm Berg hält, und das sein Menschenrecht auf neverending Dummheit nicht nur in Leserbriefen einfordert.

Aber so sind die rechten Genösschen halt: Immer Opfer.

Wer sich verächtlich verhält, wird zu Recht verachtet.

Hundeflüsterer

Menschen die sich Hunde halten, geraten oft in Nöte. In Liebesnöte. Sie tun alles für ihren Liebling, bestes Futter, bestes Halsband, zentraler Platz im Kreise der Familie, und Hundi bekommt immer seinen Willen. Das sind sie dem Tier schuldig. Der unschuldigen Kreatur. Aber die Kreatur tut dann Dinge, die diese Menschen nicht verstehen. Zum Beispiel: Er gehorcht niemals. Beißt Kinder, Gäste und Fahrradfahrer, verbellt Lastwagen und andere Hunde, zerbeißt Laptops und Kondome, kurz, führt sich auf wie Sau. Dann ist es Zeit für den Hundeflüsterer, den netten Mann mit einem etwas wildwüchsigen Ho-Chi-Minh-Bart und einem lustigen T-Shirt, auf dem lustige Sprüche stehen, die man sofort wieder vergisst.

Es ist ein schöner Beruf. Vielleicht ein wenig langweilig, aber durchaus einträglich und nicht so Anerkennungsarm wie zum Beispiel Blogger oder unberühmter Autor. Und vor allem wohnt ihm Dankbarkeit inne. Der einzige Nachteil, die Langweiligkeit, ist dem zentralen Objekt des Hundeflüsteres geschuldet: Dem hundehaltenden Menschen. Der hilfesuchende, hundehaltende Mensch ist ein Opfer seiner dämlichen Liebe und seiner Dummheit. Er weiß nicht, wie einfach so ein Hundetier gestrickt ist, er denkt, so ein Hund sei ein hoch komplexes Wesen. Im Vergleich zum ihm selber mag das oft zutreffen, und darum wirkt die Arbeit des Hundeflüsterers auf ihn wie Zauberei. Ich betreibe Geheimnisverrat, wenn ich jetzt ausplaudere, worin die Magie des Flüsterers besteht: Er weist dem Hund in wenigen Minuten seinen Platz zu. Und der sollte, als Rang, immer unter dem des Herrchens sein. Die Hündeler staunen. Dann versuchen sie es selber, und erfahren: es funktioniert tatsächlich. Sie sind baff.

Aber da nichts im Leben umsonst ist, hat auch die Dressur ihren Preis. Ganz abgesehen von der Gage des Mannes mit dem lustigen T-Shirt. Sie, die Herrchens und Frauchens, müssen sich ändern. Zumindest ihr Verhalten dem Hund gegenüber. Sie müssen Verantwortung übernehmen, sogar für sich, und dürfen ihre Sehnsucht nach Unterwerfung, nicht mehr allein dem Hund aufhalsen. Es ist ein Jammer. Sie schaffen es nicht. Es ist wie dem mit Rauchstopp. Oder der Shoppingsucht, dem GPS-Wahn usw.

Wenn hier nichts mehr läuft, werde ich, so habe ich beschlossen, Hundeflüsterer. Auch so ein Beruf, der einem beibringt, dass man keine Hoffnungen mehr zu haben braucht.

«Heimat großer Kinder»

Möge noch jemand behaupten in der österreichischen Politik herrsche Stillstand, und die eigentlich Arbeit der Koalition bestünde aus dem Ausformulieren von Arbeitsplänen, mit denen dann auch die eigentliche Arbeit bereits getan sei. Nichts da. Jetzt wurde – nach schmachvollem Verhalten der ÖVP-Männchen – eine inkriminierte Textstelle der Nationalhymne geändert. Aus «Heimat großer Söhne» wurde «Heimat großer Töchter, Söhne». Es gab auch andere Vorschläge. Und meiner Meinung nach ist diese Lösung etwas suboptimal, zumal auch «Heimat großer Kinder» zur Auswahl stand.

Lustig, stimmt!

Frauenfußball ist ein Witz, bei dem man sich fragt, wann endlich die Pointe kommt. Wollen die Typen im Publikum ihre Frauen und Freundinnen beeindrucken? Euphemistisch ausgedrückt. Kein Pass kommt an, dauerndes Gemeckere beim Schiri, und einige der Ladies dreschen den Ball weg, als hätte ein Chauvischwein eine Granate auf ihren Kinderwagen losgelassen; sie rempeln sich gegenseitig aus dem Weg, Fehlpass auf Fehlpass, die Tormädchen so hübsch, dass sie in jeder Komediesendung auftreten können, Fliegenfangen auf weltmneisterlichem Niveau, verdammt, Frauenfußball kann so komisch sein. Verhaltensoriginelle Schirientscheidungen en masse. Und da dämmert es mir endlich, ja doch, die Burschen sind im Stadion und gucken, weil sie sonst nichts zu lachen haben, und die Männersynchromschwimmerwettbewerbe gerade ausgesetzt sind; das ist es also, nun ja, da hätt ich auch selber drauf kommen können. Lustig.

Und die Schland Ladies kickten so einen Stiefel, dass ich inbrünstig hoffte, dass sie… und das taten sie dann auch.

Und dann blieb ich doch in einem Spiel hängen. Meine Lieblingshassmannschaft, die Brasileras, kickten gegen die USA. Mann, das war ein Lehrstück in Amerikanismus, never give up the fight, halleluja, und als das Ausgleichstor in der letzten Sekunde fiel, war das Ding durch. Elferschießen. Und diese WM wird von der Frauschaft mit der besten Torfrau gewonnen. Die USA kickt die Brasileras nach Hause! Ist das nicht schön? Rache für die Herren, die es nicht schafften. Ein schöner Abend. Mit Erkenntnis:

Man muss Patriot oder Fan sein, dann macht einem der größte Müller Spaß und lustig ist es auch…