Das Sprüchemuseum (42)

«Heftige Gefechte gefährden Waffenruhe.»

Schlagzeile im derstandard.at

Wir sagen: Ja, so kanns gehen. Wie  bei uns, wo fortgesetztes und exzessives Rauchen von Chrystal Meth, die vertraglich festgelegte Drogenabstinenz irgendwie ein wenig (aber nur ein bisschen!) in Zweifel zieht.

«Rummel im Dschungel» von Bill Cardoso

Der Mit-Erfinder des Gonzo-Journalismus, BIll Cardoso, gehört hierzulande nicht zu den massig verlangten Autoren, aber das muss nicht weiter verwundern, denn auch in den USA reißt man sein schmales  Werk den Buchhändlern nicht aus den Händen.

Dass jetzt der Tiamat Verleger Klaus Bittermann, Cardosos Bericht des legendären «Rumble in the Jungle» – einer der 5 besten Schwergewichtboxfights ever – von Franz Dobler ins Deutsche übertragen ließ, ist einfach eine Freude und ein wunderbares Ereignis der literarischen Art.

Vor ziemlich genau 40 Jahren kam es zum Kampf um die Weltmeisterschaftskrone im Schwergewicht, zwischen dem «Titan» George Foreman und Muhammad Ali, und zwar in Mobutus Zaire, in Kinshasa.

Cardosos flickender, bis zur Nüchternheit rauschhafter Bericht, gilt weniger dem Geschehen des Kampfes (dafür sorgte sein Kollege Norman Mailer mit einem seiner besten Bücher «The fight»), sondern dem narzisstischen Wahnsinn des Mobutus Regimes, und den allgemeinen Irrsinnsbedingungen, unter denen das Heer der angereisten Journalisten zu arbeiten hatte.

Franz Dobler hat es sich nicht nehmen lassen, die vielen Namen von Größen aus Boxsport und Literatur, mit klugen, erklärenden Fußnoten zu versehen. Überhaupt: Was für eine Übersetzung! Bravissimo!

«Rummel in Dschungel»  (Vielleicht nicht gerade die glücklichste Wahl für einen Titel …) ist die notwendige Ergänzung zu Mailers «The fight», ist ein Zeitdokument aus den 70-ern, in der selbst die Irrsinnsherrschaft eines Mobutu noch irgendwie unschuldig rüberkommt, aber vor allem ist es das, was Cardosos Freund Hunter S. Thompson darüber sagte: «Ich hatte ganz vergessen, wieviel Spaß und Vergnügen es macht, diesen Bastard zu lesen … Ich habe ganze Nachmittage damit verbracht, über Bills KInshasa-Stück zu weinen.»

Nicht zu vergessen das saubere, kluge Nachwort des Verlegers, das zu lesen ebenso vergnüglich ist, wie der Rest des Buches.

Bill Cardoso
Rummel im Dschungel / Eine Reportage aus Kinshasa
Muhammad Ali – George Foreman
110 Seiten / € 12.-
Edition Tiamat

Eine ganz andere Geschichte …

Pepita, unsere gerade 17 gewordene Türsteherpraktikantin hat sich anfixen lassen. Von was und wem, fragen Sie? Von dem unsagbaren Gelaber, das in den Pausen die Redaktionsräume erfüllt. Das Geschwätz von MöchtegernautorInnen, die ihre literarischen Projekte besprechen. Und jetzt hat auch Pepita eins.

«Normalerweise ist es ja so», sagte sie, während sie das Glas Soda auf den Tisch stellte, in dem noch eine verschlatzte Spur Chrystal schwamm, «dass irgendein schmalzarmes Hascherl aus dem Osten in eine unserer Westmetropolen kommt, wo sie davon träumt, endlich ein ordentliches Leben zu führen, aber dann an die falschen Leute gerät, auf dem Strich landet, pausenlos vermöbelt und vergewaltigt wird, bis ihr dann – aufs Blut ernüchert – die Flucht gelingt und sie endlich Jura sturdieren und eine Selbsthilfegruppe für östliche Vergewaltigungsopfer gründen kann …»
«Bis hierher stimmt’s!», sagte unser Redaktionsoldie und beäugte die Lady, die die Meth-Tellerchen auffüllte, denn die Lady hatte ziemlich gezuckt, so, als hätte das etwas mit ihr zu tun, was vermutlich nicht ganz falsch war, und jetzt hielt die ganze Redaktionsversammlung den Atem an, denn – alle fürchteten es – Lady würde wieder mit dem Meth ins Stolpern kommen und den Stoff verschütten. Wir starrten sie an … Aber diesmal ging alles gut.
Pepita fuhr fort: «Meine Geschichte geht anders …» Pause. Pause.
«Ja, wie anders denn?», rief Oldie ungeduldig.
«Anders – halt.»
«So’n Schiet, kann ja jeder sagen: Anders halt.»
«Warts ab, wirst schon sehen», sagte Pepita kess.
Und dann war die Pause auch schon zu Ende.
So, kanns gehen …

«The summer’s gone, and all the roses falling»

Nun ist er durch. Hochoffiziell. Der Sommer. Ein Prachtkerl war er, wahrhaftig. So wenig gelitten habe ich in zwei Sommermonaten schon lange nicht mehr. Ich will mich nicht beklagen.

Von den ersten zwei Wochen in den Bergen, hat es einmal 7 Tage am Stück nonstopp gelättet. Bei 6 Grad Celsius schob ich das eine und das andere Scheit in den Ofen. Sowas macht Laune und man holt die Gitarre, kramt das Johnny Cash Songbook unter den ungelesenen Büchern hervor, und bringt sich neue Songs bei. Geht nicht mehr vor die Tür und sieht durch die beschlagenen Fenster dem Nebel (dem weißen Neger Wumbaba) zu, wie er aus dem Lauterbrunnetal zu uns emporwabert. Action. Pur.

Auch ist genügend Zeit um sich eingehend zu fragen, warum man dieses Haus je wieder verlässt? Nur um sich in Geiselhaft von Presslufthämmern, kläffenden Kötern und unfreundlichem Supermarktpersonal zu begeben. Ja. Warum eigentlich?

Blöd, dass man nicht Thor Kunkel heißt. Und von irgendwoher die krasse Marie hat, um sich auf 2000 Metern Höhe im Wallis (in Worten: im Wallis!!!) ein schmuckes Haus bauen zu lassen, wo man dann den Montagnarden gibt und ein Buch darüber schreibt. – «Wanderful, mein neues Leben in den Bergen» – ein feines Buch, zumindest so lange, wie es im vom Autor inzwischen verhassten Berlin spielt. Das kommt gut. Weit besser als die Berghistörchen mit Schneeschippen und Wanderungen und herbeifabulierten menschlichen Begegnungen. Schade. Denn dann ist der Kunkel einfach nur ein weiterer Deutscher mit fetter Kohle und biederen Träumen in den Schweizer Alpen. Man möchte ihm, dem Lobhudler der Schweizer-Walliser-Eigenständigkeit, das Buch des verfemten, inziwschen verstorbenen Walliser Dichters Maurice Chappaz ans Herz legen: «Die Zuhälter des ewigen Schnees». (War mal ein Verlagskollege von mir, der Chappaz, vor vielen – gefühlten – hundert Jahren.)

Der sah die Sache mit der Walliser Eigenständigkeit, und so, ein bisschen anders.
Mais, ce n’est pas mon probleme, monsieur Günggel, c’est le votre.

Und hier, zum Abschluss, sehen wir noch den Redaktionsoldie, wie er sich ein paar Mücken dazu verdient, nächtens, bei Mondenschein, in einem Park, irgendwo am Fuße der Berge, wo er einem angsoffenen Publikum auf Heurigenbänken eine «Gute-Nacht-Geschichte» vor trägt. Kein Glanzlicht seiner zerlatschten Laufbahn, aber der Mond war super und kein einziger Presslufthammer in Aktion. Damit muss man sich zufrieden geben. Wenn man sich kein eigens Haus in den Bergen leisten kann …

Zum Tod von Florian Flicker

Florian Flicker war 1999, für ein halbes Jahr, mein Dramaturg an der Drehbuchakademie Wien. Er nahm die Sache zumindest so ernst, wie ich auch. Es war mein Projekt, mein Ding und ganz bestimmt nicht – auf den Inhalt bezogen – seines. Aber das spielte keine Rolle. Er war gewissenhaft, hilfsbereit und hartnäckig und stieß mich oft in die richtige Richtung.
Wir kannten uns schon lange, ohne wirklich befreundet zu sein. Seit 1991. Er schrieb damals an seinem ersten abendfüllenden Spielfilm «Halbe Welt» und wir trafen uns ein paar Mal, wälzten Ideen und ich schrieb ein bisschen am Drehbuch mit. Dass er dann meinen Namen zu den Co-Autoren setzte, war nicht verdient, aber so war er eben: Sehr fair, sehr korrekt, sehr freundlich.

Wenn wir uns mal sahen, war es zufällig. So wie 2004, im Kino, wo wir uns «Hans im Glück» meines Freundes Peter Liechti ansahen. Es stand an diesem Abend noch ein weiterer Film auf dem Programm, aber Florian sagte: «Der war so gut, dass ich mir jetzt einen zweiten nicht mehr ansehen will.»
Der Schweizer Filmemacher Peter Liechti stab dieses Jahr. Am 4. April. 62-jährig. An Krebs.

Das letzte Mal trafen wir uns im Radiofunkhaus in der Argentinierstraße, bei der Carl Weissner-Lesung. Das war 2010. Wir standen an der Bar im Funkhauscafé, tranken Bier und redeten.
Es war etwas Scheues in seiner Art, etwas, das einen zur Mäßigung mahnte. Er glich darin der Protagonistin in seinem Film  «Suzie Washington»: verletzlich, scheu und zum Äußersten entschlossen.

Dass es für ihn, den ausgezeichneten Regisseur, 12 Jahre lang nicht möglich war, einen Spielfilm finanziert zu bekommen, darüber mag sich nur wundern, wer sich mit der hiesigen Filmpolitik nicht auskennt.
Aber er stand diese Zeit durch, sah sich am Theater um, schrieb Reportagen und machte Dokus.

Vor einiger Zeit erfuhr ich durch Zufall, dass er krank geworden war.
Gestern nachmittag ist er gestorben. Zwei Tage nach seinem 49. Geburtstag. An Krebs.

Das ist das einzige, was er nicht hätte tun sollen.
Bye, Flo.

«Bring out the Rum» von C. Weissner – A. Böger

Die Kollegen vom «kollaboratör» haben sich einer ziemlich interessanten Sache angenommen und den Mail-Verkehr von Carl Weissner und Anna Böger, als wahnsinnig günstiges Buchprojekt rausgetan.
Herausgegeben von Songdog-Autor Florian Vetsch.
Here ist comes:

Carl Weissner / Anna Böger:
«Bring out the Rum».
E-Mails.

Paperback, 96 Seiten.
ISBN 978-3-9523942-3-6
CHF 7.- / EUR 5.-

Bestellen: derkollaborator@gmail.com

Herausgegeben & eingeleitet von Florian Vetsch. Mit einem Nachwort von Jürgen Ploog.

«Über Internetliteratur wurde viel geredet, hier passierte sie. Nicht als prätentiös vernetztes Projekt, sondern spontan & mitten im hektischen Geschehen zwischen Milchshakes & Pommes als tägliche E-Mail-Berichte. Form fand Inhalt und umgekehrt. Nachträglich & vom Ergebnis her gesehen ein Geniestreich.» Jürgen Ploog


Fremdes Terrain

Neulich saß ich mit einem Dirigenten zusammen und redete mit ihm über den Sänger Jonas Kaufmann. Das heißt, der Dirigent plauderte aus dem Nähkästchen und ich stellte ein paar Fragen, damit es nicht zu langweilig wurde.
In der normalen Welt bin ich als Opernliebhaber – und Kenner etwa so bekannt wie der Winnetou-Mörder Santers – als Aquarellmaler. Nun, aus irgendeinem Grund weiß ich wer Jonas Kaufmann ist und ich weiß ein wenig über seine Bio Bescheid. So etwas setzt ein Dirigent einfach mal voraus.
Wenn ich von Willi Nelsons neuer Platte geredet hätte, wäre dem Mann das Gespräch schon auf den Zeiger gegangen nachdem er erfahren hätte das Willi Nelson Amerikaner ist. Sagen wir es so: In seiner Welt sind Amerikaner einfach extrem scheiße, und Country ist nur der stumpfsinnige Ausdruck ihrer verlutschten Kultur, die uns zwar von den Nazis befreit hat, aber wo man immer noch nicht weiß, ob das wirklich so gut war.

Aber ich weiß, wer Jonas Kaufmann ist.
So geht’s mir andauernd. Und nicht nur mir. Sondern auch anderen Generalisten, deren Bücher, Musik, die Kunst und das Leben gnerell nicht so ganz dem Mainstream entsprechen. Wir müssen uns überall auskennen, lernen aber in einem fort MItmenschen kennen, die kaum was mitbekommen. Von gar nichts.

Mein Schreibprogramm heißt Pages. Es ist ein kleines, kaum verwendetes Programm, und es gibt kein besseres, um fremde Dateien zu öffnen. Warum? Die kleinen müssen das können.

Ja. Immer auf fremden Terrain unterwegs. Na ja, nicht immer. Aber meistens.
Und wenn ich/wir mal auf unseresgleichen stoßen und nichts erklären müssen, so fühlt es sich schon an wie Heimat. Nichts erklären müssen. Das ist alles. Mehr nicht.

Pepitas Geburtstag

Pepita, die 16-jährige Türsteherpraktikantin unser kleinen Redaktion, ist nicht mehr – sechzehn. Sie feierte ihren Siebzehner am 16. August, unter Beteiligung der gesamten Red. Bis auf die Lady, die für das Auffüllen der Chrystal Meth-Tellerchen zuständig ist, waren alle anwesend. Wie das kam?
Lady war wieder einmal über die Schnürsenkel ihrer Ex-jugoslawischen Kellnerinnen-Schuhe gestolpert, das Meth war erstaunlich kompakt durch die Luft gewirbelt und in Klümpchen in unserem Aquarium mit der Schnappschildkröte gelandet, die sich sogleich ein paar Portionen reinknackte, schnapp-schnapp-schnapp, und unter den staunenden Augen der glotzenden Redaktion augenblicklich in eine Art Starre fiel, was irgendwie sehr natürlich aussah, aber, wie wir später herausfanden, gar nicht so natürlich war, denn das garstige Vieh vergaß offenbar im Meth-Wahn zu atmen oder hielt sich für eine verdammte Forelle oder sowas, und als wir morgens um halb vier nach Hause (oder in die nächste Bar) schlichen, lag ihr Kopf schon auf dem sandigen Grund. Die Äuglein geschlossen. Sie war tot. Schnappkotz war nicht mehr.

Die Lady war danach einfach nur fertig. Untröstlich. Jedenfalls fehlte sie an Pepitas Geburtstagsparty, was irgendwie Scheiße war, denn jetzt war auch das Meth nicht da, aber unser Red.-Oldie hatte ein paar Flaschen Rye-Whisky mitgebracht und verkündete: «Happy birthday, Pepita! Ein Hoch auf unsere Prinzessin der Tür, die am selben Tag Geburtstag hat wie der große Charles Bukowski, der heute 94 geworden wäre!»
«Ist das nicht der alte Mann der aussah wie Schnappkotz und so lustige Geschichten über Pferderennen schrieb?», sagte Pepita und kippte ein großes Glas Bulleit 95 Rye, worauf unser Oldie aufjaulte und euphorisiert brüllte: «Das ist sie! Das ist sie! Die Reinkarnation von C.B.! … Werft euch zu Boden, Unwürdige, und küsst den Saum ihres … äh … ihres … Dingsbums. Ihr wisst schon …»

Dann wurden alle wieder ernst und die Gespräche drehten sich um die Weltlage und so. «Also, ich fand diesen Sommer echt mega», (sie war in der Schweiz gewesen. Darum «mega») sagte Pepita, und unser Oldie sprang auf, umarmte sie, schenkte ihr Glas voll und sagte: «Baby, magst du es auch so gerne unheiß und abgehitzt wie ich?»
Da lächelte das Geburtagskind wie eine echte verdammte Prinzessin der Tür und flötete: » Oh ja.»
Das fanden alle anderen Scheiße, denn die standen mehr auf «gelbe Sau, all day long», aber es war schließlich Pepitas und C. B’s. Geburtstag, da konnte man schon mal was runterschlucken. Nicht wahr?

Farewell, Mickey

Nein, Mickey Rourke, niemand will dir vorschreiben, was du zu tragen hast, auch ich nicht; zieh dir dein Putin-T-Shirt ruhig an und genieß das Menschenrecht auf Ignoranz und Borniertheit, und pack gleich noch ein Gros von den Shirts ein und nimm es mit nach Hollywood, da laufen sicher noch eine Menge Kollegen herum, die sich bestimmt in der postpubertären Rebellenpose gefallen, wenn die Visage eines faschistoiden Unterdrückers und Despoten ihre frisch renovierten und abgesaugten Bäuche pimpt.

Man hats ja schon bei deinem  Kollegen Depardieu vermutet: Die Intelligenz eines Schauspielers korreliert nicht immer mit seiner Beliebtheit, aber mach dir nichts draus, Mick, es gibt auch deutsche Intellektuelle die mit dir locker mithalten können und die gerade eine Petition verfasst haben, auf dass Israel die Raketen der Hamas, ohne Gegenwehr, einstecken möge. Darunter die bereits etwas verhuschte Grimasse des Punks, Nina Hagen. Aber die dürfen das, claro, das ist ihr gutes Recht in einem demokratischen Staat.

Also. Ruhig Blut, MIckey.
Ich mache aber auch von meinem Recht Gebrauch, niemals wieder, und ich meine damit -niemals wieder- einen Film mit dir anzusehen. Und auch nicht mit dem Kollegen Depardieu.

Nicht, dass dich das kratzen würde, lieber Mickey, aber nicht doch, nein. Denn jetzt hast du viele, viele neue finanzstarke Fans gewonnen. Und die sehen dir gerne zu, wie du ein paar Amis um die Ecke bringst …